EU-Kommission wirft TikTok unzureichenden Schutz von Minderjährigen vor – Geldstrafe droht
Brüssel, 24. Juli 2026
TikTok / Wikimedia Commons / Public domain
Kurzfassung
Die EU-Kommission hat der Videoplattform TikTok unzureichenden Schutz minderjähriger Nutzer vorgeworfen und weitere vorläufige Untersuchungsergebnisse veröffentlicht. Bestätigen sich die Vorwürfe, droht dem chinesischen Unternehmen eine Geldstrafe von bis zu sechs Prozent seines weltweiten Jahresumsatzes.
Die EU-Kommission hat der chinesischen Videoplattform TikTok am Freitag in Brüssel unzureichenden Schutz ihrer minderjährigen Nutzer vorgeworfen und weitere vorläufige Ergebnisse einer seit Februar 2024 laufenden Untersuchung vorgelegt.
Hintergrund: Die Vorwürfe im Detail
Nach Ansicht der EU-Kommission gefährdet TikTok Kinder und Jugendliche durch unzureichende Schutzstandards. Bei dem Statement handelt es sich um vorläufige Ergebnisse einer im Februar 2024 begonnenen Untersuchung unter dem EU-Gesetz über digitale Dienste (DSA). Die Behörde erklärte am Freitag, die Konto-Einstellungen für Minderjährige setzten diese weiterhin Risiken wie "unerwünschte Kontaktaufnahmen, Cybermobbing oder ausbeuterisches Verhalten" aus.
TikTok wird vom chinesischen Unternehmen Bytedance betrieben. Mit mehr als 200 Millionen Nutzern in Europa ist TikTok eine der beliebtesten Plattformen und besonders bei Kindern und Jugendlichen verbreitet. Nach Unternehmensangaben verzeichnete TikTok Ende 2025 rund 178 Millionen aktive Nutzer innerhalb der Europäischen Union.
Die EU-Kommission kritisiert vor allem, dass Minderjährige auf TikTok die Möglichkeit haben, ihre Konten auf "öffentlich" zu stellen. Personen ohne eigenes TikTok-Konto können so Inhalte Minderjähriger einsehen. Auch wenn die private Einstellung gewählt werde, seien junge Nutzer über die Follower-Listen anderer Nutzer leicht auffindbar; zudem blieben Profilfotos für alle sichtbar.
Forderungen der Kommission
Die Kommission fordert von TikTok, die Standardeinstellungen so anzupassen, dass Inhalte von Kindern und Jugendlichen standardmäßig nur jenen TikTok-Nutzern angezeigt werden, die von den Minderjährigen als Follower akzeptiert wurden. Darüber hinaus verlangt die Behörde, dass TikTok Inhalte von Teenagern nicht mehr anderen Nutzern empfiehlt, wie es derzeit bei Beiträgen von 16- und 17-Jährigen der Fall ist.
Die Brüsseler Behörde warnte zudem, dass veröffentlichte Inhalte Minderjähriger dauerhaft online bleiben und die Betroffenen bis ins Erwachsenenalter begleiten könnten. Da das, was Minderjährige veröffentlichen, für immer online bleiben und sie bis ins Erwachsenenalter begleiten kann, birgt die Funktion zudem das Risiko potenziell lebenslanger Folgen. Diese Einschätzung unterstreicht nach Ansicht der Kommission die Dringlichkeit wirksamer Voreinstellungen.
Rechtliche Grundlage: Der Digital Services Act
Die EU-Kommission stützt ihre Bewertung auf den Digital Services Act (DSA), der große Onlineplattformen verpflichtet, Kinder und Jugendliche wirksam zu schützen. Der DSA schreibt vor, dass solche Konten ein hohes Maß an Privatsphäre, Datenschutz und Sicherheit bieten müssen. Die Brüsseler Behörde geht davon aus, dass die Standardeinstellungen für Minderjährigen-Konten bei TikTok nicht mit diesen Anforderungen übereinstimmen und die Nutzer einem zu breiten Publikum aussetzen.
TikTok wies die Vorwürfe zurück. Ein Sprecher des Unternehmens erklärte, Jugendkonten auf TikTok verfügten bereits ab der Einrichtung des Kontos über mehr als 50 voreingestellte Datenschutz- und Sicherheitsfunktionen, die unter Einbeziehung von Expertinnen und Experten entwickelt worden seien. Zudem gehöre man zu den wenigen Plattformen, auf denen jüngere Teenager keine Direktnachrichten nutzen könnten. Gleichzeitig kündigte das Unternehmen an: Wir werden diese vorläufigen Ergebnisse prüfen, während wir weiterhin konstruktiv mit der EU zusammenarbeiten.
Mögliche Konsequenzen: Geldstrafe und Zwangsgelder
Sollten sich die vorläufigen Ergebnisse bestätigen, könnte dies eine Geldstrafe von bis zu sechs Prozent des weltweiten Jahresumsatzes von TikTok zur Folge haben. Neben einer solchen Geldbuße sind nach dem DSA auch tägliche Zwangsgelder möglich, um die Einhaltung der Vorgaben durchzusetzen. Die Kommission betonte allerdings, dass die Ergebnisse vorläufig seien und TikTok die Möglichkeit habe, sich zu den Vorwürfen zu äußern oder entsprechende Änderungen vorzunehmen.
