Andy Burnham erklärt Kandidatur für Labour-Vorsitz und Nachfolge Starmers
London, 22 Juni 2026
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Kurzfassung
Der Bürgermeister des Großraums Manchester, Andy Burnham, hat offiziell seine Kandidatur für den Vorsitz der Labour-Partei angekündigt. Damit tritt er die Nachfolge des zurückgetretenen Premierministers Keir Starmer an, dessen Amtszeit nach rund zwei Jahren endete.
London, 22 Juni 2026
Andy Burnham, Bürgermeister des Großraums Manchester, hat am Montag offiziell seine Kandidatur für den Vorsitz der Labour-Partei und damit für die Nachfolge von Premierminister Keir Starmer erklärt.
Burnham tritt an
Am Vormittag verkündete der 56-Jährige seine Bewerbung in einer Nachwahl im Wahlkreis Makerfield im Großraum Manchester, die er nach eigenen Angaben gegen den Gegenkandidaten der rechtspopulistischen Reform UK gewann. Am Nachmittag sollte er im Parlament als Abgeordneter vereidigt werden. Mit dem Einzug ins Unterhaus erfüllt Burnham die formale Voraussetzung, um sich um die Nachfolge Starmers bewerben zu können.
Burnham kandidiert für Labour-Vorsitz: Nachfolge Starmer | nachrichten360
Bereits am Wochenende hatte sich der designierte Herausforderer zu Wort gemeldet. „Jeder spürt, dass das Land nicht dort ist, wo es sein sollte“, sagte Burnham vergangene Woche nach seinem Wahlsieg. In einer schriftlichen Erklärung schrieb er: „Die Menschen wollen Fortschritt beim Wirtschaftswachstum, den Lebenshaltungskosten, staatlichen Leistungen, Wohnungen und den Chancen für die kommende Generation sehen.“ Zudem kündigte er an: „Wir wurden gewählt, um unser Land zu verändern, um zu zeigen, dass Politik eine Kraft für das Gute sein kann, und um Chancen für alle zu schaffen.“
Programmatische Ansage
Burnham würdigte zugleich den „gewaltigen Dienst“, den sein Vorgänger Starmer dem Land erwiesen habe. Mit Blick auf seine eigene politische Linie formulierte er einen programmatischen Anspruch: „Ich denke, wir müssen das, was wir im Großraum Manchester erreicht haben, auf die nationale Ebene übertragen“, sagte er im Mai der BBC. In einer breit rezipierten Rede im Wahlkreis Makerfield versprach er im Stil eines Premierministers: „Ich werde alles geben, was ich habe, um dafür zu sorgen, dass der Name Makerfield für immer ein Synonym dafür ist, den Wandel herbeizuführen, den dieses Land braucht – und etwas zurückzubringen, das wir verloren haben: Hoffnung, Hoffnung auf die Zukunft.“
Der Schritt erfolgt in einem politisch aufgeheizten Umfeld. Am Wochenende hatte Keir Starmer seinen Rücktritt vom Amt des Premierministers und vom Parteivorsitz erklärt. „Ich akzeptiere das bereitwillig“, sagte der Premier in einer kurzen Ansprache vor seinem Amtssitz in der Londoner Downing Street. Das Land sei verglichen mit seinem Amtsantritt vor zwei Jahren „viel stärker und fairer“ sowie „besser vorbereitet auf die Herausforderungen der Zukunft“, sagte der 63-Jährige. Sobald seine Partei die Nachfolge geklärt habe, werde er die Downing Street verlassen, teilte er mit.
Starmers Rücktritt
In den frühen Morgenstunden hatten sich in der Downing Street Fotografen und Kamerateams versammelt. Mitarbeiterinnen und befreundete Politiker versammelten sich seitlich und spendeten Starmer und seiner Frau Victoria warmen Beifall, als das Paar um 9.30 Uhr aus der berühmten schwarzen Tür mit der Nummer 10 trat. Zuvor war aus der Downing Street die Nachricht gekommen, der Premier werde seinen Rücktritt erklären. Im dunklen Anzug mit weinroter Krawatte ließ Starmer seinen Weg in die Downing Street Revue passieren.
Die Hintergründe des Sturzes sind vielfältig. Nach 14 Jahren in der Opposition hatte die Labour Party im Juli 2024 unter Starmer mit großer Mehrheit die Parlamentswahl gewonnen. Doch bereits in den ersten beiden Amtsjahren mehrten sich die internen Spannungen. Bei den Regional- und Lokalwahlen im Mai erlitt die Partei deutliche Verluste, insbesondere in ihren mittel- und nordenglischen Kerngebieten, der sogenannten „Red Wall“. Diese gingen teils an Reform UK unter Nigel Farage, teils an die Grünen verloren. „Die Quittung kam im Mai bei den vor allem für Labour desaströsen Regional- und Lokalwahlen“, heißt es in der Analyse des ARD-Korrespondenten Christoph Prössl.
