Österreichs Europaministerin Claudia Bauer hat eine Debatte über eine Reduzierung der Zahl der EU-Kommissare angeregt. Sie kritisierte die derzeitige Größe der Behörde als "inflationär" und verwies auf den Vertrag von Lissabon, der 18 Kommissare vorsieht.
Wien, 26 Juli 2026
Österreichs Europaministerin Claudia Bauer (ÖVP) hat in einem Interview mit der "Welt am Sonntag" eine Debatte über eine Reduzierung der Zahl der EU-Kommissare gefordert und die derzeitige Personalstärke der EU-Kommission als "inflationär" kritisiert.
Bauer begründete ihre Forderung mit dem Argument, dass die hohe Zahl an Kommissaren samt Kabinetten, Stäben und Dienststellen nicht mehr zeitgemäß sei. "27 EU-Länder bedeuten nicht automatisch, dass es auch 27 Kommissare samt Kabinetten, Stäben und Dienststellen geben muss", sagte sie. Ihrer Ansicht nach überschneiden sich mehrere Ressorts, während andere Aufgaben besser bei den Mitgliedstaaten aufgehoben wären. Die EU-Kommission sei "keine Beschäftigungsagentur", betonte Bauer und ergänzte: "Deshalb sollten wir offen darüber diskutieren, ob Europa nicht auch mit deutlich weniger Kommissaren effizienter arbeiten könnte."
Auf die Frage der Zeitung, ob sie alle 27 EU-Kommissare namentlich kenne, antwortete Bauer knapp: "Nein." Mit dieser Bemerkung unterstrich sie ihre Kritik an der Größe des Kollegiums. Sie sprach von einer "exorbitant hohen Zahl an Kommissaren mit all den Stäben und Dienststellen" und fragte, ob diese wirklich nötig sei. Bauer kündigte an, die "inflationäre Zahl" der Kommissare zum politischen Thema machen zu wollen.
Rechtliche Grundlage im Vertrag von Lissabon
Die rechtliche Grundlage für eine Reduzierung der Kommissarzahl liegt seit Jahren auf dem Tisch. Der Vertrag von Lissabon, der 2009 in Kraft trat, sieht grundsätzlich 18 Kommissare vor – genau zwei Drittel der damaligen Mitgliedstaaten. Diese Bestimmung wurde bisher jedoch nicht angewendet. Bereits 2013 einigten sich die Staats- und Regierungschefs der EU auf eine unbefristete Ausnahme, die es jedem Mitgliedstaat erlaubt, weiterhin einen Kommissar in die EU-Kommission zu entsenden.
Sollte die Zahl tatsächlich reduziert werden, sieht der Vertrag von Lissabon einen Rotationsmechanismus vor. Dabei sollen die Mitgliedstaaten nach einem fairen System abwechselnd Kommissare stellen, wobei große und kleine Länder gleich zu behandeln sind. Ursprünglich war die Idee einer kleineren, effizienteren Kommission Teil des Vertragswerks, scheiterte jedoch am Widerstand Irlands.
Bauer fordert Sparsamkeit an der Spitze
Bauer verband ihre Forderung nach einer Verkleinerung der EU-Kommission mit einer Forderung nach Sparsamkeit. "Wer von den Ländern einen Sparkurs verlangt, muss auch bei sich selbst sparen, und zwar am Kopf der Behörde", sagte sie. Mit dieser Aussage spielte sie auf die laufenden Diskussionen über Haushaltsdisziplin in mehreren EU-Mitgliedstaaten an und verlangte, dass die EU-Institution selbst mit gutem Beispiel vorangehen solle.
Aktuell entsendet jeder der 27 EU-Mitgliedstaaten einen Kommissar nach Brüssel. Für Österreich sitzt Magnus Brunner als EU-Kommissar für Migration in der Behörde. Jeder Kommissar ist laut Vertrag ausschließlich den europäischen Interessen verpflichtet und nicht seinem Herkunftsland.
Haltung zur Ukraine-Politik der EU
Neben der Frage der Kommissarzahl äußerte sich Bauer in dem Interview auch zur Ukraine-Politik der EU. Sie sprach sich gegen einen schnellen Beitritt der Ukraine zur Europäischen Union aus. Der ukrainische Präsident sei "in den letzten Monaten häufiger dadurch aufgefallen, dass er der EU am liebsten ein Beitrittsdatum diktieren möchte", kritisierte sie. Ein "Turbobeitritt auf Antrag" gehe "natürlich nicht", fügte Bauer hinzu.
