Starmers Rücktritt verpufft an den Börsen – Iran-Verhandlungen bestimmen das Geschehen
London/Frankfurt am Main, 22 Juni 2026
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Kurzfassung
Der angekündigte Rücktritt des britischen Premierministers Keir Starmer hat die europäischen Aktienmärkte am Montag kaum bewegt. Der DAX notierte am Mittag mit 24.945,75 Punkten leicht im Minus, während der Euro-Stoxx-50 und der FTSE 100 zulegten. Weitaus stärker als die britische Personalrochade beschäftigte die Anleger der Stand der Nahost-Verhandlungen.
London/Frankfurt am Main, 22 Juni 2026
Der britische Premierminister Keir Starmer hat am Montag in London seinen Rücktritt als Parteichef der Labour-Partei angekündigt, während die europäischen Börsen die Nachricht weitgehend ignorierten und stattdessen die laufenden Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran über ein Ende des Nahost-Krieges in den Mittelpunkt rückten.
Starmers Rückzug kommt nicht überraschend
In London gab der britische Premierminister Keir Starmer seinen Rücktritt als Parteichef bekannt. Mit seinem Abschied beugte er sich dem seit Monaten anhaltenden Druck aus seiner Partei. Bis zur Wahl eines Nachfolgers aus den eigenen Reihen will Starmer als Regierungschef im Amt bleiben, die Nachfolge soll bis September geklärt sein. Marktbeobachter werteten den Schritt als bereits eingepreist; Lee Hardman, Analyst bei der MUFG Bank, sagte: „Das kommt nicht überraschend. Der Markt wird nun auf mögliche politische Änderungen unter dem neuen Regierungschef achten“.
Burnham als Favorit an der Spitze
Als möglicher Nachfolger gilt Starmers parteiinterner Rivale Andy Burnham. Dieser hat seine Pläne für die Außen-, Wirtschafts- und Verteidigungspolitik noch nicht konkretisiert. Immerhin gebe es Berichte, wonach Burnham mit angesehenen Ökonomen zusammenarbeite, sagte MUFG-Analyst Hardman. Das könne die Abwärtsrisiken für das Pfund und die Staatsanleihen kurzfristig begrenzen. Der ehemalige Gesundheitsminister Wes Streeting schloss sich in einer auf X veröffentlichten Erklärung dem Lager der Burnham-Unterstützer an und bezeichnete Starmers Entscheidung als „richtig“; zugleich gilt er als möglicher nächster Schatzkanzler.
FTSE reagiert verhalten
Der Leitindex FTSE blieb zunächst fast unverändert und zog dann leicht an. Der FTSE 100 legte um 0,4 Prozent auf 10.404,72 Punkte zu. Das britische Pfund, das sich am Montag kaum verändert zeigte, hatte seit Zuspitzung der Führungsdiskussion in der Labour-Partei im Februar bereits rund drei Prozent gegenüber dem Dollar eingebüßt. Die Rendite für zehnjährige britische Staatsanleihen (Gilts) fielen um drei Basispunkte auf 4,811 Prozent, nachdem sie tags zuvor mit 4,84 Prozent nahe ihrer Höchststände aus dem Jahr 2008 verharrt hatten. Damit hat Großbritannien schon seit geraumer Zeit die höchsten Kreditkosten aller G7-Industriestaaten.
Hintergrund des politischen Erdbebens ist eine anhaltende wirtschaftliche Stagnation. In ihren knapp zwei Jahren an der Macht ist es der Labour-Regierung bisher nicht gelungen, die wirtschaftliche Stagnation zu überwinden, obwohl sie im Wahlkampf mit einem jährlichen Wachstum von 2,5 Prozent geworben hatte. Nach einem Wachstum von immerhin 1,3 Prozent im Jahr 2025 sehen Wirtschaftsinstitute für dieses Jahr ein Plus von maximal 1,1 Prozent voraus. Fast genau zehn Jahre nach dem Brexit-Votum der Briten ist klar, dass der Austritt aus der EU die Wirtschaft des Vereinigten Königreichs nicht vorangebracht hat.
