An der Frida-Levy-Gesamtschule in Essen, an der mehr als 90 Prozent der rund 1.300 Schülerinnen und Schüler einen Migrationshintergrund haben, haben 13 von 25 Jugendlichen der Klasse 10c die Noten für das Abitur erreicht.
Die Klasse 10c gilt innerhalb der Schule als bemerkenswertes Beispiel für einen gelungenen Bildungsweg. Laut einem Bericht der WDR-Reporterin Katharina Stöger, der am 17. Juli 2027 im WDR-5-Morgenecho gesendet wurde, stammen die 25 Jugendlichen aus 16 verschiedenen Ländern. Nur eine Schülerin der Klasse hat keinen Migrationshintergrund. Als die Schüler in der fünften Klasse waren, habe „so gut wie kein Kind die Noten fürs Gymnasium gehabt".
Schule mit höchstem Sozialindex
Die Frida-Levy-Gesamtschule liegt in der Nähe des Essener Hauptbahnhofs. Die Gebäude wirken nach Angaben der WDR-Reporterin baufällig, die Schule hat mit „neun" den höchsten Schulsozialindex. Ein nennenswerter Teil der insgesamt 1.300 Schülerinnen und Schüler erhält staatliche Hilfen. Über 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler an der Frida-Levy-Gesamtschule haben einen Migrationshintergrund; in Nordrhein-Westfalen insgesamt hat laut Statistik etwa die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler eine Zuwanderungsgeschichte.
Im bundesweiten Vergleich ist das Abschneiden der 10c ungewöhnlich. Laut Statistischem Bundesamt haben in ganz Deutschland 2024/2025 gut 34 Prozent der Schüler mit deutschem Pass Abitur gemacht, „während es bei Schülern ohne deutsche Staatsangehörigkeit etwas mehr als 11 Prozent waren." Mit 13 von 25 Schülern, die abiturtaugliche Noten erreichen, liegt die Klasse weit über diesem Wert.
Drei Schüler, drei Wege
Drei Schüler stehen besonders im Mittelpunkt des WDR-Berichts. Der 16-jährige Bilal hat ebenfalls die Noten für das Abi geschafft. Zurückhaltend erwähnt er, dass seine Eltern verstorben seien. Als vor etwa zwei Jahren auch sein Vater verstarb, sei er an der Schule aufgefangen worden. Über seine Lehrer sagt er: „An denen nehme ich mir ein großes Vorbild." Seine Zukunftsvorstellung: „Ich möchte Lehrer werden."
Jad, dessen Familie vor rund zehn Jahren aus Syrien nach Deutschland floh, hat die Qualifikation für die Oberstufe erreicht und kann das Abitur ablegen. „Meine Eltern sind damals extra für uns aus Syrien geflüchtet und hierhergekommen. Um uns eine Zukunft zu sichern." Er sagt: „Ich habe jetzt das geschafft, was ich wollte, ich habe meine Eltern stolz gemacht." Sein Klassenkamerad Akin wird eine Ausbildung im Supermarkt machen; Chayenne, die einzige in der Klasse ohne Migrationshintergrund, geht zur Berufsschule.
Ofa, dessen Eltern aus Kamerun nach Deutschland kamen, wird nach den Sommerferien auf das Maria-Wächtler-Gymnasium wechseln. Dort gibt es einen Informatik-Leistungskurs. Über seine Pläne sagt er: „Ich möchte mich anstrengen und ihnen etwas zurückgeben." Mit Blick auf die eigene Biografie formuliert er einen grundsätzlichen Anspruch: „Wenn wir harte Arbeit investieren und darum kämpfen, denke ich, dass wir den Chancenunterschied zunichtemachen können. Indem wir uns zusammenreißen und alles geben."
Lehrerinnen als langjährige Begleiterinnen
Die Klassenlehrerinnen sehen den Erfolg als gemeinsame Arbeit. Kismet Bayrak unterrichtet die Klasse seit der fünften Klasse. Sie sagt: „In bestimmten Punkten kann ich besser nachvollziehen, was die Schüler beschäftigt. Sprachliche Barrieren waren für mich auch schwierig." Sophie Bitterschulte, die andere Klassenlehrerin, ist vor zwei Jahren an die Schule gekommen. Über ihre Tätigkeit sagt sie: „Ich hatte mir mehr Unterricht vorgestellt und weniger Beziehungsarbeit, … aber es ist ganz viel Beziehungsarbeit, die ich persönlich sehr mag und schätze, wodurch man eine enge Verbindung aufbauen kann."
Der Bericht verweist zugleich auf die engen Rahmenbedingungen der Schule. Die Lage in Bahnhofsnähe und der bauliche Zustand der Gebäude bilden den äußeren Kontext einer Einrichtung mit höchstem Sozialindex. Die persönlichen Geschichten der Schüler zeigen nach Darstellung der Reporterin, welche Bedeutung einzelne Lehrkräfte und ein verlässliches schulisches Umfeld für junge Menschen haben, die unter schwierigen Voraussetzungen ihren Weg machen.
Blick über die Einzelschule hinaus
Die Beispiele aus Essen werfen eine über die Einzelschule hinausgehende Frage auf. Die Statistik des Statistischen Bundesamts weist für Schüler ohne deutschen Pass seit Jahren eine deutlich geringere Abiturquote aus als für Schüler mit deutschem Pass. Die Klasse 10c bildet damit aus Sicht der Reporterin einen Gegenpol zu diesem bundesweiten Trend – mit einem Anteil abiturtauglicher Schüler, der deutlich über dem Durchschnitt vergleichbarer Gruppen liegt.
