Rettung nach sechs Tagen: Jordanisches Team befreit Dreijährigen lebend aus Trümmern in Caracas
Caracas, 1. Juli 2026
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Kurzfassung
Sechs Tage nach dem verheerenden Doppelbeben in Venezuela hat ein jordanisches Rettungsteam einen dreijährigen Jungen lebend aus den Trümmern eines eingestürzten Gebäudes in Caracas geborgen. Gleichzeitig steigt die Zahl der Toten nach offiziellen Angaben auf mindestens 2.295, Tausende Menschen werden weiterhin vermisst.
Sechs Tage nach dem verheerenden Doppelbeben in Venezuela hat ein jordanisches Rettungsteam einen dreijährigen Jungen lebend aus den Trümmern eines eingestürzten Gebäudes in der Hauptstadt Caracas geborgen, während die offizielle Zahl der Toten weiter steigt.
Rettung nach tagelanger Suche
Die Rettung des Jungen erfolgte nach fast einer Woche unter den Trümmern – ein Zeitraum, der die übliche Überlebenschance bei weitem übersteigt. Nach Angaben des jordanischen Zivilschutzes erhielt das Kind vor Ort Erste Hilfe und wurde in ein Krankenhaus gebracht. „Der Bub habe vor Ort Erste Hilfe erhalten und sei in ein Krankenhaus gebracht worden“, teilte der jordanische Zivilschutz mit. Die Bergung wurde auf der Plattform X bekanntgegeben. Fachleute betonen, dass die ersten 72 Stunden nach einer Naturkatastrophe als kritische Phase für die Suche nach Überlebenden gelten; eine Rettung nach sechs Tagen gilt als außergewöhnlich. Die Hoffnung, weitere Verschüttete lebend zu finden, schwindet nach Angaben der Behörden mit jeder weiteren Stunde.
Steigende Opferzahlen und Zerstörung in La Guaira
Bereits in der Nacht auf Dienstag (Ortszeit) hatten salvadorianische Einsatzkräfte einen 44-Jährigen unter den Trümmern eines Einkaufszentrums in der Küstenstadt Maiquetía erreicht. „Der Mann sei über einen Schlauch mit Wasser versorgt worden, während die Rettungsarbeiten andauerten“, hieß es. Präsident Nayib Bukele hatte die Rettung auf der Plattform X gemeldet. Internationale Rettungsteams aus Mexiko, Tschechien, Jordanien, Chile, Deutschland und der Schweiz sind weiterhin in den Trümmern im Einsatz, koordiniert im Wesentlichen von den Vereinten Nationen.
Unterdessen steigt die Zahl der Toten weiter. Wie Parlamentspräsident Jorge Rodríguez am Mittwoch in einer Fernsehansprache mitteilte, ist die Zahl der Toten seitdem auf mindestens 2.295 gestiegen. Nach seinen Angaben wurden 855 Gebäude vollständig zerstört oder schwer beschädigt. Rund 26.400 Menschen seien direkt von der Katastrophe betroffen, darunter Verletzte, psychisch Belastete sowie Menschen, deren Wohnungen zerstört oder schwer beschädigt wurden. Die geschäftsführende Präsidentin Delcy Rodríguez ordnete wegen der Opfer eine siebentägige Staatstrauer an und sprach den Angehörigen ihr Beileid aus.
Dennoch wurden nach Angaben von Parlamentspräsident Jorge Rodríguez mehr als 6.400 Menschen von Suchmannschaften lebend gerettet, bislang 6.461 nach konkreter Zählung. Er ging aber davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Überlebenden wahrscheinlich eher bei 20.000 liegt, weil sich zahlreiche Verschüttete aus eigener Kraft oder mit der Hilfe von Familienmitgliedern, Freunden und Nachbarn befreit hätten. Nach UN-Angaben werden weiterhin mehr als 50.000 Menschen vermisst; die Zahl könnte allerdings Doppelzählungen enthalten, hieß es. „Bislang mehr als 6400 Menschen nach Erdbeben in Venezuela gerettet“, fasste Rodríguez den Stand zusammen.
Gesundheitssystem unter Druck
Die Behörden melden zudem eine hohe Zahl Verletzter. „Nach Behördenangaben wurden zudem 11.267 Menschen verletzt.“ Die direkt aufeinanderfolgenden Erdbeben haben ganze Wohnviertel dem Erdboden gleichgemacht. 38 Spitäler wurden beschädigt, drei mussten geschlossen werden. Es mangelt an allem: sauberem Trinkwasser, mobilen Sanitäranlagen, medizinischer Notversorgung und sicheren Unterkünften. Die Panamerikanische Gesundheitsorganisation (PAHO) warnte angesichts der Lage vor einer Verschärfung der Gesundheitskrise. Wegen überlasteter Krankenhäuser, beschädigter Wasser- und Sanitärsysteme sowie unterbrochener Impfprogramme steige das Risiko von Krankheitsausbrüchen, teilte die PAHO mit.