Die Vizepräsidentin der EU-Kommission, Henna Virkkunen, unterstrich die Position der Behörde: Ein hohes Schutzniveau sollte keine Option sein, sondern die Standardeinstellung. Der DSA verpflichte Plattformen dazu, Schutzmaßnahmen für Minderjährige in die Gestaltung ihrer Dienste zu integrieren, und ziehe sie zur Rechenschaft, wenn sie dies versäumen.
Die Kommission hatte bereits im Februar vorläufige Untersuchungsergebnisse zu TikTok hinsichtlich suchtfördernder Mechanismen wie stark personalisierter Empfehlungen und automatischer Endlos-Wiedergabe von Videos vorgelegt und Änderungen verlangt. Bereits im Februar kritisierte die EU-Kommission das Suchtpotenzial Tiktoks und forderte das Unternehmen auf, "das grundlegende Design seines Dienstes" zu ändern.
Weitere Plattformen im Visier der EU
Die aktuelle Stellungnahme ist Teil einer breiteren Vorgehensweise der EU-Kommission gegen große Onlineplattformen. Ende März hatte die Behörde die Plattformen Pornhub, Stripchat, XNXX und XVideos beschuldigt, für junge Menschen zu leicht zugänglich zu sein. Seit Ende März wird zudem Snapchat wegen möglicher Cybergrooming-Risiken und Werbung für Alkohol und Drogen untersucht; gleichzeitig fordert die Kommission, dass Snapchat seine selbst auferlegte Altersgrenze von 13 Jahren besser durchsetzt.
Seit Ende April verlangt die EU-Kommission auch von Facebook und Instagram, dass sie ihre eigenen, in den Nutzungsbedingungen festgelegten Mindestalter von 13 Jahren konsequenter durchsetzen. Erst zwei Wochen vor dem aktuellen TikTok-Statement hatte die Behörde Facebook und Instagram ein übermäßiges Suchtrisiko für Kinder und Jugendliche vorgeworfen.
Parallel zu den laufenden Verfahren gegen einzelne Plattformen debattiert die EU über strengere Altersgrenzen für soziale Netzwerke und andere digitale Angebote. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte an, nach dem Sommer einen Vorschlag vorlegen zu wollen, wie die EU in dieser Frage weiter vorgehen solle. Die Kommission plant, spätestens im Herbst eine Lösung zu präsentieren.
Debatte über ein EU-weites Mindestalter
Von der Leyen verwies auf Expertinnen- und Expertenempfehlungen, die sie in Auftrag gegeben hatte und wonach es für die Nutzung sozialer Medien durch Kinder ein Mindestalter geben müsse. Bislang gibt es EU-weit keine einheitliche Mindestaltersgrenze für soziale Netzwerke; Frankreich ist das einzige EU-Land, das bereits eine solche Altersgrenze gesetzlich verankert hat. Auch mehrere andere EU-Mitgliedstaaten haben in den vergangenen Monaten nationale Vorschläge für Social-Media-Beschränkungen vorangetrieben.
Im Mai 2025 hatte TikTok-CEO Shou Zi Chew unter anderem Henna Virkkunen in Brüssel getroffen. Das Unternehmen hat nach Darstellung der Kommission in den Verfahren bislang weitgehend kooperiert. TikTok kann nun die vorläufigen Ergebnisse prüfen, sich dazu äußern oder Anpassungen vornehmen, um den Forderungen der EU zu entsprechen.
Die EU-Kommission bekräftigte, dass die laufenden Verfahren Teil ihrer umfassenden Strategie sind, Kinder und Jugendliche im digitalen Raum besser zu schützen. Mit Blick auf die mögliche Geldstrafe und tägliche Zwangsgelder machte die Behörde deutlich, dass sie notfalls auch formell eine Zuwiderhandlung feststellen könnte, sollte keine einvernehmliche Lösung erzielt werden. Die Entwicklungen werden sowohl in Brüssel als auch in den EU-Mitgliedstaaten mit Spannung verfolgt, da sie richtungsweisend für den Umgang mit großen Onlineplattformen in Europa sein könnten.
Fragen & Antworten
Was wirft die EU-Kommission TikTok konkret vor?
Die EU-Kommission wirft TikTok vor, durch unzureichende Standardeinstellungen Kinder und Jugendliche Risiken wie unerwünschte Kontaktaufnahmen, Cybermobbing und ausbeuterisches Verhalten auszusetzen. Nach ihren vorläufigen Erkenntnissen entsprechen die Voreinstellungen für Minderjährigen-Konten nicht den Vorgaben des Digital Services Act (DSA).
Welche Geldstrafe droht TikTok?
Bestätigen sich die vorläufigen Ergebnisse, droht TikTok eine Geldstrafe von bis zu sechs Prozent des weltweiten Jahresumsatzes. Zusätzlich sind tägliche Zwangsgelder möglich, um die Einhaltung der Vorgaben durchzusetzen.
Was plant die EU beim Mindestalter für soziale Medien?
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte an, nach dem Sommer einen Vorschlag vorzulegen, wie die EU beim Mindestalter für die Nutzung sozialer Medien weiter vorgehen soll; die Kommission plant eine Lösung spätestens im Herbst. Frankreich ist bislang das einzige EU-Land mit einer gesetzlichen Altersgrenze.
EU-Kommission: TikTok gefährdet Kinder – bis zu 6% Strafe | nachrichten360