Brexit-Schatten und Wirtschaftskrise
In den landesweiten Umfragen hat allerdings seit Februar 2025 die Partei Reform UK des Brexit-Befürworters Nigel Farage die Führung. Angesichts der anhaltenden Wirtschaftskrise war innerhalb der Labour-Partei zuletzt auch wieder über eine Rückkehr in die EU diskutiert worden. Beispielsweise sind die deutschen Ausfuhren nach Großbritannien zwischen 2016 und 2025 um rund sieben Prozent gesunken. Das liegt auch daran, dass die britischen Unternehmen ähnlich wie die deutschen den größten Teil ihrer Umsätze nicht auf dem heimischen Markt erzielen. Der neue Premierminister wird der Siebte seit dem Brexit-Referendum vor zehn Jahren sein; die nächsten Unterhauswahlen stehen spätestens 2029 an.
Am deutschen Aktienmarkt bleiben die Verhandlungen zur Beendigung des Iran-Krieges kursbestimmend. Nach dem Auftakt der Gespräche zwischen den USA und dem Iran in der Schweiz auf der Ebene der Verhandlungsführer soll es unmittelbar im Anschluss weitere Beratungen auf Arbeitsebene geben. Die Lage im Libanon bleibt eine Belastung, allerdings deuten die jüngsten Nachrichten auf eine Annäherung zwischen den USA und dem Iran hin. Die Hoffnung auf einen Ausweg aus dem Nahost-Krieg belastete die Aktien aus dem Rüstungssektor: Die Titel von Rheinmetall büßten 1,1 Prozent ein, im MDax verloren die Aktien von Hensoldt starke 4,6 Prozent.
Iran-Verhandlungen als Kurstreiber
Der DAX notierte am Mittag mit 24.945,75 Punkten 0,2 Prozent im Minus und lag damit nur knapp unter der Marke von 25.000 Zählern. Am frühen Nachmittag notiert der deutsche Leitindex kaum verändert bei 24.992 Punkten. Verkäufe setzten ein, als der DAX einen Vorstoß über die 25.000-Punkte-Marke versuchte. Schwergewichte wie SAP und Rheinmetall büßten jeweils rund zwei Prozent ein. SAP-Papiere gaben um 2,2 Prozent nach, Capgemini verlor 1,5 Prozent und Scout24 ebenfalls 1,5 Prozent – Sorgen über mögliche negative Auswirkungen von KI-Anwendungen auf das Softwaregeschäft belasteten die Branche. Auf den Verkaufszetteln ganz oben standen dagegen die Aktien von Konsumgüterherstellern, Medienunternehmen sowie Bau- und Baustoffefirmen.
Marktanalyst Maximilian Wienke vom Broker eToro sieht daher eine kritische Übergangsphase, in der die größte Gefahr nicht von der Konjunktur, sondern einem möglichen Scheitern der Verhandlungen ausgehe. „Die Börsen feierten bisher keinen Friedensvertrag, sondern honorierten lediglich Fortschritte auf dem Weg dorthin“, sagte Wienke. Der Euro-Stoxx-50 legte um 0,1 Prozent auf 6.296,87 Punkte zu, im Verlauf des Handelstages stieg der Index sogar um 0,29 Prozent. Europaweit schlossen die Leitbörsen im Plus, wobei der Euro bei 1,1452 Dollar leicht schwächer tendierte.
Im europäischen Sektortableau waren Technologiewerte wieder einmal am meisten gefragt. Infineon-Aktien stiegen um 5,3 Prozent auf 86,28 Euro und führten damit die Halbleiterwerte an. BE Semiconductor, STMicro und ASML legten um bis zu 3,7 Prozent zu, im Euro-Stoxx und im französischen CAC-40 zählten Infineon und STMicroelectronics zu den größeren Gewinnern. Bernstein-Analysten hoben ihr Kursziel für Infineon auf 102 Euro von zuvor 74 Euro an und verwiesen auf den Konzern als einen der wesentlichen Profiteure von Leistungshalbleitern. Die Aktien der Chipkonzerne SK Hynix und TSMC legten in Asien ebenfalls deutlich zu. In Paris stiegen Danone-Papiere um 0,6 Prozent, nachdem der Konzern die Übernahme des australischen Herstellers Made Group bekannt gegeben hatte.