Politische Bilanz unter Druck
Zwar hatte der Premier in Teilen durchaus erfolgreiche Politik betrieben. „Die britische Wirtschaft hat im ersten Quartal dieses Jahres das größte Wachstum aller G7-Staaten verzeichnet. Das ist die Hälfte von dem, was man im Jahr davor gesehen hatte“, sagte Prössl. Auch die illegale Migration über den Ärmelkanal war im ersten Halbjahr 2026 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 40 Prozent gesunken, die Nettomigration lag 2025 bei 171.000 Personen. „Doch in den Umfragewerten konnten diese Erfolge nicht fruchten“, so der Korrespondent weiter.
Besonders schwer wog die Ernennung des Jeffrey-Epstein-Vertrauten Peter Mandelson auf den Botschafterposten in Washington, ohne dass Mandelsons Verbindungen zu dem 2019 durch Selbstmord zu Tode gekommenen Sexualstraftäter Epstein gehörig untersucht wurden. Auch eine Rede, in der Starmer warnte, Großbritannien könne eine „Insel der Fremden“ werden, löste einen Aufschrei aus. Seine letzte große Ankündigung, ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige, konnte das Ruder nicht mehr herumreißen.
Am Ende forderten 100 Labour-Abgeordnete Starmers Rücktritt, und gleich doppelt so viele – etwa 200 – taten ihre Unterstützung für Starmers Herausforderer Andy Burnham kund. Bei 403 Sitzen der Partei im Unterhaus entspricht dies rund 81 Abgeordneten, die offiziell ihren Unmut kundtaten, während eine deutlich größere Zahl sich hinter Burnham stellte.
Streeting zieht sich zurück
Parallel zog sich Ex-Gesundheitsminister Wes Streeting aus dem Rennen zurück. „Ich habe in den letzten Tagen ausführlich mit Andy gesprochen“, teilte der 43-Jährige in sozialen Medien mit. Zuvor war Streeting im Mai mit scharfer Kritik an Starmer („keine Vision, ein Vakuum“) als Gesundheitsminister zurückgetreten. Nun empfahl er die Wahl Burnhams: „Wir sollten gemeinsam die Ärmel aufkrempeln und ihm dabei helfen, die nötige Veränderung zu bewirken.“
In den Reihen der Opposition kam scharfe Kritik an Starmers Bilanz. Die konservative Parteichefin Kemi Badenoch urteilte, Starmer sei „ein furchtbarer Premierminister“ gewesen. Nationalpopulist Nigel Farage forderte eine sofortige Neuwahl, der Liberaldemokrat Edward Davey sprach davon, die Wähler hätten „das politische Karussell“ satt. „Reform UK wird die große Herausforderung für Labour bei den nächsten Parlamentswahlen“, prognostizierte Prössl. „Und da möchte Labour vorbereitet sein.“
Hintergrund: Wer ist Andy Burnham?
Hintergrund von Burnhams Popularität ist seine Biografie. 1970 in Aintree bei Liverpool geboren, wuchs er in Culcheth auf und trat mit 14, geprägt vom Bergarbeiterstreik 1984/85, der Labour-Partei bei. In den 1990er-Jahren war er Teil der Musik- und Jugendbewegung „Madchester“. Unter Premierminister Tony Blair war er Staatssekretär im Innenministerium, bevor ihn Gordon Brown zunächst zum Staatssekretär im Finanzministerium und später zum Kultur- sowie Gesundheitsminister ernannte. 2017 kehrte er Westminster den Rücken, um Bürgermeister des Großraums Manchester mit seinen rund 2,8 Millionen Einwohnern zu werden.
Bereits 2010 und 2015 hatte sich Burnham um den Labour-Vorsitz beworben, war aber beide Male gescheitert. Diesmal könnte seine Zeit kommen. Der Brexit-Kritiker beschreibt sich selbst als Verfechter eines „wirtschaftsfreundlichen Sozialismus“. Er forderte mehr finanzielle Unterstützung für Unternehmen und Beschäftigte in den von den Lockdowns betroffenen Regionen – und brachte sich damit den Spitznamen „König des Nordens“ ein. „Der sogenannte ‚König des Nordens‘ gilt als derzeit beliebtester Labour-Politiker im Land“, heißt es in einer ARD-Analyse.
Nach dem Terroranschlag auf die Stadt Manchester im Jahr 2017 wurde die Biene zu einem Zeichen des Zusammenhalts und der Widerstandskraft der Bevölkerung – ein Symbol, das Burnham in seiner politischen Arbeit immer wieder aufgreift. Als Bürgermeister von Manchester hat sich der 56-Jährige den Ruf eines Machers erworben – einer, der die normalen Menschen versteht, weil er selbst einer ist. „Das Land erwartet Stabilität, Ernsthaftigkeit und dauerhafte Fokussierung auf die wichtigen Themen und wird dies bekommen“, versprach der 56-jährige Burnham.
