Keir Starmer tritt zurück – Labour sucht Nachfolge, Burnham erklärt Kandidatur
London, 22 Juni 2026
Crown Prosecution Service / Wikimedia Commons / OGL 3
Kurzfassung
Der britische Premierminister Keir Starmer hat am Montag vor der Downing Street seinen Rücktritt als Labour-Parteichef angekündigt und will bis September im Amt bleiben. Der bisherige Manchester-Bürgermeister Andy Burnham erklärte unmittelbar darauf seine Kandidatur für die Nachfolge.
London, 22 Juni 2026
Der britische Premierminister Keir Starmer hat am Montagmorgen vor seinem Amtssitz in der Downing Street in London seinen Rücktritt als Vorsitzender der Labour-Partei angekündigt und kündigte an, sein Amt als Premierminister noch bis zur Parlamentsrückkehr im September abzugeben.
Keir Starmer begründete seinen Schritt mit dem Druck aus den eigenen Reihen. Er sei stolz auf das Erreichte, aber es sei besser für Labour und das Land, wenn jemand anders die Partei in die nächste Unterhauswahl führe, sagte der 63-Jährige vor seinem Amtssitz. „Die Frage, die sich meine Partei derzeit stellt, ist, ob ich am besten geeignet bin, uns in die nächsten Parlamentswahlen zu führen. Ich habe die Antwort meiner Fraktion auf diese Frage gehört und nehme diese Antwort mit Würde entgegen“, erklärte er. Seine Frau Victoria trat gemeinsam mit ihm vor die Kameras.
Mit seinem Abschied wird Starmer nach Berechnungen britischer Medien zum siebten Premierminister innerhalb eines Jahrzehnts. Eine YouGov-Umfrage von Mitte Juni sah ihn bei einer Zustimmung von nur 18 Prozent – 74 Prozent der Befragten hielten seine Arbeit für schlecht. Damit geht er als unbeliebtester Premier in die britische Geschichte ein, noch hinter seiner Vorgängerin Liz Truss, die am Ende 71 Prozent gegen sich hatte.
Rekordverdächtige Umfragewerte und siebter Premier in zehn Jahren
Der Druck auf Starmer hatte sich seit den schweren Verlusten der Labour-Partei bei Kommunal- und Regionalwahlen in England, Schottland und Wales im Mai massiv zugespitzt. Die rechtspopulistische Reform UK unter Nigel Farage war die klare Gewinnerin dieser Wahlen und gewann in allen Landesteilen Mandate hinzu. Labour liegt seither in Umfragen deutlich hinter Reform UK. Nach britischen Medienberichten forderten mehr als hundert Labour-Abgeordnete seinen Rücktritt; am Wochenende hätten intensive Gespräche mit führenden Parteivertretern stattgefunden.
Trotz der Wahlniederlage hatte Starmer zunächst an seinem Amt festgehalten und auf seinen Wahlsieg von 2024 verwiesen. Erst nach dem Sieg von Andy Burnham bei einer Nachwahl im Wahlkreis Makerfield am vergangenen Freitag – der ihm einen Sitz im Unterhaus und damit den Weg zur Kandidatur als Parteichef ebnet – gab Starmer seinen Widerstand auf. Am Montag erklärte der 56-jährige Bürgermeister von Greater Manchester praktisch unmittelbar nach Starmers Ankündigung seine Bewerbung um die Labour-Führung und das Amt des Premierministers.
Burnham tritt an – „King of the North“ mit Mandat
Burnham gilt laut Berichten als derzeit beliebtester Labour-Politiker im Land. Britische Medien geben ihm den Beinamen „King of the North“, eine Anspielung auf die Fantasy-Serie Game of Thrones. Vor rund zehn Jahren war er nach einer gescheiterten Bewerbung um die Parteiführung von London zurück in seine Heimatregion Manchester gegangen und hatte sich dort für den wirtschaftlich abgehängten Norden Englands stark gemacht. Nach Angaben der Nachrichtenagentur PA könnte die Nachfolge an der Parteispitze bei einer Kandidatur Burnhams als einzigem Bewerber bereits um den 18. Juli abgeschlossen sein.
Der bisherige Gesundheitsminister Wes Streeting, der ursprünglich eigene Ambitionen auf die Nachfolge gehegt hatte, sagte am Montag seine Unterstützung für Burnham zu und könnte laut Berichten mit einem Kabinettsposten rechnen. Mehr als zweihundert Mitglieder des Labour-Lagers sollen Burnham nach Berichten unterstützen. Auch Verteidigungsminister John Healey hatte Starmer zuvor die Gefolgschaft wegen dessen zögerlicher Haltung zum Verteidigungshaushalt aufgekündigt.