Die Erdstöße hatten eine Stärke von 7,2 und 7,5. „Die zwei Beben hatten sich am Mittwoch vergangener Woche im Abstand von nur 39 Sekunden westlich der Hauptstadt Caracas ereignet“, hieß es. Seit dem Doppelbeben am 24. Juni wurden nach offiziellen Angaben 782 Nachbeben registriert. Deren Häufigkeit und Stärke nehme zwar ab, die Gefahr eines weiteren starken Bebens sei jedoch noch nicht vollständig verschwunden. Die Küstenstadt La Guaira wurde am stärksten zerstört. „Wie Parlamentspräsident Jorge Rodriguez sagte, hielten sich etwa 30.000 von ihnen im Hafengebiet der Küstenstadt La Guaira auf, die am stärksten zerstört wurde.“ Fotos des 26-jährigen Deutschen Henrik Schmalz aus Baden-Baden, der zuvor zwei Monate bei einer Gastfamilie in La Guaira gelebt hatte, zeigen Autos unter eingestürzten Häusern und Menschen, die über Schuttberge laufen.
„Wir sind sehr spät dran, aber unser Ziel ist es, weiter Leben zu retten“, sagte der spanische Helfer Luis Arteaga Benatuil am Mittwoch bei seiner Ankunft in Venezuela. Viele internationale Such- und Rettungsteams seien allerdings erst eingetroffen, nachdem das kritische Zeitfenster bereits verstrichen war, hieß es. Auch die WHO zeigte sich besorgt. „Die fehlenden Investitionen und das von der Wirtschaftskrise gebeutelte Gesundheitssystem stehe unter extremem Druck“, erklärte WHO-Sprecher Christian Lindmeier. Er warnte zudem vor Ausbrüchen impfpräventabler Krankheiten wie Masern, Diphtherie und Keuchhusten sowie vor Gelbfieber-Ausbrüchen und vektor- oder wasserübertragenen Krankheiten wie Dengue-Fieber, Chikungunya, Zika, Oropouche und Malaria. Die PAHO rief deshalb zu internationaler Unterstützung in Höhe von 24 Millionen US-Dollar auf. Nach ihren Angaben benötigen Hunderttausende Menschen weiterhin medizinische Hilfe.
Vorwürfe gegen Sicherheitskräfte und Übergangsregierung
In Caracas berichtet die freie Journalistin Anne Demmer aus einem Spital, das nach eigenen Angaben der höchsten Kategorie entspricht. „Ein leitender Arzt sagte mir verzweifelt, die Krise habe nicht erst mit dem Beben begonnen, sondern bestehe seit Jahren. Es gebe kein Labor und keine essenziellen technischen Geräte“, so Demmer. Der leitende Arzt kritisierte anonym: „Ein Krankenhaus dieser Kategorie, das eigentlich gut ausgestattet sein sollte, verfügt nicht einmal über ein einfaches Labor. Es gibt keine Röntgengeräte. Weder einen Computertomographen noch einen Magnetresonanztomographen.“ Patienten würden teils auf Plastikstühlen vor dem Krankenhaus sitzen oder auf Matratzen liegen. Die Krise habe nicht mit dem Erdbeben begonnen, sie sei auf staatliches Unvermögen zurückzuführen, sagte der Arzt weiter. Das Land befinde sich seit zehn Jahren in einer Krise. „Die Patienten kämen ohnehin schon in einem sehr späten Stadium ins Krankenhaus. Es gehe nicht um Minuten, sondern um Sekunden“, warnte er.
Die Lage wird auch durch das Verhalten der Sicherheitskräfte erschwert. Wie internationale Helfer berichteten, würden das Militär und das Sicherheitspersonal des venezolanischen Staates „absolut nutzlos herumstehen“ und sich in umständlichen bürokratischen Dokumentenkontrollen verlieren, anstatt schwere Geräte heranzuschaffen. „Die Sicherheitskräfte verstehen etwas von Repression. Aber den Verkehr können sie nicht regeln“, zitierte ein anonymer Teilnehmer den Unmut. Auch seien private Sammelstellen für Hilfsgüter aufgelöst worden. UNHCR erklärte, in La Guaira sei „Lebensmittelknappheit verbreitet, die Grundversorgung zusammengebrochen und die Kommunikationsverbindungen weitgehend unterbrochen“. Die Stimmung in der Bevölkerung nehme zu, weil der Zugang zu Hilfe eingeschränkt bleibe, sagte UNHCR-Sprecherin Carlotta Wolf.
