Britischer Premier Starmer erwägt offenbar Rücktritt – Labour-Abgeordnete drängen auf geordneten Wechsel
London, 22. Juni 2026
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Kurzfassung
Der britische Premierminister Keir Starmer erwägt laut britischen Medienberichten seinen Rücktritt und könnte bereits am Montag eine Entscheidung bekanntgeben. Dutzende Labour-Abgeordnete und hochrangige Minister fordern seinen Abgang, nachdem sein parteiinterner Rivale Andy Burnham den Wiedereinzug ins Unterhaus geschafft hat.
Der britische Premierminister Keir Starmer erwägt nach Informationen der BBC und weiterer britischer Medien seinen Rücktritt und könnte bereits am Montag eine Entscheidung treffen, während Dutzende Labour-Abgeordnete und mehrere Kabinettsmitglieder seinen Abgang fordern.
Berichte über bevorstehenden Rücktritt
Starmer, der die Labour-Partei seit April 2020 führt und seit Juli 2024 als Premierminister amtiert, steht Medienberichten zufolge unmittelbar vor dem Aus. Der Starmer verbrachte das Wochenende auf dem Landsitz Chequers, um über seine politische Zukunft nachzudenken. Wie The Observer am Samstag unter Berufung auf Quellen in der Labour-Partei berichtete, will Starmer am Montag möglicherweise seinen Rücktritt erklären und einen Zeitplan für den Wechsel an der Regierungsspitze vorlegen. The Times schrieb, Starmer wolle noch am Montag einen entsprechenden Zeitplan ankündigen. "Starmer erwägt seine politische Zukunft", berichtete die BBC am Sonntagabend. Am Dienstag steht in London eine Kabinettssitzung auf dem Terminplan.
Druck aus den eigenen Reihen
Der Druck auf den Premier war in den vergangenen Wochen massiv gewachsen. Nach den Kommunal- und Regionalwahlen im Mai, bei denen Labour das schlechteste Ergebnis einer Regierungspartei in drei Jahrzehnten einfuhr, war seine Zustimmung in der Partei und in der Wählerschaft drastisch gesunken. Starmer kämpft mit den niedrigsten Beliebtheitswerten eines britischen Regierungschefs in der jüngeren Geschichte. Nach Angaben der Nachrichtenagentur PA fordern inzwischen mehr als 100 Labour-Abgeordnete seinen Rücktritt.
Andy Burnham als Herausforderer
Zusätzlich verschärft wurde die Lage durch den Wiedereinzug seines parteiinternen Rivalen Andy Burnham ins Unterhaus. Der Burnham, der zuvor neun Jahre lang Bürgermeister von Manchester war, gewann am Donnerstag die Nachwahl im Wahlkreis Makerfield in Nordwestengland mit rund 55 Prozent der Stimmen. Mit dem Mandat kann er nun eine parteiinterne Führungsdebatte auslösen, da die Mitgliedschaft im Unterhaus Voraussetzung für den Posten des Premierministers ist. Umfragen unter Parteimitgliedern deuten darauf hin, dass Burnham eine Kampfabstimmung gewinnen würde. The Observer zufolge steht die Mehrheit der Abgeordneten hinter ihm. Burnham erfüllt die formale Hürde von 20 Prozent Unterstützung der Labour-Abgeordneten.
Kabinett auf Distanz
Auch aus dem Kabinett erhält Starmer kaum noch Rückendeckung. Außenministerin Yvette Cooper drängte Starmer einem Bericht des Senders Sky News zufolge am Wochenende in einem privaten Gespräch zum Rückzug. Wirtschaftsminister Peter Kyle sagte dem Sender LBC, der Premier denke über die politischen Herausforderungen nach, vor denen er stehe. Starmer befinde sich in einer sehr schwierigen Situation. Ein Sprecher Coopers ließ eine Anfrage um Stellungnahme zunächst unbeantwortet. Verteidigungsminister John Healey war bereits zuvor nach einem Streit über das Verteidigungsbudget zurückgetreten.
