Salzburger Festspiele offiziell eröffnet – Kolesnikowa hält Festrede über Demokratie und Zuhören
Salzburg, 26. Juli 2026
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Kurzfassung
Die Salzburger Festspiele sind am Freitagabend offiziell eröffnet worden. Im Mittelpunkt der rund zweistündigen Zeremonie stand die Festrede der belarussischen Musikerin Maria Kolesnikowa, die vor 226 Tagen aus jahrelanger Haft entlassen worden war.
Die Salzburger Festspiele sind am Freitagabend mit einer rund zweistündigen Zeremonie offiziell eröffnet worden, in deren Zentrum die Festrede der belarussischen Musikerin und Bürgerrechtlerin Maria Kolesnikowa stand.
Eine Festrede über Zuhören und Menschlichkeit
Im Großen Festspielhaus erklärte Bundespräsident Alexander Van der Bellen das traditionsreiche Kulturereignis mit den Worten "Die Salzburger Festspiele sind eröffnet" für eröffnet. Die Veranstaltung, die bei regnerisch-kühlem Sommerwetter stattfand, vereinte musikalische Darbietungen des Mozarteumorchesters Salzburg unter der Leitung des belarussischen Dirigenten Vitali Alekseenok mit Reden von Bundespräsident Van der Bellen, Salzburgs Landeshauptfrau Karoline Edtstadler (ÖVP), Vizekanzler und Kulturminister Andreas Babler (SPÖ) sowie der Festrednerin Maria Kolesnikowa.
Kolesnikowa, die 44-jährige Flötistin, Dirigentin und Kulturmanagerin, war 2020 eine der Anführerinnen der Massenproteste gegen die von Manipulationsvorwürfen überschattete Präsidentenwahl in Belarus. Wegen ihres Engagements gegen das Regime von Alexander Lukaschenko saß sie fünf Jahre lang in ihrer Heimat im Gefängnis – und war erst vor 226 Tagen gemeinsam mit rund 120 weiteren politischen Gefangenen freigekommen. Wenige Monate zuvor hatte sie zudem den Internationalen Karlspreis entgegengenommen, der ihr bereits 2022 zuerkannt worden war.
Kolesnikowas Weg nach fünf Jahren Haft
In ihrer Festrede, die mit wiederholtem Zwischenapplaus bedacht und am Ende mit Standing Ovations gefeiert wurde, zeichnete Kolesnikowa das Bild einer freien Gesellschaft als Orchester, in dem gegenseitiges Zuhören wesentlich sei. Unmittelbar und ohne Bitterkeit blickte sie auf die erlittene Haft zurück: "Mein größter Sieg war, dass ich nicht zuließ, dass Hass in meinem Herzen Wurzeln schlug – und dass ich trotz allem Mensch blieb." Die vergangenen 226 Tage seit ihrer Freilassung seien die kostbarsten ihres Lebens gewesen, sagte die Künstlerin weiter.
Mit Blick auf die Gegenwart formulierte Kolesnikowa einen klaren Appell: "Sprechen ist ein Recht. Zuhören ist Verantwortung. Genau dort beginnt Demokratie." Sie mahnte, nicht allein das Äußern von Meinungen, sondern vor allem das Aufeinander-Hören halte die Demokratie lebendig. Neben dem politischen Engagement widmete sich Kolesnikowa auch dem technologischen Wandel und der künstlichen Intelligenz: "Die Zukunft entscheidet sich nicht daran, wie intelligent unsere Maschinen werden, sondern daran, wie menschlich wir bleiben."
Van der Bellen: Humorvolle Worte über Heimat und Kompromisse
Auch in Bezug auf den Angriff beim Christopher Street Day in Berlin, der am Vortag stattgefunden hatte, äußerte sich Kolesnikowa besorgt. Sie fragte das Publikum, ob Freiheit, Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit so selbstverständlich seien wie die Sterne am Himmel. Sie zeigte sich überrascht, wie "Gereiztheit, Misstrauen und wachsende gegenseitige Entfremdung" inzwischen das politische und gesellschaftliche Leben prägten. Ihr Appell: Es werde immer Menschen geben, "die nach Lösungen suchen, nicht nach neuen Feinden".
