UN-Sicherheitsrat bereitet Wahl einer neuen Generalsekretärin oder eines Generalsekretärs vor
New York, 24. Juli 2026
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Kurzfassung
Sechs Kandidaten haben sich bei einer Diskussionsrunde in New York um die Nachfolge von António Guterres an der Spitze der Vereinten Nationen beworben. Der UN-Sicherheitsrat will noch im Herbst entscheiden, wer ab Januar 2027 die Weltorganisation führen wird – womöglich erstmals eine Frau.
Sechs Kandidaten haben sich am Mittwoch in New York bei einer Debatte vor der UN-Generalversammlung um die Nachfolge von António Guterres an der Spitze der Vereinten Nationen beworben, der UN-Sicherheitsrat will im Herbst über den oder die Nachfolgerin entscheiden.
Sechs Bewerberinnen und Bewerber in New York
Die Nachfolge des portugiesischen UN-Generalsekretärs António Guterres tritt in ihre entscheidende Phase. Bei einer Televisionsdebatte im Plenum der UN-Generalversammlung stellten sich sechs Kandidatinnen und Kandidaten den Fragen von Diplomaten und Beobachtern. Am Vorabend hatten sich die Bewerber bereits bei einem Townhall-Treffen in New York den UN-Diplomaten gestellt. Die Bewerbungsfrist ist offen: Weitere Kandidaturen können nach Angaben von UN-Insidern jederzeit eingereicht werden.
Guterres, seit 2017 Generalsekretär, kann nach zwei Amtszeiten nicht erneut antreten. Seine zweite und letzte Amtszeit läuft Ende des Jahres aus. Damit steht fest: Ab Januar 2027 wird die UNO von einer neuen Person geführt. Damit rückt auch die historische Möglichkeit in den Blick, dass erstmals in der über 80-jährigen Geschichte der Weltorganisation eine Frau an die Spitze tritt.
Das Verfahren ist in Artikel 97 der UN-Charta geregelt und verläuft mehrstufig. Zunächst schlagen Staaten Kandidatinnen und Kandidaten vor. Danach empfiehlt der 15-köpfige UN-Sicherheitsrat einen Bewerber oder eine Bewerberin. Anschließend bestätigt die UN-Generalversammlung mit ihren 193 Mitgliedstaaten diese Empfehlung – was in der Regel als Formsache gilt.
Sicherheitsrat als entscheidende Hürde
Entscheidend ist daher die Abstimmung im Sicherheitsrat. Dort verfügen die fünf ständigen Mitglieder – China, die USA, Russland, Frankreich und Großbritannien – über ein Vetorecht. Sie können Kandidaten durch Einwand blockieren. Für eine Empfehlung sind mindestens neun der 15 Stimmen erforderlich.
Nach dem geplanten Ablauf könnte die erste informelle Probeabstimmung, ein sogenannter Straw Poll, bereits Ende Juli stattfinden. Beobachter rechnen damit, dass die Nachfolge im Herbst 2026 entschieden wird – sofern keine größeren Blockaden auftreten. Laut Beobachtern ist der Termin für die Empfehlung im September vorgesehen.
Aus Lateinamerika kommen mehrere aussichtsreiche Bewerbungen. Michelle Bachelet, ehemalige Präsidentin Chiles und frühere UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, wurde von Chile, Brasilien und Mexiko nominiert. In ihrer Bewerbungserklärung kündigte sie an, die nötigen Veränderungen "im Einklang mit unseren gemeinsamen Interessen bewältigen, zu den Grundlagen unseren globalen Engagements zurückkehren und Wege zum Frieden ebnen" zu wollen.
Lateinamerika stellt das größte Kontingent
Die Costa-Ricanerin Rebeca Grynspan Mayufis, amtierende Generalsekretärin der UN-Handels- und Entwicklungsorganisation UNCTAD und frühere stellvertretende Leiterin des UN-Entwicklungsprogramms UNDP, wurde von Costa Rica vorgeschlagen. Auch sie wird als reformorientierte Multilateralistin beschrieben.
