Schwere Erdbebendublette erschüttert Venezuela – Ausgangssperren und Hilfseinsätze laufen
Caracas, 25. Juni 2026
Foreign and Commonwealth Office / Wikimedia Commons / CC BY 2.0
Kurzfassung
Zwei schwere Erdbeben der Stärke 7,2 und 7,5 haben Venezuela am Mittwochabend erschüttert. Die Regierung rief den Notstand aus, mehrere Gebäude stürzten ein, mindestens 32 Menschen starben und Hunderte wurden verletzt. Internationale Rettungsteams sind unterwegs.
Zwei schwere Erdbeben der Stärke 7,2 und 7,5 haben am Mittwochabend den Norden und die Mitte Venezuelas erschüttert, Dutzende Gebäude zum Einsturz gebracht und mindestens 32 Menschen das Leben gekostet; die geschäftsführende Präsidentin Delcy Rodríguez rief den Notstand aus und bat internationale Organisationen um Hilfe.
Venezuela ist am Mittwochabend von zwei schweren Erdbeben erschüttert worden. Das erste Beben trat um 18:04 Uhr Ortszeit (00:04 Uhr MESZ Donnerstag) mit einer Stärke von 7,2 auf, das zweite, noch stärkere Beben folgte nur 39 Sekunden später mit einer Stärke von 7,5. Nach Angaben der US-Erdbebenbehörde USGS handelt es sich um die schwerste Erdbebendublette in Venezuela seit mehr als einem Jahrhundert.
Die Dublette: Stärke 7,2 und 7,5
Das Epizentrum des ersten Bebens am Mittwoch um 18.04 Uhr lag den Angaben zufolge 24 Kilometer östlich von San Felipe entfernt im Nordwesten des südamerikanischen Landes in einer Tiefe von 21,9 Kilometern. Das zweite und stärkere Beben ereignete sich wenige Kilometer weiter nördlich in nur rund zehn Kilometern Tiefe. Das zweite Beben setzte etwa dreimal so viel Energie frei wie das erste.
Die Erschütterungen waren in mindestens sieben Bundesstaaten und in der Hauptstadt Caracas zu spüren, die mehr als 150 Kilometer östlich des Epizentrums liegt. Auch im rund 1000 Kilometer entfernten Bogotá in Kolumbien und auf mehreren Karibikinseln wurden die Beben registriert. Eine zunächst ausgegebene Tsunami-Warnung für Puerto Rico, die US-Jungferninseln sowie Aruba, Curaçao und Bonaire wurde nach etwa einer Stunde wieder aufgehoben.
Ausmaß der Zerstörung in Caracas
In Caracas stürzten mehrere Gebäude ein, Risse durchzogen Wände, Fensterscheiben barsten. Die geschäftsführende Präsidentin Delcy Rodríguez sprach in einer landesweit ausgestrahlten Ansprache von einem „Vorfall mit schwerwiegenden Folgen" und rief den Notstand aus. „Wir rufen unsere Bevölkerung dazu auf, Ruhe zu bewahren", sagte sie. Innenminister Diosdado Cabello bestätigte im staatlichen Fernsehen den Einsturz mehrerer Wohnhäuser und warnte: „Wir haben es mit einer äußerst alarmierenden Situation zu tun".
Bürger flohen in Panik auf die Straßen. „Ich habe noch nie in meinem Leben so viel Angst gehabt, es war fürchterlich", berichtete eine 57-Jährige aus dem Osten der Millionenmetropole. „Ich saß im Auto und der Wagen hat sich hin und her bewegt, als handle es um ein Blatt Papier", sagte ein anderer Bewohner. „Mehrere Wände in meinem Gebäude sind aufgebrochen oder haben Risse bekommen", berichtete eine Augenzeugin aus Valencia westlich von Caracas. Der Bürgermeister des Stadtteils Chacao, Gustavo Duque, forderte die Bevölkerung auf, sich wegen möglicher Nachbeben auf öffentlichen Plätzen in Sicherheit zu bringen.
Opferzahlen und Vermisste
Nach ersten Angaben der Regierung starben mindestens 32 Menschen, rund 700 weitere wurden verletzt. Rodríguez erklärte jedoch, die bisherigen Opferzahlen enthielten noch keine Daten aus dem besonders schwer betroffenen Bundesstaat La Guaira nahe Caracas. Im Stadtteil Chacao wurden nach Angaben von Duque 18 Überlebende aus einem einzigen Gebäude gerettet. Im Küstenbundesstaat Falcón meldete Gouverneur Víctor Clark 22 Verletzte und 15 vermisste Erwachsene; in der Küstenstadt Tucacas würden 15 Menschen unter den Trümmern eines eingestürzten fünfstöckigen Gebäudes vermutet. Eine von der Opposition im Ausland eingerichtete Website zur Suche nach Vermissten listete am Donnerstag gegen 02.00 Uhr Ortszeit mehr als 6600 Menschen auf, deren Verbleib ungeklärt war.
