Hisbollah lehnt Waffenruhe mit Israel ab – UN-Soldat tot | nachrichten360
Hisbollah weist Waffenruhe mit Israel zurück – UN-Friedenssoldat getötet
Beirut, 04 Juni 2026
Israel Central Bureau of Statistics / Wikimedia Commons / Attribution
Kurzfassung
Die Hisbollah hat das in Washington vereinbarte Waffenruheabkommen zwischen Israel und der libanesischen Regierung öffentlich zurückgewiesen. Kurz nach der gemeinsamen Erklärung wurde im Südlibanon ein UN-Friedenssoldat getötet; nach Angaben aus Belgrad handelte es sich um einen serbischen Staatsbürger.
Beirut, 04 Juni 2026
Die Hisbollah hat das am Mittwochabend in Washington unter US-Vermittlung angekündigte Waffenruheabkommen zwischen Israel und dem Libanon zurückgewiesen, während im Südlibanon ein UN-Friedenssoldat getötet wurde.
Kassim spricht von „Fahrplan zur Zerstörung“
Hisbollah-Chef Naim Kassim verlas am Donnerstag eine im Fernsehen übertragene Erklärung, in der er die Vereinbarung scharf verurteilte. „Das angekündigte Abkommen ist ein Fahrplan zur Zerstörung eines Teils des libanesischen Volkes und zur Unterwerfung des übrigen Teils“, sagte Kassim. Die Miliz nehme nicht an den Verhandlungen in Washington teil und lehne Gespräche ab.
Kassim warf den Unterhändlern vor, eine Auslegung der Waffenruhe anzustreben, die die Hisbollah zur Einstellung ihrer Angriffe verpflichte, während Israel seine Angriffe fortsetze. Dies komme einer Kapitulation gleich. Für die Hisbollah seien ein vollständiger Waffenstillstand und der Rückzug Israels aus dem Südlibanon entscheidend. Dazu zählten das Ende aller israelischen Angriffe, der Abzug aus libanesischem Gebiet, die Rückkehr der Vertriebenen und der Wiederaufbau.
Gewalt im Südlibanon hält an
Kurz nach der gemeinsamen Erklärung des Libanon, Israels und der USA zu einem erneuten Waffenstillstandsversuch gab es Berichte über Artilleriebeschuss im Südlibanon, israelische Bombardierung von Städten und Dörfern sowie Drohnen- und Raketenangriffe der Hisbollah auf Nordisrael. Kassim warnte, Nordisrael werde nicht sicher sein, solange libanesische Dörfer bombardiert und Menschen getötet würden.
Bei einem nächtlichen Angriff auf eine UN-Basis im Südlibanon wurde ein UN-Friedenssoldat getötet, zwei weitere wurden durch Mörsergranaten verletzt. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Belgrad handelt es sich bei dem Getöteten um einen serbischen Staatsbürger. UNIFIL forderte ein sofortiges Ende der Gewalt und kündigte eine Untersuchung des Vorfalls an.
Familie kehrt zurück und wird getötet
Die Tragödie traf auch eine Familie im Südlibanon. Yaakoub Abdallah, der Bruder eines getöteten Vaters, schilderte, die Familie habe ihr Haus verlassen, weil das Dorf bedroht worden sei, sei aber in der Annahme zurückgekehrt, es sei nun sicher. „Sie waren in ihrem Haus. Sie hatten ihr Haus für einige Zeit verlassen, weil das Dorf bedroht wurde – aber dann dachten sie: Es ist jetzt sicher, wir gehen zurück“, sagte Abdallah.
Libanon zwischen Regierung und Hisbollah
Israels Botschafter in Washington, Yechiel Leiter, zeigte sich unbeeindruckt von der Ablehnung: „Die Hisbollah wird begreifen müssen, dass es nun ein Abkommen zwischen Israel und dem Libanon gibt, das von den USA unterstützt wird.“ Leiter kündigte an, eine Pilotzone solle unter US-Führung stehen. Spezialeinheiten und die libanesische Armee sollten verschiedene Gebiete übernehmen und die Kontrolle schrittweise auf den gesamten Süden ausdehnen.
