Deutsche Bahn kündigt bundesweites Alkoholverbot an Bahnhöfen an – Reaktionen fallen gemischt aus
Berlin, 22. Juli 2026
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Kurzfassung
Die Deutsche Bahn will den Konsum von Alkohol ab Oktober 2026 an allen 5.400 Bahnhöfen in Deutschland verbieten. Während Polizeigewerkschaften fehlendes Personal anmahnen und Sozialverbände Sorgen um Wohnungslose äußern, begrüßen Drogenbeauftragter Streeck und einzelne Innenpolitiker den Vorstoß grundsätzlich.
Die Deutsche Bahn hat angekündigt, den Konsum von Alkohol an allen rund 5.400 Bahnhöfen in Deutschland ab dem 15. Oktober 2026 zu verbieten, und stößt damit auf Zustimmung, aber auch auf erhebliche Bedenken bei Polizeigewerkschaften, Sozialverbänden und der Bundespolitik.
Was genau soll verboten werden?
Die Deutsche Bahn hatte am Dienstag mitgeteilt, den Konsum von Alkohol an allen deutschen Bahnhöfen zu verbieten. Bahnchefin Evelyn Palla sagte der Bild-Zeitung: „Zu oft mussten wir feststellen, dass dort, wo zu viel Alkohol fließt, auch die Gewalt zunimmt. Deshalb kommt jetzt das Alkoholverbot an Bahnhöfen. Es geht um den Schutz unserer Mitarbeitenden und Fahrgäste.“ Ergänzend erklärte sie: „Es reicht. Genug ist genug. Wir greifen jetzt noch härter durch. Wir wollen mehr Ordnung und Sicherheit auf unseren Bahnhöfen und in unseren Zügen. Für mich zählt nur eins: der Schutz unserer Kollegen und unserer Reisenden.“
Nach den Plänen des bundeseigenen Unternehmens soll das Verbot schrittweise bis zum 15. Oktober 2026 an allen 5.400 Bahnhöfen umgesetzt werden. Der Kauf und der Transport versiegelter Flaschen bleibt demnach erlaubt; das Verbot gilt ausdrücklich nur für das Trinken von Bier, Wein oder Schnaps auf Bahnsteigen und in Bahnhofshallen außerhalb der Stationsgastronomie.
Zustimmung aus der Bundespolitik
Wer gegen das Verbot verstößt, muss mit einem sofortigen Platzverweis rechnen. Wiederholungstätern droht nach Angaben der Bild-Zeitung ein dauerhaftes Hausverbot für den jeweiligen Bahnhof. Die Deutsche Bahn will das Verbot mit Hilfe der Bundespolizei an allen 5.400 Bahnhöfen durchsetzen und stützt sich dabei auf ihr Hausrecht.
Lob für den Vorstoß kam vom Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Hendrik Streeck. Der Vorstoß der Deutschen Bahn ist richtig, sagte Streeck der Rheinischen Post und sprach dort von einem Gewinn für alle. Bahnhöfe müssten Orte sein, an denen „sich Menschen sicher bewegen können und Eltern nicht überlegen müssen, welchen Bereichen sie mit ihren Kindern besser ausweichen“, erklärte er weiter.
Kritik der Polizeigewerkschaften
Auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP) unterstützt das Vorbot grundsätzlich. Deren Bundespolizeichef Andreas Roßkopf sagte: „Bahnhöfe sind in Deutschland mittlerweile absolute Kriminalitäts-Hotspots. Der Alkoholkonsum vor allem in den großen Bahnhöfen, welche rund um die Uhr geöffnet sind, stellt ein großes Problem dar.“ Bislang gilt ein Verbot des Alkoholkonsums vor allem an großen deutschen Bahnhöfen wie Frankfurt, Hamburg oder Köln.
Deutlich kritischer äußerten sich dagegen andere Polizeigewerkschaften und Sozialverbände. Der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Heiko Teggatz, sagte der Zeitung Welt: „Das ist eine Sache des Hausrechts der Bahn. Sie muss dafür sorgen, mehr Sicherheitspersonal zu stellen.“ Wer „ein flächendeckendes Alkoholverbot an Bahnhöfen“ fordere, müsse „auch die personellen Voraussetzungen“ dafür schaffen. Die Bundespolizei werde erst hinzugezogen, wenn Personen einem Platzverweis nicht nachkommen oder weitere Rechtsverstöße begehen.
Manuel Ostermann, Chef der Bundespolizeigewerkschaft, sagte MDR AKTUELL, es sei für Bundespolizisten unmöglich, an jedem Bahnhof präsent zu sein. Der Deutschen Bahn fehle sowohl die technische Ausstattung als auch das Personal, um das Verbot flächendeckend zu kontrollieren. Die Bundespolizeigewerkschaft hält das Vorhaben daher für nicht durchsetzbar.
Bedenken aus der Wohnungslosenhilfe
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) bezeichnete die Initiative Pallas in einer ersten Reaktion als „erstmal positiv, dass es eine Initiative der Deutschen Bahn gibt, genau in diese Richtung die Situation an Bahnhöfen zu verbessern“, äußerte aber zugleich Bedenken. Die Durchsetzung eines solchen Verbots bezeichnete er als „problematisch“ und kündigte an, mit der Bahnchefin darüber sprechen zu wollen, „welche Grundlage, welche Informationen oder welche Studien sie vielleicht dazu hat“.
Aus der CDU/CSU-Bundestagsfraktion kam ebenfalls Zustimmung mit einer Bedingung. Der innenpolitische Sprecher Alexander Throm erklärte in der Welt: „Dass die Deutsche Bahn ihre eigenen Sicherheitsbemühungen verstärkt, begrüße ich ausdrücklich. Dazu gehört aber auch, dass sie diese Regeln mit eigenem Personal durchsetzt.“ Der SPD-Innenpolitiker Sebastian Fiedler verlangte, eine Umsetzung könne nur in Betracht kommen, „sofern die Bahn eine erhebliche personelle Verstärkung bei der DB Sicherheit nachweist“.
