Burnham gewinnt Nachwahl in Makerfield – Druck auf Starmer | nachrichten360
Andy Burnham zieht ins britische Unterhaus ein – Labour vor offener Führungsdebatte
London, 19 Juni 2026
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Kurzfassung
Mit einem klaren Sieg in der Nachwahl im nordenglischen Wahlkreis Makerfield zieht Andy Burnham ins britische Unterhaus ein und bringt damit Premierminister Keir Starmer unmittelbar unter Druck. Innerhalb der Labour-Partei wird offen über einen geordneten Führungswechsel debattiert, während Starmer einen Machtkampf ankündigt.
London, 19 Juni 2026
Der frühere Bürgermeister von Manchester, Andy Burnham, hat die Nachwahl im nordenglischen Wahlkreis Makerfield gewonnen und ist damit als Abgeordneter ins britische Unterhaus eingezogen, was den Druck auf Premierminister Keir Starmer im offenen Machtkampf um den Labour-Vorsitz weiter erhöht.
Als die Wahlleiterin am Freitag um 3.07 Uhr Früh das Ergebnis der Nachwahl im nordenglischen Makerfield verkündete, kniff der Labour-Kandidat im ersten Moment ungläubig die Augen zusammen: Andy Burnham, der seit neun Jahren als Bürgermeister die Geschicke Manchesters lenkt, hatte die für ihn freigeräumte Parlamentssitze mit deutlichem Vorsprung gewonnen. 24.927 Stimmen und 55 Prozent der Wählerinnen und Wähler machten den Erfolg auch zahlenfest überdeutlich. Es war ein Heimspiel für den 56-Jährigen.
Heimspiel im Norden
Aufgewachsen ist Burnham in einer Ortschaft gleich nebenan. Nach seiner Uni-Zeit in Cambridge arbeitete er kurz als Journalist, dann als wissenschaftlicher Mitarbeiter für eine Labour-Abgeordnete. Mit 31 konnte er ins Unterhaus einziehen. Wenige Jahre später wurde er Staatssekretär. Als er 2017 zum ersten Mal als Bürgermeisterkandidat für Manchester antrat, sagte er, das System in Westminster – in Großbritannien ein Synonym für den Sitz des Parlaments – funktioniere nicht. Es liefere einfach nicht für die normalen Menschen. Er gewann und wurde zwei Mal wiedergewählt.
Die Nachwahl war möglich geworden, nachdem der bisherige Labour-Abgeordnete Josh Simons überraschend zurückgetreten war. Damit wurde eine Nachwahl ausgelöst. Ein Labour-Kollege Burnhams hatte sein Mandat niedergelegt, um ihm den Weg ins Parlament freizumachen – denn als Bürgermeister saß Burnham bis dato jedoch nur im Rathaus von Manchester, nicht im britischen Parlament – ein notwendiges Kriterium, um den amtierenden Premier herauszufordern. In den vergangenen Wochen hat Andy Burnham gefühlt an jede Tür im Wahlkreis Makerfield geklopft. Mit Erfolg: Noch vor sechs Wochen war Labour in Makerfield von der rechtspopulistischen Reform-UK-Partei auf den zweiten Platz verdrängt worden.
Weg frei für den Wechsel
Sein Kontrahent Robert Kenyon, ein Kommunalpolitiker der rechtspopulistischen Reform-UK-Partei, landete mit etwa 10.000 Stimmen Rückstand abgeschlagen auf Platz zwei. Der Versuch, mit einer Anti-Einwanderungskampagne in der traditionellen Labour-Hochburg zu punkten, verfing nicht. Rund 63 Prozent der Wählerinnen und Wähler in der Region hatten vor zehn Jahren für den Brexit gestimmt. Bei der Afterparty in Makerfield soll er zu Oasis' „Half the World Away" besonders inbrünstig mitgesungen haben. Er besuchte eine katholische Schule, ist verheiratet und hat drei Kinder.
Bei seiner Siegesrede sagte Burnham: „Jeder spürt, dass das Land nicht dort ist, wo es sein sollte" und kündigte an: „Ich werde alles geben, was ich habe, um dafür zu sorgen, dass der Name Makerfield für immer ein Synonym dafür ist, den Wandel herbeizuführen, den dieses Land braucht – und etwas zurückzubringen, das wir verloren haben: Hoffnung, Hoffnung auf die Zukunft." Er sprach von einer letzten Chance für den Wandel und nannte Einwanderung, Bildung und Wirtschaft als konkrete Felder. Dies könnte der „Wendepunkt" sein. Burnham ist verheiratet und hat drei Kinder.
