Özgür Özel verlässt die CHP und gründet die "Yeni Partei"
Ankara, 24. Juli 2026
Koray / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0
Kurzfassung
Der türkische Oppositionsführer Özgür Özel hat gemeinsam mit 90 weiteren Abgeordneten die CHP verlassen und eine neue Partei namens "Yeni Partei" gegründet. Özel wurde einstimmig zum Vorsitzenden gewählt; die neue Formation könnte damit zur zweitstärksten Kraft im Parlament aufsteigen.
Der per Gerichtsbeschluss als Vorsitzender der CHP abgesetzte türkische Oppositionspolitiker Özgür Özel hat am Freitag in Ankara die neue Partei "Yeni Partei" gegründet und ist dort einstimmig zum Vorsitzenden gewählt worden.
Mit dem Bruch verliert die CHP, die bisher größte Oppositionspartei des Landes, nach 24 Jahren ihren Status als stärkste Oppositionsfraktion im Parlament. Özgür Özel und 90 weitere der zuvor 135 CHP-Abgeordneten erklärten ihren Austritt aus der Partei. Sollten die Abgeordneten tatsächlich wechseln, würde die CHP ihre Rolle als größte Oppositionspartei nach 24 Jahren verlieren.
Die Gründung der neuen Partei erfolgte am Nachmittag in Ankara; fand die konstituierende Sitzung am Nachmittag in Ankara statt. Özel unterzeichnete am Freitagmorgen in einem rund 30-sekündigen Video auf der Plattform X die Gründungsdokumente, die anschließend laut der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu beim Innenministerium eingereicht wurden.
Hintergrund: Gerichtsbescheid gegen die CHP-Spitze
Zum Hintergrund: Im Mai hatte ein Gericht in Ankara die CHP-Führung um Özel mit der Begründung abgesetzt, es habe Unregelmäßigkeiten zugunsten Özels bei der Wahl zum Parteivorsitzenden im November 2023 gegeben, konkret werde Stimmenkauf vorgeworfen. Durch den Beschluss wurde Özels Vorgänger Kemal Kılıçdaroğlu per Gerichtsentscheid als kommissarischer Vorsitzender wieder eingesetzt.
Die Klage gegen Özel war nach Angaben der Berichte von einem anonymen CHP-Mitglied aus dem Umfeld Kılıçdaroğlus eingereicht worden. Özel legte gegen die Entscheidung Revision vor dem Obersten Gerichtshof ein, der jedoch vor der Sommerpause nicht über den Fall entschied.
Unter Özels Führung war die CHP bei den Kommunalwahlen 2024 erstmals seit Jahrzehnten zur stärksten Kraft im Land aufgestiegen. Gleichzeitig steht die türkische Opposition seit Jahren unter wachsendem Druck; viele von ihr gestellte Bürgermeister sind in Haft, gegen Özel selbst laufen mehrere Ermittlungen, und Anträge auf Aufhebung seiner parlamentarischen Immunität sind eingereicht, aber noch nicht entschieden.
Druck auf die Opposition
So sitzt der Istanbuler Bürgermeister Ekrem İmamoğlu seit mehr als einem Jahr wegen Korruptionsvorwürfen im Gefängnis; er gilt als wichtigster Herausforderer Erdoğans. Die CHP hatte ihn trotz seiner Inhaftierung zu ihrem Präsidentschaftskandidaten bestimmt.
In seiner Rede am Dienstag hatte Özel die neue Partei als klar sozialdemokratisch und dem Erbe Mustafa Kemal Atatürks verpflichtet beschrieben, einschließlich der sechs Grundpfeiler der CHP wie der Trennung von Staat und Religion, der Volksnähe und einer reformerischen Politik. In dem am Freitag veröffentlichten Video hinter Özel an der Wand steht in goldenen Buchstaben der Satz: "Die Souveränität gehört bedingungslos und uneingeschränkt dem Volk."
Özel bezeichnete den Tag nach dem Freitagsgebet in Ankara als "entscheidenden Tag" für die türkische Politik. Er sprach von einem "erzwungenen, traurigen Abschied" und einem "an einem historischen Scheideweg". Zugleich äußerte er eine "unerschütterliche Hoffnung auf einen Neuanfang". Bei der Unterzeichnung der Dokumente sagte er: "Möge es unserem Land, unserer Nation, unserer Partei und uns allen von Nutzen sein."
In seiner letzten Rede als CHP-Fraktionsvorsitzender im türkischen Parlament hatte Özel zuvor erklärt, "die Partei stecke in einer Sackgasse". Am Dienstag sagte er vor den CHP-Abgeordneten in der Fraktionshalle der Nationalversammlung in Ankara fast eine Stunde lang, er ziehe nicht das Hemd aus, sondern alle gemeinsam zögen "ein Hemd aus Feuer an".
