Viele EU-Badegewässer laut Analyse chemisch belastet – Kritiker fordern neue Bewertungskriterien
Brüssel, 03 Juli 2026
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Kurzfassung
Eine Analyse von Correctiv zeigt, dass in der EU mindestens 7.866 als sauber geltende Badestellen an chemisch belasteten Gewässern liegen. Expertinnen und Experten wie der Toxikologe Hans-Jörg Martin und der Chemiker Markus Große Ophoff kritisieren die gängige Bewertung als irreführend und fordern zusätzliche Parameter.
Brüssel, 03 Juli 2026
Eine Analyse von Correctiv auf Basis von Daten der Europäischen Umweltagentur (EEA) zeigt, dass in der EU mindestens 7.866 Badestellen als sauber gelten, obwohl die zugehörigen Gewässer nachweislich mit chemischen Schadstoffen belastet sind.
Grundlage der Bewertung: Zwei Fäkalbakterien
Die Europäische Umweltagentur (EEA) hatte Mitte Juni einen Bericht zur Qualität der europäischen Badegewässer veröffentlicht und dabei festgestellt, dass fast 85 Prozent der mehr als 22.000 untersuchten Badestellen in den 27 EU-Staaten sowie in Albanien und der Schweiz eine ausgezeichnete Wasserqualität aufwiesen. Insgesamt erfüllten 96 Prozent der Badestellen zumindest die EU-Mindeststandards. Die Bewertung stützt sich allerdings ausschließlich auf die Messung von zwei Fäkalbakterien: intestinale Enterokokken und Escherichia coli. Diese Bakterien können Magenverstimmungen, Durchfall und Infektionen verursachen.
Die Recherche von Correctiv zeigt nun, dass die offizielle Badegewässerbewertung wesentliche Belastungen ausblendet. Demnach liegen in der EU mindestens 7.866 Badestellen, die gemäß den Vorgaben der Badegewässerrichtlinie als sauber gelten, an Gewässern, die nachweislich mit chemischen Schadstoffen belastet sind. Besonders viele solcher Badestellen befinden sich demnach in Italien, Deutschland, Dänemark, Ungarn und Frankreich. In Österreich, Belgien, den Niederlanden, Schweden, Luxemburg, Lettland und der Slowakei haben sogar alle in der Analyse erfassten Badestellen keinen guten chemischen Zustand im Sinne der Wasserrahmenrichtlinie erreicht.
In Österreich wurden laut EEA 96,5 Prozent der 260 untersuchten Badegewässer als „exzellent" eingestuft – ein Spitzenwert innerhalb der EU. Die Correctiv-Analyse verweist allerdings darauf, dass eine als exzellent geltende Badestelle dennoch gesundheitliche Risiken bergen kann. Detaillierte Konzentrationsdaten für einzelne Stoffe liegen für Österreich, Belgien, Tschechien, Dänemark, Estland, Malta und Rumänien ab 2023 vor, für Deutschland ab 2021, wobei die Datenabdeckung selbst innerhalb dieser Länder nicht immer vollständig ist.
Correctiv-Analyse: Tausende Badestellen an belasteten Gewässern
Chemische Schadstoffe wie Schwermetalle, Pestizidrückstände und Industriechemikalien wie PFAS werden im Rahmen des EU-weiten Monitorings zwar von lokalen Behörden erfasst, fließen jedoch bislang nicht in die Bewertung der Badegewässer ein. Die Daten dienen ausschließlich der Überwachung der Ökosysteme und dem Schutz von Wasserlebewesen. PFAS sind allgegenwärtig und reichern sich im menschlichen Körper an. Der Chemiker Markus Große Ophoff von der Hochschule Osnabrück, Mitglied einer Expertenkommission des deutschen Umweltbundesamts (UBA), warnt: „Meeresschaum oder auch der Schaum an Seen kann besonders stark mit PFAS belastet sein." Viele PFAS seien oberflächenaktiv, und Schäume böten eine besonders große Oberfläche, an der sich diese Schadstoffe anreicherten.
Der Toxikologe Hans-Jörg Martin vom Universitätsklinikum Kiel hält die derzeitige Bewertung der Badegewässer für unzureichend. „Die gegenwärtige Bewertung reicht nach meiner Meinung nicht aus", sagte er. „Ein Gewässer kann die Grenzwerte von chemischen Stoffen sprengen und dennoch als exzellent eingestuft werden. Das ist irreführend." Er fordert, chemische Parameter stärker zu berücksichtigen, da sich sonst belastete Badegewässer mit potenziellen Folgen für die menschliche Gesundheit dem Bewertungssystem entzögen. „Würden die Behörden bei der Bewertung der Badewasserqualität auch chemische Parameter berücksichtigen, fänden sie belastete Badegewässer – mit potenziellen Folgen für die menschliche Gesundheit", sagte Martin.
Kritik von Expertinnen und Experten
Auch Große Ophoff spricht sich für Warnungen an betroffenen Badestellen aus. „An Badestellen sollte vor dem Baden gewarnt werden, wenn das Wasser nachweislich mit Schadstoffen in stark erhöhten Konzentrationen belastet ist", sagte er. Dabei gelte es vor allem, vulnerable Gruppen wie Schwangere und Kinder zu schützen. Der Correctiv-Bericht schränkt allerdings ein: „Die Dosis macht das Gift" – eine chemische Belastung bedeute nicht zwangsläufig ein Gesundheitsrisiko für Badegäste. Vielmehr spiegele das Ergebnis wider, dass die meisten Oberflächengewässer – im Fall Deutschlands sogar alle – chronisch belastet seien.
