Russischer Raketen- und Drohnenangriff auf Kiew fordert mehr als 20 Tote
Kiew, 2. Juli 2026
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Kurzfassung
Bei einem der schwersten russischen Luftangriffe seit Kriegsbeginn hat Russland die ukrainische Hauptstadt Kiew mit Drohnen, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen attackiert. Nach ukrainischen Angaben wurden in Kiew mindestens 21 Menschen getötet, Dutzende weitere verletzt, darunter ein zehnjähriger Junge.
Bei einem der schwersten russischen Luftangriffe seit Beginn des Krieges hat Russland die ukrainische Hauptstadt Kiew in der Nacht zum Donnerstag mit Drohnen, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen attackiert; nach ukrainischen Angaben wurden in der Stadt mindestens 21 Menschen getötet und Dutzende verletzt.
Ausmaß der Angriffswelle
Die ukrainische Luftwaffe registrierte nach eigenen Angaben insgesamt 570 Flugobjekte in der Angriffswelle, darunter knapp 500 Drohnen sowie rund 50 Marschflugkörper verschiedener Typen und 24 ballistische Iskander-Raketen. Unter den Marschflugkörpern befanden sich nach ukrainischen Informationen auch vier Hyperschall-Lenkwaffen vom Typ Zirkon, die ursprünglich zur Bekämpfung von Schiffen entwickelt wurden. Von den abgefeuerten Objekten habe die ukrainische Flugabwehr 524 abfangen können, teilte die Luftwaffe mit. Der Interzeptionsanteil bei Drohnen war demnach deutlich höher als bei Marschflugkörpern.
In Kiew schlugen nach der Bilanz der Luftwaffe 25 Raketen und 12 Drohnen an 33 Stellen ein. Zahlreiche Explosionen erschütterten in der Nacht das Zentrum der Drei-Millionenstadt am Fluss Dnipro. Mehrere Wohnhäuser wurden teilweise oder vollständig zerstört, darunter ein neunstöckiges Wohnhaus. Rettungskräfte suchten in den Trümmern nach Überlebenden, unter ihnen nach Angaben von Bürgermeister Vitali Klitschko ein 15-jähriges Mädchen und dessen Familie. In der Folge wurden in der Hauptstadt mindestens 21 Menschen getötet.
Zerstörungen und Opfer in Kiew
Nach Angaben der ukrainischen Behörden gab es allein in der Hauptstadt mindestens 20 Tote und 90 Verletzte; weitere 91 wurden nach Angaben des Militärgouverneurs Tymur Tkatschenko verletzt, etwa 90 weitere seien verletzt worden, teilten die ukrainischen Behörden mit. Zuvor hatte die Polizei von 100 Verletzten gesprochen; 70 Personen mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden, wie Bürgermeister Witali Klitschko schon am Morgen mitteilte. Unter den Verletzten ist nach Angaben Klitschkos auch ein zehnjähriger Junge, der schwer verletzt operiert wird. Auf Telegram schrieb Klitschko: "Die Eltern wurden unter den Trümmern nicht gefunden", deshalb sei der Großvater bei dem kleinen Patienten.
Getroffen hat es auch ein Hotel und das Gebäude eines Telekommunikationsanbieters im Stadtzentrum, zudem eine Residenz für diplomatisches Personal. Nach Angaben der EU-Botschafterin in der Ukraine, Katarina Mathernova, blieben die Diplomaten zwar unverletzt, aber persönliches Eigentum sei durch den Brand beschädigt worden. Im Stadtgebiet von Kiew wurden nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj Schäden an mehr als 20 Stellen gemeldet.
Russland spricht von Militärzielen
Zerstört oder schwer beschädigt wurde nach ukrainischen Angaben auch das Nationale Institut für Biochemie der Ukraine. Der Biologe Yuriy Danylovych sagte Reuters: "Dies ist eine Katastrophe für die medizinische und biologische Wissenschaft der Ukraine." Das russische Verteidigungsministerium erklärte, man habe unter anderem die Antonov-Flugzeugwerke, in denen Drohnen produziert werden, sowie zwei Funkelektronikwerke, die Steuerungen für Drohnen und Raketen herstellen, angegriffen. Eine der getroffenen Fabriken soll nach russischer Darstellung Steuerungssysteme für ukrainische Marschflugkörper vom Typ Flamingo gefertigt haben.