Die geschäftsführende Präsidentin Delcy Rodríguez steht wegen ihres Krisenmanagements zunehmend unter Druck. „Sie war zuletzt bei einem öffentlichen Auftritt ausgebuht worden und geriet wegen ihres Auftretens während der Katastrophe in sozialen Netzwerken zunehmend unter Druck“, berichteten Medien. Übergangspräsidentin Delcy Rodriguez wurde bei einem Besuch in einem stark beschädigten Stadtteil ausgebuht. Bereits am Sonntag war sie kritisiert worden, weil sie sich in einer entscheidenden Phase lediglich zu einem zeremoniellen Treffen mit internationalen Rettungsteams hatte blicken lassen. Rodríguez war zuvor Vizepräsidentin in der Regierung von Nicolás Maduro gewesen; sie trat dennoch selbstbewusst in der Öffentlichkeit auf und rief zu Spenden auf. „Die Stille, die über den zerstörten Häusern liegt, bewegt mich sehr. Es gibt zu wenige Krankenwagen und die Verletzten werden teils notdürftig auf Motorrädern in nahegelegene Krankenhäuser gebracht. Es fehlen insbesondere medizinische Notfallausrüstung, Medikamente und Material für die Traumaversorgung“, sagte Jonas Jung von Malteser International aus La Guaira.
Internationale Hilfe und US-Einsatz
Angesichts der Lage haben mehrere Länder und Organisationen ihre Hilfe zugesagt. Deutschland entsandte sechs militärische Transportmaschinen vom Typ Airbus, die in der Nacht von Freitag auf Samstag auf dem provisorisch reparierten internationalen Flughafen nahe dem Katastrophengebiet in La Guaira landeten. Die deutsche Delegation plant ihre Abreise spätestens am Donnerstag; die meisten Helfer sollen Venezuela ab Mitte der Woche verlassen. Die österreichische Bundesregierung genehmigte am Mittwoch einen Beitrag von 500.000 Euro aus dem Auslandskatastrophenfonds zugunsten des Nothilfefonds der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC). Katar lieferte Tonnen von Rettungsgerät und eigenen Feuerwehrfahrzeugen sowie Teams aus anderen Ländern, darunter den syrischen Rettungsdienst.
Auch die US-Streitkräfte sind mit einem Großkontingent im Einsatz und koordinieren die humanitäre Hilfe vor Ort mit. Wie der Befehlshaber des US-Südkommandos, General Francis Donovan, am Dienstag der Nachrichtenagentur Reuters sagte, sind mehr als 900 Einsatzkräfte im Land und weitere rund 800 auf Stützpunkten in Puerto Rico und Curaçao stationiert. Das US-Militär beteilige sich an Such- und Rettungsoperationen, habe zur Wiedereröffnung des Flughafens beigetragen und Luft- sowie Seetransporte für humanitäre Hilfsgüter mobilisiert. Mindestens vier oder fünf MQ-9-Reaper-Drohnen würden über Venezuela eingesetzt, um den venezolanischen Behörden ein besseres Lagebild zu verschaffen. „Der 3. Jänner ist noch nicht so lange her. Und man muss sich nur ansehen, wie sich diese Beziehung gewandelt hat“, sagte Donovan mit Blick auf den politischen Kurswechsel seit der US-Militäroperation Anfang Januar. Er äußerte die Hoffnung, dass der Einsatz die Tür für engere militärische Beziehungen zu Venezuela öffnen könnte. „Es ist nicht die Rede davon, zu bleiben“, sagte er. „Wir gehen, wenn wir fertig sind.“
Hintergrund: Politische Umbrüche und Ölinteressen
Der Hintergrund der US-Intervention: Anfang Januar hatten US-Truppen Nicolás Maduro festgenommen und in die USA gebracht, um ihn dort wegen Drogenhandels vor Gericht zu stellen. „Noch am 3. Jänner hatte das US-Militär eine Razzia ausgeführt, um den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro zu ergreifen und ihn für einen Prozess wegen Drogenhandels nach New York zu bringen“, hieß es. Washington kontrolliert seitdem die Erlöse aus dem venezolanischen Ölverkauf – dem wichtigsten Einnahmequelle des Landes. Auf den dort verwalteten Konten haben sich nach Angaben rund 3 Milliarden US-Dollar angesammelt. Washington plant nach eigenen Angaben 150 Millionen US-Dollar für einen Hilfsfonds beizusteuern; zeitweise waren bis zu 300 Millionen im Gespräch. Trump hat keinen Hehl daraus gemacht, dass es ihm um das Erdöl geht. Ein westlicher Diplomat kritisierte indes: „Jetzt wollen sie Venezuela von den 3 Milliarden nur 150 Millionen geben.“ Das Versagen des Regimes bei der Katastrophenbewältigung sei ein schwerer Rückschlag für Trump, sagte ein Diplomat.
