Koalition verschärft Krankmeldungs-Regeln: Telefonische AU soll abgeschafft werden
Berlin, 03. Juli 2026
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Kurzfassung
Die schwarz-rote Koalition plant, die telefonische Krankschreibung ersatzlos zu streichen und die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bereits ab dem ersten Krankheitstag verpflichtend zu machen. Ärzteverbände und Gewerkschaften kritisieren den Beschluss scharf und warnen vor einer Überlastung der Hausarztpraxen.
Die Bundesregierung aus Union und SPD hat sich auf ein umfassendes Reformpaket verständigt, das unter anderem die telefonische Krankschreibung (Telefon-AU) abschafft und die Vorlage einer ärztlichen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) ab dem ersten Krankheitstag vorsieht.
Die schwarz-rote Koalition aus CDU, CSU und SPD hat am Donnerstagmorgen in Berlin ein Reformpaket mit 34 Punkten vorgestellt, das auf Steuerentlastungen, Bürokratieabbau und strengere Regeln am Arbeitsmarkt zielt. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sprach von einem "ganzen Katalog von bedeutenden Reformen" und kündigte an, die Regierung wolle "Deutschland wieder flott kriegen". Im Zentrum steht die geplante Abschaffung der telefonischen Krankschreibung sowie die Pflicht zur ärztlichen Bescheinigung bereits ab dem ersten Krankheitstag – bisher galt die Vorlagepflicht erst ab dem vierten Tag.
Geplante Reformen im Detail
Bisher musste eine ärztliche Bescheinigung laut der bestehenden Regel erst vorgelegt werden, wenn die Arbeitsunfähigkeit länger als drei Kalendertage dauerte: "Dauert die Arbeitsunfähigkeit länger als drei Kalendertage, hat der Arbeitnehmer eine ärztliche Bescheinigung über das Bestehen der Arbeitsunfähigkeit sowie deren voraussichtliche Dauer spätestens an dem darauffolgenden Arbeitstag vorzulegen." Künftig soll die Vorlage einer AU-Bescheinigung bereits ab dem ersten Fehltag der gesetzliche Regelfall sein. Die telefonische Krankschreibung, die seit Ende 2023 möglich war und ursprünglich aus der Corona-Pandemie stammt, wird nach dem Willen der Koalition vollständig abgeschafft. Digitale Wege wie Videosprechstunden sollen allerdings weiterhin zulässig bleiben.
Merz begründete den Schritt mit einer als zu hoch empfundenen Zahl an Krankheitstagen in Deutschland. Er verwies auf "exorbitant gestiegene Krankenstände" nach dem Ende der Corona-Pandemie und sagte: "Wir können uns diesen Wettbewerbsnachteil durch lange Abwesenheiten in den Unternehmens nicht mehr leisten." Der CDU-Politiker räumte zugleich ein, es handele sich um eine "harte Entscheidung". Auf ZDF "maybrit illner" ergänzte er: "Sie müssen nicht am ersten Tag in die Arztpraxis. Sie müssen vom ersten Tag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung haben."
Vorgesehen ist zudem, dass Unternehmen über Betriebs-, Tarif- oder Individualvereinbarungen von der neuen Regel abweichen dürfen. Auch die Strafen für das Ausstellen falscher Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen sollen verschärft werden. Derzeit sieht Paragraph 278 des Strafgesetzbuchs dafür Freiheitsstrafen bis zu zwei Jahren oder Geldstrafen vor.
Harte Kritik aus der Ärzteschaft
Die Pläne stoßen bei Ärzteverbänden und Gewerkschaften auf scharfe Kritik. Dr. Bettina Schultz, Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein, nannte die Pläne "Irrsinn" und warnte: "Unsere Hausarztpraxen arbeiten vielerorts bereits an ihrer Kapazitätsgrenze." Markus Blumenthal-Beier, Bundesvorsitzender des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes, sprach von einer "absoluten Katastrophe" und einer "riesige Bürokratiewelle", die auf die Praxen zukomme. Auch Manfred Imbert, stellvertretender Vorsitzender des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes Nordrhein, kritisierte: "Wir ticken auch so am Limit – und wie soll das erst werden, wenn demnächst jeder dritte Arzt in Rente geht?"
Barbara Römer, Vorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes Rheinland-Pfalz, sprach von einem "bürokratischen Super-GAU für die Hausarztpraxen" und sagte: "Diese Beschlüsse sind eine Katastrophe." Dr. Carola Reimann, Chefin des AOK-Bundesverbandes, bezeichnete die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung als "reine Symbolpolitik".
