Doppelerdbeben erschüttert Venezuela – Behörden befürchten bis zu 10.000 Tote
Caracas, 25 Juni 2026
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Kurzfassung
Zwei schwere Erdbeben der Stärke 7,2 und 7,5 haben Venezuela am Mittwochabend erschüttert und das stärkste Beben in dem südamerikanischen Land seit mehr als einem Jahrhundert ausgelöst. Die amtierende Präsidentin Delcy Rodríguez rief den Notstand aus, erklärte La Guaira zum Katastrophengebiet und kündigte einen 200-Millionen-Dollar-Fonds für den Wiederaufbau an.
Caracas, 25 Juni 2026
Zwei schwere Erdbeben der Stärke 7,2 und 7,5 haben am Mittwochabend (Ortszeit) den Nordwesten Venezuelas erschüttert und das heftigste Beben in dem südamerikanischen Land seit mehr als einem Jahrhundert ausgelöst.
Doppelschlag binnen 39 Sekunden
Das erste Beben ereignete sich um 18:04 Uhr Ortszeit etwa 24 Kilometer östlich der Stadt San Felipe in einer Tiefe von 21,9 Kilometern, wie die US-Erdbebenwarte USGS und der österreichische Erdbebendienst GeoSphere Austria übereinstimmend mitteilten. Nur 39 Sekunden später folgte ein zweiter Erdstoß der Stärke 7,5 in rund zehn Kilometern Tiefe, dessen Epizentrum nahe der Kleinstadt Yumare lag – nach USGS-Angaben nur fünf bis zehn Kilometer vom ersten Beben entfernt. Die Erschütterungen waren nach Angaben der USGS Teil einer sogenannten Erdbebendublette, ausgelöst von zwei nahe beieinanderliegenden Verwerfungen an der Plattengrenze zwischen der Karibischen und der Südamerikanischen Platte.
Die Millionenstadt Caracas lag mehr als 150 Kilometer östlich vom Epizentrum, wurde aber dennoch deutlich erschüttert; die Erdstöße waren noch im rund 1.000 Kilometer entfernten Bogotá in Kolumbien zu spüren. Besonders schwer traf es den Bundesstaat La Guaira an der Karibikküste, in dem auch der internationale Flughafen Simón Bolívar und ein wichtiger Seehafen liegen. Die amtierende Präsidentin Delcy Rodríguez erklärte La Guaira in der Nacht zum Donnerstag zum Katastrophengebiet und rief die Bevölkerung zur Ruhe auf: „Wir rufen unsere Bevölkerung dazu auf, Ruhe zu bewahren“.
Epizentrum im Nordwesten – La Guaira am stärksten betroffen
Nach offiziellen Angaben stieg die Zahl der Toten bis zum frühen Donnerstagmorgen auf mindestens 164, mehr als 1.500 Menschen wurden verletzt, zeitweise sprachen die Behörden von bis zu 971 Verletzten. Eine eigens von der Opposition im Ausland eingerichtete Suchplattform im Internet listete gegen 02:00 Uhr Ortszeit rund 6.600 Personen mit unklarem Verbleib, nach späteren Angaben galten sogar mehr als 10.000 Menschen als vermisst. Die USGS-Modellrechnung legt nahe, dass die tatsächliche Opferzahl in die Tausenden gehen könnte; die Behörden fürchten bis zu 10.000 Tote.
Rodríguez verhängte den nationalen Notstand, ließ den Metro- und den Gasbetrieb in Caracas vorsorglich einstellen und ordnete an, dass das gesamte Gesundheitspersonal in den Krankenhäusern Dienst zu tun habe. Kliniken wie das Hospital de Clínicas in Caracas verdoppelten ihre Nachtschichten, Schulen wurden für den Rest der Woche geschlossen, ein Teil davon sollte als Notunterkunft und Spendenzentrum dienen. Die Regierung rief die Bevölkerung auf, Schäden über eine eigens eingerichtete App zu melden; gleichzeitig brachen in vielen Stadtteilen, besonders in La Guaira, die Mobilfunkverbindungen zusammen.
