Deutsche Bahn kündigt Alkoholverbot an allen 5.400 Bahnhöfen in Deutschland an
Berlin, 21. Juli 2026
Michael Tipton / Wikimedia Commons / CC BY-SA 2.0
Kurzfassung
Die Deutsche Bahn plant ein Alkoholverbot an allen rund 5.400 Bahnhöfen in Deutschland. Bahnchefin Evelyn Palla begründete den Schritt mit dem Anstieg von Gewalt und Verschmutzung an den Stationen.
Die Deutsche Bahn will den Konsum von Alkohol an allen rund 5.400 Bahnhöfen in Deutschland verbieten und reagiert damit auf eine Reihe gewalttätiger Vorfälle und eine breite Sicherheitsdebatte.
Hintergrund: Ausweitung eines Pilotprojekts
Wie der Konzern am 21. Juli 2026 mitteilte, soll es künftig an den bundesweit 5.400 Bahnhöfen untersagt sein, Bier, Wein, Schnaps oder andere alkoholische Getränke zu trinken. Bahnchefin Evelyn Palla sagte der "Bild"-Zeitung: "Wir greifen durch: Wir verbannen das Alkoholtrinken aus unseren Bahnhöfen." Mit dem Schritt wolle der Staatskonzern "mehr Ordnung und Sicherheit" auf den Bahnhöfen und in den Zügen erreichen, erklärte Palla. Zuerst hatte die "Bild"-Zeitung über das sogenannte Alkoholkonsumverbot berichtet.
Anlass für die Entscheidung ist nach Angaben der Bahn unter anderem ein gewalttätiger Vorfall vom vorangegangenen Freitag. Ein 26 Jahre alter Sicherheitsmitarbeiter der Deutschen Bahn wurde bei einer Ticketkontrolle in einem Regionalzug nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft von einem 36 Jahre alten Fahrgast geschlagen und getreten. Die Bahnchefin sprach von einem "brutalen und sinnlosen Angriff" und betonte: "Deshalb kommt jetzt das Alkoholverbot an Bahnhöfen."
Schon seit April 2024 war der Konsum von Alkohol an einer ersten Gruppe großer Bahnhöfe verboten. Nach einer ersten Bilanz der Deutschen Bahn ging die Zahl der Konflikte und Auseinandersetzungen dort spürbar zurück. "Alkoholfrei heißt: weniger Gewalt und weniger Müll", hieß es aus dem Unternehmen. Auch Evelyn Palla sagte: "Zu oft mussten wir feststellen, dass dort, wo zu viel Alkohol fließt, auch die Gewalt zunimmt."
Ausnahmen und bestehende Verbotszonen
Bislang gilt ein Verbot des Alkoholkonsums an rund 30 großen deutschen Bahnhöfen, darunter die Hauptbahnhöfe in Frankfurt, Hamburg, Köln und München sowie die Stationen in Bonn, Düsseldorf, Duisburg, Essen, Dortmund und Münster. Die Deutsche Bahn erweitert die Regelung nun über ihr Hausrecht auf das gesamte Streckennetz und weitet sie damit auf alle Stationen bis hin zum kleinsten Haltepunkt aus.
Die flächendeckende Umsetzung soll nach Angaben des Konzerns bis Mitte Oktober abgeschlossen sein. Den Auftakt machen den Angaben zufolge zum 1. September die Bahnhöfe Berlin Hbf, Berlin Gesundbrunnen, Kiel und Braunschweig. Bei Verstößen gegen das Alkoholkonsumverbot soll ein Platzverweis erfolgen; im Wiederholungsfall droht nach Mitteilung der Bahn ein Hausverbot.
Bundespolizei und Sicherheitsdienste
Bei der Durchsetzung des Verbots setzt die Bahn auf eine enge Zusammenarbeit mit der Bundespolizei. "Wir sind gebunden in Veranstaltungen, Großveranstaltungen und Grenzkontrollen mit der Bundespolizei", erklärte ein Sprecher. Auch die Sicherheits- und Service-Mitarbeiter der Deutschen Bahn sollen die geltenden Regeln künftig konsequent durchsetzen. Wie eine Sprecherin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) sagte, gelte für die gemeinsam genutzten Bahnhöfe: "Unsere Mitarbeitenden setzen die geltenden Regeln konsequent und zugleich mit Augenmaß durch."
