Kieler Studie sieht Russlands Wirtschaft vor dem Ende ihrer Reserven
Kiel, 11. Juni 2026
AI-generated image (flux-2/pro-text-to-image via Kie.ai)
Kurzfassung
Eine Studie des Kieler Instituts für Weltwirtschaft und des Stockholm Institute of Transition Economics zeigt, dass Russlands Wirtschaft rund vier Jahre nach dem Einmarsch in die Ukraine deutliche Anzeichen struktureller Erschöpfung aufweist. Die liquiden Mittel des Staatsfonds schrumpfen, die Öl- und Gaseinnahmen brechen ein, und die Abhängigkeit von China wächst.
Eine am Donnerstag veröffentlichte Studie des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) und des Stockholm Institute of Transition Economics (SITE) kommt zum Schluss, dass Russlands Wirtschaft rund vier Jahre nach Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine strukturell erschöpft ist.
Schwindende Reserven und steigende Schulden
Die am Donnerstag vorgestellte Untersuchung wertet makroökonomische Indikatoren aus und zeichnet das Bild einer Volkswirtschaft, die ihre Anfangsreserven aufgebraucht hat. „In den ersten Jahren des Krieges gegen die Ukraine hat sich die russische Wirtschaft als widerstandsfähiger erwiesen, als viele erwartet hatten. Doch nun sind die Reserven aufgebraucht“, erklärte IfW-Präsident Moritz Schularick. „Die wirtschaftlichen Grundlagen haben sich deutlich abgeschwächt.“
Die liquiden Vermögenswerte des russischen Staatsfonds sind demnach von 6,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu Kriegsbeginn auf aktuell 1,8 Prozent gesunken. Die Öl- und Gaseinnahmen brachen im ersten Quartal um 45 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum ein. Das Defizit des Bundeshaushalts habe bereits in den ersten drei Monaten das für das gesamte Jahr angestrebte Ziel der Regierung überschritten, heißt es in der Studie.
Gleichzeitig ist die Verschuldung russischer Unternehmen seit Kriegsbeginn dramatisch gestiegen, weil Banken Ressourcen in kriegsbezogene Sektoren lenkten. Der Kreml stütze sich zunehmend auf außerbudgetäre Finanzierungen, eine rasche Kreditausweitung und indirekte Hilfen durch das Bankensystem, um die Militärausgaben aufrechtzuerhalten.
Engpässe bei Arbeit, Technologie und Produktion
Die Forscherinnen und Forscher betonen, dass Russland zwar weiterhin Geld für den Krieg mobilisieren könne, jedoch an Grenzen bei Arbeitskräften, Technologie und Produktionskapazitäten stoße. „Die grundlegende Einschränkung, mit der Russland heute konfrontiert ist, ist nicht der Zugang zu Geld, sondern der Zugang zu Arbeitskräften, Technologie und Produktionskapazitäten“, sagte Ko-Autor Matthew Klein. Angesichts eines Arbeitskräftemangels auf Rekordniveau und Sanktionen berge eine höhere Ausgabenpolitik zunehmend das Risiko, Inflation zu erzeugen, anstatt die militärische Leistungsfähigkeit zu steigern.
Parallel wächst die Abhängigkeit von China. Die Volksrepublik mache mittlerweile etwa 35 Prozent des russischen Außenhandels aus und sei für rund drei Viertel des Anstiegs der russischen Importe von sanktionierten, kritischen militärischen Komponenten seit 2022 verantwortlich. „Sie liefere den überwiegenden Teil der kritischen, zivil und militärisch nutzbaren Güter sowie der militärrelevanten Komponenten, die noch ins Land gelangten“, schreiben die Autoren. „Moskau sei in den Bereichen Handel, Technologie und Finanzen zunehmend von Peking abhängig, während China weiterhin frei sei, die Bedingungen der Beziehung zu diktieren.“
Wachsende Abhängigkeit von China
Ko-Autorin Alicia Garcia-Herrero sieht darin ein wachsendes Ungleichgewicht: „Der Begriff einer ‚grenzenlosen Partnerschaft‘ verschleiert eine wachsende Asymmetrie ... Russland hat einen wirtschaftlichen Rettungsanker erhalten, aber China hat an Einfluss gewonnen.“ Ko-Autor Torbjörn Becker forderte zudem erneute Bemühungen, Russlands Schattenflotte einzuschränken.
