Österreich Budget 2026: IHS und Wifo sehen Doppelbudget kritisch
Wien, 25 Juni 2026
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Kurzfassung
Trotz des vorgestellten Doppelbudgets 2027/28 prognostizieren IHS und Wifo für Österreich weiterhin hohe Defizite und eine steigende Schuldenquote. Die Institute bezweifeln, dass die geplanten Sparmaßnahmen ausreichen, um die EU-Marke von drei Prozent wie angestrebt erst 2028 zu erreichen.
Wien, 25 Juni 2026
Das Institut für Höhere Studien (IHS) und das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) prognostizieren für Österreich trotz des im Juni vorgestellten Doppelbudgets 2027/28 ein deutlich über der EU-Grenze liegendes Defizit und eine weiter wachsende Schuldenquote.
Das im Juni präsentierte Doppelbudget 2027/28 der österreichischen Regierung reicht nach Einschätzung der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute nicht aus, um die Finanzen des Landes nachhaltig zu sanieren. Sowohl das Institut für Höhere Studien (IHS) als auch das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) sehen nach der Vorlage der Budgetpläne erhebliche Zweifel, dass die eingeplanten Sparmaßnahmen das Defizit wie erhofft zurückführen werden.
Schuldenquote steigt weiter
Laut IHS stieg die österreichische Schuldenquote im vergangenen Jahr auf 81,3 Prozent und wird den Projektionen zufolge 2026 auf 83,1 Prozent sowie 2027 auf 84,3 Prozent steigen. Wifo erwartet für 2027 ebenfalls eine Schuldenquote von knapp 84 Prozent. Damit entfernt sich Österreich zunehmend von tragfähigen öffentlichen Finanzen.
Beide Institute prognostizieren für das laufende Jahr ein gesamtstaatliches Budgetdefizit von vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Für das kommende Jahr erwarten sie ein Defizit von 3,7 Prozent. Die EU erlaubt maximal drei Prozent – Österreich liegt damit klar darüber. Finanzminister Markus Marterbauer (SPÖ) peilt die Drei-Prozent-Marke erst für 2028 an.
Defizitprognosen über der EU-Grenze
Das IHS rechnet in seinem mittleren Szenario für 2028 mit einem Defizit von 3,2 bis 3,3 Prozent, die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) geht in ihrer Mitte Juni veröffentlichten Prognose sogar von 3,8 Prozent aus. Damit gilt selbst das offizielle Ziel der Regierung als ambitioniert.
IHS-Direktor Holger Bonin formulierte die Hürde unmissverständlich: „Es müssen schon sehr günstige Umstände zusammenkommen, dass die Regierung 3 Prozent 2028 erreicht.“ Wifo-Chef Gabriel Felbermayr erklärte, das Doppelbudget 2027/28 sei „noch kein sanierter Haushalt“ und das Erreichen der Drei-Prozent-Marke 2028 sei „alles andere als sicher“.
Kritik an der Budgetkonsolidierung
Felbermayr warnte zudem, dass das hohe Defizit eine Absenkung der Schuldenquote unmöglich mache und der Staatsschulden-Zinsendienst „immer höhere Anteile des Budgets auffressen“ werde. Wifo verweist darauf, dass die Zinslasten steigen und die öffentliche Verschuldung zunimmt.
Bei der Konsolidierung setzt die Regierung nach Bonins Kritik zu stark auf Abgaben: Rund zwei Drittel der Budgetkonsolidierung würden über Steuern und Abgaben erzielt. Die im Doppelbudget fixierte Senkung der Lohnnebenkosten bezeichnete er als „eine teure und nicht zielgenaue Maßnahme“.
Auf der Einnahmenseite sieht Wifo gewisse Entlastungen: Die Verlängerung der erhöhten Stabilitätsabgabe und die Paketabgabe trügen zur Verbesserung der Budgetsituation bei. Auf der Ausgabenseite dämpften laut IHS geringere Subventionen im Umweltbereich sowie eine nur teilweise Inflationsanpassung bei öffentlichen Gehältern und Pensionen die Ausgabendynamik.
Konjunktur mit gemischten Signalen
Die strukturelle Schwäche bleibt jedoch bestehen: Das IHS stellt fest, dass es mittelfristig nicht möglich sein werde, die Ausgabenquote deutlich zu senken und damit finanzpolitischen Spielraum zu schaffen. Auch steigende Beiträge Österreichs zum EU-Budget erhöhen den Druck auf die öffentlichen Finanzen.
Beim Wirtschaftswachstum zeigt sich ein differenziertes Bild: Wifo bestätigte seine Prognose für das laufende Jahr mit 0,9 Prozent Wachstum. Das IHS hob seine Wachstumsprognose für 2027 um 0,2 Prozentpunkte auf 1,0 Prozent an. Bonin erklärte im Ö1-Mittagsjournal, der Hauptgrund sei ein statistischer Effekt: Die Statistik Austria habe neue Zahlen geliefert, die 0,2 der 0,3 Prozentpunkte ausmachten; die übrigen 0,1 Prozentpunkte gingen auf Änderungen im Zusammenhang mit dem Iran-Krieg zurück.
Für 2027 revidierte Wifo seine Wachstumsprognose hingegen von 1,3 auf 1,1 Prozent nach unten. Das IHS prognostiziert für das zweite und dritte Quartal 2026 eine Stagnation der heimischen Wirtschaftsleistung; erst gegen Jahresende soll das Wachstum wieder anziehen.