Bundespräsident Van der Bellen sprach in gewohnt humorvollem Ton anhand seiner eigenen Biografie über Migration und Heimat und gab Kostproben seiner "Kaunertaler Zweitsprache" zum Besten. Beim Blick auf den Begriff Heimat erinnerte er daran, dass "viel gefährlicher Blödsinn" damit getrieben werde, bevor er einen Bogen zur Demokratie schlug: "Das Innenleben jeder funktionierenden freien, liberalen Demokratie, besteht nolens volens auf Kompromissen, insbesondere in Koalitionsregierungen." Besonders berührend war der Moment, als Van der Bellen vom Rednerpult aus die Festrednerin fragte, mit welcher Betonung ihr Vorname ausgesprochen werde – und als einziger Redner die erste Silbe betonte, um besonderen Respekt zu demonstrieren. Mit Blick auf die Errungenschaften der Demokratie und des Völkerrechts betonte der Bundespräsident: "Wer das kleinredet und geringschätzt, missachtet den Kern des Aufblühens unserer Heimat."
Edtstadler erinnert an Stefan Zweig
Salzburgs Landeshauptfrau Karoline Edtstadler eröffnete den Abend mit einer Begrüßungsrede, in der sie an Stefan Zweigs "Die Welt von Gestern" erinnerte und an die von Zweig beschriebene Zeit "vor den großen Katastrophen Europas" mahnte. "Wenn sich heute der Vorhang der Salzburger Festspiele hebt, dann schärft sich nicht nur unsere Wahrnehmung für die Kunst, sondern wir sind – ganz im Sinne Zweigs – auch aufgefordert, den Zustand unserer eigenen Welt zu reflektieren", sagte Edtstadler. Sie wisse, dass Freiheit und Frieden nicht unverrückbar seien und bekommen es jeden Tag vor Augen geführt. Es sei nur unbequem, sich damit zu beschäftigen, "deshalb haben wir es uns gemütlich gemacht unseren Luxusproblemen".
Babler plädiert für Vernunft mit Herz
Vizekanzler und Kulturminister Andreas Babler, der ohne den angekündigten Zwischenfall sprach, widmete seine Rede dem Thema Vernunft in Zeiten von Klimakrise und der Spaltung der Gesellschaft. "Das heurige Festspielprogramm stellt der kalten Vernunft die Macht des Herzens gegenüber", unterstrich Babler. Er fragte: "Es fragt, was uns in schwierigen Zeiten Orientierung gibt." Mit deutlichen Worten warnte der SPÖ-Politiker: "Als vermeintlich vernünftige Wesen akzeptieren wir gerade Entwicklungen, deren gefährliche Folgen wir aus der Geschichte längst kennen." In diesem Zusammenhang zitierte er Ingeborg Bachmann ("Die Geschichte lehrt, aber sie hat keine Schüler") und wünschte, sie möge nicht recht behalten.
Babler formulierte das Motto des Abends in einem Dreiklang: "Wir brauchen die Vernunft, um die Welt zu verstehen, wir brauchen die Kunst, um uns eine andere Welt vorstellen zu können, aber wir brauchen das Herz, um diese andere Welt möglich zu machen." Mit Verweis auf den "Jedermann" formulierte der Kulturminister zudem einen Vorgriff auf die Uraufführung von Elfriede Jelineks "Unter Tieren": "Sie macht deutlich, was geschieht, wenn Jedermanns Lebensweise zur Funktionsweise einer ganzen Gesellschaft wird." Die Kunst könne helfen, weil sie einen Denkraum öffne, "in dem alles ganz anders sein könne".
Musikalischer Rahmen und Reinhardt-Text
Zwischen den Reden erklangen musikalische Beiträge des Mozarteumorchesters unter Alekseenok, die neben den obligaten Hymnen – unter Mitwirkung des Theater Kinderchors – Werke von Édouard Lalo, Olivier Messiaen und Lili Boulanger umfassten. Die Schauspielerin Senta Berger trug leidenschaftlich einen 1943 entstandenen Text von Max Reinhardt vor, einem der Gründerväter der Festspiele: "Heutzutage ernsthaft Theater zu spielen ist im Grunde genommen eine Donquichoterie. Das heißt mit künstlerischen Idealen ankämpfen zu wollen gegen die ungeheuren Windmühlen, die im Sturm unserer Zeit klappern" – ein Text, der in weiten Teilen aus der Gegenwart stammen könnte.