Hintergrund des Konflikts ist die seit Monaten festgefahrene Lage. Seit März sind im Libanon nach Statistiken der Quelle mehr als 3.400 Menschen getötet worden, auf israelischer Seite etwa 30, die meisten davon Soldaten. Hunderttausende Menschen wurden im Libanon vertrieben. Im Norden Israels heulen wieder täglich Luftschutzsirenen. Die israelische Armee ist nach eigener Darstellung bisher gegen die von der Hisbollah eingesetzten Drohnen, die teils über Glasfaserkabel gesteuert werden, auf kein wirksames Abwehrsystem gestoßen.
Die libanesische Regierung hatte den Waffenstillstand grundsätzlich unterstützt, sieht sich aber einem internen Machtkampf gegenüber. Die Regierung strebt an, das Gewaltmonopol des Staates wiederherzustellen, indem sie die Hisbollah und andere Milizen entwaffnet oder in die reguläre Armee eingliedert. Doch der Nahost-Beobachter Saeed al Bostani sagte im saudischen Fernsehsender Al-Hadath: „Was bleibt, ist der interne libanesische Konflikt – den muss die Regierung bewältigen.“ Die libanesische Armee sei derzeit der Hisbollah klar unterlegen.
Hintergrund: Ringen der Großmächte
Im Hintergrund der Verhandlungen steht auch ein Ringen zwischen den USA und dem Iran. Zentrale Streitpunkte sind laut den vorliegenden Informationen die Öffnung der Straße von Hormus, das iranische Nuklearprogramm und das Raketenprogramm. Israel und die USA hatten Ende Februar einen Krieg gegen den Iran begonnen, im Zuge dessen die Hisbollah ihre Raketenangriffe auf Israel wieder aufnahm und die Lage erneut eskalierte.
Der im November 2024 geschlossene Waffenstillstand war bereits damals äußerst brüchig. Israel griff nach eigener Darstellung weiter Hisbollah-Ziele an und warf der Miliz vor, entgegen der Vereinbarung wieder aufzurüsten. Ein im April erstmals angekündigter Waffenstillstand zwischen Israel und dem Libanon wurde mehrfach verlängert, hielt aber in der Praxis nicht stand: Die Hisbollah beschoss Israel, Israel flog schwere Angriffe auf Hisbollah-Stellungen, die israelische Armee drang immer weiter ins libanesische Inland vor.
Das israelische Verteidigungsministerium warnte am Donnerstag im Südlibanon vertriebene Zivilisten ausdrücklich davor, in ihre Heimatorte zurückzukehren, da eine Rückkehr derzeit nicht möglich sei. Auch die libanesische Regierung rief die Menschen auf, mit der Rückkehr zu warten, bis eine offizielle Genehmigung vorliege. Israel und der Libanon haben sich grundsätzlich darauf verständigt, ihre Gespräche Ende Juni fortzusetzen. Informationen aus dem ARD-Studio Kairo von Anna Osius flossen in die Berichterstattung ein.
Stimmen innerhalb der israelischen Regierung fordern unterdessen laut den vorliegenden Berichten zunehmend eine dauerhafte Besetzung und sogar Besiedelung der im Krieg eroberten Gebiete im Südlibanon. Damit würde sich der Konflikt weiter verhärten. Der Libanon ist als Staat nicht selbst Kriegspartei; die Kämpfe finden zwischen der Hisbollah und Israel statt.
Fragen & Antworten
Wer ist Naim Kassim?
Naim Kassim ist Chef der Hisbollah und verlas die im Fernsehen übertragene Erklärung, in der die Miliz das Waffenruheabkommen ablehnt.
Warum weist die Hisbollah die Waffenruhe zurück?
Die Hisbollah sieht in der Vereinbarung eine einseitige Verpflichtung zur Einstellung ihrer Angriffe, während Israel seine Angriffe fortsetze, und fordert einen vollständigen Waffenstillstand sowie einen israelischen Rückzug.
Was passierte im Südlibanon nach der Bekanntgabe?
Kurz nach der Erklärung wurde ein UN-Friedenssoldat bei einem Angriff auf eine UN-Basis getötet, zwei weitere wurden verletzt; zudem starb eine Familie, die in ihr Dorf zurückgekehrt war.