Wien gründet Zentrum für Digitalen Humanismus: Vier Universitäten starten Zehn-Jahre-Projekt
Wien, 24. Juni 2026
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Kurzfassung
In Wien wurde am Mittwoch das Zentrum für Digitalen Humanismus (CDH) vorgestellt, ein auf zehn Jahre angelegtes Gemeinschaftsprojekt von TU Wien, Universität Wien, WU Wien und CEU. Ziel ist es, die gesellschaftlichen Folgen von KI und verwandten Technologien zu erforschen und Wien international als Themenführer zu positionieren.
Die TU Wien, die Universität Wien, die Wirtschaftsuniversität Wien und die Central European University haben am Mittwoch in Wien das Zentrum für Digitalen Humanismus (CDH) vorgestellt, ein auf zehn Jahre angelegtes Forschungsprojekt zu den gesellschaftlichen Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz und weiteren digitalen Technologien.
Konferenz unter dem Motto „Orientierung"
Die Präsentation des neuen Zentrums fand im Rahmen der Konferenz „Orientierung in turbulenten Zeiten" statt, die an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) eröffnet wurde. Konferenzleiter Erich Prem, Vorsitzender der Vereinigung zur Förderung des Digitalen Humanismus, eröffnete die Veranstaltung mit dem programmatischen Leitsatz: „Technologie ist kein Schicksal. Wir können sie in die eigenen Hände nehmen und gestalten." Die Konferenz wird heuer zum zweiten Mal ausgerichtet und läuft bis Freitag.
Das Zentrum soll nach den Plänen der Beteiligten eine physische Anlaufstelle erhalten, an der Initiativen aus Wissenschaft, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Kultur zusammenkommen. Ziel sei es, „ein Ökosystem geschaffen werden, das die demokratieverträgliche Gestaltung von Technologien ermöglicht". Die zugehörige Serviceseite ist unter https://dighum.wien erreichbar.
Vier Universitäten als Gründungspartner
Zu den Gründungspartnern gehören die TU Wien, die Universität Wien, die Wirtschaftsuniversität Wien und die Central European University. „neben der TU Wien sind die Universität Wien, die Wirtschaftsuniversität (WU) Wien und die Central European University (CEU) beteiligt", heißt es in der Projektbeschreibung. An der Spitze des Zentrums steht der Informatiker Peter Kness, Inhaber der UNESCO-Lehrstuhls für Digitalen Humanismus und Angehöriger der TU Wien.
Kness ordnete die Finanzierung als politisches Signal ein. „In Zeiten klammer Budgets sei dies ein 'starkes Commitment', sich mit den gesellschaftsverändernden Themen rund um digitale Technologien auseinanderzusetzen", sagte er. Die initiale Förderung stammt von der Stadt Wien, dem Wissenschaftsministerium sowie den Gründungspartneruniversitäten; weitere Bundesmittel aus dem Infrastrukturministerium sind vorgesehen.
Finanzierung und Personalplanung
Das CDH-Projekt ist auf eine Laufzeit von zehn Jahren ausgelegt. „Im Vollbetrieb sollen 15 bis 20 Personen an Fragestellungen rund um die gesellschaftlichen Implikationen von KI und Co arbeiten." Ziel sei zunächst, rund eine Million Euro an Forschungsmitteln pro Jahr einzuwerben und in Richtung 2,5 bis 3 Millionen Euro zu wachsen.
Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) unterstrich die strategische Dimension für den Standort. Man wolle „ein 'Zentrum, das weltweit Themen setzen kann'". Sie verantwortet als Wiener Stadträtin für Kultur und Wissenschaft auch die kommunale Mitfinanzierung.
Auch die Rektoren der beteiligten Universitäten stellten sich hinter das Vorhaben. Sebastian Schütze, Rektor der Universität Wien, sagte: „Es soll schwer werden, uns nicht zuzuhören." Das Zentrum werde „Zahlen, Daten und Fakten" liefern, „so werde das Zentrum auch 'Zahlen, Daten und Fakten' liefern". Als eines der Ziele nannte Schütze, KI zu demokratisieren und sie aus der Sphäre der „Tech-Bros" herauszuführen.
Jens Schneider, Rektor der TU Wien, betonte die wissenschaftspolitische Bedeutung der Bündelung. Rupert Sausgruber, Rektor der WU Wien, verwies auf den Beitrag der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Eva Wittenberg, Kognitionswissenschaftlerin an der CEU, brachte die interdisziplinäre Perspektive der Partneruniversität ein.
Internationale Stimmen: Chowdhury und das Wiener Manifest
Unter den Hauptrednern der Konferenz befindet sich die bangladeschisch-amerikanische Datenwissenschaftlerin Rumman Chowdhury. Sie setzt sich für ein faires und verantwortungsvolles Design von Algorithmen ein. Vor der Übernahme und Umbenennung der Plattform Twitter durch Elon Musk hatte sie dort für verantwortliche KI geworben.