Die Behörden ordneten die Unterbrechung der Gasversorgung an, um Explosionen zu verhindern. Der Schulunterricht wurde für den Rest der Woche ausgesetzt, der Zugverkehr eingestellt, die U-Bahn und der Natur gas in Caracas stillgelegt. Der internationale Flughafen Simón Bolívar in Maiquetía bei Caracas musste wegen schwerer Schäden geschlossen werden. Krankenhäuser wie das Hospital de Clínicas in Caracas verdoppelten das Personal im Nachtdienst; Rodríguez rief das gesamte Gesundheitspersonal des Landes auf, sich in den Kliniken einzufinden, um die Verletzten zu versorgen.
Geologischer Hintergrund
Die US-Erdbebenbehörde schätzt die Zahl der möglichen Todesopfer auf mehrere Tausend ein; eine Zahl von mehr als 10.000 Toten sei wahrscheinlich. USGS-Daten zufolge ist das Beben vom Mittwochabend das stärkste jemals gemessene Erdbeben in Venezuela seit dem Beben der Stärke 7,7 im Jahr 1900 nordöstlich von Caracas vor der Küste des Landes. Venezuela liegt an der Grenze zwischen der Karibischen und der Südamerikanischen Platte, die sich jährlich um etwa 20 Millimeter gegeneinander verschiebt; Erdbeben sind in der Region häufig, starke Beben jedoch selten.
Nach Einschätzung des Geologen Marc Quigley von der Universität Melbourne hat das erste Beben möglicherweise das zweite ausgelöst, indem es den Druck auf eine benachbarte Verwerfung erhöhte. In Venezuela verläuft eine Verwerfung in ostwestlicher Richtung an Land, eine weitere geht in südwestlicher Richtung von ihr ab; genau an dieser Kreuzung haben sich die Erdbeben ereignet. Bei dem Mechanismus handelte es sich um eine Blatt- oder Seitenverschiebung, bei der sich die Gesteinsmassen horizontal aneinander vorbeischieben. Das USGS schätzt die Wahrscheinlichkeit eines weiteren mindestens gleich starken Bebens in den nächsten Tagen auf 2 Prozent; größere Nachbeben blieben möglich, auch mit einer Verspätung von Monaten oder sogar Jahren.
In Caracas und den angrenzenden Regionen wurden bereits mehr als 20, später mehr als 250 Nachbeben registriert. „Doch grössere Nachbeben bleiben möglich – auch mit einer Verspätung von Monaten oder sogar Jahren", warnten Seismologen. Die Behörden forderten die Bevölkerung auf, Schäden über eine Regierungs-App zu melden. In mehreren Bundesstaaten dienten Schulen als Notunterkünfte und Sammelstellen für Spenden.
Die geschäftsführende Präsidentin Delcy Rodríguez kündigte einen Wiederaufbaufonds in Höhe von 200 Millionen US-Dollar an, der aus Mitteln des Internationalen Währungsfonds finanziert werden soll. Sie werde multilaterale Organisationen um finanzielle Hilfe für den Wiederaufbau bitten, erklärte sie. Rodríguez führt das Land seit dem Sturz von Präsident Nicolás Maduro durch die USA im Januar 2026. Die Friedensnobelpreisträgerin und Oppositionsführerin María Corina Machado, die sich derzeit nicht in Venezuela aufhält, schrieb auf der Plattform X: „Mein Herz, meine unendliche Umarmung und meine Gebete gelten in diesen Stunden der Not jeder venezolanischen Familie. Mögen Stärke, Ruhe und Solidarität in dieser schwierigen Zeit unter uns herrschen."
Internationale Hilfszusagen
Internationale Hilfe wurde angekündigt. US-Präsident Donald Trump sicherte Venezuela auf Truth Social schnelle Unterstützung zu: „Die ersten Berichte sind nicht gut!!!" US-Außenminister Marco Rubio kündigte die sofortige Entsendung von Such- und Rettungsteams sowie humanitärer und medizinischer Hilfe an. „Wir stehen mit den Behörden in Kontakt und mobilisieren Hilfe", erklärte der stellvertretende US-Außenminister Christopher Landau. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte: „Deutschland steht an der Seite Venezuelas und wird helfen". Verteidigungsminister Boris Pistorius sagte, die Bundeswehr könne bis zu sechs A400M-Transportflugzeuge bereitstellen.
