Regisseur Wim Wenders hat seinen Film 'Falsche Bewegung' von 1975 aus dem Verkehr gezogen, weil darin die damals 13-jährige Nastassja Kinski mit entblößtem Oberkörper zu sehen ist. Die Wim Wenders Stiftung kündigte an, Streaming-, TV- und Verleihpartner sollten den Film vorerst nicht mehr öffentlich zugänglich machen.
Berlin, 04 Juni 2026
Regisseur Wim Wenders hat seinen Film 'Falsche Bewegung' aus dem Jahr 1975 vorübergehend aus dem Verkehr gezogen, weil darin die damals 13-jährige Nastassja Kinski mit entblößtem Oberkörper zu sehen ist.
Die in Düsseldorf ansässige Wim Wenders Stiftung, die die Rechte an dem Film hält, teilte am Mittwoch mit, dass 'Falsche Bewegung' "aus allen aktuellen Verwertungsformen" zurückgezogen werde. Streamingdienste, Fernsehsender und Verleihpartner seien angewiesen worden, den Film vorerst nicht mehr öffentlich zugänglich zu machen. Hintergrund ist eine rund zweiminütige Szene, in der die damals 13-jährige Nastassja Kinski mit bloßem Oberkörper zu sehen ist.
In der betreffenden Szene wird Kinskis Figur in ihrem Schlafzimmer von der Figur des mittlerweile über 30-jährigen Rüdiger Vogler besucht. Sie liegt nur mit Unterhose bekleidet auf dem Bett, der Mann entkleidet sich bis zur Unterwäsche und legt sich zu ihr. Wenders sagte Ende Mai bei der Verleihung des Ehrenpreises beim Deutschen Filmpreis in Berlin, er würde eine solche Szene "heute nie mehr so machen".
Der Fall war zuvor über Jahre zwischen Wenders und Kinski umstritten. Kinskis Anwalt Christian Schertz erklärte, Wenders habe sich "bereits seit Jahren" geweigert, ein persönliches Gespräch mit Kinski über die Szene zu führen. Kinski selbst hatte die Streichung der Sequenz jahrelang gefordert. Schertz kündigte zuletzt formelle rechtliche Schritte gegen Wenders an.
Rückzug und Entschuldigung
In einer Erklärung der Stiftung entschuldigte sich Wenders öffentlich bei Kinski. Er sei "als einziger der damals für 'Falsche Bewegung' handelnden Verantwortlichen, der noch da ist" noch in der Verantwortung. Wörtlich sagte er: "Als einziger der damals für 'Falsche Bewegung' handelnden Verantwortlichen, der noch da ist, sehe ich, dass Nastassja Kinski damals hätte besser beschützt werden müssen. Dafür bitte ich Dich um Entschuldigung, Nastassja, ohne Wenn und Aber."
Zugleich warb Wenders um Verständnis für seine damalige Perspektive. Er habe einen Film "in seiner Zeit" gemacht, sagte er bei der Gala in Berlin. Er fügte hinzu: "Die vielen Reaktionen, Hinweise und Gespräche der vergangenen Tage haben wesentlich dazu beigetragen, meinen Blick auf die damaligen Ereignisse weiter zu schärfen. Dafür bin ich dankbar." Diese Reaktionen hätten ihn dazu bewogen, den Film zurückzuziehen und eine einvernehmliche Lösung mit Kinski zu suchen, bevor er wieder veröffentlicht werde.
Anwalt Schertz begrüßte Wenders' Stellungnahme, bezeichnete sie aber als "längst überfällig". Er bedaure, "dass das erst in Folge des öffentlichen Drucks erfolgte". Zudem müsse man abwarten, was das Gesprächsangebot "jetzt konkret" beinhalte. Schertz kritisierte zudem Wenders' Auftritt bei der Preisverleihung als Versuch, persönliche Verantwortung von sich zu weisen.
Kritik aus der Filmszene und der Öffentlichkeit
Auch in der deutschen Medien- und Kulturszene sorgte der Fall für eine breite Debatte. Die Feministin Alice Schwarzer, 83 Jahre alt und Gründerin des Magazins Emma, forderte Wenders in scharfem Ton zum Handeln auf. Sie schrieb in Emma: "Wim: Höre auf zu reden – und handle! Schneide endlich diese verdammten zwei Minuten raus aus deinem Film!"
