Morandi-Brücke Genua: Castellucci zu 12 Jahren Haft | nachrichten360
Erstes Urteil im Morandi-Prozess: Zwölf Jahre Haft für Castellucci
Genua, 16. Juli 2026
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Kurzfassung
Im Mammutprozess um den Einsturz der Morandi-Brücke in Genua hat ein Gericht den früheren Chef des Autobahnbetreibers Autostrade per l'Italia, Giovanni Castellucci, zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt. Das Urteil ist das erste in einem Verfahren mit insgesamt 57 Angeklagten, das sich noch durch weitere Instanzen ziehen dürfte.
Fast acht Jahre nach dem Einsturz der Morandi-Brücke in Genua mit 43 Toten hat ein italienisches Gericht den früheren Generaldirektor des Autobahnbetreibers Autostrade per l'Italia, Giovanni Castellucci, am Donnerstag in erster Instanz zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt.
Es ist das erste Urteil in einem Mammutverfahren, das seit Juli 2022 läuft und rund vier Jahre sowie 283 Verhandlungstage dauerte. Insgesamt stehen 57 Angeklagte vor Gericht, darunter neben ehemaligen Führungskräften des Autobahnbetreibers Autostrade per l'Italia und dessen damaliger Muttergesellschaft Atlantia auch frühere Beamte des Verkehrsministeriums. Die Staatsanwaltschaft Genua hatte für 56 der 57 Angeklagten insgesamt knapp 400 Jahre Haft gefordert.
Die Staatsanwaltschaft wirft den Beschuldigten vor, notwendige Wartungsarbeiten vernachlässigt und Warnsignale ignoriert zu haben. Ermittlungen ergaben, dass der Einsturz durch den Bruch von tragenden Kabeln am neunten Brückenpfeiler verursacht wurde. Diese waren über Jahrzehnte hinweg durch eine korrosive Umgebung beschädigt worden. Auch der bewehrte Stahl der 1,2 Kilometer langen Brücke war nach Erkenntnissen der Ermittler mit der Zeit spröde geworden.
Hintergrund: Die Katastrophe vom 14. August 2018
Am 14. August 2018 hatte ein Pfeiler der Morandi-Brücke nachgegeben. Ein 200 Meter langer Abschnitt der Morandi-Brücke stürzte 50 Meter in die Tiefe. Dabei wurden Autos und Lastwagen in die Tiefe gerissen, einige stürzten auf darunterliegende Häuser. Beim Einsturz der Morandi-Brücke in Genua am 14. August 2018 haben 43 Menschen ihr Leben verloren. 16 Menschen wurden verletzt.
Die Brücke war eine Schrägseilkonstruktion, die nach rund fünf Jahren Bauzeit 1967 eröffnet worden war und nach ihrem Architekten Riccardo Morandi benannt ist. Das Polcevera-Viadukt verband den Osten mit dem Westen Genuas. Die vierspurige Autobahn war und ist eine wichtige Transitstrecke nach Frankreich (Nizza) und führte zum Genueser Hafen, dem größten Italiens. Bis zu 1.000 Lkws und ein Vielfaches an Pkws fuhren pro Stunde über die Brücke, die in rund 40 Meter Höhe einen ehemaligen Rangierbahnhof, mehrere Wohnblocks, eine Bahnstrecke und mehrere Straßen querte.
Vorwürfe der Staatsanwaltschaft
Die Ermittler werfen Castellucci konkret vor, die Arbeiten an dem später eingestürzten Pfeiler Nummer neun verschoben zu haben. Schon seit 2009 habe er von Defekten an der Brücke gewusst. Die Staatsanwaltschaft Genua zufolge hatten die meisten Angeklagten mit dem Einsturz der in den 1960er Jahren gebauten Brücke gerechnet und trotzdem nichts unternommen, um diesen zu verhindigen.