Rückendeckung erhält der Konzern von Teilen der Gewerkschaft der Polizei. Der stellvertretende Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Alexander Poitz, sagte den Sendern RTL und ntv, er halte das Alkoholverbot für "gerechtfertigt". Zugleich äußerte er sich skeptisch zur Umsetzbarkeit: "Es macht keinen Sinn, an den Bahnhöfen ein Alkoholverbot umzusetzen und dann aber in der Bahn selbst Alkohol konsumieren zu dürfen", gab Poitz zu bedenken. Zudem sei die Ausweitung auf sämtliche Stationen "letztlich nicht kontrollierbar" ohne zusätzliches Personal.
Kritik von Fahrgastverbänden
Der Chef des GdP-Bereichs Bundespolizei, Andreas Roßkopf, sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe: "Bahnhöfe sind in Deutschland mittlerweile absolute Kriminalitäts-Hotspots." Hinzu komme, dass "die Hemmschwelle mit dem steigenden Alkoholkonsum" sinke, so Roßkopf weiter. Auch die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) unterstützt das Vorhaben grundsätzlich. EVG-Chef Martin Burkert sagte der Deutschen Presse-Agentur: "Entscheidend ist aber, dass es konsequent und mit Augenmaß durchgesetzt wird."
Kritik kommt von Fahrgastverbänden. Der Pro-Bahn-Landesvorsitzende äußerte die Sorge, dass die Regelung an kleinen Haltepunkten praktisch nicht kontrolliert werden könne. "Die Ausweitung auf sämtliche Stationen, bis zum kleinsten Haltepunkt, kann letztlich nicht kontrolliert werden", sagte er. "Wir wissen aus der Praxis, dass schon Ticketkontrollen immer wieder zu Eskalationen führen können."
Der Fahrgastverband Pro Bahn warnte zudem vor einem Glaubwürdigkeitsproblem. "Hier sehen wir beim Thema Rauchverbot bereits heute, dass spätestens, wenn Zugpersonal außerhalb der Rauchverbotszonen raucht, deren Einhaltung durch die Fahrgäste endgültig aufgegeben wird", schrieb der Verband auf Anfrage. Die Erfahrungen mit dem Rauchverbot zeigten, dass die Akzeptanz solcher Regeln schnell sinke, wenn die Durchsetzung uneinheitlich wirke.
Einschätzung der Kriminologin
Eine Umfrage am Hauptbahnhof Halle ergab nach Angaben des WDR unter Reisenden Zuspruch für das geplante Verbot. Auch die Kriminologin Rita Haverkamp sieht darin einen möglichen Baustein für mehr Sicherheit. "Ein Alkoholverbot an Bahnhöfen kann das Sicherheitsgefühl stärken und die Aufenthaltsqualität verbessern", sagte sie im Gespräch mit dem SWR. Allerdings wies Haverkamp darauf hin, dass Bahnhöfe als Mobilitätsbrennpunkte grundsätzlich Unsicherheiten auslösten: "Klar ist auch, dass Sie sich an Orten, die Sie nicht kennen, unsicherer als an bekannten Orten fühlen."
Tagsüber seien die Stationen gut besucht, nachts oft leer und verlassen, was das Sicherheitsgefühl zusätzlich beeinflusse. "Tagsüber begegnen Sie vielen Menschen, zu Stoßzeiten herrscht ein Gedränge - nachts ist es oft leer und verlassen, was auch für Unsicherheitsgefühle sorgt", so die Forscherin. Sauberkeit sei laut Haverkamp eine wichtige Stellschraube, um das Sicherheitsempfinden an Bahnhöfen zu stärken.
Sonderfall Berlin und Brandenburg
In Berlin war das Trinken von Alkohol in den Bahnhöfen bislang erlaubt. Ab dem 1. September soll sich dies für große Knotenpunkte wie den Berliner Hauptbahnhof, Berlin Gesundbrunnen, Kiel und Braunschweig ändern. Laut Bahnchefin Palla soll das Verbot bis Mitte Oktober in allen Bahnhöfen eingeführt werden. Für die rund 168 S-Bahnhöfe im Berliner Stadtgebiet und im Brandenburger Umland gelten eigene Regeln des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg (VBB), der das Mitführen offener Getränke in den Verkehrsmitteln bereits untersagt.
