Netflix setzt verstärkt auf KI und sieht Trendwende beim Zweite-Staffel-Problem
Los Gatos, 17. Juli 2026
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Kurzfassung
Netflix hat im vergangenen Quartal 12,56 Milliarden US-Dollar Umsatz erzielt, 13 Prozent mehr als im Vorjahr. Gleichzeitig fiel die Aktie nachbörslich um rund neun Prozent, weil der Ausblick auf das laufende Quartal die Analystenerwartungen leicht verfehlte.
Der Streaming-Marktführer Netflix hat im vergangenen Quartal 12,56 Milliarden US-Dollar (10,98 Milliarden Euro) umgesetzt, 13 Prozent mehr als im Vorjahr, und sieht nach eigenen Angaben eine Trendwende beim sogenannten Zweite-Staffel-Problem, während das Unternehmen den Einsatz generativer KI in rund 300 Titeln des laufenden Jahres ausweitet.
Der Nettogewinn stieg im jüngsten Quartal um knapp 9 Prozent auf 3,4 Milliarden US-Dollar, wie aus dem Aktionärsbrief des Unternehmens hervorgeht. Die operative Marge sank allerdings gegenüber dem Vorjahresquartal von 34,1 auf 33,4 Prozent. Für das dritte Quartal stellt Netflix 12,86 Milliarden US-Dollar in Aussicht und damit weniger als von Analysten erwartet. Die Aktie verlor nachbörslich im US-Handel zeitweise rund acht bis neun Prozent; in den Monaten zuvor hatte das Papier bereits mehr als 40 Prozent an Wert eingebüßt.
Im Aktionärsbrief heißt es: "Unsere finanzielle Entwicklung ist weiterhin solide, und wir sind auf dem besten Weg, unsere Jahresziele zu erreichen". Das Unternehmen kündigte zugleich an, künftig stärker auf Kennzahlen wie Umsatz und operativen Gewinn zu setzen, statt auf Abozahlen oder Sehstunden. Netflix veröffentlicht seit Längerem keine regelmäßigen Abonnentenzahlen mehr und will Beliebtheitsdaten für Filme und Serien künftig nur noch jährlich statt halbjährlich veröffentlichen.
Quartalszahlen und Ausblick
Im Mittelpunkt der Telefonkonferenz mit Analysten stand der zunehmende Einsatz generativer KI. Co-CEO Ted Sarandos erklärte, generative KI skaliere schnell über den gesamten kreativen Prozess, vom Konzept über die Vorvisualisierung bis in Postproduktion und Auslieferung. Den größten Anteil daran habe bislang die Postproduktion. KI werde unter anderem eingesetzt, um Menschenmengen oder Szenen historischer Schlachten zu erzeugen.
KI-Einsatz im kreativen Prozess
Sarandos betonte, KI sei nur ein Werkzeug in den Händen kreativer Menschen. "Filme werden von Leuten gemacht, die Filme machen", sagte er. Ohne die Werkzeuge hätten viele Produktionen einzelne Schlüsselszenen weggelassen, die sonst dem Zeitdruck oder den Budget-Grenzen zum Opfer gefallen wären. Die eingesparten Kosten sollen nicht das Budget schrumpfen lassen, sondern in mehr Programme fließen.
Als konkretes Beispiel nannte Netflix die Dokumentarserie "The American Experiment": 17 Minuten des Materials seien dort KI-gestützt entstanden, doppelt so schnell und zu den halben Kosten der bisherigen Verfahren. Im Aktionärsbrief werden zudem die indische Sportserie "Glory" und die brasilianische Miniserie "Brasil 70: A Saga do Tri" als weitere Beispiele für den Einsatz generativer KI genannt.
InterPositive und interne Werkzeuge
Für die KI-Arbeit nutzt Netflix neben den Werkzeugen des zugekauften Studios InterPositive die hauseigene VFX-Einheit Eyeline und ein eigenes Animationslabor. Das 2022 vom Schauspieler Ben Affleck gegründete Unternehmen InterPositive hat Netflix im März übernommen; die Software erzeugt keine Videos aus Textprompts, sondern trainiert ein Modell auf dem gedrehten Material einer Produktion. Der Kaufpreis kann einem Bloomberg-Bericht zufolge bis zu 600 Millionen US-Dollar erreichen.
Sarandos verwies zudem auf eine Trendumkehr beim sogenannten Zweite-Staffel-Problem. Marktforschungsdaten hatten zuletzt Zweifel geweckt, ob Netflix Zuschauerinnen und Zuschauer erfolgreicher Serien langfristig binden kann. Interne Daten des Unternehmens zeigen demnach, dass zweite Staffeln erfolgreicher Originalserien oft massiv Zuschauer verlieren. Sarandos widersprach dieser Einschätzung und erklärte, die Rückgänge zwischen erster und zweiter Staffel seien zuletzt geringer ausgefallen als im Vorjahr. Netflix suche weiter nach den Ursachen.