Felbermayr beschrieb die konjunkturelle Lage als „nicht stürmisch, aber ganz passabel“. Wifo erwartet, dass die Wirtschaft ab der zweiten Jahreshälfte infolge sinkender Energiepreise an Fahrt gewinnt. Die Industriekonjunktur zeige starke Lebenszeichen, während der Bau nach wie vor enttäusche – Bonin sprach von einer Baubranche „nach wie vor in einer schweren Krise“.
Die Teuerung bleibt ein Risikofaktor: Das IHS prognostiziert für das kommende Jahr eine Inflation von 2,3 Prozent, Wifo erwartet 2,4 Prozent. Realeinkommen schrumpfen heuer wegen der hohen Inflation, was den privaten Konsum dämpft. Die Inflationsrate im Euroraum stieg im Mai auf 3,2 Prozent, getrieben von den zuvor deutlich gestiegenen Ölpreisen. Die EZB erwartet im wahrscheinlichsten Szenario für das laufende Jahr eine Teuerung von 3,0 Prozent.
Geldpolitik der EZB unter Inflationsdruck
Vor diesem Hintergrund hat die Europäische Zentralbank (EZB) im Juni erstmals seit knapp drei Jahren die Leitzinsen angehoben. EZB-Direktorin Isabel Schnabel kündigte weitere Zinsschritte an: „Um die Inflation mittelfristig wieder auf unseren Zielwert von zwei Prozent zurückzubringen, werden wir aus heutiger Sicht die Zinsen weiter anheben müssen.“ Die Erinnerung an die Hochinflationsphase sei noch frisch, daher müssten die Erwartungen heute stärker auf einen Inflationsanstieg reagieren.
Schnabel verteidigte den Zinsschritt auch für den Fall rasch sinkender Ölpreise. Der jüngste Waffenstillstand im Nahen Osten und die gefallenen Energiepreise stellten aus Sicht der EZB noch keine grundlegende Entwarnung dar. Die Energiepreise sind seit Mitte Mai rückläufig; am Donnerstag lag der Ölpreis wieder auf seinem Vorkriegsniveau. Bonin sieht in diesem Fall Österreichs Wirtschaft und Bürger „noch einmal davon gekommen, sollte der Iran-Krieg zu einem gütlichen Ende kommen“ – es wäre allerdings nur „eine leichte Wachstumsdelle“ zu erwarten.
Am heimischen Arbeitsmarkt zeigt sich eine deutliche Eintrübung: Die nationale Arbeitslosenquote stieg von 6,3 Prozent im Jahr 2022 auf 7,4 Prozent im Jahr 2025; die Arbeitslosenzahlen klettern seit dem Frühjahr 2023. Die gedämpfte Konjunktur verlangsamt nach Einschätzung des IHS auch die Budgetkonsolidierung.
Politische Reaktionen und Ausblick
Die wirtschaftspolitischen Reaktionen fallen unterschiedlich aus. Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) erklärte, das Wachstumsziel von einem Prozent für 2026 bleibe „in Reichweite“. Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP), Finanzstaatssekretärin Barbara Eibinger-Miedl (ÖVP) und Kanzler Stocker zeigten sich gemeinsam mit der Widerstandsfähigkeit der heimischen Wirtschaft zufrieden. SPÖ-Bundesgeschäftsführer Klaus Seltenheim betonte, der Kampf gegen die Teuerung habe „weiterhin höchste Priorität“. ÖGB-Bundesgeschäftsführerin Helene Schuberth forderte eine Stärkung der Kaufkraft, um den vorsichtigen Aufschwung nicht zu gefährden. FPÖ-Wirtschaftssprecherin Barbara Kolm kritisierte die Wirtschaftspolitik der Regierung angesichts anhaltend hoher Arbeitslosigkeit und sinkender Realeinkommen.
Fest steht: Das Doppelbudget 2027/28 stellt aus Sicht der führenden Wirtschaftsforscher lediglich einen Zwischenschritt dar. Ob die Drei-Prozent-Marke 2028 tatsächlich erreicht wird, hängt nach ihrer Einschätzung von der weiteren Konjunkturentwicklung, den Energiepreisen und den geldpolitischen Entscheidungen der EZB ab.
Fragen & Antworten
Warum bezweifeln IHS und Wifo, dass Österreich die Drei-Prozent-Marke erreicht?
Beide Institute halten die im Doppelbudget 2027/28 vorgesehenen Maßnahmen für unzureichend. IHS-Direktor Holger Bonin sagt, es müssten „sehr günstige Umstände zusammenkommen“, damit die Regierung das Ziel 2028 erreicht; Wifo-Chef Gabriel Felbermayr bezeichnet dies als „alles andere als sicher“.
Wie hoch ist die österreichische Schuldenquote laut aktuellen Prognosen?
Das IHS erwartet einen Anstieg von 81,3 Prozent im Vorjahr auf 83,1 Prozent 2026 und 84,3 Prozent 2027. Wifo rechnet für 2027 mit knapp 84 Prozent und sieht damit keinen Spielraum für eine Absenkung der Schuldenquote.
Welche Folgen hat die Geldpolitik der EZB für Österreich?
Die EZB hat im Juni erstmals seit knapp drei Jahren die Leitzinsen erhöht; Direktorin Isabel Schnabel kündigte weitere Zinsanhebungen an. Höhere Zinsen verteuern den Schuldendienst und verschärfen laut Wifo den Druck auf das österreichische Budget.
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