EY-Studie: Österreich vor Restrukturierungswelle 2026 | nachrichten360
EY-Studie: Österreichs Unternehmen stehen vor neuer Belastungswelle
WIEN, 27. Juli 2026
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Kurzfassung
Eine EY-Befragung unter Bankexperten zeigt, dass nahezu die Hälfte der österreichischen Experten den Höhepunkt der Restrukturierungswelle noch im zweiten Halbjahr 2026 erwartet. Besonders betroffen sind Automotive, Bau, Produktion, Immobilien und Handel.
Eine EY-Umfrage unter Restrukturierungs- und Sanierungsexperten europäischer Banken zeigt, dass Österreichs Unternehmen vor einer neuen Belastungsprobe stehen und der Höhepunkt der Restrukturierungswelle laut fast der Hälfte der heimischen Befragten noch im zweiten Halbjahr erreicht wird.
Wann sehen die Experten den Gipfel?
Die aktuelle Erhebung von EY unter Restrukturierungsexperten europäischer Banken, darunter österreichische Institute, verdeutlicht eine Verschärfung der wirtschaftlichen Lage. Rund 47 Prozent der österreichischen Befragten gehen davon aus, dass der Höhepunkt der Restrukturierungswelle heuer im zweiten Halbjahr erreicht wird. Weitere 21 Prozent erwarten den Höhepunkt der Restrukturierung und Sanierung im ersten Halbjahr nächsten Jahres. Damit sehen insgesamt rund zwei Drittel der Experten den Gipfel der Welle in einem Zeitfenster von nur zwölf Monaten.
Welche Branchen sind besonders betroffen?
Jürgen Kogler, Partner bei EY-Parthenon in Österreich, beschreibt die Lage als eine Gleichzeitigkeit mehrerer Belastungen: „Viele Unternehmen stehen nicht vor einem einzelnen Problem, sondern vor einer Gleichzeitigkeit mehrerer Belastungen: hohe Kosten, schwächere Nachfrage, geopolitische Unsicherheit und teils eingeschränkter Finanzierungsspielraum“. Das macht Restrukturierungen komplexer – und erhöht den Druck, frühzeitig realistische Szenarien zu entwickeln.
Welche Branchen trifft es besonders? Laut den Bankexperten zählt vor allem der Automotive-Sektor zu den am stärksten betroffenen Branchen. Ben Trask, Partner bei EY-Parthenon in Österreich, erläutert: „Der Druck im Automotive-Sektor wirkt entlang ganzer Wertschöpfungsketten – von Zulieferern über Produktionsbetriebe bis zu industrienahen Dienstleistern“. Damit reichen die Effekte weit über die Hersteller hinaus und erfassen ein breites industrielles Ökosystem.
Handel unter Konsum- und Kostendruck
Neben der Automobilbranche sehen die Experten auch die Bereiche Bau- und Baumaterialien sowie das produzierende Gewerbe in einer herausfordernden Situation. Die Immobilien-Branche stehe nach wie vor unter Druck, auch wenn dieser nicht mehr so stark ist wie bei früheren Erhebungen. Zusätzlich gilt: „aber auch der Handel kämpfe mit der aktuellen Situation“.
Ben Trask ordnet die Entwicklung im Handel ein: „Gleichzeitig zeigt die Entwicklung im Handel, dass die schwache Konsumstimmung und hohe Kostenbelastung zunehmend auch konsumnahe Branchen treffen“. Damit verlagert sich der Druck zunehmend von den klassischen Industriesektoren hin zu konsumorientierten Bereichen, was die Breite der Betroffenheit vergrößert.
Steigende Energie- und Materialkosten sowie eine schwache Konjunktur (jeweils 22 Prozent) sind die wichtigsten Belastungsfaktoren für österreichische Unternehmen. Die Umfrage benennt damit Kosten- und Nachfrageseite als zentrale Treiber der Restrukturierungsdynamik, während geopolitische Risiken und Finanzierungsbedingungen verschärfend hinzukommen.
Welche Lösungen setzen Banken und Unternehmen?
Wenn Geschäftsmodelle strukturell unter Druck stehen, braucht es oft eine Kombination aus finanzieller Neuordnung, operativer Sanierung und strategischen Entscheidungen – bis hin zu Verkäufen, Carve-outs (Abspaltung eines Unternehmensbereiches, Anm.) oder geordneten Insolvenzverfahren. Die Erhebung zeigt zugleich, dass auch Unternehmenszusammenschlüsse und -übernahmen an Bedeutung gewinnen, also M&A-Transaktionen als Antwort auf die Krise.