Die Filmwissenschaftlerin Annette Brauerhoch sagte im Deutschlandfunk Kultur, Wenders' Vorgehen sei "richtig raffiniert eingefädelt". Er habe die Verantwortung, "die eigentlich bei ihm liegt", mit dem Appell an Publikum und Akademie "auf Tausende verteilt". Brauerhoch begrüßte den Rückzug des Films, sprach sich aber zugleich dagegen aus, die Szene nachträglich herauszuschneiden, weil dies ein historisches Dokument verändern würde. Der Film sei Beleg dafür, "wie stark die Filmgeschichte von sexistischen Strukturen geprägt war".
Auch in der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wurde der Fall kommentiert. Michael Hanfeld schrieb in der FAZ, es gehe nicht um Kunst- oder Meinungsfreiheit, sondern darum, "dass ein dreizehn Jahre altes Kind sexualisiert und nackt vor die Kamera gezogen wird. Das war 1974 falsch, und das wäre heute falsch." Claudia Tieschky schrieb in der SZ, Wenders habe sich "nachdenklich gebend" der "realen Verantwortung" entzogen. Die Schauspielerinnen Lavinia Wilson, Rosalie Thomass und Karoline Herfurth äußerten sich ebenfalls kritisch; Thomass nannte Wenders' Auftritt "zum Schämen", Herfurth wünschte sich, er hätte eingeräumt, ein 13-jähriges Kind nicht ausreichend geschützt zu haben.
Kinski selbst hatte sich zuvor in einem Interview mit der Süddeutsche Zeitung geäußert. Sie sagte: "Obwohl ich mit 13 noch nicht so viel wusste, habe ich schon gemerkt, dass das nicht in Ordnung war." In dem Gespräch bezeichnete sie 'Falsche Bewegung' als ihren ersten Film und Wenders als ihren ersten Regisseur. Wörtlich sagte sie auf Englisch: "That was my first film, he was my first director and he didn't protect me."
Kinskis Sicht der Dinge
Wenders hatte Kinski später noch in zwei weiteren Filmen besetzt: 'Paris, Texas' (1984) und 'In weiter Ferne, so nah!' (1993). Auch abseits des aktuellen Falls hatte Kinski bereits juristisch gegen eine Nacktszene in dem 1977er 'Tatort'-Film 'Reifezeugnis' vorgegangen; ihr Anwalt Schertz bestätigte eine außergerichtliche Einigung mit dem NDR, ohne Details zu nennen.
Vergleichbare Fälle und heutige Schutzregeln
Der Streit um 'Falsche Bewegung' fügt sich in eine Reihe ähnlicher Debatten um Minderjährige in Filmproduktionen ein. Olivia Hussey und Leonard Whiting, 1968 in Franco Zeffirellis 'Romeo und Julia' als 15- und 16-Jährige vor der Kamera, hatten in den USA eine 500-Millionen-Dollar-Klage gegen Paramount eingereicht, die im Oktober 2024 endgültig abgewiesen wurde. Brooke Shields stand im Alter von 12 Jahren für Louis Malles 'Pretty Baby' (1978) und mit 14 für 'The Blue Lagoon' (1980) vor der Kamera; sie kritisierte später die Ausbeutung ihrer sexuellen Erfahrungen. Auch Maria Schneider äußerte sich nach den Dreharbeiten zu Bernardo Bertoluccis 'Last Tango in Paris' (1972), sie habe sich "ein wenig vergewaltigt" gefühlt.
Wenders rief die Deutsche Filmakademie dazu auf, eine grundlegende Debatte über den Umgang mit Filmerbe zu führen. Bei der Preisverleihung fragte er: "Darf man, kann man, soll man vielleicht eine Szene schneiden, wenn es in diesem Fall einer meiner Schauspielerinnen, die ich sehr verehrt habe und verehre, wehtut? Kann man einen Film im Nachhinein kürzen?"