Stattdessen soll bei der Instandhaltung möglichst viel Geld eingespart worden sein, um den Aktionären höhere Dividenden zu sichern. Die Staatsanwaltschaft hatte für Castellucci 18 Jahre und sechs Monate Haft beantragt – die höchste Einzelstrafe in dem Verfahren. Am Ende sprach das Gericht zwölf Jahre aus, wie Reuters und APA am 16. Juli 2026 berichteten.
Aussagen und Verteidigungsstrategie
Castellucci selbst hatte stets jede Schuld von sich gewiesen. «Ich fühle mich verantwortlich, aber nicht schuldig», sagte er im Prozess. Die Verteidigung vertritt die These, dass ein versteckter Baufehler – die Korrosion des Betonstahls – zum Einsturz geführt habe, und nicht mangelnde Wartung. Auch habe Castellucci darauf beharrt, dass Arbeiten zur Verstärkung des Brückenpfeilers vorgenommen würden, sagte der Anwalt der italienischen Presse.
Castellucci sitzt bereits seit über einem Jahr im Gefängnis. Er wurde wegen eines Verkehrsunglücks verurteilt, bei dem 2013 ein Bus ein Brückengeländer in Süditalien durchbrochen hatte und in die Tiefe gestürzt war. Damals starben 40 Menschen. Der Manager sitzt in Mailand bereits eine sechsjährige Haftstrafe … ab. Die Anwälte argumentieren, Castellucci werde zum „Sündenbock" gemacht.
Strafmaß für Mitangeklagte
Die zentrale Rolle im Verfahren hatte Staatsanwalt Walter Cotugno, der das Verhalten der Verantwortlichen mit drastischen Worten beschrieb: «Die Morandi-Brücke war eine Zeitbombe. Sie konnten es ticken hören, aber sie wussten nicht, wann sie explodieren würde.» Die zuständige Ermittlungsrichterin stellte fest, dass seit der Einweihung der Brücke 1967 „nicht einmal minimale Instandhaltungsmaßnahmen ergriffen" worden [sind], um die Stahleinlagen des Brückenpfeilers zu verstärken.
Auch gegen weitere frühere Manager und einen leitenden Beamten des Verkehrsministeriums wurden am Donnerstag in Genua Haftstrafen verhängt. Die zweithöchsten Strafen erhielten die ehemalige Nummer zwei und Nummer drei des Autobahnbetreibers, nämlich fünf Jahre und sechs Monaten sowie elf Jahre. Ein hochrangiger Mitarbeiter des italienischen Verkehrsministeriums erhielt fünf Jahre Haft. Alle Angeklagten bestreiten die Vorwürfe.
Rund eineinhalb Jahre nach Prozessstart im Juli 2022 hatten sich Castellucci und neun weitere angeklagte Ex-Manager mit mehr als 190 Nebenklägern verglichen. Diese erhielten von den zehn Angeklagten Entschädigungszahlungen. Zugleich betonten die Anwälte der Angeklagten aber, dass das in keiner Form ein Schuldeingeständnis sei, sondern lediglich ein „Akt der Hilfsbereitschaft".
Eine Vertreterin der Opfer-Angehörigen kritisierte das vollständige Fehlen von Schuldeingeständnissen in dem Prozess. Die Anklage lautet auf fahrlässige Tötung, vorsätzliche Körperverletzung, Behinderung von Amtshandlungen, Urkundenfälschung und vorsätzliches Unterlassen von Sicherheitseinrichtungen am Arbeitsplatz. Die Staatsanwaltschaft hatte für die 57 Angeklagten insgesamt mehr als 400 Jahre Haft wegen fahrlässiger Tötung, Gefährdung der Verkehrssicherheit und Urkundenfälschung beantragt.