Notstand, Appelle und Hilfszusagen aus aller Welt
Präsident Donald Trump und US-Außenminister Marco Rubio kündigten umgehend die Entsendung von Such- und Rettungsteams, medizinischer Hilfe und humanitärer Unterstützung an. Rubio erklärte über die Plattform X: „Amerika steht in dieser schwierigen Zeit an der Seite des venezolanischen Volkes“. Das US-Außenministerium richtete einen Krisenstab zur Koordinierung mit Caracas ein. Trump schrieb auf Truth Social: „Die ersten Berichte sind nicht gut!!!“ und sicherte dem Land schnelle Hilfe zu.
Die Europäische Union aktivierte nach Angaben von EU-Krisenmanagementkommissarin Hadja Lahbib das Erdbeobachtungsprogramm Copernicus, EU-finanzierte Partnerorganisationen waren eigenen Angaben zufolge bereits vor Ort im Einsatz. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius erklärte, die Bundeswehr halte sechs Transportflugzeuge vom Typ A400M bereit, um Personal und Hilfsgüter – auch für das Technische Hilfswerk und das Deutsche Rote Kreuz – in die Region zu bringen. „Die Nachricht von den vielen Tausenden Toten in Venezuela hat mich tief erschüttert“, sagte Pistorius, „jetzt gilt es, schnell Hilfe zu leisten.“
Reaktionen aus Deutschland und der EU
Auch der salvadorianische Präsident Nayib Bukele kündigte über X an, es stünden 300 Rettungskräfte und Sanitäter sowie 50 Tonnen Hilfsgüter bereit, um nach Caracas gebracht zu werden. Die Präsidenten Brasiliens, Mexikos, der Dominikanischen Republik und der Ministerpräsidenten Indiens und Spaniens sowie Katars sagten ebenfalls Unterstützung zu, China bot humanitäre Hilfe an, Spaniens Königin Letizia sicherte dem Nachbarland Hilfe zu. Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte über X: „Deutschland steht an der Seite Venezuelas und wird helfen“; das Auswärtige Amt berief seinen Krisenstab ein.
Rodríguez kündigte die Einrichtung eines Wiederaufbaufonds über 200 Millionen US-Dollar an, finanziert aus Mitteln des Internationalen Währungsfonds (IWF); damit sollen Infrastruktur, Krankenhäuser und Wohnungen wiederhergestellt werden. Der Caritas-Mitarbeiter Rafael Filliger, der per WhatsApp Kontakt zu Menschen in Caracas hielt, warnte unterdessen vor den Langzeitfolgen: „Jetzt braucht es sicher sauberes Wasser, Schutz, Zelte.“ Er schilderte zudem, dass in den Armenvierteln der Hauptstadt ganze Häuserreihen eingestürzt seien und Bewohner sich mit bloßen Händen durch die Trümmer gruben, um Angehörige zu bergen.
Die Venezolanerin Gabriela Mesones Rojo, die in der Nacht nach dem Beben per Sprachnachricht mit dem Tagesspiegel sprach, schilderte ihre Fahrt durch Teile von Caracas so: „Als ich zu ihm gefahren bin, hatte ich das Gefühl, ich fahre durch ein Kriegsgebiet: Überall lagen Trümmer, alles war voller Staub, fast alle Häuser hatten Schaden genommen. Die Straßen waren voller Menschen, die evakuiert wurden.“ Sie sagte weiter: „Die Einwohner kämpften sich mit Händen durch die Trümmer, um Angehörige zu retten. Etliche werden vermisst“, und fügte hinzu: „In Katastrophen wie diesen kann der fehlende Zugang zu Informationen Menschenleben kosten.“
Augenzeugenberichte aus Caracas
Mesones Rojo kritisierte die Vorbereitung der Regierung: „Die venezolanische Regierung ist auf eine solche Katastrophe nicht vorbereitet. Es gibt große Korruptionsprobleme, eine stark defizitäre medizinische Versorgung. Weder Feuerwehr noch Zivilbevölkerung können darauf angemessen reagieren.“ Auch Innenminister Diosdado Cabello räumte im staatlichen Fernsehen ein: „Wir haben es mit einer äußerst alarmierenden Situation zu tun“ und warnte, Nachbeben könnten bereits beschädigte Gebäude weiter zum Einsturz bringen.
