Drohnenangriff auf St. Petersburg vor Wirtschaftsforum | nachrichten360
Ukrainische Drohnen stören Putins Wirtschaftsforum in St. Petersburg
Berlin, 04. Juni 2026
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Kurzfassung
Kurz vor Beginn des Internationalen Wirtschaftsforums in St. Petersburg haben ukrainische Drohnen Infrastruktur in mehreren Stadtteilen getroffen. Zeitgleich warnte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj vor einer neuen russischen Großoffensive, während NATO-Generalsekretär Mark Rutte in Kiew eintraf.
Ukrainische Drohnenangriffe haben Teile der Infrastruktur in St. Petersburg getroffen, kurz bevor dort das Internationale Wirtschaftsforum unter Beteiligung von Wladimir Putin begann; parallel warnte Kiew vor einer bevorstehenden russischen Großoffensive.
Die Drohnenschläge richteten sich nach ukrainischen Angaben gegen ein Ölterminal in St. Petersburg, das als logistischer Knotenpunkt für russische Treibstoffexporte gilt. Russische Behörden meldeten, dass die Flugobjekte abgewehrt worden seien, doch beschädigte Infrastruktur und Verletzte wurden aus der zweitgrößten Stadt des Landes gemeldet. In sozialen Netzwerken kursierten Bilder von Rauchsäulen über dem Hafenareal; unabhängig ließen sich die Aufnahmen zunächst nicht verifizieren.
Der Angriff auf den russischen Exporthafen erfolgte in zeitlicher Nähe zum Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg, das als außenpolitisches Schaufenster der Kreml-Führung gilt. Parallel sagte Kremlchef Wladimir Putin eine für den Tag geplante Marinparade zum Tag der Seekriegsflotte ab – offiziell wegen der Drohnengefahr. Beobachter werteten die zeitliche Abfolge als bewusste Demütigung der russischen Führung durch den ukrainischen Nachrichtendienst.
Drohnenangriff auf die Hafenstadt
In Kiew verschärfte Präsident Wolodymyr Selenskyj unterdessen seine Warnungen vor einer neuen russischen Großoffensive. Er verwies auf Geheimdiensterkenntnisse zu Truppenverlegungen und erklärte, die Vorbereitungen der russischen Streitkräfte deuteten auf eine „großangelegte Offensive“ hin. „Selenskyj hat gesagt, eine Eskalation kann es jederzeit geben, und ich gebe ihm völlig recht“, sagte die belarussische Oppositionspolitikerin Swjatlana Zichanouskaja bei einem Besuch in Kiew.
Armeechef Oleksandr Syrskyj sagte im Fernsehen, die Aufklärungsdienste hätten festgestellt, dass die Gefahr eines russischen Angriffs aus Belarus wachse. Syrskyj ließ offen, ob er vor einem Angriff unter Beteiligung belarussischer Soldaten warnte oder ob Moskau das Nachbarland als Aufmarschraum nutzen könnte. Der General nannte zudem mögliche Angriffsrouten: Mittlere Drohnen könnten die M-06-Autobahn zwischen Kiew und Lwiw sowie den ukrainisch-ungarischen Grenzübergang bei Tschop unter Beschuss nehmen.
Warnungen vor einer neuen Großoffensive
Der US-Think-Tank Institute for the Study of War (ISW) hatte dieses Szenario bereits Ende Mai in einem Bericht skizziert. Demnach könnte Russland von belarussischem Territorium aus westliche Militärhilfetransporte für die Ukraine attackieren. Die belarussisch-ukrainische Grenze ist mehr als 1000 Kilometer lang; bereits beim Großangriff im Februar 2022 hatten russische Truppen über Belarus Richtung Kiew vorgerückt.
Die Sorge vor einer neuen Eskalation wird durch Hinweise auf die Stationierung des Mittelstreckenraketensystems „Oreschnik“ in Belarus genährt. Nach Angaben der oppositionellen Gruppe „Gesellschaft der Eisenbahner von Belarus“ sei die Rakete auf einen ehemaligen Militärflugplatz verlegt worden. Die „Oreschnik“ kann nukleare Sprengköpfe tragen und damit jeden Punkt auf dem europäischen Kontinent erreichen.
Parallel zur militärischen Lage reiste NATO-Generalsekretär Mark Rutte nach Kiew, um Solidarität zu signalisiertem. UN-Generalsekretär António Guterres verurteilte die russischen Angriffe „aufs Schärfste“, wie sein Sprecher mitteilte. Auch das französische Außenministerium schloss sich der Kritik an und forderte Russland zur Einhaltung des Völkerrechts auf.
Eskalation über Belarus
An der Ostfront verstärkte Russland nach ukrainischen Angaben seine Angriffe. In der Nacht griffen russische Streitkräfte Kiew und Dnipro an; ukrainische Behörden meldeten insgesamt 22 Tote in den vergangenen Tagen. Im russisch besetzten Teil des Gebiets Donezk starben nach russischen Angaben sieben Menschen bei einem Drohnenangriff, elf weitere wurden verletzt. In Luhansk wurde Treibstoff rationiert.
