Hisbollah lehnt Waffenruhe ab – Kampfhandlungen im Libanon dauern an
Beirut, 05 Juni 2026
The Central Intelligence Agency. / Wikimedia Commons / Public domain
Kurzfassung
Die im Mai 2026 in Washington vereinbarte Waffenruhe zwischen Israel und dem Libanon steht unter massivem Druck: Die Hisbollah hat die Vereinbarung als „Farce und Erniedrigung“ zurückgewiesen, Raketen auf israelische Soldaten abgefeuert und ihre Entwaffnung abgelehnt. Gleichzeitig gehen israelische Angriffe im Südlibanon weiter, bei denen mindestens ein Mensch getötet wurde.
Beirut, 05 Juni 2026
Die libanesische Schiitenmiliz Hisbollah hat das in Washington vereinbarte Waffenstillstandsabkommen mit Israel erneut zurückgewiesen und in der Nacht zum Freitag einen Raketenangriff auf israelische Truppen im Südlibanon angekündigt, während Israel seine Angriffe auf Hisbollah-Stellungen fortsetzt.
Der Waffenstillstandsplan und seine Bedingungen
Die in Washington getroffene Vereinbarung sieht vor, dass die Hisbollah ihre Angriffe auf Israel einstellt und sich aus Gebieten südlich des Litani-Flusses zurückzieht. In den vorgesehenen Sicherheitszonen im Südlibanon sollen ausschließlich reguläre libanesische Streitkräfte die Kontrolle ausüben. Die Hisbollah ist dieser Vereinbarung jedoch nicht beigetreten: Sie war an den Verhandlungen gar nicht beteiligt und hat die Bedingungen öffentlich abgelehnt.
Hisbollah-Chef Naim Kassim bezeichnete das Abkommen am Donnerstagmittag als „Farce und Erniedrigung“ und wies Forderungen nach einer Entwaffnung der Iran-finanzierten Miliz zurück. In einer im libanesischen Fernsehen verlesenen Erklärung hieß es weiter: „Das angekündigte Abkommen ist ein Fahrplan zur Zerstörung eines Teils des libanesischen Volkes und zur Unterwerfung des übrigen Teils.“ Eine Auslegung, die die Hisbollah zum Stopp ihrer Angriffe verpflichte, solange Israel weiter angreife, käme einer Kapitulation gleich.
Ablehnung aus Beirut und Reaktion aus Washington
Die Reaktion aus Washington fiel verhalten optimistisch aus. US-Präsident Donald Trump sagte am Donnerstag vor Journalisten im Weißen Haus, die Hisbollah habe mit ihm gesprochen und die Idee eines Stopps nicht zurückgewiesen. Er fügte hinzu: „Es wäre wirklich schön, wenn der Libanon etwas Frieden haben könnte.“ Die Hisbollah habe ihm gegenüber erklärt: „Sie sagten, ‚wie wäre es, aufzuhören?‘“
Die israelische Regierung stellte sich hinter die Fortsetzung der Militäroperationen. Verteidigungsminister Israel Katz erklärte am Donnerstag, die Armee werde die Einsätze im nördlichen Nachbarland vorerst weiterführen. Nach Angaben der Times of Israel sagte Katz, die Bodenoperation gegen die Hisbollah dauere an. Die israelische Armee hatte zuvor mitgeteilt, sie habe Hisbollah-Infrastruktur bombardiert.
Israel kündigt Fortsetzung der Operationen an
Parallel zur diplomatischen Annäherung gingen die Kämpfe weiter. In der Nacht zum Freitag kündigte die Hisbollah einen erneuten Raketenangriff auf israelische Soldaten im Südlibanon an. Bei einem Hisbollah-Angriff auf israelische Stellungen im Süden des Landes wurde ein israelischer Soldat getötet. Die israelische Armee äußerte sich zunächst nicht offiziell zu dem von der Hisbollah reklamierten Beschuss.
Auch die libanesische Zivilbevölkerung geriet zwischen die Fronten. Die libanesische Nachrichtenagentur NNA meldete mehrere Drohnenangriffe auf Fahrzeuge im Südlibanon, bei denen mindestens ein Mensch ums Leben kam. Die israelische Armee prüft Berichte über zivile Opfer in der Region. Israel warnte vertriebene libanesische Bewohnerinnen und Bewohner weiterhin davor, in den Süden zurückzukehren; das Verteidigungsministerium erklärte, eine Rückkehr sei derzeit nicht möglich. Auch die libanesische Regierung warnte vor einer Rückkehr und verwies auf fehlende offizielle Freigabe.
Kämpfe und Opfer im Südlibanon
Trotz des vereinbarten Waffenstillstands, der bereits seit April in Kraft ist, blieb die Lage fragil. Israel und die libanesische Regierung hatten am Mittwochabend in Washington die Umsetzung der seit April bestehenden Waffenruhe beschlossen. Im Rahmen des Abkommens soll die libanesische Armee die Hisbollah entwaffnen und in eigens ausgewiesenen Pilotzonen die alleinige Kontrolle übernehmen, während nicht-staatliche Akteure ausgeschlossen werden. Die Umsetzung dieser Sicherheitszonen-Regelung ist laut Berichten bislang unklar.