In Caracas ordnete der Bürgermeister des Stadtteils Chacao, Gustavo Duque, an, sich auf öffentlichen Plätzen in Sicherheit zu bringen, Bürgermeisterin Carmen Meléndez bestätigte mindestens 25 Tote in der Hauptstadt und forderte schweres Gerät an, um Wege zu eingestürzten Häusern freizuräumen. Die Erdstöße beschädigten den internationalen Flughafen Simón Bolívar in La Guaira schwer, der Betrieb wurde eingestellt. Eine vorsorgliche Tsunami-Warnung für die Region hob die zuständige US-Behörde nach kurzer Zeit wieder auf.
Geologen erklärten die ungewöhnliche Doppelnatur des Bebens damit, dass die Verschiebung der Erdkruste im ersten Beben die Spannung an einer benachbarten Verwerfung erhöht und so das zweite Beben ausgelöst habe. Nach Angaben des Geologen Marc Quigley von der Universität Melbourne handelte es sich um eine sogenannte Blatt- oder Seitenverschiebung, bei der sich Gesteinsschollen parallel aneinander vorbeischieben. In den vergangenen 100 Jahren hat es laut dem USGS in einem Umkreis von 250 Kilometern nur sieben Beben mit einer Stärke von 6 oder mehr gegeben; das stärkste jemals gemessene Beben in Venezuela ereignete sich 1900 vor der Küste bei Caracas mit einer Magnitude von 7,7.
Geologie: zwei Verwerfungen, ein seltenes Doppelerdbeben
Unicef kündigte finanzielle Soforthilfe an, in Deutschland und Österreich wurden Spendenkonten eingerichtet – so etwa das Konto des ZDF unter dem Stichwort „ZDF Nothilfe Venezuela“ (IBAN DE65 1004 0060 0100 4006 00) sowie Konten von Caritas, Jugend Eine Welt, Samariterbund und Österreichischem Rotem Kreuz unter den Stichworten „Erdbeben Venezuela“ oder „Nothilfe Venezuela“. Viele Hilfsorganisationen warnten zugleich vor Falschmeldungen: In Sozialen Netzwerken kursierten Aufnahmen älterer Beben aus der Türkei, Taiwan oder Mexiko sowie das Video eines U-Bahn-Unfalls in Caracas aus dem Jahr 2021, die fälschlich als Szenen aus Venezuela verbreitet wurden.
Die Redaktion rief Nutzer dazu auf, fragwürdige Aufnahmen per Rückwärtsbildersuche zu prüfen, da nach den Beben in Myanmar und Thailand in der Vergangenheit bereits zahlreiche KI-Fälschungen im Umlauf gewesen seien. Wegen der seit Langem bestehenden Sicherheitslage galt Venezuela ohnehin nicht als Reiseland; für das Land besteht eine Teil- bzw. landesweite Reisewarnung, weshalb die Zahl der registrierten deutschen Staatsbürger laut Auswärtigem Amt „im niedrigen dreistelligen Bereich“ liegt und die Bundesregierung in engem Kontakt mit der Botschaft in Caracas steht, deren Mitarbeitende wohlauf sind.
Die österreichische Caritas berichtete unterdessen, dass die Ernährungslage in Venezuela schon vor der Katastrophe extrem kritisch gewesen sei: Schätzungen von World Vision zufolge sind 7,9 Millionen Menschen im Land bereits auf humanitäre Hilfe angewiesen, nach Angaben des Österreichischen Roten Kreuzes leben bis zu 80 Prozent der Bevölkerung in Armut. Vor diesem Hintergrund stellten mehrere Experten klar, dass die ersten 24 Stunden nach einem Beben dieser Stärke entscheidend dafür seien, ob und wie viele Verschüttete noch lebend geborgen werden könnten – bei tropischen Temperaturen in der betroffenen Region, so Sabine Kurtenbach vom GIGA-Institut in Hamburg, könne dieses Zeitfenster noch deutlich kürzer sein.