Die ukrainische Seite weitete ihre Drohnenkampagne zugleich auf das russische Hinterland aus. In Kasan schlugen Drohnen in Wohngebäude und einen Industriestandort ein; Brände waren die Folge. Verletzte wurden nach russischen Angaben nicht gemeldet. Die Attacke erfolgte wenige Tage vor einem von Putin ausgerichteten Wirtschaftsgipfel, was in westlichen Hauptstädten als Zeichen der Reichweite ukrainischer Aufklärung interpretiert wurde.
Robert Brovdi, Kommandeur ukrainischer Drohneneinheiten, schrieb in den sozialen Medien, man habe bereits 500 Ziele in Belarus identifiziert, die im Ernstfall angegriffen würden. Brovdi gilt als eine der zentralen Figuren der ukrainischen Drohnenkriegsführung. Die Veröffentlichung wurde in Minsk als Drohung aufgefasst und heizte die Spannungen weiter an.
Gegendrohungen und Spekulationen
Der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko reagierte umgehend mit einer Gegendrohung. „Wir kennen auch ein Ziel in der Ukraine, ein sehr ernsthaftes, mit genauen Koordinaten, gar nicht weit weg von Belarus“, sagte er im russischen Staatsfernsehen. Beobachter spekulierten, ob Lukaschenko ein Atomkraftwerk gemeint haben könnte – etwa die Anlage in Riwne, die weniger als 80 Kilometer von der belarussischen Grenze entfernt liegt. Andere werteten die Bemerkung als Hinweis auf einen möglichen Angriff auf Präsident Selenskyj persönlich.
Zichanouskaja, die bei der umstrittenen Präsidentschaftswahl 2020 nach eigener Auffassung die meisten Stimmen erhalten hatte, warb in Kiew für eine gemeinsame Sicherheitsstrategie. Sie verwies auf die anhaltende militärische Zusammenarbeit zwischen Minsk und Moskau, einschließlich gemeinsamer nuklearer Übungen. Zugleich warnte sie vor einer möglichen Mobilisierung in Belarus, die das Land noch tiefer in den russischen Kriegskurs hineinziehen könnte.
In den Reihen der ukrainischen Streitkräfte kämpfen bereits Angehörige der belarussischen Opposition, die im „Kalinowski-Regiment“ organisiert sind. Die Politologin Ljudmila Pokrowschtschuk sagte im Fernsehsender Kyiv24, die Kämpfer der Einheit könnten in Belarus mehr Einfluss gewinnen als Zichanouskaja, weil sie sich „glaubwürdiger als Gegner Lukaschenkos“ präsentieren könnten. Die Einheit ist nach dem polnisch-litauischen Aufständischen Kastus Kalinouski benannt und genießt in der ukrainischen Öffentlichkeit einen legendären Ruf.
Wirtschaftliche Folgen und diplomatische Lage
Die wirtschaftlichen Folgen der Drohnenangriffe auf russische Raffinerien sind inzwischen auch in der Exportstatistik sichtbar. Russland muss nach Einschätzung von Branchenexperten seine Ölverkäufe erhöhen, um den Ausfall ganzer Verarbeitungslinien zu kompensieren. Das verändert die Preisbildung am Weltmarkt und verschiebt die Handelsströme – mit direkten Folgen auch für die EU, die ihre Importe aus Russland zwar reduziert hat, aber weiterhin indirekte Effekte über Drittmärkte spürt.
Während die diplomatischen Appelle sich mehrten, blieben konkrete Schritte zur Deeskalation aus. Weder in Brüssel noch in Washington wurden neue Sanktionspakete angekündigt, die über die bereits verhängten Maßnahmen hinausgehen. Die ukrainische Führung dringt weiter auf die Lieferung von Abwehrsystemen gegen ballistische Raketen und Marschflugkörper; russische Drohnenangriffe haben in den vergangenen Wochen die Energieinfrastruktur des Landes systematisch unter Druck gesetzt.
Fragen & Antworten
Was hat den Drohnenangriff auf St. Petersburg ausgelöst?
Ukrainische Drohnen haben nach Angaben aus Kiew Teile der Infrastruktur in mehreren Stadtbezirken St. Petersburgs getroffen, darunter ein Ölterminal. Der Angriff erfolgte kurz vor dem dortigen Internationalen Wirtschaftsforum mit Beteiligung von Wladimir Putin.
Wovor hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj gewarnt?
Selenskyj warnte unter Berufung auf Geheimdiensterkenntnisse vor einer neuen russischen Großoffensive. Armeechef Oleksandr Syrskyj sah zugleich die Gefahr wachsen, dass Russland einen Angriff aus Belarus heraus starten könnte.
Welche Rolle spielt Belarus in der aktuellen Eskalation?
Die belarussische Opposition berichtet von der Stationierung einer „Oreschnik“-Mittelstreckenrakete in Belarus, und Lukaschenko drohte offen mit einem Angriff auf Ziele in der Ukraine. Beobachter fürchten, dass Belarus als Aufmarschraum für eine russische Offensive dienen könnte.