Özels programmatische Ausrichtung
Özel räumte ein, dass der Austritt aus der Partei, der er seit 2009 angehört hatte, "nicht leicht" sei. Mit Blick auf Präsident Recep Tayyip Erdoğan sagte er: "Das letzte Wort gehört der Nation, es liegt nicht in Palästen oder bei einem einzelnen Mann."
Mit den Übertritten wird die "Yeni Parti" hinter Erdoğans AKP, die 277 Sitze hält, zur zweitstärksten Kraft im Parlament. Erste Blitzumfragen türkischer Fernsehsender zeigten, dass etwa 30 Prozent der Befragten eine solche Partei wählen könnten; weitere 19 Prozent wollten ihr Wahlverhalten vom Programm und vom Kandidaten abhängig machen. Auch Umfragen der vergangenen Wochen hatten bereits eine Zustimmung von rund 30 Prozent für eine neue Partei gemessen.
Die CHP blickt auf eine lange politische Tradition zurück und wurde vom Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk gegründet; sie legte die Grundlagen der türkischen Republik. Kılıçdaroğlu, der im Mai 2023 die Präsidentschaftswahl gegen Erdoğan verloren hatte und zuvor 13 Wahlen gegen den Präsidenten verloren hatte, wurde nun durch Gerichtsbeschluss wieder als Parteichef eingesetzt.
Ein interner Parteiantrag mit über 1.000 Unterschriften, der einen Parteitag zum Ziel hatte, wurde von der Kılıçdaroğlu-Führung abgelehnt. Die türkische Regierung bestreitet eine politische Motivation der Gerichtsentscheidung und führt sie auf interne Parteistreitigkeiten zurück.
Reaktionen aus dem Ausland
International stieß der Schritt auf Resonanz: SPD-Chef Lars Klingbeil gratulierte Özel in Berlin am Freitag im Namen der SPD zum "historischen Neuanfang" und sprach von einem "mutigen Schritt" im Kampf für die Demokratie. Er bezeichnete den Schritt zugleich als "harter Schnitt", aber auch als "Zeichen der Hoffnung" für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.
Kritischer äußerte sich der Politologe Mehmet Ufuk Uras im Interview mit dem ARD-Studio Istanbul. Er sagte: "Ich habe eher den Eindruck, dass man sich von eigenen Befürchtungen hat treiben lassen. Allerdings ist inzwischen offensichtlich eine schwere Vertrauenskrise entstanden. Es kam zu einem psychologischen Bruch, der sich offenbar nicht mehr reparieren lässt. Als Parteivorsitzender ist es Özgür Özel nicht gelungen, die Einheit und Geschlossenheit der CHP zu bewahren."
Uras stellte zudem infrage, wie sich Özels Partei politisch von der CHP abgrenzen solle: "Eine völlig neue Ideologie zu entwickeln, dürfte schwierig sein. Das ist offenbar auch gar nicht beabsichtigt. Vielmehr heißt es von Özel, man werde zur CHP zurückkehren; 'dieses politische Erbe gehört uns'."
Bewertung eines Politologen
Mit der Neugründung verschärft sich die Krise der türkischen Opposition, die seit Jahren mit Verfahren, Festnahmen und Einschränkungen gegen Politiker, Journalisten und Aktivisten konfrontiert ist. Özel kündigte an, seine Partei werde für die Demokratie kämpfen und erklärte: "Einige Schwierigkeiten müssen überwunden werden, bevor man den richtigen Weg einschlagen kann."
Fragen & Antworten
Wer ist Özgür Özel?
Özgür Özel war Vorsitzender der türkischen Oppositionspartei CHP und wurde im Mai 2026 per Gerichtsbeschluss abgesetzt; am 24. Juli 2026 gründete er in Ankara die neue Partei "Yeni Parti" und wurde dort einstimmig zum Vorsitzenden gewählt.
Warum hat ein Gericht Özel als CHP-Vorsitzenden abgesetzt?
Ein Gericht in Ankara entzog Özel und der gesamten Parteiführung im Mai 2026 das Amt mit der Begründung, es habe Unregelmäßigkeiten zugunsten Özels bei der Wahl zum Parteivorsitzenden im November 2023 gegeben, konkret werde Stimmenkauf vorgeworfen.
Welche Folgen hat der Parteiaustritt für das türkische Parlament?
Mit Özel und 90 weiteren der zuvor 135 CHP-Abgeordneten verliert die CHP nach 24 Jahren ihren Status als größte Oppositionspartei; die "Yeni Parti" wird hinter der AKP von Präsident Erdoğan zur zweitstärksten Kraft im Parlament.
Özel gründet Yeni Partei: CHP-Spaltung in der Türkei | nachrichten360