Suche und menschliche Schicksale
Neben den Such- und Bergungsarbeiten warnen Helfer vor einer sich zuspitzenden humanitären Krise. Nach UN-Angaben galten bereits vor dem Beben rund 7,9 Millionen Menschen in Venezuela als auf humanitäre Hilfe angewiesen; mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt nach Schätzungen in extremer Armut. Darvin Silva (37) versuchte tagelang, seine Mutter aus einem eingestürzten Haus zu bergen – sie überlebte nicht. „mit bloßen Händen, mit Vorschlaghämmern, mit Spitzhacken“, berichtete er. „Man kann nicht einmal ansatzweise vorstellen, was die Suche bedeutet“, sagte er über die Hilfeleistungen von Laien. Auch Wilker Molalla aus La Guaira suchte im Leichenschauhaus nach Angehörigen. „Man hat mir gesagt, dass meine Schwester und ihre Kinder hier sind und die Kinder meines Bruders. In meinem Haushalt lebten elf Menschen. Nur zwei von uns haben überlebt, weil wir bei der Arbeit waren“, sagte er. Ein Mann forderte laut: „Es sind meine Kinder, ich möchte sie zurückhaben - ob lebendig oder tot -, aber ich will sie bei mir haben! Man wird sie nicht in ein Massengrab werfen.“
Die Suche nach Überlebenden werde fortgesetzt, auch wenn die Chancen nach einer Woche zunehmend sinken. „Die Stimmung ist besser, als man vielleicht denken würde. Es geht jetzt darum, irgendwie weiterzumachen - und zu schauen, dass wir wieder Normalität finden“, sagte Schmalz. Er will nach eigenen Angaben bleiben, bis er „mit gutem Gewissen gehen kann“. Mareike Harms, ehrenamtliche Helferin beim Technischen Hilfswerk (THW), sagte: „Wir erleben vor Ort viel Solidarität.“ Auch Fachleute rechnen damit, dass die Regierung eher mit Härte und Repression auf den wachsenden Unmut reagieren wird, statt Reformen anzustoßen. In sozialen Medien werden Sicherheitskräfte zunehmend offen beleidigt – ein Verhalten, das früher zu sofortiger Verhaftung geführt hätte. „Die Spannungen in der Bevölkerung nehmen zu, weil der Zugang zu Hilfe eingeschränkt bleibt“, warnte UNHCR-Sprecherin Wolf. Die oppositionelle Politikerin und Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado kündigte über den US-Sender Vox an, nach Venezuela zurückkehren zu wollen; Washington hat indes bereits deutlich gemacht, dass es eine Rückkehr nicht unterstützen würde.
Fragen & Antworten
Wie konnte der dreijährige Junge nach sechs Tagen lebend geborgen werden?
Ein jordanisches Rettungsteam entdeckte den Jungen in den Trümmern eines eingestürzten Gebäudes in Caracas, versorgte ihn vor Ort mit Erster Hilfe und brachte ihn in ein Krankenhaus. Eine Rettung nach dieser Zeit gilt als außergewöhnlich, da die kritische Überlebensphase normalerweise 72 Stunden beträgt.
Wie hoch ist die offizielle Zahl der Todesopfer?
Nach Angaben von Parlamentspräsident Jorge Rodríguez vom Mittwoch ist die Zahl der Toten auf mindestens 2.295 gestiegen; mehr als 50.000 Menschen gelten den UN zufolge als vermisst.
Welche internationale Hilfe ist im Einsatz?
Rund 3.000 ausländische Helfer suchen in den Trümmern, darunter Teams aus Mexiko, Tschechien, Jordanien, Chile, Deutschland und der Schweiz. Das THW aus Deutschland sowie Malteser International und das österreichische Rote Kreuz sind ebenfalls vor Ort, die US-Streitkräfte stellen über 900 Soldaten.
Erdbeben Venezuela: Dreijähriger nach 6 Tagen gerettet | nachrichten360