Auch aus den Reihen der Koalitionsparteien selbst kam Widerspruch. SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf erklärte: "Es gibt da natürlich viel Widerspruch, auch verständlichen Widerspruch." Einen Karenztag ohne Lohnfortzahlung im Krankheitsfall habe die SPD in den Verhandlungen ausgeschlossen: "Die Einführung eines Karenztages, das heißt, krank sein ohne Lohnfortzahlung, war für uns keine Option." Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) verteidigte unterdessen die Abschaffung der Telefon-AU und verwies auf sinkende Hürden durch die telefonische Option. Die telefonische Krankschreibung sei in einer "Zeit des Ausnahmezustands" entstanden.
Koalitionsinterner Widerspruch
Hendrik Wüst (CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, forderte Klarstellung. In Düsseldorf sagte er: "Insofern ist die Aufregung vielleicht ein guter Anlass zur Klarstellung." Er halte es für klug, wenn Arbeitnehmer auch erst am zweiten oder dritten Tag zum Arzt gehen und die Bescheinigung rückwirkend für die vorhergehenden Tage erhalten könnten. Es müsse unterschieden werden, ob man eine Krankschreibung "am" oder "für" den ersten Tag brauche. Wüst warnte zugleich: "Dies dürfe nicht zu einer Überforderung der Arztpraxen führen."
Aus den Bundesländern kommt ebenfalls Kritik. Clemens Hoch (SPD), Gesundheitsminister in Rheinland-Pfalz, nannte die Pläne "absurd" und warnte: "So legen wir die ambulante Versorgung im Land lahm." Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Eder im Mainzer Landtag sagte: "Wer Beschäftigte aus reinem Misstrauen ab dem ersten Krankheitstag in die Arztpraxis schickt, schafft nicht mehr Produktivität, sondern mehr Bürokratie." Ministerpräsident Gordon Schnieder (CDU) hingegen lobte das Reformpaket als wichtiges Signal und erklärte: "Genau so entsteht neues Vertrauen."
Arbeitgeberverbände begrüßten die Pläne. Rainer Dulger, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), sowie Johann Pöttering, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Metall- und Elektro-Industrie Nordrhein-Westfalen (Metall NRW), sehen in den Maßnahmen einen überfälligen Schritt. Pöttering sagte: "Die Bundesregierung erkennt erstmals an, dass die im internationalen Vergleich wirklich überdurchschnittlich hohen Krankentage in Deutschland ein wirkliches Problem für die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts sind." Bereits im Januar hatte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, die Debatte mit der Forderung nach einer Drei-Tage-Schonfrist ohne Krankmeldung befeuert.
Arbeitgeber sehen Handlungsbedarf
Die Gewerkschaft Ver.di wies die Pläne scharf zurück. Ver.di-Chef Frank Werneke sprach von einer "Grundsätzlichen Misstrauenskultur" und sagte: "Wenn sich Beschäftigte künftig vom ersten Tag an beispielsweise mit einem grippalen Infekt zum Arzt schleppen sollen, ist das Ausdruck einer grundsätzlichen Misstrauenskultur." Auch IG Metall kritisierte die Reform als Erfüllung einer "unsozialen Wunschliste" der Arbeitgeber. Marion Paul, regionale Ver.di-Chefin in Rheinland-Pfalz, sprach davon, dass Beschäftigte unter Generalverdacht gestellt würden.
Statistiken und Datenlage
Aus Sicht von Statistikern und Medizinern ist die Datenlage komplex. Birgit Becker, Wirtschaftsredakteurin beim Deutschlandfunk, führt die in Deutschland beobachtete Zunahme der Krankmeldungen auf statistische Effekte zurück: Seit 2022 würden elektronische Krankmeldungen (eAU) umfassend erfasst, was die Zahlen nach oben getrieben habe – nicht eine tatsächliche Zunahme von Erkrankungen. Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) teilt diese Einschätzung und betont, dass die telefonische Krankschreibung nur zwischen 0,8 und 1,2 Prozent aller AU-Fälle ausmacht.
Nach OECD-Daten liegt Deutschland mit 3,6 Wochen krankheitsbedingter Abwesenheit pro Jahr im oberen Mittelfeld Europas; Norwegen führt mit 5,9 Wochen den Vergleich an. Der europäische Durchschnitt liegt bei 2,6 Wochen. Bei AOK-Versicherten wurden 2025 im Schnitt 23,3 Kranktage gezählt – geringfügig weniger als 23,9 Tage im Vorjahr. Laut einer AOK-Studie machen Atemwegserkrankungen den größten Anteil aus, gefolgt von psychischen Erkrankungen; Muskel-Skelett-Probleme liegen an dritter Stelle. Langzeiterkrankungen machen nur rund drei Prozent der AU-Fälle aus, verursachen aber etwa 40 Prozent der Kranktage.
