Trump wirft Netanjahu im Telefonat 'Völlig verrückt' vor – Israel setzt Angriffe im Libanon dennoch fort
Washington, 02. Juni 2026
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Kurzfassung
US-Präsident Donald Trump hat den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu in einem Telefonat massiv beschimpft und ihm Undankbarkeit vorgeworfen. Trotz einer von Trump verkündeten Waffenruhe zwischen Israel und der Hisbollah setzt Israel seine Angriffe im Südlibanon fort, während der Iran Verhandlungen mit Washington aufkündigt.
US-Präsident Donald Trump hat den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu in einem unflätigen Telefonat als 'völlig verrückt' bezeichnet und ihm vorgeworfen, durch die Wiederaufnahme von Luftangriffen auf Beirut die laufenden Verhandlungen mit dem Iran zu gefährden.
Hintergrund des Konflikts
In dem als 'eines der schlimmsten' beschriebenen Telefonat am Montagabend soll Trump laut einem Bericht des US-Portals Axios, der sich auf zwei US-Regierungsvertreter und eine weitere mit dem Gespräch vertraute Quelle stützt, lautstark geworden sein. 'Du bist total verrückt', soll Trump geschrien haben, und weiter: 'Was zum Teufel machst du da?' und 'Die ganze Welt hasst Israel deshalb'. Trump habe Netanjahu zudem Undankbarkeit vorgeworfen und gesagt: 'Ich rette deinen Hintern.' Er habe zudem auf den seit Jahren laufenden Korruptionsprozess gegen Netanjahu angespielt: Ohne ihn säße Netanjahu im Gefängnis.
Auslöser der Wut war demnach Netanjahus Ankündigung, die israelische Luftwaffe werde wieder Ziele in den südlichen Vororten Beiruts angreifen – einem Viertel, das als Hochburg der schiitischen Hisbollah-Miliz gilt. Die Waffenruhe zwischen Israel und dem Libanon gilt zwar offiziell seit dem 17. April, wird jedoch von der Hisbollah nicht anerkannt und faktisch täglich gebrochen. Israelische Bodentruppen sind inzwischen bis zum Zahrani-Fluss vorgedrungen – tiefer als seit dem Jahr 2000 nicht mehr.
Trumps Waffenruhe – und Netanjahus Widerspruch
Trump hatte noch in der Nacht zum Dienstag auf seiner Plattform Truth Social verkündet, er habe sowohl Netanjahu als auch hochrangige Vertreter der Hisbollah zur Deeskalation bewogen. 'Der ganze Beschuss wird aufhören', schrieb er. Israel werde keine Truppen nach Beirut entsenden, bereits auf dem Marsch befindliche Einheiten seien zurückbeordert worden. Die Hisbollah habe zugestimmt, alle Schusswechsel einzustellen – 'dass Israel sie nicht angreifen wird und sie Israel nicht angreifen werden.' Später fügte er an: 'Mal sehen, wie lange das anhält – hoffentlich für die EWIGKEIT!'
Netanjahu reagierte mit einer eigenen Erklärung auf X, die eine neue Waffenruhe mit keinem Wort erwähnte. 'Unsere Haltung bleibt unverändert', schrieb er. 'Sollte die Hisbollah aber ihre Angriffe auf israelische Städte nicht einstellen, werde Israel wieder 'Terrorziele' in Beirut angreifen.' Er habe diese Position Trump mitgeteilt, 'An dieser Haltung hält Israel unverändert fest.' Israelische Medien, darunter die Times of Israel, berichteten zugleich unter Berufung auf Militärs, dass entgegen Trumps Darstellung ohnehin keine Truppen auf dem Weg nach Beirut gewesen seien – Netanjahu hatte lediglich Luftangriffe auf das Viertel Dahiya angekündigt, nicht aber eine Bodenoffensive auf die Hauptstadt.
Gewalt hält an: Angriffe im Libanon und auf Israel
Die Lage auf beiden Seiten der Grenze blieb auch nach Trumps Ankündigung explosiv. Am frühen Dienstagmorgen meldete die israelische Luftwaffe die Abfangung zweier aus dem Libanon abgefeuerter Projektile im Norden des Landes. Verletzte gab es nach israelischen Angaben nicht; die Angaben zu den Abfangungen ließen sich nicht unabhängig überprüfen. Libanesische Medien berichteten kurz zuvor von neuen israelischen Angriffen im Südlibanon. In der Stadt Nabatieh, einer der größten Städte der Region, wurden die Bewohnerinnen und Bewohner zur Flucht aufgerufen; die Stadt war bereits zuvor schwer bombardiert worden. Am Dienstag wurden bei israelischen Drohnenangriffen im Südlibanon mindestens acht Tote gezählt, darunter zwei Kinder.
