Vorgezogene Parlamentswahl im Kosovo: Kurtis Partei laut Umfragen deutlich vorne
Pristina, 07. Juni 2026
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Kurzfassung
Bei der vorgezogenen Parlamentswahl im Kosovo liegt die Partei von Ministerpräsident Albin Kurti Umfragen zufolge mit etwa 40 Prozent klar vorne. Da dies nicht für eine eigene Mehrheit reicht, wird die Regierungsbildung von Koalitionsverhandlungen und der schwierigen Suche nach einem neuen Staatspräsidenten abhängen.
Bei der vorgezogenen Parlamentswahl im Kosovo ist die Regierungspartei Vetevendosje (Selbstbestimmung) von Ministerpräsident Albin Kurti Umfragen zufolge mit rund 40 Prozent der Stimmen deutlich als stärkste Kraft hervorgegangen, wie am Wahltag aus Pristina berichtet wurde.
Wahltag in Pristina: Stärkste Kraft deutlich vorne
Die heutige Wahl war bereits die dritte Parlamentswahl in nur 16 Monaten in dem Balkanstaat. Nach Wahltagsumfragen der drei wichtigsten Medienhäuser des Landes kommt Vetevendosje auf etwas mehr als 40 Prozent der Stimmen, womit die Partei die mit Abstand stärkste politische Kraft bleibt. Eine Umfrage des Senders TV7 und der "Albanian Post" sieht die Linke sogar bei 43 Prozent der Stimmen.
Bei der vorherigen Wahl im Dezember hatte Kurtis Partei noch mehr als 51 Prozent der Stimmen erhalten. Die sogenannte Selbstbestimmungs-Partei liegt derzeit bei etwa 40 Prozent der Stimmen. Das bedeutet allerdings, dass wahrscheinlich eine Koalition gebildet werden muss. Auf Platz zwei folgt demnach die liberale Demokratische Partei (PDK) mit 22 Prozent, die bürgerliche Demokratische Liga des Kosovos (LDK) mit 18 Prozent sowie die konservative Allianz für die Zukunft (AAK) mit 7 Prozent. Die Anzahl der Befragten wurde zunächst nicht angegeben.
Die Regierungspartei Vetevendosje (Selbstbestimmung) von Ministerpräsident Albin Kurti liegt Umfragen zufolge bei der vorgezogenen Parlamentswahl im Kosovo klar vorne. Aussagekräftige Teilergebnisse der Wahlkommission werden im Laufe des Abends erwartet. Damals hatte Kurtis Partei am Ende deutlich mehr Stimmen und Mandate, als die Wahltagsumfragen nahlegten, weshalb ein ähnlicher Effekt auch diesmal nicht ausgeschlossen wird.
Hintergrund: Gescheiterte Präsidentenwahl als Auslöser
Hintergrund der Neuwahl ist die gescheiterte Präsidentenwahl: Das Parlament hatte es versäumt, innerhalb der verfassungsrechtlichen Frist einen Nachfolger für die vormalige Staatspräsidentin Vjosa Osmani zu wählen. Ihr Mandat war am 4. April abgelaufen. Für die Wahl eines Staatsoberhaupts ist eine Super-Mehrheit von 80 von 120 Abgeordneten erforderlich, damit das Parlament einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin für die vormalige Staatspräsidentin Vjosa Osmani wählen kann. Das von der Verfassung vorgeschriebene Quorum zwingt das Regierungslager zu einem gewissen Konsens mit der Opposition. Nach Osmanis Ausscheiden aus dem Amt war ein solcher nicht erreicht worden, weshalb das Parlament aufgelöst und Neuwahlen ausgeschrieben werden mussten. Die Präsidentenwahl bleibt auch Aufgabe des neuen Parlaments.
Noch ist nicht klar, ob Vetevendosje wie schon bei der vergangenen Wahl im Dezember 2025 zusammen mit Abgeordneten von ethnischen Parteien eine Regierungsmehrheit erringen wird. In den beiden vorangegangenen Wahlen war Kurtis links-nationalistische Selbstbestimmungs-Partei (VV) jeweils stärkste Kraft geworden. Nach seiner ersten Wiederwahl im Februar des Vorjahres war Kurti zunächst nicht in der Lage, eine funktionsfähige Regierung zu bilden, was das Land in eine monatelange politische Blockade stürzte.
Politische Landschaft: Parteien und Stimmungen
Diese Nachricht wurde am 07.06.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet. Wird weiterhin keine Einigung über die Person des höchsten Amtsträgers des Landes erreicht, könnte das Kosovo in einen Kreislauf immer neuer Parlamentswahlen geraten. Die Berichterstatterin der Nachrichtenagentur AFP schilderte die Stimmung an den Wahllokalen in Pristina als von Frustration geprägt.
