Van der Bellen Salzburg Festspiele: Heimat, Klimakrise | nachrichten360
Bundespräsident Van der Bellen wirft bei Salzburger Festspielen Missbrauch des Heimatbegriffs vor
Salzburg, 26. Juli 2026
Christophe Licoppe / European Commission / Wikimedia Commons / CC BY 4.0
Kurzfassung
Bundespräsident Alexander Van der Bellen hat bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele eine viel beachtete Rede gehalten. Er warnte vor dem politischen Missbrauch des Begriffs „Heimat" und rief zu mehr europäischem Zusammenhalt, Klimaschutz und Zivilcourage auf.
Bundespräsident Alexander Van der Bellen hat am Samstag in seiner Eröffnungsrede bei den Salzburger Festspielen vor dem politischen Missbrauch des Begriffs „Heimat" gewarnt und zugleich mehr europäischen Zusammenhalt sowie entschlossenes Handeln in der Klimakrise angemahnt.
Heimat als politisch umkämpfter Begriff
Bundespräsident Alexander Van der Bellen eröffnete am Samstag die Salzburger Festspiele und nutzte seine Rede für einen weitreichenden Appell an die Republik. Vor dem Publikum in Salzburg sagte er: „Es ist schön, wieder hier zu sein", und bedankte sich ausdrücklich bei den Gastgebern mit den Worten „vielen Dank für die Einladung nach Salzburg". Die Eröffnungsrede stand unter dem programmatischen Titel „Stolz auf unsere Heimat".
Inhaltlich widmete sich Van der Bellen zunächst dem Begriff „Heimat" und seiner gegenwärtigen politischen Aufladung. „Mit dem Begriff 'Heimat' wird viel gefährlicher Blödsinn getrieben", warnte der Bundespräsident. Er ergänzte, dass dieser „so hehre und wichtige Begriff politisch missbraucht" werde und betonte: „Das gefällt mir nicht". Heimat sei zunächst einmal „Glück in der Geburtslotterie".
Persönliche Familiengeschichte zwischen Estland und Tirol
Van der Bellen griff in seiner Rede historische Verweise auf und erinnerte daran, wie die sogenannte völkische Ideologie Menschen in den Wahn getrieben habe, „es gäbe so etwas wie einen 'Volkskörper' und man müsse diesen 'rein' halten". Vor diesem Hintergrund forderte er, dass alle, die diese Heimat teilen, „die Grundregeln einhalten" müssten.
Gleichzeitig schlug der Bundespräsident eine persönliche Brücke. Er sei 1944 in Wien geboren, seine Eltern – „sie eine Estin, er ein Russe" – hätten „aus dem heutigen Estland emigrieren müssen, aus begründeter Angst vor den sowjetischen Behörden". „Bin ich 1944 in Wien geboren", so Van der Bellen wörtlich. Die Familie sei schließlich im Tiroler Kaunertal gelandet, wo er aufgewachsen sei. Auch seine Familiengeschichte sei seit 300 Jahren eine Geschichte von Migration und „Immer-wieder-Heimkommen".
Eine prägende Erinnerung aus seiner Heimatgemeinde gab der Bundespräsident zum Besten. Kaunertals Bürgermeister Pepi Raich habe ihm einmal gesagt: „Bisch als Flichtlingskchind kcheïma, und iatz, iatz bisch uanr vo ins" – auf Hochdeutsch: Du bist als Flüchtlingskind gekommen, und jetzt bist du einer von uns. Dieser Satz sei „auch heute noch" für ihn bewegend, sagte Van der Bellen und fügte hinzu: „Sie können sich kaum vorstellen, wie bewegend dieser Satz auch heute noch für mich ist".
Würdigung der Festrednerin Maria Kalesnikava
Kurz vor der Rede des Bundespräsidenten hatte das Publikum die Rede der Festrednerin Maria Kalesnikava gehört. Van der Bellen würdigte ihren Einsatz ausdrücklich: „Gerade haben wir die bewegende Rede von Maria Kalesnikava gehört". Die Belarusin habe sich „friedlich für mehr Demokratie in Belarus eingesetzt, in aller Öffentlichkeit". Dafür hätten die dortigen Behörden sie „für Jahre in eine winzige Gefängniszelle" gesperrt. „Das nennt man Zivilcourage", betonte Van der Bellen.
Kalesnikava sei schließlich „frei, aber nicht für ein weiteres Leben in ihrer Heimat Belarus, sondern für ein Leben in Westeuropa" geworden, erklärte der Bundespräsident. „Frei kam Maria Kalesnikava durch diplomatische Interventionen", so Van der Bellen wörtlich. Ihr Schicksal stehe exemplarisch dafür, wie verletzlich Heimat sein könne.