Rücktrittsserie und Epstein-Affäre um Mandelson
Mehrere Minister waren in den vergangenen Monaten unter dem wachsenden Druck auf Starmer zurückgetreten. Im September 2025 war bereits Vizepremierministerin Angela Rayner nach einer ausstehenden Grundsteuerzahlung zurückgetreten. Kurz danach rief Starmer Peter Mandelson aus Washington als Botschafter zurück, nachdem neue Details über dessen einst enge Freundschaft zu dem verstorbenen US-Sexualstraftäter Jeffrey Epstein öffentlich geworden waren. Mandelson war zu Jahresbeginn 2025 trotz der bekannten Epstein-Verbindung zum britischen Botschafter in den Vereinigten Staaten ernannt worden – die Affäre belastete Starmer auch nach Mandelsons Abberufung weiter.
Die wirtschaftliche Lage Großbritanniens setzte Starmers Handlungsspielraum zusätzlich eng. Die Wirtschaft stagniert, der Staat ist so hoch verschuldet wie selten zuvor, und zentrale Aufgaben wie Verteidigung, Bildung und Gesundheitsversorgung benötigen laut Berichten dringend zusätzliche Mittel. Starmer und Finanzministerin Rachel Reeves versuchten daher eine Reform der Sozialhilfe, weil diese finanziell mittelfristig aus dem Ruder zu laufen drohte – und mussten sie nach dem ersten innerparteilichen Aufstand abblasen.
Gescheiterte Reformen in einer stagnierenden Wirtschaft
Auch andere Reformprojekte scheiterten am Widerstand aus den eigenen Reihen. Kurz nach Amtsantritt hatte Starmer die Heizkostenunterstützung für gut situierte Rentner gestrichen, was im Wahlprogramm nicht vorgesehen war und nach einer Protestwelle teilweise zurückgenommen werden musste. Der linke Flügel der Partei begehrte gegen die Kürzungen bei den Rentnern auf, während der sozialliberale Flügel mehr Sparmaßnahmen forderte, um in Verteidigung und Innovation investieren zu können. Die zusätzlichen Mittel für Bildung, Gesundheit und Verteidigung finanzierte Starmer unter anderem mit punktuell vertretbaren Steuererhöhungen und Sparprogrammen.
In der Migrationspolitik versuchte Starmer, mit harten Botschaften traditionelle Labour-Arbeitnehmerwähler zurückzugewinnen – und entfremdete damit moderate Wähler. In einer viel beachteten Rede warnte er, Großbritannien könne zu einer „Insel der Fremden“ werden, was Empörung auslöste. Die Frustration über wirtschaftliche Stagnation und Einwanderung hat laut Berichten zur Erosion des traditionellen Zweiparteiensystems und zum Aufstieg von Reform UK beigetragen.
Außenpolitisch profilierte sich Starmer mit einer Annäherung an Europa. Zusammen mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron brachte er Unterstützer der Ukraine im Kampf gegen Russland in der sogenannten Coalition of the Willing zusammen; mit deutscher Beteiligung wurde später auch eine ähnliche Koalition zur Sicherung der Straße von Hormuz nach dem Iran-Krieg etabliert. Mit Deutschland und Frankreich gab es zudem gemeinsame Erklärungen zum iranischen Atomprogramm und zum Gaza-Krieg. Den Brexit selbst rührte Starmer trotz einer inzwischen EU-skeptischen Mehrheit der Briten nicht an, handelte aber Handelserleichterungen mit der EU aus.
Dass ausgerechnet US-Präsident Donald Trump am Sonntag Starmers Rücktritt vorausgesagt und ihm politisches Versagen vorgeworfen hatte, sorgte für zusätzliche Irritation. Trump empfing Starmer im Laufe seiner Amtszeit zu einem historischen zweiten Staatsbesuch in den Vereinigten Staaten, bezeichnete ihn aber öffentlich als keinen Winston Churchill. Die Beziehungen zwischen London und Washington waren unter anderem durch die zögerliche britische Haltung zur Nutzung von Stützpunkten für den amerikanisch-israelischen Krieg gegen Iran belastet worden.