Der pensionierte Lehrer Gezim Selimi sagte der AFP nach der Stimmabgabe in Pristina wörtlich: "Genug ist genug... Ich erwarte von den Parteien, dass sie sich endlich besinnen und für das Kosovo arbeiten, anstelle Zeit für Machtkämpfe zu verschwenden, indem sie eine Neuwahl nach der anderen ansetzen." Die IT-Spezialistin Miranda Fazliu bezeichnete es als frustrierend, zu sehen, dass die Wahl das gleiche Ergebnis wie zuvor hervorbringen wird.
Internationaler Rahmen: EU und ungelöster Konflikt mit Serbien
Der Analyst Ardi Uka prognostizierte im Gespräch mit AFP, "Die Krise wird anhalten" und verwies auf eine Parallele zu Belgien oder Bulgarien, wo über lange Phasen hinweg Wahlen allein keine stabile Regierung hervorbrachten. Die sachliche Einschätzung der Fachleute deckt sich mit der Wahrnehmung vieler Wählerinnen und Wähler, die der zyklischen Wiederholung von Urnengängen müde sind.
Der jüngste Staat Europas hatte 2008 seine Unabhängigkeit erklärt, rund ein Jahrzehnt nach dem Kosovo-Krieg. Serbien, zu dem das Kosovo einst gehörte, erkennt dies nicht an und beansprucht das Gebiet weiterhin. Neben Serbien erkennen auch weitere EU-Mitgliedstaaten die Unabhängigkeit Kosovos aus Furcht vor separatistischen Bestrebungen nicht an. Ein EU-Beitritt erfordert die Zustimmung aller 27 Mitgliedstaaten. Das Kosovo bemüht sich um einen EU-Beitritt, gilt aber wegen des ungelösten Konflikts mit Serbien lediglich als "potenzieller" Kandidat.
Die Europäische Kommission führt politische Instabilität, Korruption und organisierte Kriminalität als wesentliche Bedenken gegenüber dem Kosovo an. Die Inflation im Land lag zu Jahresbeginn bei mehr als fünf Prozent. Die Kosten der neuerlichen Urnengänge werden auf rund zehn Millionen Euro geschätzt. Im Mai hatte die EU dem Kosovo mit dem Verlust von Fördermitteln in Millionenhöhe gedroht, sollte die politische Instabilität anhalten.
Finanzielle Belastung und Erwartungen an die neue Regierung
EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos hatte bei einem Besuch in Pristina deutlich gemacht, dass das Land Stabilität benötige, um in den Genuss von EU-Hilfen in Höhe von 880 Millionen Euro zu gelangen. Diese Verknüpfung von politischer Handlungsfähigkeit und finanzieller Unterstützung erhöht den Druck auf die künftige Regierung, möglichst rasch arbeitsfähige Strukturen zu schaffen.
Die Präsidentin Vjosa Osmani hatte das Parlament im März aufgelöst, nachdem die Abgeordneten nach dem Ende ihrer Amtszeit keinen Nachfolger gefunden hatten. Das Verfassungsgericht hob allerdings ihre Entscheidung auf und setzte eine Frist zur Wahl eines neuen Staatsoberhaupts bis zum 28. April. Die Frist verstrich jedoch ohne Ergebnis. Die amtierende Übergangspräsidentin Albulena Haxhiu setzte daraufhin Neuwahlen für den 7. Juni an.
Mit dem nun absehbaren Wahlsieg der Vetevendosje bei gleichzeitig fehlender eigener Mehrheit rückt die Frage der künftigen Regierungsbildung in den Mittelpunkt. Denkbar ist eine Zusammenarbeit mit den ethnischen Minderheitenparteien, wie sie bereits nach der Dezemberwahl 2025 praktiziert wurde. Ob diese Konstellation für die nötige Stimmenzahl bei der Präsidentenwahl reicht, ist derzeit offen.
Fest steht, dass das nächste Parlament erneut vor der Aufgabe steht, einen Konsens für die Wahl eines Staatsoberhaupts zu finden. Andernfalls droht dem 1,6 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner zählenden Land ein weiterer Urnengang innerhalb kürzester Zeit. (APA, 7.6.2026)
Fragen & Antworten
Warum wurde im Kosovo nur 16 Monate nach der letzten Wahl schon wieder gewählt?
Die Neuwahl wurde notwendig, weil das Parlament verfassungswidrig keinen Nachfolger für die ausgeschiedene Präsidentin Vjosa Osmani wählen konnte und die dafür gesetzte Frist am 28. April ergebnislos verstrich.
Reicht das wahrscheinliche Wahlergebnis von Vetevendosje für eine eigene Regierung?
Nein, mit etwa 40 Prozent der Stimmen wird die Partei voraussichtlich auf einen Koalitionspartner oder die Stimmen ethnischer Minderheitenparteien angewiesen sein, um eine Regierungsmehrheit zu bilden.
Welche Aufgaben muss das neu gewählte Parlament zuerst angehen?
Das neue Parlament muss vor allem einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin für das Amt des Staatspräsidenten oder der Staatspräsidentin wählen, wofür eine Zweidrittelmehrheit von 80 der 120 Abgeordneten erforderlich ist.
Kosovo Wahl Juni 2026: Vetevendosje vorne, Koalition nötig | nachrichten360