Russland hat ausländische Bürger und Diplomaten in Kiew vor bevorstehenden neuen Angriffen gewarnt und systematische Schläge auf Entscheidungszentren angekündigt.
Am Sonntag hatten russische Streitkräfte die ukrainische Hauptstadt mit rund 600 Drohnen und 90 Raketen massiv angegriffen. Nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj wurden dabei 87 Menschen verletzt, darunter drei Minderjährige, und rund 300 Gebäude beschädigt – überwiegend Wohnhäuser.
Zwei Menschen kamen nach vorläufigen Zahlen ums Leben. Der ukrainische Militärverwalter Tymur Tkatschenko sprach vom größten russischen Angriff seit Beginn der Invasion im Februar 2022.
Auch das ARD-Auslandsstudio und das Büro der Deutschen Welle im Zentrum Kiews wurden getroffen und beschädigt. Zerstört wurden zudem fast alle Fenster und Türen – insgesamt mehr als 40 – des Dominikanerklosters der Stadt.
Warnung an Ausländer und neue Angriffspläne
Das russische Außenministerium erklärte am Montag, man werde "systematische Angriffe" auf Einrichtungen der ukrainischen Rüstungsindustrie in der Hauptstadt starten. "Die Angriffe werden sowohl auf Entscheidungszentren als auch auf Kommandoposten zielen", hieß es. "Wir warnen ausländische Bürger, einschließlich des Personals diplomatischer Missionen und internationaler Organisationen, die Stadt so bald wie möglich zu verlassen."
Außenminister Sergej Lawrow informierte nach Angaben seines Ministeriums seinen US-Kollegen Marco Rubio telefonisch über die geplanten Angriffe und rechtfertigte sie als Reaktion auf ukrainische Angriffe auf Zivilisten.
Russland wirft der Ukraine unter anderem einen Drohnenangriff auf ein Wohnheim einer Berufsschule im besetzten Luhansk vor, bei dem am Freitag 21 Menschen starben. Die Ukraine wies den Vorwurf zurück und erklärte, Ziel sei eine militärische Einheit gewesen.
Internationale Reaktionen
Bei dem Angriff am Sonntag setzte Moskau nach ukrainischen Angaben auch eine atomwaffenfähige Hyperschallrakete des Typs Oreschnik ein – bereits das dritte Mal. Bundeskanzler Friedrich Merz verurteilte den Einsatz als "rücksichtslose Eskalation", EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nannte ihn eine "Verzweiflungstat".
Die Leiterin der EU-Vertretung in Kiew, Katarina Mathernova, lehnte Moskaus Aufforderung zur Abreise umgehend ab. "Wir bleiben in Kiew", schrieb sie. Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha rief die Verbündeten dazu auf, der "russischen Erpressung" nicht nachzugeben.
In der Ostukraine wurden bei weiteren russischen Angriffen auf Kramatorsk, die Region Charkiw und andere Orte mindestens vier weitere Menschen getötet und Dutzende verletzt. In Kramatorsk war unter den Opfern auch ein achtjähriger Junge, wie Gouverneur Wadym Filaschkin mitteilte.
Weitere Kämpfe und Gegenschläge
Auch die südrussische Grenzregion Belgorod war nach Behördenangaben Ziel ukrainischer Raketen- und Drohnenangriffe, bei denen zwei Menschen starben. Der ukrainische Geheimdienst SBU meldete zudem einen Drohnenangriff auf eine Ölpumpstation in der Region Wladimir, die Treibstoff für Moskauer Flughäfen liefert.
Präsident Selenskyj beklagte in seiner abendlichen Videobotschaft nur begrenzte Fortschritte bei den Verhandlungen mit den USA über den Ausbau der Raketenabwehrproduktion. Er erwarte neue diplomatische Schritte aus Washington.
