Die Schauspielerin Nastassja Kinski hat in der «Süddeutschen Zeitung» erstmals sehr ausführlich über ihre belastenden Erfahrungen als 13-Jährige bei den Dreharbeiten zu Wim Wenders' Film «Falsche Bewegungen» aus dem Jahr 1975 gesprochen.

In dem preisgekrönten Werk des Neuen Deutschen Films ist die heute 65-Jährige mit nacktem Oberkörper zu sehen. «Obwohl ich mit 13 noch nicht so viel wusste, habe ich schon gemerkt, dass das nicht in Ordnung war», wird Kinski von der Zeitung zitiert. Dem Bericht zufolge versucht sie seit mehr als 15 Jahren erfolglos, ein Gespräch mit Wenders über eine Änderung des Films zu arrangieren.

Die Vorgeschichte

Bereits 2024 hatte die «Süddeutsche Zeitung» über den Fall berichtet. Damals erklärte Wenders, ihm sei die fragliche Szene «damals künstlerisch durchaus zwingend» erschienen – «in der Landschaft des Neuen Deutschen Films und in den Siebzigerjahren, als so viel so komplett anders gesehen wurde als heute». Ein Anwalt des Regisseurs schrieb der Zeitung von Angeboten, «Frau Kinski einzuladen und Zugang zu Film-Events und -Festivals mit persönlicher Begegnung zwischen den beiden zu verschaffen».

Nun hat sich der 80-jährige Wenders bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises in Berlin erneut zu dem Fall geäußert. Er wurde dort unter Standing Ovations mit dem Ehrenpreis der Deutschen Filmakademie ausgezeichnet. Stars wie Campino, Patti Smith, Cate Blanchett und Nick Cave würdigten ihn in einem Video. Akademiechef Florian Gallenberger beschrieb Wenders' Werk als «grenzenlos und gleichzeitig so unverwechselbar».

Wenders' Appell bei der Preisverleihung

In seiner Dankesrede kam Wenders auf die Kontroverse zu sprechen. «Das würde ich heute nie mehr so machen», sagte er mit Blick auf die Nacktszene. Er wisse heute mehr, viel mehr. «Es gibt andere Sensibilitäten, wir leben in einer völlig anderen Welt als vor 50 Jahren.» Zugleich betonte er, seinem jüngeren Selbst keinen Vorwurf machen zu können, da er einen Film in seiner Zeit gedreht habe.

Wenders richtete sich mit einer moralischen Frage direkt an die anwesenden Filmschaffenden. «Wie geht man mit Filmerbe um?», fragte er. Dürfe und solle man eine Szene schneiden, wenn sie einer Schauspielerin – «die ich sehr verehrt habe und verehre» – weh tue? «Kann man einen Film im Nachhinein kürzen?»

Der Regisseur machte deutlich, dass er sich mit dieser Frage allein gelassen fühlt. «Und ich bin auch ratlos», fügte er hinzu. «Ich möchte es nicht alleine tragen.» Angenommen, er kürze den Film, dann sei das ein Präzedenzfall, der alle betreffe. «Dann ist es bei allen anderen Filmen später möglich. Ich möchte es diskutieren und ich möchte da nicht alleine bleiben», betonte Wenders.

Ein Präzedenzfall für die Filmbranche

Er forderte die Deutsche Filmakademie zu einer Diskussion über dieses Thema auf, insbesondere mit jüngeren Menschen. Auf eine direkte Anfrage zu den aktuellen Schilderungen Nastassja Kinskis schweigt der Regisseur bislang.

Kinskis Fall reiht sich in eine Reihe von Vorfällen ein, bei denen junge Schauspielerinnen in den 1970er Jahren unbekleidet vor der Kamera standen. So wurde die damals 15-jährige Darstellerin auch im Tatort «Reifezeugnis» von Regisseur Wolfgang Petersen aus dem Jahr 1977 unbekleidet inszeniert.