Halbleiter führen die Gewinnerliste an
Bei den Nebenwerten sorgten Indexveränderungen für Bewegung: Hochtief wurde erstmals in den DAX aufgenommen und ersetzte die Porsche Automobil Holding, die in den MDAX wechselte; gleichzeitig gab es weitere Anpassungen in MDAX und SDAX. Hochtief-Aktien gewannen 1,0 Prozent, während Porsche Automobil Holding 3,3 Prozent abgaben. Nordex-Aktien stiegen um 2,5 Prozent, nachdem das Unternehmen nach eigenen Angaben eine erste Tranche größerer US-Aufträge von drei ungenannten Kunden erhalten hatte; Jefferies-Analysten werteten dies als positives Signal für den Markteintritt in den USA.
Dagegen büßten OHB-Aktien 4,4 Prozent auf 387,50 Euro ein, nachdem das Unternehmen angekündigt hatte, im Rahmen einer geplanten Kapitalerhöhung neue Anteile zu 300 Euro je Stück auszugeben und dabei Bruttoerlöse von bis zu 510,7 Millionen Euro anzustreben. OHB hatte rund eine Woche zuvor Pläne vorgestellt, rund 500 Millionen Euro durch eine Kapitalerhöhung zur Erweiterung der Produktionskapazitäten aufzunehmen. Der Investor KKR bietet im Rahmen der Transaktion bis zu rund 1,23 Millionen bestehende OHB-Aktien an.
Der Index der Öl- und Gaskonzerne knüpfte an seine Stabilisierung nach den vorangegangenen Verlusten an, obwohl es für die Ölpreise weiter nach unten ging. Der Preis für ein Barrel Brent-Öl fiel um 1,8 Prozent auf 79,10 Dollar und rutschte damit unter die Marke von 80 Dollar. Die Saxo Bank erklärte laut Artikel, Fortschritte in den Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran sowie Bemühungen um eine sichere Passage durch die Straße von Hormuz hätten die Sorgen über Energieversorgungsengpässe und einen breiteren Inflationsschock gemildert.
Außerhalb des politischen Geschehens sorgte Easyjet für Schlagzeilen: Die britische Billigfluggesellschaft lehnte dem Interessenten Castlelake zufolge auch ein drittes unverbindliches Übernahmeangebot des US-Investors ab. Castlelake habe Easyjet am 20. Juni angeboten, alle Aktien für 625 Pence je Anteilsschein in bar zu übernehmen. Der Easyjet-Verwaltungsrat hatte zuvor bereits Offerten über 560 und 600 Pence zurückgewiesen. Nun haben die Amerikaner bis zum 26. Juni Zeit, ein verbindliches Übernahmeangebot zu unterbreiten oder ihr Angebot zurückzuziehen. Die Easyjet-Aktie stieg dennoch um 2,8 Prozent auf 518 Pence.
Easyjet weist Castlelake erneut zurück
In den vergangenen sechs Monaten hatte der sogenannten „Footsie“ kaum schlechter als etwa der amerikanische S&P 500 abgeschnitten. Damit zeigte sich der britische Leitindex im internationalen Vergleich überraschend robust, obwohl die politische Führungskrise im Inland andauert. Die Anleger blicken nun gespannt auf die kommenden Wochen: Sollte Burnham tatsächlich das Rennen machen, könnte die wirtschaftspolitische Neuausrichtung die Stimmung an den Märkten nachhaltig verändern.
Fragen & Antworten
Wer ist Keir Starmer und warum tritt er zurück?
Keir Starmer ist der britische Premierminister und Vorsitzender der Labour-Partei; er gab am 22. Juni 2026 in London seinen Rücktritt als Parteichef bekannt, weil der Druck aus den eigenen Reihen seit Monaten anhielt. Bis zur Wahl eines Nachfolgers will er im Amt bleiben.
Wer könnte Starmer als Premierminister nachfolgen?
Als Favorit auf die Nachfolge gilt der parteiinterne Rivale Andy Burnham, der laut MUFG-Analyst Lee Hardman mit angesehenen Ökonomen zusammenarbeitet. Der ehemalige Gesundheitsminister Wes Streeting unterstützte Starmers Rückzug öffentlich und gilt als möglicher nächster Schatzkanzler.
Warum reagierten die Börsen kaum auf Starmers Rücktritt?
MUFG-Analyst Lee Hardman erklärte, der Schritt sei erwartet worden; zudem richteten die Anleger ihre Aufmerksamkeit vor allem auf die laufenden Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran über ein Ende des Nahost-Krieges, die den Handel stärker beeinflussten.