Berlin, 29 August 2026
Bärbel Bas (SPD) hat den mit der Union erzielten Kompromiss zur Krankschreibung bereits am ersten Krankheitstag hinterfragt, während das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) ebenfalls skeptisch auf die geplante Neuregelung blickt.
Die Diskussion um die Krankschreibung ab dem ersten Krankheitstag nimmt eine überraschende Wendung: Bärbel Bas (SPD) hat den erst kürzlich mit der Union ausgehandelten Kompromiss infrage gestellt. Damit gerät ein Vorhaben unter Druck, das in den Koalitionsverhandlungen zwischen SPD und CDU/CSU als gemeinsamer Fortschritt in der Arbeitsmarktpolitik verkauft worden war.
Nach dem ausgehandelten Kompromiss sollen Beschäftigte künftig bereits am ersten Tag ihrer Erkrankung eine ärztliche Krankschreibung vorlegen müssen. Bisher gilt eine solche Pflicht erst ab dem dritten Tag. Die Befürworter argumentieren mit einer besseren Steuerung der Fehlzeiten und einer Entlastung der Arbeitgeber, die Kritiker warnen vor zusätzlichem bürokratischen Aufwand.
Hintergrund: Was die Neuregelung vorsieht
Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) meldet nun erhebliche Zweifel an der praktischen Umsetzung der Neuregelung an. Es sei kaum damit zu rechnen, „dass Arbeitgeber von der Neuregelung flächendeckend Gebrauch machen" würden. „Für die Beibehaltung der betrieblich eingeübten Praxis spricht zum einen der zusätzliche Verwaltungsaufwand, den die Neuregelung in den Personalabietungen verursachen würde. Zum anderen würde eine strenge Regelauslegung möglicherweise das vertrauensvolle Miteinander von Mitarbeitern und Arbeitgebern im Betrieb belasten", erklärte das Institut.
Die IW-Experten verweisen darauf, dass in vielen Unternehmen jahrzehntelang gewachsene Routinen bestehen, in denen Vorgesetzte und Personalabteilungen auf das Vertrauen der Beschäftigten setzen. Eine scharfe Auslegung der neuen Pflicht könnte dieses eingespielte Verhältnis empfindlich stören, so die Sorge der Ökonomen.
Haltung der Wirtschaft
Auch aus Bas' eigenem Haus kommen verhaltene Signale. Mit ihrer öffentlichen Hinterfragung des Kompromisses signalisiert die SPD-Ministerin, dass sie den Widerstand aus der Wirtschaft und aus Teilen der Koalition ernst nimmt. Ob sie damit den Druck auf die Union erhöhen oder das Vorhaben grundsätzlich kippen will, blieb zunächst offen.
In der Unions-Fraktion reagierte man zurückhaltend auf die neuen Zweifel. Man verwies auf die bereits erzielte Einigung und warnte vor einem Wiederaufrollen mühsam errungener Kompromisse. Gleichzeitig wird hinter den Kulissen eingeräumt, dass die rechtliche und organisatorische Umsetzung der Regelung hohe Hürden mit sich bringt.
Die Reformpläne sollen nach dem Willen der Koalition noch in diesem Jahr vollständig umgesetzt werden. Ob dieser Zeitplan angesichts der neuen Diskussionen noch zu halten ist, erscheint jedoch fraglich. Sollte die Neuregelung tatsächlich kommen, wäre zuerst eine Anpassung der Entgeltfortzahlungsregeln erforderlich.
Reaktionen aus Gewerkschaften und Union
Gewerkschaften sehen die geplante Pflicht zur Krankschreibung ab dem ersten Tag ebenfalls skeptisch. Sie fürchten, dass Beschäftigte mit unklaren Symptomen künftig gezwungen sein könnten, schon bei leichten Erkältungen eine Arztpraxis aufzusuchen, was die ohnehin überlasteten Praxen zusätzlich unter Druck setzen würde.
Arbeitgeberverbände wiederum verweisen auf den Kontrollverlust, der entstehen könnte, wenn die Pflicht zwar formal gilt, aber in der betrieblichen Praxis unterlaufen wird. Sie plädieren seit Langem für mehr Eigenverantwortung der Beschäftigten statt zusätzlicher Bürokratie.
Beobachter werten Bas' Vorstoß auch als taktisches Manöver im Verhältnis zur Union. Indem sie die Regelung öffentlich hinterfragt, verschiebt sie die Beweislast: Sollte die Reform später an der Praxis scheitern, hätte die SPD frühzeitig auf die Risiken hingewiesen.
Was die Reform für Beschäftigte bedeuten würde
Am Ende bleibt eine politisch ungewöhnliche Konstellation: Eine SPD-Ministerin stellt einen Kompromiss infrage, der erst vor Kurzem gegen den Widerstand in den eigenen Reihen durchgesetzt wurde, und erhält dabei Rückendeckung von einem arbeitgebernahen Institut. Das IW liefert mit seiner Expertise jene Argumente, die Bas politisch nutzbar machen kann.
Klar ist: Die Krankschreibung ab dem ersten Krankheitstag ist noch nicht in trockenen Tüchern. Zwischen SPD, Union, Wirtschaft und Gewerkschaften zeichnet sich eine neue Front ab, die den Zeitplan der Koalition ernsthaft gefährden könnte.
Unabhängig vom weiteren politischen Gezänk bleibt die Frage, was die Neuregelung konkret für die rund 45 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland bedeuten würde. Sie müssten sich künftig schon beim ersten Krankheitszeichen in eine Arztpraxis begeben, um ihre Lohnfortzahlung nicht zu verlieren.