Erste sichtbare Schritte der Implementierung gab es dennoch: Die israelische Armee hat sich aus dem libanesischen Grenzort Dibbin zurückgezogen, den israelische Einheiten in den vergangenen Wochen betreten hatten. Die libanesischen Streitkräfte bestätigten den Rückzug. Eine offizielle Stellungnahme der israelischen Armee zu diesem Rückzug steht bisher aus.
Zwischen Hoffnung und Rückzug: Dibbin und die Sicherheitszonen
Die Haltung der libanesischen Regierung bleibt zwiespältig. Ministerpräsident Nawaf Salam kündigte an, die Waffenruhe ungeachtet der Ablehnung durch die Hisbollah aufrechterhalten zu wollen. Die libanesische Regierung ist allerdings keine Konfliktpartei und hat nach eigenen Angaben nur begrenzten Einfluss auf die pro-iranische Miliz, die den Norden Israels wiederholt mit Drohnen und Raketen angreift.
Auch innenisraelische Stimmen stellten sich gegen die jüngsten Verhandlungen. Polizeiminister Ben-Gvir wandte sich auf der Plattform X gegen die Gespräche in den USA und schrieb, „der libanesische Staat sei ein Partner der Hisbollah und nicht in der Lage, die Miliz aus dem Grenzgebiet zu verdrängen“.
Der Konflikt im Libanon bleibt ein zentraler Streitpunkt in den festgefahrenen Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran über ein Ende des Krieges. Teheran rüstet und finanziert die Hisbollah und betrachtet die Kampfhandlungen im Libanon als Verletzung der Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran.
Anrainer der Gewalt sind auch die UN-Friedenstruppen. Bei einem Mörserangriff auf eine UN-Basis im Südlibanon wurde in den frühen Morgenstunden des Donnerstags ein UNIFIL-Soldat aus Serbien getötet, zwei weitere Blauhelmsoldaten wurden verletzt. UNIFIL erklärte zunächst nicht, welche Seite den Mörserangriff ausgeführt hat, und leitete eine Untersuchung ein. Israel machte die Hisbollah für den Angriff verantwortlich. UNIFIL-Soldaten beobachten das Grenzgebiet zwischen Israel und dem Libanon bereits seit 1978; seit 2011 wurden mehr als 160 Soldaten des Österreichischen Bundesheeres im Rahmen der Mission eingesetzt.
UNIFIL, Gaza und der große Konfliktrahmen
Der Konflikt greift zugleich auf den Gazastreifen über. Bei neuen israelischen Luftangriffen auf das Palästinensergebiet wurden nach palästinensischen Angaben mindestens neun Menschen getötet und 15 weitere verletzt. Nach Angaben der palästinensischen Nachrichtenagentur Wafa wurden im Stadtgebiet von Gaza mehrere Wohnungen getroffen. Die israelische Armee erklärte, sie prüfe die Berichte über zivile Opfer. Eine Waffenruhe für den Gazastreifen ist offiziell seit Oktober des Vorjahres in Kraft; dennoch kommt es weiterhin zu Kämpfen. Erst kürzlich hatte Ministerpräsident Netanyahu Pläne angekündigt, die militärische Kontrolle über das Palästinensergebiet von derzeit 60 auf 70 Prozent der Fläche auszuweiten.
Fragen & Antworten
Warum lehnt die Hisbollah das Waffenstillstandsabkommen ab?
Die Hisbollah war nicht an den Verhandlungen in Washington beteiligt und hat die Vereinbarung als „Farce und Erniedrigung“ zurückgewiesen. Hisbollah-Chef Naim Kassim lehnt insbesondere die Forderung nach einer Entwaffnung der Miliz ab und kritisiert, dass Israel weiter angreifen solle.
Was sieht die Vereinbarung zwischen Israel und dem Libanon konkret vor?
Die seit April bestehende Waffenruhe soll umgesetzt werden: Die Hisbollah muss ihre Angriffe einstellen und sich aus Gebieten südlich des Litani-Flusses zurückziehen. In Sicherheitszonen im Südlibanon sollen ausschließlich reguläre libanesische Streitkräfte die Kontrolle übernehmen.
Welche Folgen hat die Gewalt für die Zivilbevölkerung und die UN-Mission?
Bei Drohnenangriffen im Südlibanon wurde mindestens ein Mensch getötet, beim Beschuss einer UN-Basis kam ein UNIFIL-Soldat aus Serbien ums Leben, zwei weitere wurden verletzt. Israel warnt vertriebene Libanesinnen und Libanesen weiterhin davor, in den Süden zurückzukehren.
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