Die Linke und die AfD meldeten ebenfalls Kritik an. Der Linken-Rechtsexperte Hoß sagte laut Welt: „Die Bahn wälze die Verantwortung ab und belaste die Angestellten noch stärker durch die Kontrolle von noch mehr Verboten.“ Der AfD-Verkehrspolitiker Wiehle argumentierte hingegen, bereits geltende Rauchverbote könnten schließlich auch durchgesetzt werden.
Erhebliche Einwände kamen zudem aus der Wohnungslosenhilfe. Joachim Krauß, stellvertretender Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W), sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland: „Durch das Verbot werden die Menschen in Bereiche gedrängt, die weniger Schutz bieten und weniger Anschluss an das Hilfesystem haben.“ In Hamburg, wo ein entsprechendes Verbot bereits gilt, habe man die Erfahrung gemacht, dass die Menschen in angrenzende Stadtteile verdrängt wurden. Ein Verbot verändere nicht die Lebenslage der Menschen, die sich am Bahnhof aufhalten, sondern verdränge sie lediglich aus dem Blickfeld.
Erfahrungen aus Hamburg
Als Vorbild gilt Hamburg, wo bereits seit April 2024 am Hauptbahnhof und später auch in Hamburg-Altona ein Alkoholverbot gilt. Die Bahn registriert dort seitdem nach eigenen Angaben weniger Konflikte und Auseinandersetzungen sowie eine verbesserte Sicherheitswahrnehmung der Reisenden; auch der Reinigungsaufwand sei nach einer ersten Einschätzung gesunken. Zahlreiche Schilder mit durchgestrichener Flasche weisen vor den Hallen auf die Verbotszone hin.
Die Erfahrungen vor Ort fallen allerdings zwiespältig aus. Eine Hamburgerin namens Anne berichtete, es sei deutlich angenehmer, in die Bahnhofshalle zu kommen, es rieche nicht, sie werde weniger angerempelt und angepöbelt. Eine andere Hamburgerin, Nicole, sagte dagegen MDR AKTUELL: „Ich würde sagen, die Leute sind vor allem nachts noch genauso betrunken wie früher.“ Sie habe aber selbst noch keine gefährliche Situation erlebt.
Wieder andere sehen in einem Verbot einen Eingriff in die Freiheit. Eine Passantin namens Andrea sagte: „Dann fühle ich mich wie in den USA. Das ist die Freiheit von Leuten.“ Ein Reisender erklärte, er habe in Hamburg keine Veränderung bemerkt und auch nicht gemerkt, „dass es das [Alkoholverbot] überhaupt gibt“.
Ein Verkäufer in einer Bahnhofsbäckerei am Hamburger Hauptbahnhof namens Mohammad bewertete das Verbot positiv: Betrunkene fielen manchmal auf die Gleise, mit dem Verbot werde es sicherer für die Menschen. Christoph, ein weiterer Befragter, forderte zugleich: „Die Polizei sollte schon härter durchgreifen“, kritisierte aber, dass Kriminalität rund um den Bahnhof weiter stattfinde.
Hintergrund: Alkohol und Sicherheit an Bahnhöfen
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung befand in einem Leitartikel: „Der Vorstoß der Bahn ist richtig.“ Alkoholkonsum fördere aggressives Verhalten; große Bahnhöfe seien in vielen Städten Hotspots der Kriminalität. Zugleich räumte das Blatt ein: „Ebenso offensichtlich ist jedoch, dass der Alkoholkonsum nicht das einzige Problem in Bahnhöfen ist. Ausufernder Drogenkonsum und wachsende Verwahrlosung kommen hinzu.“ Letztlich dürfte der Erfolg des Verbots vor allem davon abhängen, ob es konsequent durchgesetzt werden kann.
Hintergrund der Debatte sind nach Angaben der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen rund 44.000 Todesfälle pro Jahr, die auf Alkoholkonsum zurückzuführen sind – einer der häufigsten vermeidbaren Todesursachen in Deutschland. Die Bundespolizei ist neben dem DB-Sicherheitspersonal für die Sicherheit an den Bahnhöfen zuständig und untersteht dem Bundesinnenministerium; die Bahn selbst beschäftigt nach eigenen Angaben rund 4.500 Sicherheitskräfte an den Stationen.
Fragen & Antworten
Was hat die Deutsche Bahn konkret angekündigt?
Die Bahn will den Konsum von Bier, Wein oder Schnaps auf Bahnsteigen und in Bahnhofshallen außerhalb der Gastronomie ab 15. Oktober 2026 an allen 5.400 Bahnhöfen verbieten. Kauf und Transport versiegelter Flaschen sollen erlaubt bleiben.
Wer soll das Verbot kontrollieren?
Die Durchsetzung soll über das Hausrecht der Bahn zunächst durch DB-Sicherheitskräfte erfolgen; die Bundespolizei werde laut DPolG-Chef Heiko Teggatz erst hinzugezogen, wenn Personen Platzverweisen nicht nachkommen oder weitere Straftaten begehen.
Warum gibt es Kritik an dem Vorstoß?
Polizeigewerkschaften und Sozialverbände warnen vor fehlendem Personal für Kontrollen und vor einer Verdrängung wohnungsloser Menschen in Stadtteile mit weniger Hilfsangeboten; Bundesinnenminister Alexander Dobrindt nannte die Durchsetzung „problematisch“.
Alkoholverbot an Bahnhöfen: DB-Plan bis Oktober 2026 | nachrichten360