Siegesrede als Programm
Mit dem Einzug ins Unterhaus zieht nun Starmers größter Konkurrent als Abgeordneter ins Parlament. Burnham kann also sagen: ‚Schaut, ich bin derjenige, der Wachstum liefern kann für das ganze Vereinigte Königreich. Ich werde das Manchester-Modell in das ganze Land hinaustragen', formulierte es Jonathan Tonge, Professor für Politik an der Universität Liverpool. Umfragen sehen Burnham als aussichtsreichsten Kandidaten, um den unpopulären Premierminister Keir Starmer abzulösen.
Keir Starmer, der bei der Wahl 2024 noch das Mandat erhalten hatte, „um Veränderungen herbeizuführen", sieht sich einer wachsenden Front aus Labour-Abgeordneten gegenüber, die ihm das Vertrauen entzogen haben. Zahlreiche Mandatsträger wandten sich öffentlich von ihm ab. Aus dem Londoner Westminster wird spekuliert, dass Burnham den Showdown im offenen Machtkampf um den Labour-Vorsitz bereits in der kommenden Woche auslösen könnte. Berichten der Zeitung The Times zufolge ist Starmers öffentlich klare Position intern durchaus „nuancierter".
Druck auf Starmer wächst
Die ehemalige Verkehrsministerin Louise Haigh, Unterstützerin Burnhams, sagte der Nachrichtenagentur PA: „Wir hoffen sehr, dass dies ein geordneter und kontrollierter Übergang wird, dass Keir Starmer die Ergebnisse reflektiert, und dass Andy und Keir sich in den kommenden Tagen treffen und innerhalb der nächsten Woche auf einen gemeinsamen Weg nach vorn verständigen." Allerdings haben parteinahe Freunde Starmer bereits am Freitag gebeten, „in geordneter Weise" zurückzutreten. Berichtet wird zudem über Pläne für einen „stillen Putsch", um Starmer hinter den Kulissen zum freiwilligen Rückzug zu bewegen.
Der frühere Innenminister Alan Johnson sagte im Sender LBC auf die Frage, was er Starmer raten würde, deutlich: „Ich würde sagen, es ist vorbei, Keir." Es gelte nun die „harte Realität". Zugleich beschrieb er Starmer als „ein Kämpfer" und betonte zugleich: „Er ist ein kluger Mann, er weiß, dass er für immer als der Mann in die Geschichtsbücher eingehen wird, der die Labour-Partei innerhalb von nur fünf Jahren vom zweitschlechtesten Ergebnis ihrer Geschichte zum zweitbesten Ergebnis ihrer Geschichte geführt hat."
Starmer selbst reagierte in den frühen Morgenstunden mit einer Gratulation auf der Plattform X und erklärte, die Wählerinnen und Wähler hätten Labours Kampagne der Hoffnung und des Optimismus gegenüber Spaltung und Hass gewählt. Zugleich bekräftigte er seinen Führungsanspruch: „Wenn es zu einem Wettbewerb kommt, dann werde ich antreten. Ich habe wiederholt gesagt, dass ich davor nicht zurückschrecken werde." Freitagmittag appellierte er einmal mehr an die Abgeordneten, Partei und Land nicht durch unüberlegte Handlungen „ins Chaos zu stürzen". Er sei wichtig, dass die Labour-Partei „an einem Strang ziehe".
Belastungen und Umfeld
Steve Reed, Wohnungsbauminister und enger Verbündeter Starmers, sagte dem Sender Sky News, der Premier habe klargemacht, dass er um den Parteivorsitz kämpfen werde. Der Druck auf Starmer war bereits nach Labours Blamage bei den Gemeinderatswahlen im Mai und einer Reihe von Rücktritten von Ministern spürbar gewachsen. Die folgenden Kommunal- und Regionalwahlen im Mai gerieten für Labour zu einem Desaster.