Der iranische Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf kündigte nach einem Gespräch mit seinem libanesischen Amtskollegen Nabih Berri Konsequenzen an. 'Sollte die israelische Aggression gegen den Libanon nicht aufhören, werde der Iran nicht nur den Verhandlungsweg stoppen, sondern auch in eine direkte Konfrontation mit dem Feind treten.' Teheran hat den Libanon-Krieg und die Verhandlungen darüber zu einem festen Bestandteil seiner Gespräche mit Washington gemacht. Nach iranischen Angaben fordert die Führung in Teheran für ein finales Abkommen mit den USA einen dauerhaften Waffenstillstand im Libanon, die Freigabe eingefrorener iranischer Vermögen im Ausland sowie eine de facto-Kontrolle über die Straße von Hormus.
Iran zieht sich zurück – und droht mit Eskalation
Die iranische Nachrichtenagentur Tasnim meldete, das Verhandlungsteam habe indirekte Gespräche mit den USA über Vermittler ausgesetzt und die angekündigten israelischen Angriffe auf die Beiruter Vororte als Grund genannt. Trump widersprach auf Truth Social: 'Die Gespräche mit der Islamischen Republik Iran gehen in raschem Tempo weiter.' Auch in einem Telefoninterview mit dem US-Sender ABC erklärte er, er erwarte eine Einigung mit Teheran 'innerhalb der nächsten Woche' zur Verlängerung der Waffenruhe und zur Wiedereröffnung der Straße von Hormus für die internationale Schifffahrt. Direkte Gespräche zwischen den USA und dem Iran finden allerdings seit Wochen nicht statt; verhandelt wird über Mittelsleute, unter anderem aus Pakistan und Katar. In einem CNBC-Interview am Montag sagte Trump zugleich, die Gespräche seien ihm mittlerweile 'langweilig' – 'Nichts könnte mir mehr egal sein.'
Aus dem Iran kamen allerdings auch harte Töne. Der stellvertretende Chef des zentralen iranischen Militärkommandos Chamat al-Anbija, Mohammad Dschafar Assadi, sagte im Staatssender Irib: 'Die USA verlangen unsere vollständige Kapitulation, und die iranische Nation wird niemals kapitulationieren. Ohne Kapitulation ist der Krieg unvermeidlich.' Irans Außenminister Abbas Araghtschi betonte, eine Waffenruhe zwischen Iran und den USA müsse für alle Fronten gelten, einschließlich des Libanon. Die iranischen Verhandlungskreise erklärten laut der Agentur Mehr, man prüfe den Vorschlag 'mit großer Vorsicht' angesichts früherer Vertragsbrüche der USA – 'Basierend auf früheren Erfahrungen strebt der Iran nach greifbaren und echten Vorteilen.'
Innenpolitisches Beben in Israel
In Israel sorgte Trumps Durchgreifen für innenpolitische Verwerfungen. Der rechtsextreme Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir rief dazu auf, Trump die Stirn zu bieten: 'Dies ist der Zeitpunkt, unserem Freund, Präsident Trump, 'Nein' zu sagen.' Oppositionsführer Jair Lapid warf der Regierung Netanjahu vor, Israel in ein 'Protektorat der USA' zu verwandeln. Der frühere Ministerpräsident Naftali Bennett erklärte, die Regierung habe 'die Kontrolle über die israelische Souveränität verloren'. Der Oppositionspolitiker Gadi Eisenkot sprach von einer 'Kapitulation'. Die Knesset ebnete am Dienstag mit der ersten Lesung eines Auflösungsgesetzes den Weg für vorgezogene Neuwahlen zwischen dem 8. September und dem 20. Oktober; Umfragen sehen Netanjahus Likud zwar vorn, die bisherige Koalition würde aber ihre Mehrheit verlieren.
Hintergrund der Spannungen ist auch der seit sechs Jahren laufende Korruptionsprozess gegen Netanjahu, der wegen der Kriege Israels seit dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 wiederholt vertagt worden ist. Trump hat den israelischen Präsidenten Izchak Herzog mehrfach öffentlich aufgefordert, Netanjahu noch vor einem Urteil und 'zumindest einem Zeichen von Reue' zu begnadigen. Ein entsprechendes Gnadengesuch Netanjahus liegt nach Angaben aus Jerusalem seit Monaten zur Prüfung vor und gilt als rechtlich hochumstritten. Herzog werde vermutlich erst nach der Parlamentswahl entscheiden.
In Washington gehen unterdessen die Verhandlungen zwischen Israel und dem Libanon in die vierte Runde. Die libanesische Regierung, die nicht selbst Konfliktpartei ist, strebt eine Ausweitung der Waffenruhe auf das gesamte Staatsgebiet an; Israel verlangt die Entwaffnung der Hisbollah und einen dauerhaften Friedensprozess. Die Hisbollah selbst nimmt an den Gesprächen nicht teil, hat aber über das Büro des libanesischen Parlamentspräsidenten Nabih Berri – eines schiitischen Politikers, der dem Amt seit Jahrzehnten vorsteht – und über Vermittler in Katar ihre Position übermittelt. Das libanesische Präsidialamt erklärte, der Hisbollah habe der US-Vorgabe zugestimmt. Der libanesische Botschafter in Washington stellte klar, eine Waffenruhe-Vereinbarung werde 'nicht das vollständige Ende der Kämpfe' bedeuten.