Kyle versuchte am Sonntag zwar, die Berichte über einen unmittelbar bevorstehenden Abschied Starmers zu relativieren. Gegenüber Sky News sagte er, es gebe keinen Grund anzunehmen, dass sich an Starmers entschlossener Haltung etwas geändert habe. Dem Sender Sky sagte Kyle, der Premier verschaffe sich "Zeit, um über die politischen Realitäten, Herausforderungen und Chancen nachzudenken, die sich ihm stellen". Kyle erklärte weiter, jede Entscheidung, die der Premier treffe, liege "im besten Interesse des Landes". Zudem sagte er der BBC: "Ich möchte hier nicht so tun, als gäbe es keinen Prozess, keine Kräfte, die den Premierminister als Parteivorsitzenden herausfordern – das ist ganz klar der Fall."
Trumps Einmischung über Truth Social
Am Freitag hatte Downing Street noch erklärt, Starmer habe nicht die Absicht zurückzutreten. Der Premier hatte nach dem Einzug seines parteiinternen Rivalen Andy Burnham ins Parlament kämpferisch erklärt, sich jeder Herausforderung stellen zu wollen. Er werde nicht weichen. Allerdings hatte The Sunday Telegraph unter Berufung auf Vertraute des Premiers berichtet, er sei "ready" zu gehen. Starmers Team hatte vor wenigen Tagen auf dessen Wahlsieg bei der Parlamentswahl 2024 verwiesen, der Starmer einen Regierungsauftrag bis 2029 gebe. Am Samstagabend teilte die Downing Street der BBC mit, die Position des Premiers habe sich seit Freitag nicht geändert. Dennoch bestritt sie erste Berichte über den Tag der Entscheidung und verwies auf Starmers Aussagen vom Freitag.
Auch international sorgt die Lage für Aufsehen. US-Präsident Donald Trump schrieb am Sonntag auf seiner Plattform Truth Social, Starmer werde als Premierminister des Vereinigten Königreichs zurücktreten. "Keir Starmer wird als Premierminister des Vereinigten Königreichs zurücktreten. Er hat bei zwei sehr wichtigen Themen schwer versagt – MIGRATION UND ENERGIE (ÖFFNET DAS NORDSEE-ÖL!). Ich wünsche ihm alles Gute!" Das Verhältnis zwischen Trump und Starmer war bereits zuvor belastet, unter anderem nachdem der Premier Trump im Zusammenhang mit dem Iran-Krieg die Unterstützung verweigert hatte. Trump hatte Starmer in der Vergangenheit wiederholt kritisiert. Ob sich Trump auf Basis konkreter Informationen äußerte oder eigene Motive hatte, sich in die Debatte einzuschalten, blieb offen.
Dpa zufolge soll Starmers Frau Victoria ihn am Wochenende ermutigt haben, weiterzukämpfen und nicht zurückzutreten. Auf X schrieb Starmer zum britischen Vatertag: "Being a father is my greatest joy." – "Vater zu sein ist meine größte Freude". Die ehemalige Ministerin Jess Phillips sagte der BBC, sie habe das Gefühl, als sei man am Ende des Weges angelangt. Ein Rückzug Starmers sollte so würdevoll wie möglich verlaufen.
Was passiert bei einem Rücktritt?
Sollte Starmer tatsächlich zurücktreten, würde er nach den bestehenden Regeln im Amt bleiben, bis ein Nachfolger gefunden ist. Bei einer Kampfabstimmung zwischen Starmer und Burnham ginge es zwar formell nur um den Parteivorsitz, diese würde in diesem Fall aber darüber entscheiden, wer Regierungschef wird. Eine solche Führungswahl könnte Wochen oder sogar Monate dauern. Als weiterer möglicher Kandidat wird der frühere Gesundheitsminister Wes Streeting gehandelt, der sich mit der Zeit von Starmer abgewandt hatte. Sollte Burnham das Amt übernehmen, wäre er der siebte britische Premierminister in den vergangenen zehn Jahren. Seit 2016 gaben sich die Premierministerinnen und Premierminister die Klinke in die Hand. Sollte Starmers Zeit als Premier ein Ende finden, wäre die Nachfolgerin oder der Nachfolger der siebte Regierungschef seit dem EU-Referendum. Das sind so viele wie in den 40 Jahren davor.
