SpaceX-Börsengang: Experten warnen vor Überbewertung | nachrichten360
Fachleute sehen SpaceX-Börsengang kritisch: Warnungen vor überhöhter Bewertung
Frankfurt, 11. Juni 2026
Official SpaceX Photos / Wikimedia Commons / CC0
Kurzfassung
Kurz vor dem größten Börsengang der Geschichte am 12. Juni 2026 sehen zahlreiche Fachleute den SpaceX-Börsengang kritisch. Während das Angebot vielfach überzeichnet ist und der Ausgabepreis auf eine Bewertung von rund 1,75 Billionen Dollar hindeutet, warnen Analysten vor überhöhten Erwartungen, einem Mini-Börsenblasenrisiko und hohen Kursschwankungen.
Am 12. Juni 2026 will SpaceX unter dem Kürzel SPCX an die NASDAQ, doch zahlreiche Fachleute bewerten den Börsengang mit einem Volumen von mehr als 70 Milliarden Dollar und einer angestrebten Bewertung von bis zu zwei Billionen Dollar als deutlich überteuert.
Auseinanderlaufende Bewertungen
Der Börsengang von SpaceX wird am 12. Juni 2026 unter dem Tickersymbol SPCX an der NASDAQ stattfinden und ist mit einem Emissionsvolumen von mehr als 70 Milliarden Dollar der größte IPO der Geschichte. Er übertrifft den bisherigen Rekord von Saudi Aramco aus dem Jahr 2019 um mehr als das Doppelte. Der Ausgabepreis liegt bei 135 US-Dollar pro Aktie, was einer Gesamtbewertung von rund 1,75 Billionen Dollar entspricht. SpaceX strebt Berichten zufolge sogar eine Bewertung von bis zu zwei Billionen Dollar an und würde vom ersten Handelstag an zu den zehn größten börsennotierten Konzernen der Welt zählen.
Trotz der Rekordgröße ist die Stimmung unter Fachleuten verhalten. Ein namentlich nicht genannter europäischer Fondsmanager sagte dem Handelsblatt, SpaceX sei „völlig überbewertet". Auch der Morningstar-Analyst Franco Granda sieht die Bewertung kritisch. Er schätzt den fairen Wert von SpaceX auf 1,15 Billionen Dollar und warnt: „Wenn man künstliche Nachfrage schafft, bläht man den Kurs zunächst stark auf." Im Gespräch mit dem Handelsblatt warnte er zudem, dass eine Enttäuschung „dem Platzen einer Mini-Börsenblase" entspreche.
Geschäftszahlen zwischen Verlust und Starlink-Stütze
Die Bewertungsbandbreite der Experten liegt weit auseinander. Während Morningstar SpaceX auf 780 Milliarden Dollar taxiert, sieht Aswath Damodaran von der New York University, der auch als „Dekan der Unternehmensbewertung" bezeichnet wird, den Wert bei 1,25 bis 1,35 Billionen Dollar. Goldman Sachs, die als Lead-Bank des IPO-Konsortiums fungiert, prognostiziert für das KI-Geschäft von SpaceX einen Umsatzanstieg von 3,2 Milliarden Dollar auf 322 Milliarden Dollar bis 2030 und positive Cashflows ab 2031. Morgan Stanley, ebenfalls am IPO beteiligt, erwartet bis 2040 sogar einen Konzernumsatz von 3,4 Billionen Dollar.
Die operative Lage des Unternehmens gibt allerdings Anlass zur Vorsicht. Im ersten Quartal 2026 verlangsamte sich das Umsatzwachstum des Konzerns auf 15 Prozent, der operative Verlust weitete sich auf 1,9 Milliarden Dollar aus. Das KI-Segment verbuchte bei einem Quartalsumsatz von 818 Millionen Dollar einen operativen Verlust von 2,47 Milliarden Dollar. Allein das xAI-Segment, das im Februar 2026 von SpaceX übernommen und in die Division SpaceXAI integriert wurde, fuhr rund 6,4 Milliarden Dollar operativen Verlust ein. Stabilisierend wirkt lediglich Starlink, das Satelliten-Internetnetzwerk mit mehr als zehn Millionen Nutzern in über 160 Ländern, das 2025 als einziger Konzernbereich operativen Gewinn erzielte und rund 11,4 Milliarden Dollar zum Gesamtumsatz von 18,67 Milliarden Dollar beitrug, also rund 61 Prozent.
Geringer Streubesitz und hohe Indexnachfrage
Ein wesentlicher Kurstreiber könnte kurzfristig die Aufnahme in große Indizes sein. Die NASDAQ hat die Regeln für neu notierte Großunternehmen gelockert und ermöglicht die Aufnahme in den NASDAQ-100 bereits fünf Handelstage nach dem Börsengang. Auch eine Aufnahme in den MSCI World steht laut Ankündigung großer Indexanbieter unmittelbar bevor. Georg von Wallwitz, Geschäftsführer des Vermögensverwalters Eyb & Wallwitz, erwartet daher zunächst steigende Kurse durch die hohe Nachfrage von Indexfonds. „Wenn nicht fortgesetzt neue Käufer gefunden werden, könnte es unschön enden", warnt er zugleich.
