Gericht in Genua verhängt zwölf Jahre Haft gegen früheren Autobahn-Chef nach Brückeneinsturz
Genua, 16. Juli 2026
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Kurzfassung
Ein Gericht in Genua hat den früheren Chef der Autobahngesellschaft Autostrade per l'Italia, Giovanni Castellucci, wegen des Einsturzes der Morandi-Brücke im August 2018 zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Insgesamt verhängten die Richter fast 200 Jahre Gefängnis gegen die 57 Angeklagten, von denen 25 freigesprochen wurden.
Ein Gericht in Genua hat den früheren Chef von Autostrade per l'Italia, Giovanni Castellucci, im Prozess um den Einsturz der Morandi-Brücke im August 2018 zu zwölf Jahren Haft verurteilt.
Am 14. August 2018 stürzte um 11:36 Uhr ein etwa 200 Meter langes Teilstück der Morandi-Brücke in Genua in die Tiefe und riss Fahrzeuge 45 Meter mit in den Abgrund. 43 Menschen kamen an dem Tag ums Leben, 16 weitere wurden verletzt, als Betonteile auf den Boden stürzten. Rettungskräfte suchten tagelang mit schwerem Gerät nach Überlebenden in den Trümmern.
Der Einsturz und seine Folgen
Die 1967 eröffnete Schrägseilbrücke war nach ihrem Erbauer Riccardo Morandi benannt und Teil einer wichtigen Verbindungsstraße zwischen Frankreich und Italien. Laut Sachverständigen hatte die Brücke durch unzureichende Wartung schwerwiegende Schäden erlitten. Rund 700 Anwohner mussten ihre Wohnungen verlassen, etwa 600 verloren dauerhaft ihr Zuhause, mehrere Häuser unter akut einsturzgefährdeten Brückenpfeilern wurden abgerissen. Die Reste der Brücke wurden später durch eine kontrollierte Sprengung beseitigt.
Nach vier Jahren Verhandlungsdauer und 283 Verhandlungstagen verkündete das Gericht in Genua am Donnerstag die Urteile in weniger als 20 Minuten. Die Staatsanwaltschaft hatte ursprünglich 18 Jahre Haft für Castellucci sowie insgesamt mehr als 400 Jahre Gefängnis für alle Angeklagten gefordert. Die Richter verhängten schließlich fast 200 Jahre Haftstrafen und sprachen 25 der 57 Angeklagten frei.
Verfahren mit 57 Angeklagten
Castellucci, der zum Zeitpunkt des Urteils bereits eine Haftstrafe aus einem früheren Verfahren verbüßt, war nach Angaben des Gerichts nicht im Saal anwesend. Er war zuvor schon wegen eines Busunglücks auf einer ASPI-Autobahn im Süden Italiens im Jahr 2013, bei dem ein Bus eine Leitplanke durchbrach und 40 Menschen starben, zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt worden. Ein Jahr nach der Brückenkatastrophe war er als Chef von Autostrade per l'Italia gegen eine Abfindung von 13 Millionen Euro zurückgetreten.
Die Staatsanwaltschaft hatte Castellucci vorgeworfen, seit 2009 von den Mängeln an dem Pfeiler gewusst und notwendige Wartungsarbeiten hinausgezögert zu haben. Das Unternehmen habe aus Profitgründen nicht ausreichend in die Instandhaltung investiert. Die Verteidigung argumentierte hingegen, dass es sich um einen verdeckten Baufehler gehandelt habe, der nicht erkennbar gewesen sei. Castellucci selbst erklärte: „Ich fühle mich verantwortlich, aber nicht schuldig".
Zu den Verurteilten zählten auch der damalige ASPI-Manager Nummer drei, der elf Jahre Haft erhielt, sowie zwei weitere frühere Führungskräfte, die jeweils fünfeinhalb Jahre bekamen. Die Anklage lautete unter anderem auf fahrlässige Tötung, Urkundenfälschung und unterlassene Instandhaltung. Es wird erwartet, dass die Verurteilten in die Berufung gehen, da das Urteil noch nicht rechtskräftig ist.