Die Deutsche Bahn begründete den Schritt auch mit dem Schutz ihrer Beschäftigten. "Für mich zählt nur eins: der Schutz unserer Kollegen und unserer Reisenden", sagte Palla. "Es reicht. Wir greifen jetzt noch härter durch." Die Debatte über die Sicherheit in Zügen und an Bahnhöfen wird seit Monaten geführt. Die Bahn kündigte an, die aktuellen Entwicklungen rund um das Alkoholverbot genau zu beobachten und dazu im engen Austausch mit ihren Partnern zu stehen.
Bahnhöfe seien Mobilitätsbrennpunkte, an denen sich ganz unterschiedliche Menschen träfen, "die sich normalerweise nicht über den Weg laufen und auch nicht unbedingt über den Weg laufen wollen", erklärte Haverkamp. Der Alkoholkonsum vor allem in den großen Bahnhöfen, welche rund um die Uhr geöffnet seien, stelle ein großes Problem dar. Dort hielten sich auch viele Menschen auf, die gar keine Reiseabsichten hätten.
Die Deutsche Bahn beobachtet die Wirkung des Verbots aufmerksam und will bei Bedarf nachjustieren. Auch die Frage, wie das Alkoholverbot in den Zügen selbst künftig gehandhabt wird, ist nach den Worten von GdP-Vize Poitz noch offen. "Es gibt sicherlich noch ein paar offene Fragen, die geklärt werden müssen", sagte ein Bahnsprecher. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre mit der Ausweitung von Sicherheitsregeln auch auf Züge sollen in die weitere Planung einfließen.
Für die Reisenden bedeutet der Schritt zunächst eine deutliche Verschärfung der Hausordnung. Wer künftig auf einem Bahnsteig oder in einer Bahnhofshalle beim Trinken von Alkohol angetroffen wird, muss mit einem Platzverweis rechnen. Bei wiederholten Verstößen droht ein dauerhaftes Hausverbot. Die Bahn setzt dabei auf die Mitarbeit der Bundespolizei und ihrer eigenen Sicherheitskräfte.
Mit dem bundesweiten Alkoholverbot geht die Deutsche Bahn über bisherige Pilotprojekte hinaus. Während an den rund 30 bereits betroffenen Stationen erste positive Erfahrungen verzeichnet wurden, ist die Ausweitung auf das gesamte Netz von 5.400 Bahnhöfen in dieser Dimension neu. Der Konzern erhofft sich davon eine spürbare Reduzierung von Konflikten und Verschmutzung - und will das Sicherheitsgefühl der Fahrgäste und des eigenen Personals verbessern.
Die endgültige Bewertung des Vorhabens wird davon abhängen, ob und wie das Verbot tatsächlich flächendeckend durchgesetzt werden kann. Klar ist, dass die Ankündigung der Deutschen Bahn die Debatte über Sicherheit, Ordnung und den Umgang mit Alkohol im öffentlichen Raum in den kommenden Wochen weiter prägen wird.
Dies ist eine Nachricht direkt aus dem dpa-Newskanal.
Fragen & Antworten
Wer ist Evelyn Palla?
Evelyn Palla ist die Chefin der Deutschen Bahn. In dieser Funktion kündigte sie am 21. Juli 2026 das bundesweite Alkoholverbot an allen Bahnhöfen an und begründete den Schritt mit dem Schutz von Beschäftigten und Reisenden.
Warum führt die Deutsche Bahn das Alkoholverbot ein?
Nach Angaben des Konzerns sollen Konflikte, Gewalt und Verschmutzung an den Stationen zurückgehen. Anlass war unter anderem ein Angriff auf einen 26-jährigen Sicherheitsmitarbeiter der Bahn bei einer Ticketkontrolle.
Ab wann gilt das Verbot an allen Bahnhöfen?
Die flächendeckende Umsetzung des Alkoholkonsumverbots an den rund 5.400 Bahnhöfen in Deutschland soll nach Mitteilung der Bahn bis Mitte Oktober 2026 abgeschlossen sein.
Alkoholverbot an Bahnhöfen: Deutsche Bahn weitet Verbot aus | nachrichten360