Zweite-Staffel-Problem: Sarandos sieht Trendwende
Co-CEO Greg Peters sagte, Live-Übertragungen zögen überdurchschnittlich viele Neukunden an, hätten insgesamt aber weniger Zuschauer als andere Programmformate. Zudem gebe es nicht zwingend einen direkten Zusammenhang zwischen Umsatz und der Zahl der Stunden, die Kundinnen und Kunden vor dem Bildschirm verbringen. Netflix konkurriert mit Rivalen wie Disney und Paramount sowie mit Plattformen wie YouTube und TikTok um die Aufmerksamkeit der Nutzer.
Hintergrund der verhaltenen Börsenreaktion ist auch der gescheiterte Übernahmeversuch von Warner Bros. Netflix hatte im Bieterwettstreit gegen Paramount verloren. Im Februar 2026 erhielt Netflix allerdings 2,8 Milliarden US-Dollar von Warner Bros. als vertragliche Strafzahlung nach der Auflösung des bereits vereinbarten Deals. Einige Investoren hatten das Gebot im Kontext der Bindungssorgen als mutigen Vorwärtsschritt interpretiert; die Vertragsstrafe ließ zugleich die Steuerzahlungen des Streaming-Marktführers im vergangenen Quartal etwas steigen.
Gescheiterte Warner-Bros.-Übernahme
Der Einsatz von KI ist auch innerhalb der Branche umstritten. In Deutschland verlangt Netflix von Synchronsprechern per Vertrag, das Recht zur Nutzung der Aufnahmen für KI-Training einzuräumen. Der Bundesverband Schauspiel hatte im vergangenen Sommer eine eigene Vereinbarung mit Netflix zum Einsatz von KI-Stimmen ausgehandelt. Der Verband Deutscher Sprecher (VDS) hat hingegen zum Streik aufgerufen, weil die Mitglieder sich durch die Vertragsunterzeichnung langfristig selbst arbeitslos machen könnten.
Kritik und Verträge mit Synchronsprechern
Netflix macht im Katalog allerdings nicht transparent, welche Filme und Serien KI-generiertes Material enthalten. Auch außerhalb des Unternehmens gibt es Kritik und Zustimmung: George Lucas verteidigte den Einsatz von KI in Filmen in einem Interview mit dem Filmmagazin A Rabbit's Foot und verglich den Widerstand gegen die Technologie mit dem Beharren auf Pferdekutschen.
Insgesamt zeigt sich Netflix als Marktführer im Video-Streaming unter Druck: Die Erlöse wachsen, die Margen schrumpfen leicht, der Ausblick enttäuscht die Analysten, und die Aktie reagiert mit Verlusten. Gleichzeitig setzt das Unternehmen verstärkt auf generative KI, um Inhalte günstiger und schneller zu produzieren, und verweist auf eine mögliche Trendwende bei den Zuschauerverlusten ab der zweiten Staffel.
Die kommenden Quartale werden zeigen, ob die KI-Offensive tatsächlich hilft, das Zweite-Staffel-Problem zu entschärfen und das Wachstum in einem zunehmend umkämpften Markt zu sichern. Investoren, Kreative und Synchronsprecher werden dabei genau beobachten, wie Netflix den Spagat zwischen Kosteneffizienz, kreativer Qualität und dem Vertrauen der Beschäftigten meistert.
Fragen & Antworten
Wie viele Netflix-Titel wurden 2025 mit KI produziert?
Nach Angaben von Netflix wurde generative KI im laufenden Jahr in rund 300 Filmen und Serien eingesetzt, etwa für Menschenmengen oder Szenen historischer Schlachten.
Was ist das Zweite-Staffel-Problem bei Netflix?
Marktforschungsdaten und interne Netflix-Daten zeigen, dass zweite Staffeln erfolgreicher Originalserien oft massiv Zuschauer verlieren; Co-CEO Ted Sarandos erklärte jedoch, die Rückgänge seien zuletzt geringer als im Vorjahr.
Warum ist die Netflix-Aktie nach den Quartalszahlen gefallen?
Die Aktie verlor nachbörslich rund acht bis neun Prozent, weil der Umsatzausblick von 12,86 Milliarden US-Dollar für das dritte Quartal leicht unter den Erwartungen der Analysten lag.
Netflix: KI in 300 Titeln und Trendwende bei Staffel 2 | nachrichten360