Brexit als schwelende Hypothek
Offen ist, ob der als Regionalpolitiker erfolgreiche Burnham eine moderne G-7-Nation auf dem weltpolitischen Parkett und in der Weltwirtschaft zu führen vermag – diese Frage wird mit großer Skepsis betrachtet. Zudem dürfte sich Burnham als neuer Premier auch an das Wahlprogramm von 2024 gebunden fühlen. „Pragmatisch die Beziehungen zur EU zu vertiefen, ohne mit einem ‚Rejoin‘ zu polarisieren, ist der erfolgversprechendere Ansatz“, ordnete Prössl die außenpolitische Lage ein.
Der Brexit bleibt ein schwelendes Thema. Inzwischen stellt eine deutliche, enttäuschte Mehrheit die Sinnhaftigkeit des Brexits in Frage: 56 Prozent würden heute für einen Wiedereintritt in die EU stimmen, nur noch 32 Prozent halten den Brexit für die richtige Entscheidung. „2016 wird von den meisten Briten als Schwarzes Jahr betrachtet“, heißt es in einer Analyse. „Auf die Frage, wofür Großbritannien steht, seit es sich 2016 für sich selbst entschieden hat, sind sie alle die Antwort schuldig geblieben.“
Dabei hatte der Brexit ursprünglich Versprechen mit sich gebracht: Weder die „Remain“-Fraktion, die für das Verbleiben in der EU warb und andernfalls den sofortigen Untergang des Landes prophezeite, noch die „Brexiteers“, die Befürworter des Austritts, die ein „globales Britannien“ versprachen, das seine eigenen Deals macht, und sinkende Migrantenzahlen und einen Geldregen für den National Health Service in Aussicht stellten, haben sich bestätigt gesehen. Im Mai 2025 fand der erste offizielle EU-UK-Gipfel nach dem Brexit statt, ab 2027 nimmt Großbritannien wieder am europäischen Austausch-Programm „Erasmus“ teil. „Starmers Verdienst ist, dass er Großbritannien bereits auf den Weg eines ‚Reset‘, einer erneuten Annäherung mit Europa gebracht hat“, so Prössl. Lediglich 18 Prozent der befragten Briten sehen die USA als verlässlichen Verbündeten.
„Denn Nigel Farage, der Architekt des Brexit und Vorsitzende der rechtspopulistischen ‚Reform UK‘, ist durch die Folgen des Brexit keineswegs geschwächt“, betonte der Korrespondent. Burnham steht nun vor der Aufgabe, die Labour-Partei auf einen möglichen Wahlkampf gegen Farages Bewegung einzustimmen.
Ausblick auf den Wahlkampf
Der weitere Fahrplan steht bereits: Jeder Kandidat für die Nachfolge Starmers muss die Unterstützung von 20 Prozent der Labour-Abgeordneten im Parlament gewinnen. Eine mögliche Kampfabstimmung soll bis zur Rückkehr der Abgeordneten am 1. Juli enden, vor der Sommerpause des Parlaments, die für den 16. Juli vorgesehen ist. Burnhams Kandidatur in Makerfield werten manche als gutes Omen, dass die vordrängenden Rechtspopulisten doch noch zu schlagen seien.
Sollte Burnham das Rennen machen, wäre es ein politisches Signal über Großbritannien hinaus: der Aufstieg eines Mannes, der vor allem in seiner Region verwurzelt ist, an die Spitze einer G-7-Nation – in einer Zeit, in der das Land nach Orientierung sucht. „Mit Andy können wir das immer noch“, hatte Streeting ihm zugerufen. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die Labour-Partei diese Zuversicht teilt.
Fragen & Antworten
Wer ist Andy Burnham?
Andy Burnham ist der 56-jährige Bürgermeister des Großraums Manchester und Bewerber um den Vorsitz der Labour-Partei. Er war zuvor unter Tony Blair und Gordon Brown Staatssekretär sowie Kultur- und Gesundheitsminister und gilt als derzeit beliebtester Labour-Politiker im Land.
Warum trat Keir Starmer zurück?
Keir Starmer trat nach dem Druck von rund 100 Labour-Abgeordneten und dem Erstarken der rechtspopulistischen Reform UK zurück. Auch die Ernennung des Epstein-Vertrauten Peter Mandelson zum Botschafter in Washington belastete seine Amtsführung.
Wie läuft die Nachfolge ab?
Kandidaten für den Labour-Vorsitz benötigen die Unterstützung von mindestens 20 Prozent der Labour-Abgeordneten. Eine Kampfabstimmung soll bis zum 1. Juli abgeschlossen sein, vor der Parlamentssommerpause am 16. Juli.