Die Diskussion über die Größe der EU-Kommission ist nicht neu. Schon vor dem Vertrag von Lissabon gab es Debatten über eine schlankere Gestaltung der Exekutivbehörde. Mit der unbefristeten Ausnahme von 2013 wurde die Frage jedoch faktisch auf Eis gelegt. Bauers Vorstoß könnte diese Debatte neu beleben, insbesondere angesichts wachsender Kritik an der Bürokratie und der Personalausstattung der EU-Institutionen.
Lange Debatte um die Größe der Kommission
In mehreren EU-Mitgliedstaaten wird seit Jahren eine Reform der EU-Institutionen gefordert. Insbesondere kleinere Länder sehen die aktuelle Struktur als unausgewogen an, während große Länder auf ihren Anspruch auf einen Kommissar verweisen. Eine Reduzierung auf 18 Kommissare würde bedeuten, dass neun Mitgliedstaaten zeitweise ohne eigene Vertretung im Kollegium wären – eine politisch heikle Frage.
Bauer selbst gehört der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) an und ist als Europaministerin Teil der Bundesregierung. In dieser Funktion vertritt sie Österreich in Angelegenheiten der Europäischen Union und koordiniert die Europapolitik auf nationaler Ebene. Mit ihren jüngsten Äußerungen positioniert sie sich als Befürworterin einer institutionellen Reform der EU.
Bauer als Reformbefürworterin
Die Reaktionen auf Bauers Vorstoß waren in den ersten Stunden nach Veröffentlichung des Interviews noch verhalten. EU-Kommissare äußerten sich bislang nicht öffentlich zu den Forderungen aus Wien. Beobachter werten den Vorstoß allerdings als Signal, dass die Debatte über die Effizienz und Größe der EU-Kommission in den kommenden Monaten an Fahrt gewinnen könnte.
Langfristig könnte die Frage der Kommissarzahl mit anderen Reformdebatten verknüpft werden, etwa mit der Diskussion über eine stärkere Integration der Eurozone oder über den nächsten EU-Haushaltsrahmen. Sollte es tatsächlich zu einer Verkleinerung kommen, wäre dies ein historischer Schritt, der die Arbeitsweise der EU-Kommission grundlegend verändern würde.
Ausblick auf weitere Reformdebatten
Gleichzeitig bleibt abzuwarten, ob die EU-Staats- und Regierungschefs bereit sind, die 2013 beschlossene Ausnahme rückgängig zu machen. Ein solcher Schritt erfordert Einstimmigkeit im Europäischen Rat und dürfte auf erheblichen Widerstand bei jenen Ländern stoßen, die ihren Sitz in der Kommission nicht verlieren wollen. Bauers Initiative dürfte daher zunächst vor allem eine Debatte anstoßen, deren politische Folgen noch offen sind.
Fragen & Antworten
Wer ist Claudia Bauer?
Claudia Bauer ist österreichische Europaministerin und Mitglied der ÖVP. In dieser Funktion vertritt sie Österreich in EU-Angelegenheiten und hat in einem Interview mit der "Welt am Sonntag" eine Reduzierung der EU-Kommissare gefordert.
Wie viele EU-Kommissare sieht der Vertrag von Lissabon vor?
Der Vertrag von Lissabon, der 2009 in Kraft trat, sieht grundsätzlich 18 EU-Kommissare vor – zwei Drittel der damaligen Mitgliedstaaten. Diese Bestimmung wird seit 2013 durch eine unbefristete Ausnahme übergangen, die jedem Mitgliedstaat einen Kommissar garantiert.
Welche Argumente bringt Bauer gegen die aktuelle Kommissarszahl vor?
Bauer kritisiert, dass sich mehrere Ressorts überschneiden und einige Aufgaben besser bei den Mitgliedstaaten aufgehoben wären. Sie bezeichnet die EU-Kommission als "keine Beschäftigungsagentur" und die Zahl der Kommissare als "inflationär".
Bauer: Weniger EU-Kommissare? Debatte um Reform | nachrichten360