UNESCO streicht Wien von Roter Liste: Heumarkt-Erfolg in | nachrichten360
UNESCO streicht Wiener Altstadt nach Jahren von der Liste gefährdeter Welterbestätten
Wien, 27. Juli 2026
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Kurzfassung
Das Welterbekomitee hat die historische Wiener Innenstadt nach jahrelanger Debatte von der Roten Liste des gefährdeten Welterbes gestrichen. Die Redimensionierung des Heumarkt-Projekts auf knapp 50 Meter und die Stärkung der Welterbe-Verankerung in Wiens Verwaltung gelten als zentrale Gründe.
Das Welterbekomitee der UNESCO hat das historische Zentrum Wiens von der Liste des gefährdeten Welterbes gestrichen, wie am Rande der 48. Tagung in Busan, Südkorea, nach langer Debatte entschieden wurde.
Hintergrund: Neun Jahre auf der Roten Liste
Die historische Wiener Innenstadt ist nach neun Jahren wieder von der Roten Liste des UNESCO-Welterbes gestrichen worden. Das Welterbekomitee fasste den Beschluss auf seiner 48. Tagung in Busan, Südkorea. Damit endet ein Verfahren, das 2017 mit der Aufnahme in die Liste gefährdeter Stätten begonnen hatte. Wien zählt seit 2001 zum UNESCO-Welterbe, ausgezeichnet für ein einzigartiges Stadtbild aus mittelalterlicher, barocker und gründerzeitlicher Architektur.
Auslöser für die Gefährdung war ein Hochhausprojekt am Heumarkt, das vom Investor Michael Tojner und seiner Firma Wertinvest ursprünglich mit einer Höhe von 73 Metern geplant worden war. Die UNESCO kritisierte das Projekt, weil es den historischen Charakter der Wiener Innenstadt beeinträchtige. Nach mehreren Reduktionen liegt die aktuelle Variante nun bei 49,95 Metern und gilt als welterbeverträglich.
Vom 73-Meter-Turm zur redimensionierten Variante
Die nun beschlossene Variante, im Jahr 2023 vorgestellt, muss noch eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchlaufen. Das hat das Welterbekomitee nach einer langen Debatte im Zuge seiner 48. Tagung im südkoreanischen Busan entschieden. Eine außerordentliche Revision gegen das Projekt wurde zudem erst vor wenigen Tagen vom Verwaltungsgerichtshof (VwGH) abgewiesen.
Die Entscheidung in Busan fiel nach intensiver diplomatischer Arbeit auf mehreren Ebenen. Die österreichische Bundesregierung, die Stadt Wien und Investor Tojner hatten in den vergangenen Monaten gemeinsam erhebliche Anstrengungen unternommen, um die Mitglieder des Komitees von der österreichischen Position zu überzeugen. Eine sogenannte rot-pinke Achse mit Wiens Bürgermeister Michael Ludwig, Vizekanzler Andreas Babler (beide SPÖ) und Staatssekretär Sepp Schellhorn (NEOS) spielte dabei eine zentrale Rolle.
Diplomatische Offensive in Busan
Auch die Ukraine setzte sich in Busan auffallend für die österreichische Position ein. Insgesamt zählt das Welterbekomitee 21 Mitglieder; die Schweiz und Grenada distanzierten sich von der Entscheidung. Wertinvest begrüßte die Streichung von der Roten Liste und führte sie auf das gemeinsame diplomatische Vorgehen von Außenministerium, Kulturministerium und Stadt Wien zurück.
Sabine Haag, Präsidentin der Österreichischen UNESCO-Kommission, gratulierte zum Beschluss. Neben der Redimensionierung des Projekts am Heumarkt ist die nunmehr deutlich stärkere Verankerung des Welterbes in den Verwaltungsprozessen der Stadt Wien ein zentrales und wesentliches Ergebnis der Entwicklungen der vergangenen Jahre, sagte Haag in einer Aussendung. Die Entscheidung des Welterbekomitees macht deutlich, dass für die Bewahrung unseres kulturellen Erbes vor allem zwei Dinge zentral sind: Dialog und Kompromissbereitschaft.
Reaktionen aus Politik und Zivilgesellschaft
Ernst Woller (SPÖ), Sonderbeauftragter der Stadt Wien für das Welterbe, bezeichnete die Abstimmung als einhellig. Auch das sei in Busan einhellig beschlossen worden, sagt Ernst Woller (SPÖ), Sonderbeauftragter der Stadt Wien für das Welterbe, zum KURIER. Auch der Welterbebeauftragte Woller sieht die Zusammenarbeit zwischen Bund und Stadt als "entscheidend" für den Erfolg. Damit habe das UNESCO-Welterbe-Komitee auch "die vielfältigen legistischen Regelungen und Maßnahmen der Stadt Wien zum Schutz des Wiener Welterbes gewürdigt".