Verhandlungen in Washington: Suche nach einer Lösung
Die Bilanz der Gewalt ist verheerend. Seit dem 2. März sind nach libanesischen Angaben über eine Million Menschen vertrieben worden, mehr als 3.400 wurden getötet. Israel hat nach eigenen Angaben rund ein Fünftel des libanesischen Staatsgebiets besetzt. Auf israelischer Seite wurden nach Armeeangaben seit Anfang März etwa 2.500 Hisbollah-Kämpfer getötet; die Hisbollah feuerte in den vergangenen drei Monaten rund 5.500 Raketen auf israelische Truppen im Südlibanon, 2.500 Raketen auf Israel und startete 300 Drohnen. Am Montag forderte Israel die Bevölkerung im Südlibanon erneut zur Evakuierung auf; an mehreren Orten nahe Krankenhäusern gab es Tote und Verletzte.
Unterdessen sorgt der Konflikt mit dem Iran zunehmend auch für wirtschaftliche Verwerfungen. Die iranisch-israelisch-amerikanische Auseinandersetzung trieb die Inflationsrate im Euroraum im Mai auf 3,2 Prozent. In den USA wächst unter jungen Menschen die Kritik an Israel; die US-Unterstützung für Israel ist Umfragen zufolge stark gesunken. Für Trumps Republikaner ist der Krieg gegen Iran damit auch im Hinblick auf die Kongresswahlen im November ein ernstes Problem. Der Israel-Experte Danny Citrinowicz schrieb auf X: 'Es war stets klar, dass der derzeitige Kurs ohne eine Einigung letztlich zu einer Eskalation führen würde.'
Die Knesset bereitete am Dienstag mit einer ersten Lesung den Weg für vorgezogene Neuwahlen, die zwischen dem 8. September und dem 20. Oktober stattfinden sollen. Umfragen sehen Likud zwar an der Spitze, doch müsste die Koalition deutliche Verluste hinnehmen und hätte keine eigene Mehrheit mehr. Damit rückt auch das Schicksal des seit Jahren laufenden Korruptionsverfahrens gegen Netanjahu und die von Trump geforderte Begnadigung in den Hintergrund. Präsident Herzog, so heißt es in Jerusalem, werde eine Entscheidung über das Gnadengesuch vermutlich erst nach der Wahl treffen.
Die nächste Verhandlungsrunde in Washington ist für Mittwoch angesetzt. Bis dahin, so hieß es aus der libanesischen Präsidentschaft, solle 'auf den jüngsten Fortschritten aufgebaut' werden. Die Erfahrung der vergangenen Monate allerdings ist ernüchternd: 'Es gab in der Vergangenheit wiederholt Ankündigungen eines Waffenstillstands, der nie eintrat', hieß es in Beirut. Der Nahost-Experte Daniel Gerlach hält es zudem für unwahrscheinlich, dass Trump tatsächlich, wie von ihm behauptet, direkt mit der Hisbollah gesprochen hat. Die israelische Führung wiederum wolle die Hisbollah 'auslöschen' und sei zu Kompromissen 'nicht bereit'. Die Hisbollah kämpfe 'um ihr politisches und militärisches Überleben'. Die Waffenruhe, schloss Gerlach, sei 'fragiler denn je.'
Fragen & Antworten
Warum hat Trump Netanjahu im Telefonat als 'völlig verrückt' beschimpft?
Auslöser war Netanjahus Ankündigung, die israelische Luftwaffe solle wieder Ziele in den südlichen Vororten Beiruts angreifen. Trump fürchtete, dies könne die laufenden Verhandlungen mit dem Iran zum Scheitern bringen und Israel international weiter isolieren.
Was hat Trump mit seiner angeblichen Waffenruhe zwischen Israel und der Hisbollah erreicht?
Trump verkündete auf Truth Social, Israel und die Hisbollah hätten einer gegenseitigen Einstellung der Angriffe zugestimmt. Kurz darauf griff Israel den Südlibanon weiter an, die Hisbollah feuerte Raketen auf Nordisrael, und der Iran brach die indirekten Verhandlungen mit Washington ab.
Welche Folgen hat der Streit zwischen Trump und Netanjahu für Israel?
In Israel reagierten Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir mit einer öffentlichen Distanzierung von Trump, Oppositionsführer Jair Lapid sprach von einem 'Protektorat der USA', und die Knesset ebnete den Weg für vorgezogene Neuwahlen zwischen September und Oktober.