Falschmeldungen und Spendenaufrufe
Die Redaktion der Tagesspiegel und anderer Medien wies darauf hin, dass viele Nachrichtenseiten und die Plattform X in Venezuela blockiert und nur über VPN zugänglich seien; das Land zähle zudem zu den Staaten mit dem langsamsten mobilen Internet weltweit. Die nationale Erdbeobachtungsbehörde USGS schätzt die Wahrscheinlichkeit eines mindestens gleich starken Nachbebens in den kommenden Tagen auf zwei Prozent.
Die UNESCO und Unicef kündigten weitere Hilfen an, darunter Trinkwasseraufbereitung und Notunterkünfte. In Caracas bezogen viele Menschen Notunterkünfte in Schulen und Gemeindezentren, einige verbrachten die Nacht im Freien, da die Strom- und Gasversorgung in weiten Teilen weiterhin unterbrochen war. Das Bildungsministerium ordnete an, ausgewählte Schulen als Notunterkünfte und Spendenzentren zu nutzen, die Behörden forderten die Menschen auf, sich von beschädigten Gebäuden fernzuhalten.
Die Hilfszusagen aus dem Ausland wurden in Caracas mit verhaltener Dankbarkeit aufgenommen. Rodríguez sagte im Sender VTV, sie habe mit US-Außenminister Rubio telefoniert, der seine Solidarität und Unterstützung für das venezolanische Volk zum Ausdruck gebracht habe. Gleichzeitig blieben zentrale Fragen offen: Die genaue Zahl der Toten und Verletzten, das Ausmaß der Zerstörung in La Guaira und die Versorgung der Überlebenden mit Wasser, Nahrung und medizinischer Hilfe.
Die internationale Gemeinschaft, darunter die EU, die USA, mehrere lateinamerikanische Staaten sowie Deutschland und Österreich, stellten umfangreiche Hilfen in Aussicht. Die UNO, das Welternährungsprogramm und verschiedene Hilfsorganisationen bereiteten weitere Nothilfepakete vor, während vor Ort die Suche nach Überlebenden unter den Trümmern mit Hochdruck weiterlief.
Sollte die Zahl der Toten tatsächlich in die Tausenden gehen, wäre das Doppelerdbeben die folgenschwerste Naturkatastrophe, die Venezuela seit dem Beben von 1900 mit etwa 140 Toten getroffen hat. Die Regierung rief die Bevölkerung eindringlich auf, den Anweisungen der Behörden zu folgen, Wasser zu sparen und beschädigte Gebäude nicht zu betreten. Die Redaktionen mehrerer Medien, darunter die Tagesspiegel-Reporter, wollten den Bericht in den kommenden Tagen fortschreiben.
Fragen & Antworten
Wie stark waren die Erdbeben in Venezuela am 25. Juni 2026?
Das erste Beben erreichte nach USGS und GeoSphere Austria die Stärke 7,2 in rund 22 Kilometern Tiefe, 39 Sekunden später folgte ein zweites Beben der Stärke 7,5 in etwa zehn Kilometern Tiefe – das stärkste in Venezuela seit mehr als 100 Jahren.
Welche Hilfen hat die internationale Gemeinschaft zugesagt?
Unter anderem sagten die USA, Deutschland, die EU, El Salvador, Brasilien, Mexiko, die Dominikanische Republik, Indien, Spanien, China, Katar und Panama Such- und Rettungsteams, medizinische oder logistische Hilfe zu; die EU aktivierte das Erdbeobachtungsprogramm Copernicus, die Bundeswehr hielt sechs A400M-Transportflugzeuge bereit.
Wie ist die aktuelle Lage und wie viele Opfer werden befürchtet?
Offiziell wurden bislang mindestens 164 Tote und mehr als 1.500 Verletzte gezählt, eine oppositionelle Suchplattform listete zeitweise über 10.000 Vermisste; die Behörden und das USGS-Modell befürchten bis zu 10.000 Tote, insbesondere aus dem besonders betroffenen Bundesstaat La Guaira liegen noch keine vollständigen Zahlen vor.
Erdbeben Venezuela 2026: Doppelschlag und Hilfszusagen | nachrichten360