Im Prozess sagte die Sprecherin der Angehörigen, Egle Possetti, die im Verfahren als Nebenklägerin auftrat und bei dem Einsturz ihre Schwester, ihren Schwager und deren zwei Kinder verloren hatte, dass im Laufe der Verhandlung „keine einzige Person gesagt: 'Ich trage einen Teil der Verantwortlich'. Das war hart".
Reaktionen der Angehörigen
Possetti bezeichnete das Urteil als „nachvollziehbar". Einen Tag vor Beginn des Prozesses hatte Autostrade per l'Italia einen Entschuldigungsbrief veröffentlicht. Der derzeitige ASPI-Chef Arrigo Giana schrieb kurz vor Prozessende in einem im Corriere della Sera veröffentlichten Schreiben: „Lasst uns das Schweigen brechen".
Giuseppe Rodinò, der 40 Jahre lang unter der Brücke gelebt hatte und zum Zeitpunkt des Einsturzes zu Hause war, als ein Pfeiler nachgab und ein großes Teilstück der Fahrbahn mit sich riss, äußerte gemischte Gefühle. Er nannte das Urteil einerseits positiv, weil es nun endlich eine Entscheidung gebe, kritisierte aber zugleich die Entschuldigung als zu spät: „Den hätten sie gleich schreiben müssen. So ist es ein bisschen wie vor ein paar Jahren, als die USA sich bei den Ureinwohnern entschuldigt haben, für das, was sie ihnen damals angetan haben." Rodinò sagte, er habe den Prozess vor allem mit zwei Gefühlen verfolgt: „Trauer und Wut".
Politische Reaktionen und Ausblick
Michele Matti Altadonna, dessen Bruder bei dem Brückeneinsturz ums Leben kam, zeigte sich zufrieden mit dem Urteil und erklärte der Nachrichtenagentur AFP: „Heute können wir sagen, dass das diejenigen sind, die schuld am Tod unserer Angehörigen sind". Italiens stellvertretender Verkehrsminister Edoardo Rixi sprach von einem „wichtigen Schritt auf dem Weg zu Wahrheit und Gerechtigkeit". Verkehrsminister Matteo Salvini von der rechten Lega-Partei, der zugleich stellvertretender Ministerpräsident unter Ministerpräsidentin Giorgia Meloni ist, sagte: „Eine Katastrophe dieser Art darf nicht unbestraft bleiben".
Der Prozess hatte insgesamt auch den maroden Zustand der italienischen Verkehrsinfrastruktur und die fragwürdige Rolle von Autostrade per l'Italia beleuchtet. Unter den 57 Angeklagten befanden sich neben Mitarbeitern des Autobahnunternehmens auch Ingenieure, die für die Sicherheit verantwortlich waren, sowie Vertreter des Verkehrsministeriums. Die Hafenstadt Genua mit knapp 600.000 Einwohnern war durch den Einsturz und die anschließenden Abrissarbeiten rund zwei lang praktisch in zwei Hälften geteilt. Seit August 2020 steht an gleicher Stelle eine neue Brücke des genuesischen Stararchitekten Renzo Piano mit 43 Lichtmasten – einer für jedes Todesopfer. Es wird erwartet, dass sich das Verfahren in höheren Instanzen fortsetzt.
Fragen & Antworten
Wer ist Giovanni Castellucci?
Giovanni Castellucci ist der frühere Geschäftsführer (CEO) von Autostrade per l'Italia, der Autobahngesellschaft, die die Morandi-Brücke in Genua betrieb. Er wurde im Zusammenhang mit dem Brückeneinsturz zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt.
Wie viele Menschen kamen bei dem Einsturz der Morandi-Brücke ums Leben?
Beim Einsturz der Morandi-Brücke am 14. August 2018 starben 43 Menschen, weitere 16 wurden verletzt. Rund 700 Anwohner mussten ihre Wohnungen verlassen.
Ist das Urteil gegen Castellucci bereits rechtskräftig?
Nein, das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Es wird erwartet, dass die Verurteilten in Berufung gehen, sodass sich das Verfahren in höheren Instanzen fortsetzen wird.
Morandi-Brücke Genua: Castellucci zu 12 Jahren verurteilt | nachrichten360