Die Deutsche Filmakademie, deren Co-Präsidenten Vicky Krieps und Florian Gallenberger sind, kündigte an, im September eine eigene Veranstaltung zu dem Thema auszurichten. Die Fragestellung berühre "juristische, ethische, künstlerische und kulturwissenschaftliche Dimensionen gleichermaßen", hieß es. Man wolle sich diesen Fragen "gemeinsam, offen und differenziert widmen".
Debatte über das Filmerbe
Heute gelten für Filmproduktionen mit minderjährigen Darstellern strenge Schutzregeln: die Anwesenheit von Erziehungsberechtigten am Set, ausdrückliche elterliche Zustimmung und der Einsatz speziell geschulter Intimitätskoordinatoren für sensible Szenen.
Die Geschichte löste auch eine breitere Diskussion über nachträgliche Eingriffe in Filmklassiker aus. Steven Spielberg hatte 1982 'E.T.' für die 20-Jahre-Jubiläumsausgabe verändert, in dem er die Waffen der Polizeibeamten durch Walkie-Talkies ersetzte – ein Schritt, den er 2023 selbst als Fehler bezeichnete: "Das war ein Fehler. Ich hätte das nie tun sollen. 'E.T.' ist ein Produkt seiner Zeit." George Lucas überarbeitete die ursprüngliche Star-Wars-Trilogie zum 20-jährigen Jubiläum, Ridley Scott veröffentlichte 2007 einen neuen Schnitt von 'Blade Runner' (1982), Stanley Kubrick entfernte eine Woche nach dem Kinostart eine Szene aus 'The Shining' (1980).
Wenders, einer der renommiertesten deutschen Filmemacher, ist unter anderem bekannt für 'Der Himmel über Berlin', 'Buena Vista Social Club' und 'Perfect Days'. Er erhielt den Ehrenpreis für sein Lebenswerk am 29. Mai 2026 in Berlin. Nach Angaben der Wim Wenders Stiftung soll 'Falsche Bewegung' erst dann wieder zugänglich gemacht werden, "nachdem wir eine einvernehmliche Lösung haben vorlegen können".
Ausblick
Die Berichterstattung stützt sich unter anderem auf eine Erklärung der Wim Wenders Stiftung, Meldungen der Deutschen Presse-Agentur (dpa) und der Nachrichtenagentur AFP. Veröffentlicht wurde der dpa-Bericht am 3. Juni 2026, gesendet wurde er unter anderem im Deutschlandfunk.
Kinski ist die Tochter des Schauspielers Klaus Kinski. Wenders und Kinski arbeiteten nach 'Falsche Bewegung' noch in 'Paris, Texas' (1984) und 'In weiter Ferne, so nah!' (1993) zusammen. Wie es mit dem Film weitergeht, hängt nun vom Ausgang der angekündigten Gespräche zwischen Wenders und Kinski ab.
Fragen & Antworten
Worum geht es im Streit zwischen Wim Wenders und Nastassja Kinski?
Es geht um eine rund zweiminütige Szene in Wenders' Film 'Falsche Bewegung' (1975), in der die damals 13-jährige Kinski mit entblößtem Oberkörper zu sehen ist. Kinski fordert seit Jahren, die Szene zu entfernen.
Was hat die Wim Wenders Stiftung angekündigt?
Die in Düsseldorf ansässige Stiftung hat am 3. Juni 2026 mitgeteilt, dass 'Falsche Bewegung' aus allen aktuellen Verwertungsformen zurückgezogen wird. Streaming-, TV- und Verleihpartner wurden angewiesen, den Film vorerst nicht mehr öffentlich zugänglich zu machen.
Wie reagierten Kritikerinnen und Kritiker auf Wenders' Auftritt beim Deutschen Filmpreis?
Die Auftritt wurde von Anwalt Christian Schertz, der Filmwissenschaftlerin Annette Brauerhoch, Feministin Alice Schwarzer sowie mehreren Schauspielerinnen als Versuch kritisiert, persönliche Verantwortung von sich zu weisen. Die Deutsche Filmakademie kündigte für September eine eigene Debatte zum Umgang mit Filmerbe an.
Wenders zieht 'Falsche Bewegung' zurück: Streit um | nachrichten360