Die russische Seite sprach von Schlägen "mit Hochpräzisionswaffen" gegen ausschließlich militärische Ziele. Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte der Nachrichtenagentur Tass zufolge, die Attacke habe allein "militärischen oder militärnahen Objekten" gegolten. Präsident Wladimir Putin ließ sich nach Kremlangaben von Generalstabschef Waleri Gerassimow über den Angriff unterrichten. Russland bezeichnete den Großangriff unterdessen als Vergeltung für ukrainische Angriffe auf zivile Infrastruktur; das Verteidigungsministerium in Moskau erklärte auf Telegram, die Angriffe seien Vergeltung für vorherige ukrainische Angriffe.
Die ukrainische Vizeregierungschefin Julia Svyrydenko erklärte über Telegram, Russland habe fast 500 Drohnen und über 70 Raketen auf die Ukraine abgefeuert, Hauptangriffsziel sei Kiew gewesen. Luftalarm und Explosionen wurden nach Behördenangaben auch aus den Städten Saporischschja und Pawlohrad im Südosten sowie Sumy und Charkiw im Nordosten gemeldet. Tausende Einwohner suchten in Luftschutzkellern und U-Bahn-Stationen Zuflucht. Die Anwohnerin Iryna Plekhova schrieb auf Facebook: "Unser Haus brennt. Der Angriff dauert immer noch an."
Selenskyj kündigt Vergeltung an
Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte am Mittwochabend einen Besuch in Irland vorzeitig abgebrochen und die Bevölkerung vor dem bevorstehenden Angriff gewarnt. Noch am Mittwoch hatte er in Dublin am Rande eines Festakts zum Wechsel der EU-Ratspräsidentschaft vor einer "unangenehmen Information über die nächste Vorbereitung eines nächsten massiven russischen Angriffs" gewarnt. Selenskyj sprach danach an einer der Einschlagstellen in der Hauptstadt mit Journalistinnen und Journalisten.
Er erklärte: "Wir sind für einen gerechten Frieden, eine gerechte Beendigung des Kriegs, und solange es das nicht gibt, für gerechte Reaktionen." Selenskyj kündigte Vergeltung für den massiven russischen Angriff auf Kiew an und forderte Hilfe bei der Flugabwehr. Er schrieb im sozialen Netzwerk: "Der Nachschub an Flugabwehr für die Ukraine hat eine absolute und kritische Priorität."
Forderungen an den Westen
Selenskyj hoffte auch darauf, dass die USA der Ukraine den Bau von Patriot-Abwehrraketen in Lizenz erlauben. Selenskyj sprach von einer europäischen Produktion in der Ukraine oder gemeinsam mit Partnern und bot den USA im Gegenzug Unterstützung bei Operationen an. Verteidigungsminister Rustem Umerov habe in den vergangenen Tagen Gespräche mit Jared Kushner, dem Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump, geführt, sagte der ukrainische Präsident weiter. Selenskyj äußerte zudem Hoffnung auf ein Treffen mit Trump am Rande des Nato-Gipfels in der folgenden Woche in Ankara.
Der ukrainische Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow hat sich nach Angaben aus Kiew bereits an knapp 40 Partnerländer der Ukraine gewandt, um die Lieferung von Patriot-Raketen aus deren Beständen noch im laufenden Monat zu erbitten – im Austausch gegen später zugesagte Lieferungen. Wichtig sei jeder Beitrag zum PURL-Programm, bei dem Nato-Staaten Waffen in den USA kaufen und an die Ukraine übergeben. Eine breite Allianz unterstützender Staaten hat der Ukraine für die Luftabwehr unter anderem US-Patriot-Systeme und deutsche Iris-T-Komplexe geliefert.
In dem Programm produziert auch der Rüstungskonzern MBDA Germany Patriot-Raketen in Bayern in einem Gemeinschaftsunternehmen mit dem US-Konzern Raytheon. Das ukrainische Verteidigungsministerium erklärte, die Abwehr ballistischer Raketen sei wegen des Mangels an Raketen für Patriot-Systeme eine zentrale Herausforderung. Durch den von US-Präsident Donald Trump begonnenen Iran-Krieg ist das Defizit an solchen Raketen noch größer geworden.
Die ukrainische Fähigkeit, solche Angriffe vorherzusehen, beruht nach eigener Darstellung auf der Zusammenarbeit mit westlichen Geheimdiensten, vor allem der USA und Großbritanniens, die ihre Erkenntnisse nahezu in Echtzeit mit Kiew teilen. Außerdem nutzt die Ukraine nach Angaben des Wall Street Journal spezialisierte Radarsatelliten, um russische Flugplätze, Raketenstellungen und Truppenbewegungen zu beobachten.
Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas kündigte als Reaktion auf den Angriff neue Sanktionsvorschläge an. Auf der Plattform X schrieb sie: "Je mehr Moskau Zivilisten angreift, desto mehr Sanktionen müssen verhängt werden." Sie kündigte an, weitere Einrichtungen und Unternehmen zu sanktionieren, die den russischen militärisch-industriellen Komplex unterstützen. Konkret sollen fünf Einrichtungen und eine Privatperson auf die Schwarze Liste kommen, die an der Herstellung von Drohnen in Russland beteiligt sind.
Gegenangriffe und Kriegslage
Außenminister Andrij Sybiha sagte, Kiew habe eine "Nacht des Schreckens" erlebt. Mathernova erklärte, Russland habe "die Hölle über Kiew entfesselt". Deutschland verurteilte die Angriffe auf Kiew scharf. Die Nato und das EU-Mitglied Polen schickten als Reaktion vorübergehend Kampfjets in die Luft. Auch Finnland schränkte vorübergehend den Luftraum über dem östlichen Teil des Finnischen Meerbusens in der Ostsee ein.
Bei einem ukrainischen Drohnenangriff auf die zentralrussische Region Nischni Nowgorod ist nach Angaben der örtlichen Behörden ein Mensch getötet worden; zudem seien vier Personen verletzt und eine Industrieanlage beschädigt worden, teilte Regionalgouverneur Gleb Nikitin mit. In der Region befinde sich unter anderem die Norsi-Ölraffinerie, die zu den größten Raffinerien Russlands gehört. Zudem beschoss Russland die südukrainische Region Odessa mit Raketen; mindestens zwei Menschen wurden getötet, 13 weitere verletzt, wie Militärgouverneur Oleh Kiper auf Telegram mitteilte.
Die ukrainische Regierung hatte zuletzt die Energie-Infrastruktur in Russland ins Visier genommen, was dort schließlich zu Treibstoffengpässen führte. Wie der frühere Nato-General Erhard Bühler im Podcast "Was tun, Herr General?" erklärte, wird in 78 russischen Regionen mittlerweile der Treibstoff knapp. Eine Studie des Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington kommt zu dem Ergebnis, dass die kombinierten russischen und ukrainischen Verluste im Krieg zwei Millionen überschritten haben – den Großteil der Verluste trügen demnach die russischen Streitkräfte.
Kiews Bürgermeister Klitschko erklärte den Freitag zum Tag der Trauer und bezeichnete den Angriff als den schwersten seit Kriegsbeginn. Es handelte sich zugleich um den zweitschwersten russischen Angriff auf Kiew in diesem Jahr – nur einmal gab es noch mehr Todesopfer. Russland fordert für ein Ende der Kämpfe weiterhin den Rückzug ukrainischer Truppen selbst aus den Gebieten im Donbass, die die Russen in mehr als vier Jahren Krieg bislang nicht erobern konnten.
Zusätzlich meldete der Europäische Gerichtshof (EuGH) die Bestätigung des Verbots von Russia Today auf allen Plattformen. Die ukrainische Luftwaffe zog Bilanz nach der russischen Angriffswelle; zudem berichtete die Berliner Bundesanwaltschaft, sie habe Anklage gegen einen mutmaßlichen Drahtzieher der Nord-Stream-Anschläge erhoben. Dem Mann werden Kriegsverbrechen, das Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion und die Zerstörung von Bauwerken zur Last gelegt. Über die Zulassung der Anklage und die Eröffnung eines Prozesses muss das Hanseatische Oberlandesgericht in Hamburg entscheiden.
Fragen & Antworten
Wie viele Menschen kamen bei dem Angriff auf Kiew ums Leben?
Nach Angaben der ukrainischen Behörden wurden in Kiew mindestens 21 Menschen getötet, Dutzende weitere verletzt. Die Zahlenangaben aus den Quellen schwanken zwischen 13, 20 und 27 Toten sowie bis zu 100 Verletzten, da die Behörden die Bilanz im Lauf des Tages nach oben korrigierten.
Mit welchen Waffen hat Russland Kiew angegriffen?
Die ukrainische Luftwaffe zählte insgesamt 570 Flugobjekte, darunter knapp 500 Drohnen, rund 50 Marschflugkörper verschiedener Typen – darunter vier Hyperschall-Lenkwaffen vom Typ Zirkon – sowie 24 ballistische Iskander-Raketen.
Wie hat die ukrainische Regierung auf den Angriff reagiert?
Präsident Wolodymyr Selenskyj brach einen Irland-Besuch vorzeitig ab, warnte die Bevölkerung, kündigte Vergeltung an und forderte westliche Hilfe bei der Flugabwehr, insbesondere Patriot-Raketen und Lizenzproduktion in der Ukraine.
Russischer Großangriff auf Kiew: mindestens 21 Tote | nachrichten360