Der Präsident von El Salvador, Nayib Bukele, schrieb ebenfalls auf der Plattform X, es stünden 300 Rettungskräfte und Sanitäter sowie 50 Tonnen Hilfsgüter bereit, um nach Caracas gebracht zu werden. Der Präsident der Dominikanischen Republik, Luis Abinader, kündigte die Entsendung spezialisierter militärischer Such- und Rettungsteams an. Auch Brasilien, Mexiko, Katar, China und Indien signalisierten Hilfsbereitschaft. EU-Kommissarin für Krisenmanagement Hadja Lahbib erklärte, das EU-Erdbeobachtungsprogramm Copernicus sei aktiviert worden, und Spanien bot ebenfalls Unterstützung an. UN-koordinierte Rettungsteams seien auf dem Weg nach Venezuela, um bei der Suche nach Verschütteten zu helfen, sagte Rodríguez am Donnerstag in einer Fernsehansprache.
Die wichtige Erdölinfrastruktur des Landes schien zunächst nicht betroffen zu sein; allerdings könnten anhaltende Stromausfälle die Produktion beeinträchtigen. Der staatliche Ölkonzern PDVSA und sein wichtigster ausländischer Partner Chevron gaben zunächst keine Stellungnahme zu den Auswirkungen ab. Hilfsorganisationen wie das Österreichische Rote Kreuz und die Caritas riefen zu Spenden für die Betroffenen auf. Gerald Schöpfer, Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes, sagte: „Für die Menschen vor Ort ist das Leid unvorstellbar – sie benötigen dringend unsere Hilfe". Venezuela gehört zu den ärmsten Ländern Südamerikas; bis zu 80 Prozent der Bevölkerung leben in Armut.
Historisches Erdbebenrisiko in Venezuela
Das Auswärtige Amt in Berlin rief deutsche Staatsbürger in Venezuela auf, sich auf der Krisenvorsorgeliste „Elefand" zu registrieren und den Sicherheitshinweisen des Deutschen GeoForschungsZentrums zu folgen. Für Venezuela besteht seit Januar eine Reisewarnung des Auswärtigen Amts. Nach Angaben des österreichischen Außenministeriums leben rund 750 österreichische Staatsbürger in Venezuela; das deutsche Außenministerium verzeichnete zuletzt eine niedrige dreistellige Zahl deutscher Bürger auf der Krisenliste. Die US-Botschaft in Caracas forderte amerikanische Staatsbürger auf, sichere Schutzräume aufzusuchen.
Die Geschichte zeigt, dass Venezuela wiederholt von schweren Erdbeben heimgesucht wurde. Im Jahr 1812 starben bei einem verheerenden Beben in Caracas und Mérida schätzungsweise 30.000 Menschen. 1976 forderte ein Beben in der Hauptstadt fast 300 Todesopfer, 1997 kamen bei einem Beben im östlichen Bundesstaat Sucre 73 Menschen ums Leben, und im September 2025 tötete eine Erdbebendublette der Stärke 6,2 und 6,3 in derselben Region einen Menschen. In den vergangenen 100 Jahren hat es laut dem USGS in einem Umkreis von 250 Kilometern nur sieben Beben mit einer Stärke von 6 oder mehr gegeben.
Die Hilfsorganisation Jugend Eine Welt, das Österreichische Rote Kreuz, der Samariterbund und die Caritas Österreich richteten Spendenkonten für die Erdbebenopfer in Venezuela ein. Erste Rettungsarbeiten sind angelaufen; die Behörden setzten alles daran, Verschüttete zu bergen und die medizinische Versorgung der Verletzten sicherzustellen. Die Regierung bat die Bevölkerung, den Notstand ernst zu nehmen, den Anweisungen der Behörden zu folgen und sich auf weitere Nachbeben einzustellen.
Fragen & Antworten
Wie stark waren die Erdbeben in Venezuela?
Nach Angaben der US-Erdbebenbehörde USGS erreichten die beiden Beben am Mittwochabend Stärken von 7,2 und 7,5 im Abstand von nur 39 Sekunden; das stärkere Beben war das heftigste in Venezuela seit mehr als einem Jahrhundert.
Wie viele Tote und Verletzte gibt es?
Die Regierung meldete zunächst mindestens 32 Tote und rund 700 Verletzte, wies aber darauf hin, dass aus dem besonders betroffenen Bundesstaat La Guaira noch keine vollständigen Daten vorlagen; die USGS schätzt die mögliche Zahl der Todesopfer auf mehrere Tausend.
Welche Hilfen haben internationale Staaten angekündigt?
Die USA, Deutschland, El Salvador, die Dominikanische Republik, Brasilien, Mexiko, Katar, China, Indien, Spanien und die EU stellten Hilfeleistungen in Aussicht, darunter Such- und Rettungsteams, medizinische Versorgung und humanitäre Güter.
Erdbeben Venezuela: Stärke 7,5 – Notstand und Hilfe | nachrichten360