Politische Empfehlungen der Autoren
Die Autoren argumentieren, dass Russlands wachsende wirtschaftliche Verwundbarkeit ein Zeitfenster für wirksamere politische Maßnahmen des Westens eröffne. Sie schlagen strengere Exportkontrollen – insbesondere in Bezug auf chinesische Lieferanten – sowie neue Maßnahmen zur Verringerung der russischen Exporteinnahmen vor. Schularick ergänzte, höhere Ölpreise infolge des Krieges am Golf dürften vermutlich nur vorübergehende fiskalische Effekte haben.
Kriegsverlauf und diplomatische Signale
Parallel zur Studie hält der Krieg Russlands gegen die Ukraine an. Bei einem Drohnenangriff auf die ostukrainische Stadt Pawlohrad wurde nach ukrainischen Angaben ein Wohngebäude beschädigt; es brach ein Feuer aus. Mindestens zwölf Menschen wurden verletzt. In der südrussischen Region Krasnodar traf ein Drohnenangriff die Afipski-Raffinerie, wo ebenfalls ein Feuer ausbrach und eine Gasleitung in der Nähe der Anlage beschädigt wurde. Behörden machten zunächst keine Angaben zu möglichen Opfern. Nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj traf zudem eine im Inland entwickelte ukrainische Rakete eine Waffenfabrik in der russischen Stadt Tscheboksary.
Selenskyj erklärte den 11. Juni zum offiziellen Tag der ukrainischen Drohnentruppen und kündigte einen weiteren Ausbau dieser Fähigkeiten an. „Die Ukraine sei das erste Land der Welt, das eine eigenständige Teilstreitkraft für unbemannte Systeme geschaffen habe“, sagte er. Nach seinen Angaben wurden seit der Aufstellung der Drohnentruppen vor einem Jahr russische Ziele im Wert von fast 40 Milliarden US-Dollar getroffen; Angriffe auf die Militärlogistik und die Ölindustrie tief im russischen Hinterland seien besonders wirksam gewesen.
Bei einem Besuch in Estland bekräftigte Selenskyj, ein vollständiger und bedingungsloser Waffenstillstand sei Voraussetzung für ernsthafte Friedensgespräche mit Russland. Er sprach sich für internationale Überwachungsmechanismen sowie die Einbindung Europas und idealerweise der USA in Verhandlungen aus. Der frühere NATO-General Erhard Bühler bezeichnete unterdessen die von Russlands Präsident Wladimir Putin angeführte angebliche Bedrohung Russlands durch die Nato als die „größte Lüge“ des Krieges und kritisierte Selenskyj dafür, eine Militäreinheit nach der historischen UPA benannt zu haben, deren Mitglieder im Zweiten Weltkrieg Massaker an polnischen Zivilisten verübt hatten.
In der europäischen Diplomatie zeichnet sich unterdessen eine mögliche Öffnung ab: Nach Angaben von Außenminister Johann Wadephul hat ein Abkommen zwischen Ungarn und Ukraine zum Schutz von Minderheiten die Eröffnung weiterer Verhandlungskapitel im EU-Beitrittsprozess in Reichweite gebracht. (Reuters)
Fragen & Antworten
Was zeigt die neue IfW/SITE-Studie zu Russlands Wirtschaft?
Die Studie kommt zum Schluss, dass Russland rund vier Jahre nach Kriegsbeginn keine nennenswerten finanziellen Reserven mehr hat: Der Staatsfonds schrumpfte demnach von 6,5 auf 1,8 Prozent des BIP, die Öl- und Gaseinnahmen brachen im ersten Quartal um 45 Prozent ein, und die Unternehmensverschuldung stieg deutlich.
Wie abhängig ist Russland inzwischen von China?
Nach der Studie macht China etwa 35 Prozent des russischen Außenhandels aus und liefert rund drei Viertel des Anstiegs russischer Importe sanktionierter militärischer Komponenten seit 2022; die Autorinnen und Autoren sehen darin eine wachsende Asymmetrie zugunsten Pekings.
Welche politischen Maßnahmen schlagen die Forscherinnen und Forscher vor?
Sie empfehlen strengere Exportkontrollen – insbesondere gegenüber chinesischen Lieferanten – sowie neue Maßnahmen zur Senkung der russischen Exporteinnahmen und erneute Anstrengungen zur Einschränkung der russischen Schattenflotte.