Woller betonte zudem die städtebauliche Kompetenz, die Wien mit der Entscheidung zurückgewinnt. "Mit dieser Entscheidung hat Wien wieder die alleinige Kompetenz für Stadtgestaltung in der sehr großen Kernzone des Welterbes", freut sich Woller am Montag. Die Stadt hatte zuletzt internationale Auflagen beachten müssen, die den Handlungsspielraum bei Bauvorhaben einschränkten.
Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) begrüßte den Beschluss ausdrücklich. Wien hat in den vergangenen Jahren große Anstrengungen unternommen, um das historische Zentrum als UNESCO-Welterbe zu schützen und zugleich eine verantwortungsvolle Weiterentwicklung unserer Stadt zu ermöglichen, sagte Ludwig. NEOS Wien sprach von einem für die Stadt bedeutsamen Beschluss und betonte, dass Stadtentwicklung und Welterbeschutz kein Widerspruch seien.
Die Wiener Grünen zeigten sich ebenfalls zufrieden und forderten, die offenen Aufgaben ernsthaft anzugehen, damit die Innere Stadt ihre einzigartige Bausubstanz bewahre. Das Projekt "soll die Stadt bereichern und einen neuen Treffpunkt für die Wienerinnen und Wiener und Menschen aus aller Welt schaffen", sagte Wertinvest-Eigentümer Tojner. "Die formalen Schritte werden aber natürlich einige Zeit in Anspruch nehmen."
Kritik kam unterdessen von der FPÖ Wien, die jahrelange intensive politische Lobbyarbeit von SPÖ und NEOS gemeinsam mit der Bundesregierung für das Prestigeprojekt beanstandete. Wolfgang Rehm von der Umweltorganisation Virus sprach von einem "Eingriffsskandal". Die Umweltorganisation Allianz für Natur, deren Generalsekretär Christian Schuhböck ist, äußerte sich ebenfalls ablehnend und forderte weitergehende Aufklärung.
Erste Streichung gegen ICOMOS-Empfehlung
Bemerkenswert an der Entscheidung ist zudem, dass sie gegen die Empfehlung des UNESCO-Beratergremiums ICOMOS fiel. ICOMOS, der Internationale Rat für Denkmalpflege, hatte in einem Beschlussentwurf empfohlen, Wien auf der Roten Liste zu belassen. Es ist das erste Mal in der Geschichte der Welterbekonvention, dass ein Ort gegen die Empfehlung des UNESCO-Welterbezentrums-Sekretariats und der Beratungsgremien von der Liste gestrichen wurde.
Der Direktor des UNESCO-Welterbezentrums, Lazare Eloundou Assomo, zeigte sich skeptisch. Wir werden natürlich gemeinsam mit der Vertragspartei (Österreich, Anm.) prüfen, wie wir sie weiterhin unterstützen und mit ihr zusammenarbeiten können, um zu versuchen, eine Entscheidung umzusetzen, die sehr, sehr schwer, ja fast unmöglich umzusetzen ist, sagte Assomo. Mit dem Beschluss verbleiben 58 Einträge auf der Roten Liste; die meisten davon sind durch bewaffnete Konflikte, Naturkatastrophen und Folgen des Klimawandels bedroht.
Nach dem aktuellen Beschluss haben sich die Chancen, dass die Umweltverträglichkeitsprüfung positiv ausfällt, deutlich erhöht. Damit rückt auch die endgültige Realisierung des redimensionierten Heumarkt-Projekts in greifbare Nähe, allerdings bleiben die formalen Schritte, wie Tojner selbst einräumte, zeitintensiv. Die Stadt erlangt mit der Streichung zudem die Hoheit über städtebauliche Entscheidungen in der großflächigen Kernzone des Welterbes zurück.
Fragen & Antworten
Warum stand Wien auf der Roten Liste des UNESCO-Welterbes?
Das historische Zentrum Wiens wurde 2017 auf die Liste gefährdeter Welterbestätten gesetzt, weil das geplante Hochhausprojekt am Heumarkt den historischen Charakter der Innenstadt beeinträchtigte.
Welche Höhe hat die aktuelle Variante des Heumarkt-Projekts?
Nach mehreren Reduktionen liegt die 2023 vorgestellte Variante bei 49,95 Metern und wurde vom Welterbekomitee als welterbeverträglich eingestuft; sie muss allerdings noch eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchlaufen.
Was bedeutet die Streichung für die Stadt Wien?
Wien erhält nach Angaben des Welterbebeauftragten Ernst Woller wieder die alleinige Kompetenz für Stadtgestaltung in der großen Kernzone des Welterbes und muss sich nicht mehr an internationale Auflagen halten.