Im ersten Halbjahr 2026 nannten 18 Prozent der Befragten die Insolvenz oder Liquidation eines Unternehmens als häufigste Lösung im Rahmen einer Restrukturierung. Das verdeutlicht, dass geordnete Insolvenzverfahren als realistisches Szenario inzwischen breit in Betracht gezogen werden – auch wenn außergerichtliche und einvernehmliche Lösungen von den Banken weiterhin bevorzugt werden.
Konkret heißt das: Banken setzen in der Restrukturierungspraxis weiterhin stark auf außergerichtliche, einvernehmliche Lösungen. Bei der Restrukturierung eines Unternehmens werden nach wie vor häufig die Kreditvereinbarungen angepasst. Kogler verweist darauf, dass die Institute dabei Wert auf die Mitwirkung der Eigentümer legen: „Wobei den Instituten vor allem wichtig ist, dass die Eigentümer ihren Teil zur Restrukturierung beitragen“.
Wie Banken eine Restrukturierung prüfen
Wie prüfen Banken, ob sie eine Restrukturierung mittragen? „Ein glaubwürdiger Businessplan ist für die Banken ebenfalls ein wichtiger Faktor, um eine Restrukturierung zu unterstützen“. Erst dann stellt sich für die Banken die Frage, wie es mit den Kreditkennzahlen und der Fähigkeit zur Schuldentilgung aussieht. Die Reihenfolge der Prüfung ist damit klar: erst ein tragfähiges Konzept, dann die finanztechnische Bewertung.
Die Ergebnisse stammen aus einer EY-Studie, die Restrukturierungs- und Sanierungsexperten europäischer Banken befragt hat, einschließlich österreichischer Institute. Sie liefert damit einen direkten Blick auf die Einschätzung jener Institute, die Restrukturierungen finanzieren oder ablehnen müssen. Die Häufung ähnlicher Antworten aus den österreichischen Teildaten deutet auf eine breit geteilte Wahrnehmung der Risiken hin.
Ausblick: Realistische Szenarien werden wichtiger
Zugleich bleibt der Ausblick uneinheitlich. Während 47 Prozent den Höhepunkt in der zweiten Jahreshälfte 2026 sehen, blicken weitere 21 Prozent auf das erste Halbjahr 2027. Koglers Hinweis auf die Notwendigkeit, frühzeitig realistische Szenarien zu entwickeln, unterstreicht, dass Unternehmen und Banken sich auf eine längere Phase der Unsicherheit einstellen müssen – mit einer breiten Palette möglicher Maßnahmen von der Verhandlung neuer Kreditkonditionen bis zu M&A und geordneten Insolvenzverfahren.
Die Umfrage signalisiert insgesamt, dass die heimische Wirtschaft 2026 in eine Phase erhöhter Restrukturierungsaktivität eintritt. Die Kombination aus Kosten-, Konjunktur- und Nachfragedruck betrifft mehrere Schlüsselbranchen gleichzeitig und verlangt von Unternehmen, Eigentümern und Banken ein koordiniertes Vorgehen. Welche konkreten Maßnahmen im Einzelfall greifen, hängt von Branchenlage, Businessplan und Finanzierungsstruktur ab.
Für die kommenden Monate erwarten die Experten daher eine Zunahme an Restrukturierungsfällen, Verhandlungen über angepasste Kreditvereinbarungen und eine wachsende Rolle von M&A sowie geordneten Insolvenzverfahren. Kogler und Trask zufolge wird entscheidend sein, wie schnell Unternehmen tragfähige Konzepte vorlegen und ob Eigentümer bereit sind, ihren Beitrag zu leisten. Die Banken ihrerseits behalten den außergerichtlichen, einvernehmlichen Weg als bevorzugte Lösung bei – sind aber auf Insolvenzszenarien vorbereitet, sollten sich Sanierungen als nicht machbar erweisen.
Fragen & Antworten
Wann erwarten die befragten Bankexperten den Höhepunkt der Restrukturierungswelle in Österreich?
Rund 47 Prozent der österreichischen Befragten erwarten den Höhepunkt im zweiten Halbjahr 2026, weitere 21 Prozent im ersten Halbjahr 2027.
Welche Branchen sind laut der EY-Studie besonders betroffen?
Vor allem der Automotive-Sektor sowie die Bereiche Bau- und Baumaterialien, das produzierende Gewerbe, die Immobilien-Branche und der Handel gelten als herausgefordert.
Was müssen Unternehmen den Banken für eine Restrukturierung vorlegen?
Laut Studie erwarten die Banken zunächst, dass die Eigentümer ihren Beitrag leisten und ein glaubwürdiger Businessplan vorliegt; erst danach prüfen sie Kreditkennzahlen und Schuldentilgungsfähigkeit.