Zehn Jahre nach dem Putschversuch in der Türkei: Stimmen aus Nordrhein-Westfalen blicken zurück
Köln, 15. Juli 2026
AI-generated image (z-image via Kie.ai)
Kurzfassung
Zum zehnten Jahrestag des gescheiterten Putschversuchs in der Türkei blicken drei Menschen mit türkischen Wurzeln aus Nordrhein-Westfalen auf die Nacht vom 15. auf den 16. Juli 2016 zurück. Der Putsch scheiterte, doch die Folgen veränderten das Land nachhaltig und spalten türkischstämmige Communities bis heute.
Zum zehnten Jahrestag des gescheiterten türkischen Putschversuchs erinnern sich drei in Nordrhein-Westfalen lebende Menschen mit türkischen Wurzeln an die Nacht vom 15. auf den 16. Juli 2016 und schildern, wie das Ereignis ihr Leben und die Community bis heute prägt.
Hintergrund der Putschnacht
In der Nacht vom 15. auf den 16. Juli 2016 positionierten sich Teile des Militärs in Ankara und Istanbul gegen die Regierung und riefen zum Aufstand auf. „Zivilisten“ und regierungsnahe Sicherheitskräfte stellten sich den Putschisten entgegen. Am Ende wurden mehr als 250 Menschen getötet, bevor der Aufstand niedergeschlagen wurde. Erstmals in der Geschichte der türkischen Republik führte ein Putschversuch nicht zu einem Machtwechsel.
Präsident Recep Tayyip Erdoğan wandte sich in der Nacht über eine Smartphone-Schalte an seine Anhänger und rief sie auf, auf die Straße zu gehen. Die Moderatorin des staatlichen Senders TRT war damals von den Putschisten gezwungen worden, ihre Erklärung zu verlesen. Am Morgen hatte Erdoğan die Lage wieder unter Kontrolle – und bezeichnete den gescheiterten Putsch später als „Geschenk Gottes“.
Für Burak Can Kaba war die Putschnacht prägend, obwohl er weit weg in Deutschland aufwuchs. „Während der Putschnacht ist Burak gerade mal 14 Jahre alt“, heißt es in den WDR-Interviews. Der heute 24-Jährige aus Bielefeld schreibt seine Bachelorarbeit über die politische Entwicklung der Türkei. Das Thema, das Türkinnen und Türken auf der ganzen Welt am meisten trenne, da ist sich der 24-Jährige sicher, sei Erdoğan. „Vor allem seit dem Putschversuch.“
Erinnerungen aus NRW
Auch Selin Günaydin erinnert sich gut an die Nacht. Die CDU-Politikerin aus Werl und Präsidentin der Türkisch-Deutschen Studierenden und Akademiker Plattform beobachtet die politischen Entwicklungen in der Türkei seit Jahren aufmerksam. „Da war ein Unbehagen: In welche Richtung geht es jetzt eigentlich?“, beschreibt sie die Stimmung. Besonders auf türkischen Social-Media-Seiten seien schnell zwei Lager klar gewesen: einmal die Oppositionellen, die sich sicher waren, dass es sich um einen inszenierten Putschversuch handle, und die Anhänger von Erdoğan.
Der Putsch scheiterte, hatte aber weitreichende Folgen. Kurz nach dem Putschversuch verhängte die Regierung den Ausnahmezustand, der fast zwei Jahre galt. In dieser Zeit regierte Erdoğan weitgehend per Dekret. Zehntausende Menschen wurden aus dem Staatsdienst entlassen oder festgenommen, Hunderttausende wurden laut Statistiken in Gewahrsam genommen. Mehr als 100.000 Zivilisten, darunter Lehrkräfte, Juristen, Ärzte, Forscher und Polizisten, wurden per Dekret entlassen.
Folgen des gescheiterten Putsches
Erdoğan und seine AKP-Regierung machten den Prediger Fethullah Gülen, der bis 2013 mit Erdoğan verbündet war, für den Putschversuch verantwortlich. Gülen lebte im US-Bundesstaat Pennsylvania und wies jede Verwicklung in den Putschversuch zurück. Die Gülen-Bewegung wurde in der Türkei als Terrororganisation eingestuft, zahlreiche Medien und Verlage wurden geschlossen. Ahmet Sik verbüßte zwölf Monate Haft wegen des Manuskripts seines in der Türkei verbotenen Buches „The Imam's Army“.
Auch Emre erinnert sich an den Anruf seines Vaters in der Putschnacht. „In der Putschnacht, erinnert sich der 30-Jährige, hat sein Vater angerufen. Der hat schließlich schon mal 1980 einen Putschversuch miterlebt. ‚Er meinte, ich soll zuhause bleiben und die Nachrichten verfolgen‘.“ Emre und seine Frau sind vor einem halben Jahr aus der Türkei nach Dortmund gezogen. Ein Grund dafür sei die wirtschaftliche Lage im Land gewesen, die sich in den vergangenen Jahren deutlich verschlechtert habe.