Vergleiche und Kritik der Opferangehörigen
Der Großteil der fast 60 Angeklagten erschien zur Urteilsverkündung nicht vor Gericht. Wegen der Größe des Verfahrens war im Innenhof des Gerichts eigens ein Zelt aufgestellt worden. Es gilt als sicher, dass sich dieser Prozess durch alle Instanzen ziehen wird. Das Urteil ist daher noch nicht rechtskräftig.
Rund 600 Bewohner verloren durch den Einsturz ihr Zuhause. Hunderte, die in Häusern unter der langen Hochbrücke wohnten, wurden obdachlos. Mehrere Häuser mussten abgerissen werden, weil sie unter akut einsturzgefährdeten Brückenpfeilern standen. Anwohner Giuseppe Rodinò, dessen Haus nur 30 Meter von der Einsturzstelle entfernt lag, sagte: «Der einzige Brückenbogen über dem Fluss ist zusammengebrochen. Und das war ein sehr, sehr großes Glück für uns – leider nicht für die, die gestorben sind.»
Folgen für die Anwohner und Neubau
Die Reste des Bauwerks wurden abgerissen, zunächst kontrolliert gesprengt. Im August 2020 wurde eine neue, vom Stararchitekten Renzo Piano entworfene Brücke eingeweiht, die Ponte San Giorgio heißt. Das Bauwerk verfügt über 43 Lichtmasten, einen für jedes Todesopfer des Einsturzes. Der Neubau war in knapp zwei Jahren errichtet worden, wobei für die Planungs- und Bauphase geltendes Recht außer Kraft gesetzt wurde.
Der Autobahnbetreiber Aspi und das für die Instandhaltung zuständige Unternehmen Spea stehen nicht vor Gericht. Sie hatten einen außergerichtlichen Vergleich mit der Staatsanwaltschaft erzielt, der die Zahlung von 29 Millionen Euro an den Staat vorsieht. Castellucci hatte ein Jahr nach der Katastrophe als Chef von Autostrade per l'Italia mit einer Abfindung von 13 Millionen Euro zurückgetreten.
Unter den Überlebenden war auch der frühere Profi-Fußballer Davide Capello, der den Sturz mit seinem Auto mit nahezu unverletzt überlebte. «Ich bin nach Genua gefahren, und als ich über die Brücke bin, habe ich plötzlich gesehen, dass sie vor mir zusammenbricht. Und auch mein Auto und ich sind nach unten gestürzt. Ich bin dann mit dem Auto an einem Pfeiler hängen geblieben, ich weiß es nicht genau. Deshalb bin ich nicht nach ganz unten gefallen», sagte er. Eine Überlebende berichtete: «Wir haben versucht, rückwärts zu fahren, ich war schon 600 Meter weit auf der Brücke. Und dann habe ich einen Typen gesehen, der viel intelligenter und geistesgegenwärtiger war als ich: Er ist aus dem Auto ausgestiegen und hat geschrien: lauft!»
Fragen & Antworten
Wer ist Giovanni Castellucci?
Giovanni Castellucci ist der frühere Generaldirektor des italienischen Autobahnbetreibers Autostrade per l'Italia und wurde am 16. Juli 2026 in erster Instanz zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt. Er sitzt bereits eine sechsjährige Haftstrafe wegen eines Busunglücks mit 40 Toten aus dem Jahr 2013 ab.
Was geschah am 14. August 2018 in Genua?
An diesem Tag gab ein Pfeiler der Morandi-Brücke nach, woraufhin ein rund 200 Meter langer Abschnitt der Fahrbahn rund 45 bis 50 Meter in die Tiefe stürzte. 43 Menschen kamen ums Leben, 16 wurden verletzt, rund 600 Anwohner verloren ihr Zuhause.
Wie geht es mit dem Verfahren weiter?
Das Urteil vom 16. Juli 2026 ist das erste in einem Mammutprozess mit 57 Angeklagten und noch nicht rechtskräftig. Es gilt als sicher, dass sich der Prozess durch alle Instanzen ziehen wird, also Berufung und Revision folgen.