Außenpolitik: Ukraine-Koalition und Verstimmung mit Trump
EU-Ratspräsident António Costa sagte am Montag den für den 22. Juli geplanten EU-Großbritannien-Gipfel ab, der zehn Jahre nach dem Brexit-Votum die Zukunft der Beziehungen hatte neu justieren sollen. „Jetzt müssen wir es auf jeden Fall verschieben, aber wir prüfen die Optionen für diesen Gipfel erneut“, erklärte Costa und äußerte die Hoffnung, dass Starmers Nachfolger den Kurs der Annäherung fortsetze: „Mein Wunsch ist, dass sein Nachfolger die Kontinuität auf diesem Weg zur Neugestaltung unserer Beziehungen zum Vereinigten Königreich wahrt.“ Die britische Politik bleibe in der Frage einer engeren Anbindung an die EU tief gespalten, heißt es in Berichten.
Andy Burnham würdigte den scheidenden Parteichef nach seiner Ankündigung ausdrücklich: Starmer habe dem Land einen „gewaltigen Dienst“ erwiesen. Die Menschen wollten Fortschritt beim Wirtschaftswachstum, den Lebenshaltungskosten, staatlichen Leistungen, Wohnungen und den Chancen für die kommende Generation sehen, sagte er. Burnham bezeichnete Starmers Ankündigung als Wendepunkt und kündigte an, sich für die Labour-Führung zu bewerben, sobald die Formalitäten geklärt seien.
EU-Gipfel verschoben – Costa appelliert an Nachfolger
Starmer selbst beendete seine Erklärung mit brüchiger Stimme und kündigte an, sich nach dem Ausscheiden aus dem Amt stärker seiner Frau und seinen Kindern widmen zu wollen. Er werde im Amt bleiben, bis ein Nachfolger gewählt sei, und bat den nationalen Vorstand seiner Partei, einen Zeitplan für die Nachfolge festzulegen. Zudem habe er am Morgen mit König Charles III. gesprochen, von dem die formelle Ernennung eines neuen Premierministers nach ungeschriebener britischer Verfassungstradition vorgenommen wird.
Bereits am Wochenende war Starmer auf den Landsitz Chequers gefahren, wo er nach Berichten letztlich seinen Entschluss fasste. Am Ende seiner Rede sagte er: „Bei jeder Entscheidung, die ich getroffen habe, ging es darum, das Land, das ich liebe, an die erste Stelle zu setzen.“ Er bezeichnete es als „den stolzesten Moment“ seines Lebens, Premierminister geworden zu sein, und erklärte, er habe seiner Partei das „Gift des Antisemitismus“ ausgerissen. Mit seinem Rücktritt endet eine politische Karriere, die 2015 mit dem Einzug ins Parlament in einem Londoner Wahlkreis begann, nachdem Starmer zuvor als Menschenrechtsanwalt und von 2008 bis 2013 als Direktor der Staatsanwaltschaften für England und Wales gearbeitet hatte.
Fragen & Antworten
Wer ist Andy Burnham und warum gilt er als aussichtsreichster Nachfolger?
Andy Burnham ist der 56-jährige Bürgermeister von Greater Manchester, den britische Medien als derzeit beliebtesten Labour-Politiker bezeichnen. Er gewann am vergangenen Freitag eine Nachwahl im Wahlkreis Makerfield und sicherte sich damit einen Sitz im Unterhaus, der ihm die formelle Kandidatur um die Labour-Führung und das Amt des Premierministers ermöglicht.
Welche Gründe führten zum Rücktritt Keir Starmers?
Starmer litt laut Berichten seit Monaten unter historisch schlechten Umfragewerten; eine YouGov-Umfrage von Mitte Juni sah ihn bei nur 18 Prozent Zustimmung. Verschärft wurde die Lage durch die schweren Labour-Verluste bei Kommunal- und Regionalwahlen im Mai, den Aufstieg von Reform UK unter Nigel Farage sowie den anhaltenden Druck aus den eigenen Reihen, wo mehr als hundert Abgeordnete seinen Rücktritt gefordert haben sollen.
Was passiert nun mit dem für Juli geplanten EU-Großbritannien-Gipfel?
EU-Ratspräsident António Costa sagte den ursprünglich für den 22. Juli geplanten Gipfel, der zehn Jahre nach dem Brexit die Zukunft der Beziehungen neu ordnen sollte, mit Blick auf Starmers Rücktritt ab. Er äußerte die Hoffnung, dass Starmers Nachfolger den eingeschlagenen Annäherungskurs an die EU fortsetzt.
Keir Starmer Rücktritt: Burnham kandidiert für Labour-Spitze | nachrichten360