Chowdhury ordnete die geopolitische Dimension ein. „San Francisco ist nicht Österreich oder Europa." Europa müsse sich klar werden, wie es „AI sovereignty" erreichen könne und dabei gleichzeitig kooperationsfähig bleibe. Das CDH solle nach diesem Verständnis auch eine Antwort auf die Konzentration von KI-Entwicklung im kalifornischen Raum sein.
Die Konferenz begann am Mittwoch mit einem Screening der Dokumentation „Ghost in the Machine". Rund 400 Anmeldungen und 120 Fachleute aus Wissenschaft, Kunst, Bildung und Verwaltung nehmen als Sprecherinnen und Sprecher teil. Damit hat sich der Personenkreis gegenüber der ersten Ausgabe deutlich vergrößert.
Geistiger Vorläufer des CDH ist das Wiener Manifest für Digitalen Humanismus aus dem Jahr 2019. Initiiert wurde es vom damaligen Dekan der Fakultät für Informatik an der TU Wien, Hannes Werthner. Das Manifest gilt seither als programmatische Grundlage der Wiener Digital-Humanism-Bewegung.
CDH im Kontext internationaler KI-Debatten
Mit dem CDH entsteht in Wien ein Institut, das sich in einen wachsenden internationalen Diskurs über die gesellschaftliche Steuerung von KI einreiht. Während etwa die US-Studie „AI 2027" ein Szenario entwirft, in dem eine unkontrollierte KI-Aufrüstung zwischen den USA und China in einer Superintelligenz mündet, die 2030 die Menschheit als Hindernis betrachtet, setzt Wien auf den Dialog von Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft.
Peter Kness verwies in diesem Kontext auf zwei zentrale Herausforderungen: das Alignment-Problem, also die Frage, wie KI-Systeme verlässlich an menschlichen Werten ausgerichtet werden können, sowie die mangelnde Transparenz neuronaler Netze. „Developer können die exakten Regeln innerhalb neuronaler Netze nicht einsehen", heißt es im Konferenzmaterial, was die Überprüfung der Ehrlichkeit solcher Systeme erschwere.
Mit der Eröffnung des CDH positioniert sich Wien auch im Wettbewerb mit anderen europäischen Standorten, die ähnliche Initiativen aufbauen. Die Stadt setzt dabei auf die Bündelung ihrer vier großen Universitäten und auf die internationale Sichtbarkeit der Konferenz.
Ausblick: Standort, Roadmap und internationale Wirkung
Die Finanzierung gilt als Modell mit Wiederholungspotenzial. Sollte das CDH seine Mittel wie geplant auf 2,5 bis 3 Millionen Euro pro Jahr steigern, könnte das Zentrum nach Ablauf der ersten Förderperiode als Vorlage für vergleichbare Institute in anderen Ländern dienen. Wien knüpft damit an seine Rolle als Standort internationaler Organisationen und Konferenzen an.
Unter dem Eindruck der geopolitischen Spannungen, neuer KI-Warnungen von früheren OpenAI-Mitarbeitern wie Daniel Kokotajlo und einer wachsenden Zahl von EU-Initiativen zur KI-Regulierung versteht sich das CDH als ein unabhängiger Akteur. Die Kombination aus kommunaler, nationaler und universitärer Finanzierung soll diese Unabhängigkeit institutionell absichern.
Bis zum Ende der Konferenz am Freitag werden weitere Vorträge und Podiumsdiskussionen folgen. Organisator Erich Prem kündigte an, dass die Inhalte in eine „Roadmap" für die kommenden Jahre einfließen sollen. Das nächste Etappenziel ist die Eröffnung des physischen Standorts, an dem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des CDH zusammentreffen sollen.
Fragen & Antworten
Wer steht hinter dem neuen Zentrum für Digitalen Humanismus in Wien?
Hinter dem CDH stehen die TU Wien, die Universität Wien, die Wirtschaftsuniversität Wien und die Central European University. Geleitet wird es vom Informatiker Peter Kness, Inhaber der UNESCO-Lehrstuhls für Digitalen Humanismus.
Wie wird das CDH finanziert und wie lange läuft das Projekt?
Die initiale Finanzierung stammt von der Stadt Wien, dem Wissenschaftsministerium sowie den Gründungspartneruniversitäten, weitere Mittel aus dem Infrastrukturministerium sind vorgesehen. Das Projekt ist auf eine Laufzeit von zehn Jahren angelegt.
Welche Ziele verfolgt das Zentrum?
Das CDH will die gesellschaftlichen Auswirkungen von KI und verwandten Technologien erforschen und Wien international als Themenführer im Digitalen Humanismus positionieren. Im Vollbetrieb sollen 15 bis 20 Personen daran arbeiten, Forschungsmittel von zunächst etwa einer Million Euro pro Jahr einzuwerben.
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