Affären und Kurskorrekturen unter Starmer
Starmer, der 1962 in einem kleinen Reihenhaus am Rand von London geboren wurde und in Leeds sowie Oxford Jura studierte, hatte die Labour-Partei nach 14 Jahren in der Opposition mit großer Mehrheit zurück an die Macht geführt. Er hatte bei Amtsantritt versprochen, das Chaos seiner konservativen Vorgänger zu beenden. Die Labour-Partei hatte unter Starmers Führung die Parlamentswahl im Juli 2024 nach 14 Jahren in der Opposition mit großer Mehrheit gewonnen. Doch statt Stabilität brachte seine Amtszeit eine Reihe von Affären und politischen Rückschlägen: Im September 2025 musste stellvertretende Premierministerin Angela Rayner zurücktreten, weil sie eine Grundsteuer nicht vollständig gezahlt hatte; im selben Monat wurde Peter Mandelson, den Starmer trotz dessen bekannter Nähe zum verurteilten US-Sextäter Jeffrey Epstein zum Botschafter in Washington ernannt hatte, auf Druck der Öffentlichkeit abberufen, was weitere Stabsrücktritte nach sich zog.
Hinzu kamen scharfe Kursentscheidungen: Kurz nach Amtsantritt kündigte die Starmer-Regierung an, die Heizkostenzuschüsse für ältere Bürger zu kürzen, obwohl dies nicht im Wahlmanifest stand. Nach einem Sturm der Entrüstung musste die Regierung die Pläne zurücknehmen. In der Außenpolitik organisierte Starmer gemeinsam mit Deutschland und Frankreich die Unterstützung für die von Russland angegriffene Ukraine und verhandelte als Brexig-Gegner Handelserleichterungen mit der EU. Am Dienstag steht in London eine Kabinettssitzung auf dem Terminplan, bei der sich die Lage weiter zuspitzen könnte.
Der politisch schwer angeschlagene Regierungschef könnte sich dann festlegen, ob er zurücktritt oder sich einem Kampf um den Parteivorsitz in seiner Labour-Partei stelle, sagten mit den Überlegungen vertraute Personen am Sonntag. Die rechtspopulistische Partei Reform UK, die bereits von den Verlusten Labours bei den Kommunalwahlen profitierte, könnte von einem längeren Führungsstreit zusätzlich profitieren. Eine Analyse des Guardian hatte zuvor festgestellt, dass Starmers Wähler das Gefühl hatten, er habe die nach dem Sieg über Rishi Sunak angekündigten Veränderungen nicht geliefert.
Am Freitag hatte das Team seines parteiinternen Rivalen Andy Burnham erklärt, man gebe Starmer das Wochenende Zeit, um seine Lage zu überdenken und hoffe auf eine geordnete Machtübergabe. Burnham, der in Liverpool aufwuchs und dem moderat-linken Parteiflügel zugerechnet wird, hatte sich während seiner Zeit als Bürgermeister von Greater Manchester den Ruf des charismatischen Lieblings des moderat-linken Parteiflügels erarbeitet. Er war bereits von 2001 bis 2017 Mitglied des Unterhauses, ehe er an die Spitze der Greater Manchester Combined Authority wechselte.
ARD-Korrespondent Christoph Prössl brachte am Sonntag zudem die Variante ins Spiel, Starmer könnte am Montag ankündigen, bis September im Amt bleiben zu wollen, um einen geordneten Übergang zu ermöglichen. Eine endgültige Entscheidung über den Rücktritt oder den Kampf um den Parteivorsitz schien demnach noch nicht gefallen. Die kommenden Stunden galten in London als richtungsweisend für die politische Zukunft des britischen Premierministers.
Fragen & Antworten
Wie würde ein Rücktritt Starmers konkret ablaufen?
Tritt Starmer zurück, bliebe er bis zur Wahl eines Nachfolgers im Amt. Anschließend würde ein parteiinternes Führungsverfahren stattfinden, das Wochen oder Monate dauern könnte; der Sieger würde zugleich neuer Premierminister.
Keir Starmer Rücktritt: Labour-Druck wächst vor Montag | nachrichten360