Europa unter Druck: Tests aus Ost und West
Im weiteren Verlauf seiner Rede zog Van der Bellen den Bogen zum Zustand Europas. „Denn Europa und der europäische Zusammenhalt werden gerade getestet. Angriffe kommen nicht gerade aus allen Himmelsrichtungen, aber jedenfalls aus Ost und West", sagte er. Europa müsse unabhängiger werden: „Wir müssen alles tun, um unabhängiger von der Willkür fremder Regierungen zu werden. Unabhängig in der Energieversorgung, unabhängig in der digitalen Welt. Souverän auch in unserer Verteidigungsfähigkeit".
„Ich bin stolz auf Österreich. Und ich denke, dass wir auch jeden Grund haben, stolz auf unser Europa zu sein, europapatriotisch zu sein", sagte Van der Bellen. In der EU habe man den Jackpot geknackt, da man auf einem freien, demokratischen und wohlhabenden Kontinent sei. Die freie, liberale Demokratie garantiere Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung, Gewaltenteilung, Freiheit der Kunst und Menschenrechte.
Zugleich warb der Bundespräsident für Kompromissbereitschaft. „Das Innenleben jeder funktionierenden, freien, liberalen Demokratie besteht nolens volens auf Kompromissen", sagte er. Kompromisse dürften „nicht gleich als Verrat an Gesinnungsdogmen gelten, sondern auch Zeichen von demokratischer Reife und politischer Verantwortung sein können".
Klimakrise und Aufruf zum Handeln
Mit Blick auf den Klimawandel fand Van der Bellen deutliche Worte. „Die schönste Heimat wird unbewohnbar ab 40 Grad Celsius", warnte er. Er forderte ein Ende der Grundsatzdebatten: „ob wir uns die Klimakrise einbilden oder nicht" und „ob Windräder schick aussehen oder nicht". Heimat könne „nur für einen da sein, 'wenn wir für sie da sind'".
Van der Bellen verwies auf die Geschichte seines Landes. „In diesem Geist wurde unsere Heimat Österreich nach 1945 errichtet", sagte er mit Blick auf den Geist der Lagerstraße, also der Zusammenarbeit der politischen Lager nach dem Zweiten Weltkrieg. Angesichts der Bedrohungen durch Hass und Gewalt appellierte er: „Wenn wir möchten, dass Hass, Mord und Vernichtung nie wieder geschehen in Europa, dann müssen wir zusammenarbeiten".
Schlussappell: „Packen wir's an"
Mit einer klaren Aufforderung schloss der Bundespräsident seine Rede. Er rief den Festspielbesucherinnen und -besuchern zu: „Gehen wir nach vorn. Packen wir's an. Für unsere Heimat." Damit verband er persönliche Biographie, europapolitischen Anspruch und kulturpolitisches Bekenntnis zu Salzburg.
Die Eröffnung der Salzburger Festspiele gilt alljährlich als eine der wichtigsten kulturpolitischen Reden des Jahres in Österreich. Die Festrednerin Maria Kalesnikava, die per Video oder Live-Schalte zugeschaltet war, steht mit ihrer Biografie für die Verwundbarkeit demokratischer Bewegungen in Europa. Van der Bellen nutzte den Rahmen, um die programmatischen Linien seines Präsidialamts – Europapatriotismus, Klimaschutz und Verteidigung der liberalen Demokratie – nochmals zu bündeln.
Fragen & Antworten
Wer ist Maria Kalesnikava und warum wird sie bei der Festspiel-Eröffnung gewürdigt?
Maria Kalesnikava ist die belarusische Aktivistin, die in diesem Jahr die Festrede bei den Salzburger Festspielen hielt. Sie hatte sich laut Van der Bellen friedlich und öffentlich für mehr Demokratie in Belarus eingesetzt und war dafür jahrelang inhaftiert; frei kam sie demnach durch diplomatische Interventionen.
Was kritisierte Van der Bellen am Begriff „Heimat"?
Der Bundespräsident warnte, dass „mit dem Begriff 'Heimat' viel gefährlicher Blödsinn getrieben" werde. Er erinnerte an die völkische Ideologie und betonte, Heimat sei zunächst „Glück in der Geburtslotterie" und könne nur Bestand haben, „wenn wir für sie da sind".
Welche politischen Forderungen stellte Van der Bellen in seiner Rede?
Van der Bellen forderte mehr Unabhängigkeit Europas in Energie, digitaler Infrastruktur und Verteidigung, mehr Kompromissbereitschaft in der Demokratie und entschlossenes Handeln in der Klimakrise. Den Abschluss bildete der Appell: „Gehen wir nach vorn. Packen wir's an. Für unsere Heimat."