Ebenfalls aus Lateinamerika kommt der Argentinier Rafael Grossi, Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Organisation IAEA. Er wurde von Argentinien nominiert und von Italien und Paraguay unterstützt. In seiner Bewerbung hob er hervor: "Meiner Organisation ist es gelungen, im ukrainischen Atomkraftwerk Saporischja die einzige Präsenz einer multilateralen Einheit aufzubauen, um eine Nuklearkatastrophe im Krieg abzuwenden."
Ein viertes lateinamerikanisches Profil bringt María Fernanda Espinosa Garcés mit, nominiert von Antigua und Barbuda. Die Ecuadorianerin war Präsidentin der UN-Generalversammlung und zuvor Außen- und Verteidigungsministerin ihres Landes.
Aus dem afrikanischen Raum kommt Macky Sall, ehemaliger Präsident des Senegal und ehemaliger Vorsitzender der Afrikanischen Union. Vorgeschlagen wurde er von Burundi. Er war zuvor auch Premierminister und Präsident der Nationalversammlung des Senegal.
Komplettiert wird das bisherige Bewerberfeld durch Carolyn Rodrigues-Birkett, nominiert von Guyana. Sie ist UN-Botschafterin Guyanas und war zuvor Außenministerin sowie Ministerin für Angelegenheiten der indigenen Völker ihres Landes. Bei der Diskussion sagte sie: "Ein Luxus, den sich ein UN-Generalsekretär nicht leisten kann, ist, es nicht zu versuchen."
Die Zusammensetzung des Feldes folgt einer klaren regionalen Logik. "Es ist kein Zufall, dass es sich hier um vier Frauen und zwei Männer handelt, und dass fünf von ihnen aus dem lateinamerikanischen Raum stammen", sagt Daniel Forti, UN-Experte bei der International Crisis Group. Turnusmäßig wäre nach dem Europäer Guterres ein Kandidat aus Lateinamerika an der Reihe. Das macht die Bewerberinnen aus der Region zu natürlichen Favoritinnen.
Suche nach einer Frau an der Spitze
Beobachter sehen Grossi als einen der aussichtsreichsten Bewerber. UN-Expertin Maya Ungar von der Crisis Group sagte mit Blick auf Grossi: "In seiner Rolle musste er mit vielen großen Playern wie USA, China und Russland sprechen, vermitteln, mit ihnen in ständigem Austausch bleiben und medial präsent sein." Damit bringe er Eigenschaften mit, die für den Posten entscheidend seien.
Die Mehrheit der Beobachter sieht dennoch derzeit keinen klaren Favoriten. Der UN-Experte Daniel Forti verwies auf eine strukturelle Schwäche des Sicherheitsrats: "Wenn die sich nicht einig sind oder wenn sogar einer von ihnen selbst in einen Krieg involviert ist oder sogar selbst das Völkerrecht verletzt, indem er die territoriale Integrität eines anderen Staates angreift, ist der Sicherheitsrat handlungsunfähig." Diese Blockaden könnten auch die Wahl beeinflussen.
Eigene Akzente setzt die Diskussion um die Rolle einer Frau an der Spitze der UN. Der scheidende Generalsekretär Guterres hatte Ende Januar bei seiner Jahresauftaktpressekonferenz in New York gesagt: "Es ist eindeutig Zeit für eine Frau an der Spitze der Vereinten Nationen." Auch die Präsidentin der UN-Vollversammlung und frühere deutsche Außenministerin Annalena Baerbock hatte sich zuvor für eine Frau ausgesprochen.