Die EEA verwies in einer Stellungnahme darauf, dass Grundlage der Bewertung die EU-Badegewässerrichtlinie sei, die nur die Berücksichtigung dieser zwei Fäkalbakterien vorsehe. Etwaige Änderungen wären Sache der EU-Gesetzgeber. Auch Cyanobakterien (Blaualgen) sowie chemische Schadstoffe wie Pestizide, Mineralöle und PFAS blieben in der Bewertung unberücksichtigt, obwohl die EEA über Daten zu diesen Stoffen verfügt.
Position der EU-Kommission
Die EU-Kommission hat das Problem in einem Bericht aus dem Jahr 2025 selbst anerkannt. Demnach könne eine als exzellent eingestufte Badestelle dennoch mit Gesundheitsgefahren verbunden sein, weshalb zusätzlich zu Fäkalbakterien weitere Stoffe in die Bewertung einfließen sollten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) habe dazu aufgerufen, Cyanobakterien in Badegewässern mehr Aufmerksamkeit zu widmen, heißt es in dem Bericht weiter. Das sei insbesondere angesichts des Klimawandels wichtig, da hohe Nährstoffkonzentrationen und steigende Temperaturen die Vermehrung dieser Erreger begünstigten.
Kritikerinnen und Kritiker sehen durch die Correctiv-Recherche die bestehende EU-Bewertung infrage gestellt. Sie argumentieren, dass die EU-Badegewässer „doch nicht so unbedenklich" seien, wie es die EEA-Zahlen nahelegten. Die Diskrepanz zwischen offizieller Bestnote und nachweisbarer chemischer Belastung wirft Fragen über die Aussagekraft der Badegewässerrichtlinie auf.
Insgesamt verdeutlicht die Analyse eine strukturelle Lücke im EU-Badegewässerschutz: Während die hygienische Belastung durch Fäkalbakterien systematisch erfasst wird, bleiben chronische chemische Verunreinigungen – etwa durch PFAS, Schwermetalle oder Pestizide – in der öffentlichen Bewertung unsichtbar. Daten dazu liegen vor, werden aber bislang nicht für die Badegewässerklassifikation herangezogen. Die Correctiv-Recherche könnte den Druck auf die EU-Gesetzgeber erhöhen, die Badegewässerrichtlinie um zusätzliche Parameter zu erweitern.
Bedeutung für Badegäste und Politik
Für Badegäste in Europa bedeutet dies, dass eine „ausgezeichnete" Bewertung nicht zwangsläufig vor chemischen Risiken schützt. Expertinnen und Experten empfehlen, sich vor dem Besuch eines Gewässers über mögliche Belastungen zu informieren und Warnhinweise vor Ort zu beachten.
Die Diskrepanz zwischen hygienischer und chemischer Bewertung dürfte auch in der kommenden Badesaison eine Rolle spielen. Während die offiziellen EEA-Zahlen für 2026 erneut eine hohe Qualität der europäischen Badegewässer nahelegen, wächst der Druck, die Bewertungsgrundlagen grundlegend zu überarbeiten.
Beobachterinnen und Beobachter erwarten, dass die EU-Kommission die Erkenntnisse der Correctiv-Analyse in ihre laufende Überprüfung der Badegewässerrichtlinie einbezieht. Ob und wann chemische Parameter Eingang in die offizielle Bewertung finden, ist derzeit offen.
Die Recherche unterstreicht zugleich die Bedeutung unabhängiger Medienberichterstattung: Correctiv stützte sich auf öffentlich zugängliche Daten der EEA und der EU-Monitoringprogramme, um bestehende Defizite in der amtlichen Bewertung sichtbar zu machen. Damit liefert die Analyse einen konkreten Ansatzpunkt für die politische Debatte über den Schutz von Badegästen und die Qualität europäischer Gewässer.
Auch über Europa hinaus werfen die Befunde Fragen auf: Wenn schon in der EU mit ihren vergleichsweise strengen Umweltstandards zahlreiche Badestellen an chemisch belasteten Gewässern liegen, dürfte die Situation in anderen Regionen mit weniger umfassendem Monitoring kaum besser ausfallen. Die Diskussion um eine erweiterte Badegewässerrichtlinie könnte damit über den europäischen Kontext hinaus Signalwirkung entfalten.
Fragen & Antworten
Zu welchem Ergebnis kommt die Correctiv-Analyse zu EU-Badegewässern?
Die Analyse zeigt, dass in der EU mindestens 7.866 Badestellen gemäß der Badegewässerrichtlinie als sauber gelten, obwohl die zugehörigen Gewässer nachweislich mit chemischen Schadstoffen belastet sind.
Welche Stoffe werden bei der Badegewässerbewertung bislang nicht berücksichtigt?
Die EEA bewertet ausschließlich die beiden Fäkalbakterien intestinale Enterokokken und Escherichia coli; chemische Schadstoffe wie PFAS, Schwermetalle und Pestizide sowie Cyanobakterien fließen nicht in die Bewertung ein.
Was fordern Expertinnen und Experten angesichts der Befunde?
Der Toxikologe Hans-Jörg Martin und der Chemiker Markus Große Ophoff verlangen, chemische Parameter in die Badegewässerbewertung einzubeziehen und Badegäste – insbesondere Schwangere und Kinder – vor nachweisbar belasteten Gewässern zu warnen.