Im Programm "Programm für Aufschwung und Beschäftigung" heißt es klar: "Die telefonische Krankschreibung wird abgeschafft." Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) sprach von einem "klassischen Kompromiss". Die Reform soll Teil eines größeren Pakets werden, das auch steuerliche Erleichterungen für kleine und mittlere Einkommen vorsieht: Pro Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern sowie 60.000 Euro zu versteuerndem Einkommen sei eine Entlastung von bis zu 600 Euro vorgesehen; das Gesamtvolumen der Steuererleichterungen liegt den Angaben zufolge bei rund zehn Milliarden Euro jährlich.
Spahn verteidigte den Kurs der Koalition am Donnerstag im ARD/ZDF-Morgenmagazin und sagte über die geplanten Maßnahmen: "Dies werde die Zahl der Krankmeldungen reduzieren." Er verwies darauf, dass Deutschland "mit die höchste Zahl an Krankheitstagen, etwa 18 Krankstage im Jahr pro Arbeitnehmer" habe, und erklärte: "Diejenigen, die wirklich krank sind, die sollen natürlich auch zu Hause bleiben können." Gleichzeitig warb er für Verständnis: "Jeder kennt in seinem echten, wahren Leben, im Bekanntenkreis, Nachbarschaft, Freunde, vielleicht auf Arbeit, immer wieder auch die Situation, wo insbesondere montags und freitags es die sogenannten Bettkantenentscheidungen gibt." Man sitze auf der Bettkante und überlege: "Passt das heute?" Spahn betonte zudem, die Reform sei kein Misstrauen gegenüber Beschäftigten, sondern fördere die Fairness gegenüber Kollegen.
Weitere Reformen: Befristungen, Minijobs, Wohnen
Kritiker sehen in den Plänen das genaue Gegenteil. KBV-Chef Gassen sagte: "Wer hustet, eine Magen-Darm-Infektion hat, gehört ins Bett – und nicht in die übervolle Praxis." Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe sprach von "mehr Verwirrung statt Klarheit". Auch die Bundesärztekammer erklärte: "Die telefonische Krankschreibung hat sich in der Praxis bewährt." Mancher Beobachter wertete das Reformpaket dennoch als ersten Aufbruch. MDR-Hauptstadtkorrespondentin Kristin Schwietzer bezeichnete das Paket als "Ein guter Anfang".
Neben den Krankmeldungs-Regeln enthält das Paket weitere arbeitsmarktpolitische Beschlüsse: Befristete Arbeitsverträge ohne sachlichen Grund sollen künftig bis zu 48 Monate mit bis zu sechs Verlängerungen möglich sein – eine Verdopplung der bisherigen Höchstgrenze. Auch die Wiedereinstellung desselben Mitarbeiters beim gleichen Arbeitgeber auf befristeter Basis soll erleichtert werden. Die Neuregelung soll bis Ende 2030 erprobt werden. Zudem sollen Minijobs künftig mit einer Pauschalsteuer von fünf statt zwei Prozent belegt werden.
Im Bereich Wohnen plant die Koalition eine staatliche Wohnungsbaugesellschaft, die insbesondere in Regionen mit nachgewiesenem Wohnungsmangel den sozialen Wohnungsbau und das serielle Bauen unterstützen soll. In Rheinland-Pfalz fehlten im Jahr 2024 nach offiziellen Angaben mehr als 133.000 Wohnungen. Ministerpräsident Schnieder sagte, die Entlastung der breiten Mitte werde über die Einkommensteuer erfolgen. SPD-Wirtschaftsminister Michael Ebling begrüßte die geplanten Steuererleichterungen für kleine und mittlere Einkommen und sagte: "CDU und SPD haben geliefert heute."
Fragen & Antworten
Was genau plant die Koalition bei der telefonischen Krankschreibung?
Die schwarz-rote Koalition aus Union und SPD will die telefonische Krankschreibung vollständig abschaffen. Digitale Wege wie Videosprechstunden sollen nach den Plänen aber weiterhin zulässig bleiben.
Warum gibt es Kritik an der neuen Pflicht zur AU ab dem ersten Tag?
Hausärzteverbände warnen, dass die Hausarztpraxen vielerorts bereits an ihrer Kapazitätsgrenze arbeiteten und eine Welle zusätzlicher Besuche ohne medizinische Notwendigkeit drohe. Auch Gewerkschaften wie Ver.di sehen darin eine Misstrauenskultur gegenüber Beschäftigten.
Welche Ausnahmen soll es bei der Pflicht zur Ersttags-Bescheinigung geben?
Unternehmen sollen über Betriebs-, Tarif- oder Individualvereinbarungen von der Pflicht abweichen können. NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst schlug zudem vor, dass Beschäftigte erst am zweiten oder dritten Tag zum Arzt gehen und die Bescheinigung rückwirkend erhalten könnten.