Infantino-Spekulation und Blockaden
Baerbock hatte dazu erklärt: "Wie kann es sein, dass es in 80 Jahren noch nie eine Frau als Generalsekretärin gab, obwohl die Hälfte der Weltbevölkerung, der wir dienen sollen, Frauen und Mädchen sind?" Bachelet warb zudem für das Recht auf Selbstbestimmung, etwa bei der Entscheidung für oder gegen eine Abtreibung. Diese Position gilt vielen Republikanern im US-Kongress als "zu woke", weshalb US-Außenminister Marco Rubio aufgefordert wurde, ein Veto gegen Bachelet einzulegen.
Für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgte ein Bericht der New York Post. Demnach könnte FIFA-Präsident Gianni Infantino, der Schweizer ist, möglicherweise von US-Präsident Donald Trump in das Rennen geschickt werden. UN-Experte Richard Gowan bezweifelt allerdings dessen Chancen: "Er wird inzwischen so eng mit dem US-Präsidenten in Verbindung gebracht, dass insbesondere China und Russland seine Unparteilichkeit infrage stellen würden." Sein Name tauche zwar "schon seit einiger Zeit in Diskussionen über mögliche Außenseiterkandidaten für das Amt des UNO-Generalsekretärs auf – allerdings häufig eher ironisch als ernsthaft".
Finanzprobleme und Reformdruck
Die TV-Debatte drehte sich um die großen Baustellen der Weltorganisation: die Blockaden im Sicherheitsrat, die Finanzprobleme und die wachsende Zahl internationaler Krisen. Auffällig war, dass nach Beobachtungen des townhall-treffen kein Bewerber Putin, Trump oder den chinesischen Präsidenten Xi Jinping offen kritisierte. Grossi formulierte es in seiner Bewerbung so: "Selbst in Zeiten der Spaltung können multilaterale Institutionen echte, positive Wirkung erzielen."
Die finanziellen und operativen Probleme der UN sind beträchtlich. Laut einem Bericht des Stockholmer Sipri-Instituts war die Zahl der UN-Blauhelme 2025 auf dem niedrigsten Stand seit 25 Jahren. Gründe seien mangelnde Finanzierung und politische Blockaden. Eine künftige Generalsekretärin oder ein künftiger Generalsekretär müsse diese strukturellen Defizite angehen.
Sollte der Sicherheitsrat ohne Veto eine Empfehlung aussprechen, folgt die Bestätigung durch die Generalversammlung. Beobachter werten dies als Formsache. Sollte es jedoch zu einem Veto kommen, könnte sich das Verfahren erheblich verzögern. Die erste Probeabstimmung Ende Juli wird daher als wichtiger Stimmungstest für die sechs Bewerberinnen und Bewerber gelten.
Fragen & Antworten
Wer tritt als Nachfolger von António Guterres an?
Bisher haben sich sechs Kandidatinnen und Kandidaten beworben, darunter die ehemalige chilenische Präsidentin Michelle Bachelet, die Costa-Ricanerin Rebeca Grynspan, der argentinische IAEA-Chef Rafael Grossi, die ehemalige Präsidentin der UN-Generalversammlung María Fernanda Espinosa, der ehemalige senegalesische Präsident Macky Sall und die guyanische UN-Botschafterin Carolyn Rodrigues-Birkett.
Wie wird der nächste UN-Generalsekretär oder die nächste Generalsekretärin gewählt?
Staaten nominieren Kandidaten, der UN-Sicherheitsrat empfiehlt mit mindestens neun von 15 Stimmen einen Bewerber oder eine Bewerberin, wobei die fünf ständigen Mitglieder ein Vetorecht haben. Die Generalversammlung mit ihren 193 Mitgliedstaaten bestätigt diese Empfehlung, was in der Regel als Formsache gilt.
Warum steht Lateinamerika im Zentrum der Kandidatenliste?
Nach dem Europäer Guterres ist turnusmäßig ein Kandidat aus Lateinamerika an der Reihe. Von den sechs Bewerbern kommen fünf aus dieser Region, darunter vier Frauen.
UN-Nachfolge Guterres: Sechs Kandidaten im Rennen um den | nachrichten360