2018 trat schließlich das neue Präsidialsystem in Kraft und stärkte die Befugnisse des Präsidenten deutlich. Die italienische Menschenrechtsorganisation Italian Federation for Human Rights – Italian Helsinki Committee kam zum Schluss, dass Massenentlassungen und Stigmatisierungen ohne abgeschlossene Gerichtsverfahren für viele Betroffene einen „sozialen Tod“ bedeuteten. Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu wurden insgesamt 4.891 Menschen im Zusammenhang mit dem Putschversuch verurteilt.
Offene Fragen und aktuelle Entwicklungen
Der Wiener Politikwissenschaftler Cengiz Günay sagte gegenüber APA, es gebe viele offene Fragezeichen. Er wies auf Berichte hin, wonach Geheimdienste schon vorab von den Putschplänen wussten. Zudem habe Erdogan und seine Regierung den Vorfall genutzt, um durchzusetzen, was sie lange geplant hätten. Günay führte die Einführung des Präsidialsystems auf eine „180-Grad-Wende“ der nationalistischen Opposition nach dem Putschversuch zurück.
Der 15. Juli ist in der Türkei seither ein nationaler Feiertag, der „Demokratie- und Nationaler-Einheit-Tag“. Präsident Erdoğan lädt zu Feiern in den großen Baskent-Millet-Park in Ankara unter dem Motto „Unser Wille – Unser Sieg“ ein. Kurz vor dem Jahrestag ordneten die Behörden laut Statistiken die Festnahme von nahezu 1.000 Menschen mit angeblichen Verbindungen zur Gülen-Bewegung an; Regierungsmitglieder sprachen von einer „großangelegten Säuberung“.
Dokumentation zum Jahrestag
Auch die Justiz beschäftigt sich weiter mit den Folgen. Gegen den abgesetzten Istanbuler Bürgermeister und CHP-Präsidentschaftskandidaten Ekrem Imamoglu sowie 413 weitere Angeklagte läuft laut Faktenlage ein Strafprozess. Im Mai wurde Özgür Özel laut den vorliegenden Informationen durch eine gerichtliche Entscheidung aus dem Amt entfernt. Die Folgen des Putsches wirken damit bis in die Gegenwart nach.
Begleitend zum Jahrestag hat der WDR eine vierteilige Dokumentation mit dem Titel „Erdoğan“ produziert, die seinen politischen Aufstieg und den Umbau des türkischen Staates nach 2016 nachzeichnet. Die vier Folgen der deutschen Version werden am 15. Juli ab 22:15 Uhr im WDR Fernsehen gezeigt. Die Serie ist in deutscher und türkischer Sprache in der ARD-Mediathek verfügbar. Wer Binge-Watchen möchte, kann die vier Folgen (deutsche Version) am 15. Juli ab 22:15 Uhr im WDR Fernsehen schauen.
Die Veröffentlichung des Originalartikels „Zehn Jahre Putschversuch Türkei: Stimmen aus NRW“ erfolgte am 14.07.2025 um 14:45 Uhr auf WDR.de. Als Quellen dienten WDR-Interviews mit Emre, Selin Günaydin und Burak Can Kaba sowie die ARD-Doku „Erdoğan“.
Fragen & Antworten
Wer sind die Protagonistinnen und Protagonisten des WDR-Berichts?
Der WDR-Bericht stützt sich auf Interviews mit Emre (30), der CDU-Politikerin Selin Günaydin aus Werl und dem 24-jährigen Studenten Burak Can Kaba aus Bielefeld, ergänzt durch die ARD-Dokumentation „Erdoğan“.
Was geschah in der Nacht vom 15. auf den 16. Juli 2016 in der Türkei?
Teile des türkischen Militärs versuchten in Ankara und Istanbul die Regierung von Präsident Erdoğan zu stürzen; mehr als 250 Menschen starben, bevor der Aufstand niedergeschlagen wurde und Erdoğan seine Anhänger über eine Smartphone-Schalte auf die Straße rief.
Welche langfristigen Folgen hatte der Putschversuch?
Die Regierung verhängte einen fast zweijährigen Ausnahmezustand, Zehntausende Menschen wurden entlassen oder festgenommen, 2018 trat das neue Präsidialsystem mit deutlich gestärkten Präsidentenbefugnissen in Kraft, und die Spaltung innerhalb der türkischstämmigen Community in NRW hält bis heute an.
Putschversuch Türkei 2016: Zehn Jahre später – Stimmen aus | nachrichten360