Ausblick auf den Festspielsommer 2026
Nach der Eröffnung erwartet das Publikum ein umfangreiches Programm: Bis zum 30. August stehen über 170 Aufführungen in 45 Tagen an 19 Spielstätten auf dem Spielplan, hinzu kommen 37 Vorstellungen im Jugendprogramm "jung & jede*r". Bereits am Sonntagabend feierte Georges Bizets "Carmen" unter der Leitung von Teodor Currentzis im Großen Festspielhaus Premiere, am Montagabend folgte die Uraufführung von Peter Handkes "Schnee von gestern, Schnee von morgen" in der Regie von Jossi Wieler. Im weiteren Verlauf geben sich zahlreiche Opernproduktionen die Klinke in die Hand: Am 1. August steht die Premiere von Messiaens "Saint François d'Assise" an, am 2. August folgt Mozarts "Così fan tutte". Am 16. August dirigiert Star-Dirigent Riccardo Muti einen Festakt, am 17. und 18. August stehen mit "Ariadne auf Naxos" und "Il Viaggio a Reims" zwei weitere Opernhöhepunkte auf dem Plan. Den emotionalen Kehraus bildet am 30. August die letzte Vorstellung des "Jedermann".
Die Eröffnungszeremonie dauerte rund zwei Stunden. Nach den Worten Van der Bellens entließ das Publikum ein regnerisch-kühler Sommertag in einen Festspielsommer, der programmatisch die Spannung zwischen Vernunft und Herz, zwischen politischer Wachsamkeit und ästhetischer Erfahrung ausloten will – und der mit der Festrede einer Frau begann, die für ihren Einsatz für Demokratie und Freiheit fünf Jahre hinter Gittern verbracht hatte.
Die Wahl Kolesnikowas als Festrednerin setzte gleich zu Beginn ein politisches Signal. Der Verweis der Redner auf Stefan Zweig, Ingeborg Bachmann und Max Reinhardt verankerte das Programm in einer Tradition europäischer Geistesgeschichte, die den Blick auf die Gegenwart schärfen soll – auf eine Gegenwart, in der, so Babler, Komfort und Bequemlichkeit gegenüber den "Luxusproblemen" der freien Gesellschaft die historische Wachsamkeit bedrohen.
Das heurige Festspielprogramm versteht sich damit ausdrücklich als künstlerische Auseinandersetzung mit der politischen Lage. Die Rednerinnen und Redner einte die Überzeugung, dass Kunst nicht nur Unterhaltung, sondern ein Denkraum sei, in dem grundlegende Fragen einer freien Gesellschaft verhandelt werden könnten – eine Haltung, die Kolesnikowa mit ihrer Festrede über Zuhören, Menschlichkeit und den Wert der Demokratie exemplarisch verkörperte.
Fragen & Antworten
Wer ist Maria Kolesnikowa und warum wurde sie als Festrednerin eingeladen?
Maria Kolesnikowa ist eine 44-jährige belarussische Flötistin, Dirigentin und Kulturmanagerin, die 2020 zu den Anführerinnen der Massenproteste nach der Präsidentenwahl in Belarus gehörte. Wegen ihres Engagements gegen das Regime von Alexander Lukaschenko saß sie fünf Jahre in Haft und wurde vor 226 Tagen freigelassen; kurz zuvor hatte sie den Internationalen Karlspreis entgegengenommen.
Welche Themen prägten die Reden zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 2026?
Im Zentrum standen Demokratie, Freiheit und das Verhältnis von Vernunft und Herz. Kolesnikowa warb für das gegenseitige Zuhören, Van der Bellen sprach über Kompromisse und Heimat, Edtstadler erinnerte an Stefan Zweig und Babler warnte vor den Gefahren einer kalten Vernunft ohne Mitgefühl.
Was steht im Programm der Salzburger Festspiele 2026?
Bis zum 30. August sind über 170 Aufführungen an 19 Spielstätten geplant, darunter Premieren von Bizets "Carmen", Peter Handkes "Schnee von gestern, Schnee von morgen" und Mozarts "Così fan tutte". Hinzu kommen 37 Vorstellungen im Jugendprogramm "jung & jede*r".