Hinzu kamen weitere Belastungen: die Ernennung Peter Mandelsons, eines Vertrauten von Jeffrey Epstein, zum Botschafter in Washington sowie der Mord an dem Studenten Henry Nowak und ein versuchtes Tötungsverbrechen in Belfast mit anschließenden Ausschreitungen, die das Vereinigte Königreich erschütterten. Reform-UK-Chef Nigel Farage, der nach dem Mord an Nowak gesagt hatte, „Ich schlage vor, der Rest von uns sollte mit purer, kalter Wut reagieren", kritisierte zugleich die englische Polizei. Zu Burnhams Sieg erklärte er: „Reform ist nach wie vor die große nationale Partei der Mitte-rechts-Strömung. Ein enttäuschender Vormittag, aber wir machen weiter."
Burnhams Sieg riss Wählerinnen und Wähler aus dem Lager der Konservativen, Grünen und früheren Reform-Anhänger mit. Der Politologe Jonathan Tonge sieht ihn damit im Vorteil: „Das gibt ihm einen großen Schub Richtung Downing Street", sagte die FT-Journalistin Lucy Fisher. Burnham, der dem „soft left" zugerechnet wird und als wirtschaftsfreundlicher Sozialist gilt, hatte bereits 2010 und 2015 vergeblich für den Parteivorsitz kandidiert. 2010, nach Gordon Browns Rücktritt, landete er im Führungswettkampf jedoch noch auf Platz vier, fünf Jahre später war er deutlich erfolgreicher, kam aber immer noch hinter Jeremy Corbyn auf den zweiten Platz.
Ausblick auf den Machtkampf
Burnhams Brüder sind beide Lehrer geworden. Auf die Frage nach den wichtigsten Dingen in seinem Leben neben der Familie nannte er einst den Fußballclub Everton, die Labour-Partei und die katholische Kirche – in genau dieser Reihenfolge. Ein früherer Sportlehrer soll einmal über ihn gesagt haben, Burnham sei zu weich und müsse dringend Rugby spielen. An der Haustür lautete die Botschaft der Wählerinnen und Wähler unterdessen klar: „Du musst etwas tun, um das Leben erschwinglicher zu machen."
Die Nachfolge als Bürgermeister von Manchester wird am 30. Juli gewählt. Die nächsten regulären Parlamentswahlen sind zwar erst 2029, doch innerhalb der Labour-Partei entscheiden die kommenden Tage darüber, ob es zu einem offenen Wettbewerb um den Vorsitz kommt. Andy Burnham und Keir Starmer stehen kurz vor einem offenen Konkurrenzkampf um den Labour-Vorsitz. Der frühere Gesundheitsminister Wes Streeting gilt als weiterer möglicher Kandidat für eine Führungsdebatte.
Labour will vor allem gegen die erstarkenden Rechtspopulisten von Reform UK die Bürgermeisterposition in Greater Manchester verteidigen, nachdem Reform UK in einigen Umfragen im Vereinigten Königreich mit deutlichem Vorsprung führt. Eine Mehrheit der Labour-Abgeordneten reicht Burnham, um Starmer als Parteivorsitzenden abzulösen – und damit auch als Premierminister, da der Vorsitzende der Regierungspartei in Großbritannien üblicherweise auch das Amt des Regierungschefs innehat.
Fragen & Antworten
Wer ist Andy Burnham und warum ist sein Einzug ins Parlament so wichtig?
Andy Burnham ist 56 Jahre alt, war neun Jahre Bürgermeister von Manchester und gehört dem moderaten linken Flügel der Labour-Partei an. Mit dem Einzug ins Unterhaus kann er nun den amtierenden Premierminister Keir Starmer formell zu einer Führungswahl herausfordern und ihn als Parteivorsitzenden ablösen.
Wie hat Burnham die Nachwahl in Makerfield gewonnen?
Burnham erhielt 55 Prozent der Stimmen und insgesamt 24.927 Stimmen – sein Kontrahent Robert Kenyon von Reform UK landete mit rund 10.000 Stimmen Rückstand auf Platz zwei. Neben Labour-Anhängern konnte er auch frühere Wähler der Konservativen, Grünen und Reform für sich gewinnen, was als deutliches Signal gegen die Rechtspopulisten gewertet wird.
Welche Rolle spielt Reform UK im Machtkampf um die Labour-Spitze?
Reform UK unter Nigel Farage liegt in einigen Umfragen deutlich in Führung und wird als wichtigster Herausforderer Labours gesehen. Burnhams Sieg in einer früheren Brexit-Hochburg gilt daher als Beleg dafür, dass Labour den Rechtspopulisten Stimmen wieder abjagen kann – ein Argument, mit dem er Starmers Führung in Frage stellt.