Allerdings ist der Streubesitz beim IPO ungewöhnlich gering. SpaceX bringt voraussichtlich nur rund drei bis vier Prozent der gesamten Aktien in den freien Handel, etwa 5 Prozent aller SpaceX-Aktien werden insgesamt ausgegeben. Franco Granda schätzt, dass allein dieser Umstand Kursschwankungen von 20 bis 30 Prozent in den ersten Handelstagen auslösen kann, verglichen mit typischen Tesla-Schwankungen von 10 bis 15 Prozent bei vergleichbaren Auslösern. Medienberichten zufolge ist das begrenzte Angebot mehrfach überzeichnet, auf jede Aktie entfallen fast vier Kaufaufträge. Rund 30 Prozent des Emissionsvolumens sollen über Broker-Plattformen an Privatanleger gehen, dreimal so viel wie bei einem typischen Großbörsengang, was bei einem Volumen von 75 Milliarden Dollar rund 22,5 Milliarden Dollar entspricht.
Risikofaktoren im Prospekt
Die Eigentums- und Stimmrechtsstruktur verstärkt die Abhängigkeit von einer einzelnen Person. Bei einem wirtschaftlichen Anteil von rund 42 Prozent kontrolliert Musk 85 Prozent der kombinierten Stimmrechte, kein weiterer Aktionär kommt auch nur auf fünf Prozent. Die Dual-Class-Struktur gibt Musks Class-B-Aktien zehn Stimmen pro Anteil, während Class-A-Aktionäre nur eine Stimme halten. Musk selbst verkauft beim IPO keine eigenen Anteile. Das S-1-Dokument benennt Musks parallele Führungsrollen bei Tesla, X, xAI, Boring Company und Neuralink ausdrücklich als Risikofaktor, ebenso Interessenkonflikte und Reputationsrisiken.
Der Prospekt weist darüber hinaus eine Rückstellung von 530 Millionen Dollar für wahrscheinliche Rechtsrisiken des Gesamtkonzerns aus, der größte Teil davon entfällt auf das xAI-Segment. Genannt werden unter anderem eine irische Datenschutzuntersuchung wegen Groks Umgang mit Daten europäischer Kinder sowie Ermittlungen zu nicht einvernehmlichen sexualisierten Bildern, die der Chatbot generiert haben soll. Für den KI-Bereich besteht zudem eine Vereinbarung mit Anthropic, die 1,25 Milliarden Dollar monatlich für den Zugang zu den Colossus-Rechenzentren zahlt, ein Vertrag mit maximaler Laufzeit bis Mai 2029, den beide Seiten jedoch mit 90 Tagen Frist kündigen können. Musk selbst bezeichnete ihn als 180-Tage-Leasing.
Der Lock-up-Mechanismus ist gestaffelt: Nach dem Q2-Quartalsbericht werden bis zu 20 Prozent der gesperrten Anteile freigegeben, bei starker Kursentwicklung weitere 10 Prozent. Danach folgen fünf zeitbasierte Tranchen à 7 Prozent bei 70, 90, 105, 120 und 135 Tagen nach dem IPO, weitere 28 Prozent nach dem Q3-Bericht und die vollständige Freigabe nach 180 Tagen. Von Wallwitz erwartet, dass der eigentliche Stresstest für die SpaceX-Aktie erst rund sieben Wochen nach dem Börsengang beginnt, wenn Insider ihre Anteile verkaufen dürfen. „Dann werden sich die fortgesetzten Verkäufe der Insider wie die Schwerkraft an einer Rakete bemerkbar machen", warnt er. Die Roadshow hatte planmäßig am 4. Juni 2026 begonnen.
Fragen & Antworten
Wie groß ist der SpaceX-Börsengang?
Das Emissionsvolumen beträgt mehr als 70 Milliarden Dollar und übertrifft damit den bisherigen Rekord von Saudi Aramco aus dem Jahr 2019 um mehr als das Doppelte. Bei einem Ausgabepreis von 135 Dollar pro Aktie ergibt sich eine Bewertung von rund 1,75 Billionen Dollar.
Warum sehen Fachleute die Bewertung kritisch?
Ein anonymer europäischer Fondsmanager nennt SpaceX „völlig überbewertet", und Morningstar-Analyst Franco Granda sieht einen fairen Wert von nur 1,15 Billionen Dollar. Zudem verbuchte das KI-Segment im ersten Quartal 2026 einen operativen Verlust von 2,47 Milliarden Dollar.
Was passiert mit den SpaceX-Aktien nach dem IPO?
Nur rund drei bis vier Prozent aller Aktien kommen in den freien Handel, und die NASDAQ-Aufnahme in den NASDAQ-100 erfolgt bereits fünf Handelstage später. Insider-Verkaufsbeschränkungen werden stufenweise bis 180 Tage nach dem IPO aufgehoben, wobei von Wallwitz frühestens nach sieben Wochen mit Verkaufsdruck rechnet.