Ukraine weist russische Behauptung zur Einnahme von Kostjantyniwka zurück
Berlin, 05 Juli 2026
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Kurzfassung
Die ukrainische Armee hat die russische Behauptung zurückgewiesen, die Stadt Kostjantyniwka im Donbass sei eingenommen worden. Nach Angaben Kiews halten ukrainische Verteidigungskräfte weiterhin Stellungen in der umkämpften Festungsstadt.
Berlin, 05 Juli 2026
Die ukrainische Armee hat die russische Darstellung zurückgewiesen, die ostukrainische Festungsstadt Kostjantyniwka sei vollständig unter russische Kontrolle geraten, während die US-Denkfabrik ISW ebenfalls keine Belege für eine Einnahme der Stadt sieht.
Das russische Verteidigungsministerium in Moskau hatte am Freitag erklärt, dass Generalstabschef Waleri Gerassimow Präsident Wladimir Putin über die Einnahme von Kostjantyniwka informiert habe. Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte laut der staatlichen Nachrichtenagentur Tass: „Die Stadt steht nun vollständig unter unserer Kontrolle." Die ukrainische Seite wies diese Darstellung umgehend zurück. Ein Vertreter des ukrainischen Generalstabs erklärte am Samstag: „Wir weisen dies zurück. Das sind weitere Falschmeldungen."
Russische und ukrainische Darstellung klaffen auseinander
Die US-Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) teilte mit, es gebe keine Nachweise für die russischen Vorstöße. Die in der Stadt präsenten russischen Kräfte bestünden demnach vor allem aus kleinen Sturmgruppen, die zwischen ukrainischen Stellungen operierten. In einem Lagebericht hieß es, Putin habe die Bekanntgabe möglicherweise inszeniert, um wieder Erfolge zu vermelden. Beobachter sehen dadurch steigenden Druck auf die Führung des Landes.
Kostjantyniwka ist eine Industriestadt im Donbass, in der mehrere wichtige Fernstraßen zusammenlaufen. Vor dem Krieg lebten rund 70.000 Menschen dort, manche Schätzungen gehen von bis zu 78.000 Einwohnerinnen und Einwohnern aus. Inzwischen ist die Bevölkerung nach ukrainischen Angaben auf etwa 2.000 Personen geschrumpft. Die Stadt gilt als eine von vier „Festungsstädten" im Donbass und bildet einen zentralen Verteidigungsabschnitt der ukrainischen Streitkräfte in der stark industrialisierten Region Donezk.
Strategische Bedeutung der Stadt
Sollte die Stadt fallen, lägen in der Oblast Donezk nur noch die größeren Städte Slowjansk, Kramatorsk und Druschkiwka unter ukrainischer Kontrolle. Analysten sehen in einer Einnahme Kostjantyniwkas zudem einen Brückenkopf für weitere russische Vorstöße in Richtung Norden. Die Kämpfe in der Stadt dauern nach Angaben der ukrainischen Armee an, wie Armeesprecher Andrij Kowaljow betonte: „Die Lage ist schwierig, aber sie ist unter der Kontrolle der ukrainischen Verteidigungstruppen."
Auch der ukrainische Militärblog DeepState, der als zuverlässige Quelle für Frontverläufe gilt, verzeichnet bislang nur Teile der Stadt als russisch besetzt. Russische Militärblogger beanspruchten die gesamte Stadt bislang ebenfalls nicht für die eigene Armee. Ein Sprecher des ukrainischen Generalstabs sagte am Samstag: „Die Stadt befinde sich weiter unter ukrainischer Kontrolle."
Putin in Uniform vor der Militärführung
Putin hatte am Vorabend bei einem Besuch eines Kommandopostens erklärt, die russische Armee habe Kostjantyniwka vollständig unter ihre Kontrolle gebracht. Er sprach von einer Erweiterung sogenannter Sicherheitszonen und davon, dass die Stadt „ein wichtiges Verkehrszentrum und ein großes Industriezentrum des Donbass" sei. Putin trat dabei nach längerer Zeit erneut in Uniform vor der Militärführung auf.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj reagierte auf die russische Eroberungsmeldung mit einer demonstrativen Einladung an Putin: Er schrieb auf Telegram, wenn Kostjantyniwka tatsächlich unter russischer Kontrolle stünde, hätte Putin wohl kein Problem damit, sich dort mit ihm zu treffen und diplomatische Lösungen zu finden, um den Krieg endlich zu beenden. Das wörtliche Zitat lautet: „Wenn Kostjantyniwka derzeit unter russischer Kontrolle stünde, hätte Putin wohl kein Problem damit, sich dort mit mir zu treffen und diplomatische Lösungen zu finden, um den Krieg endlich zu beenden." Selenskyj wörtlich weiter: „Dennoch werde Putin die Front nicht überschreiten."
Diplomatisches Tauziehen um ein Treffen
Der Kreml lehnte das Treffenangebot umgehend ab. Kremlsprecher Peskow erklärte, Moskau sei die Hauptstadt der Russischen Föderation und nicht Kostjantyniwka, und erinnerte daran, dass Putin sich bereit erklärt habe, Selenskyj in Moskau zu empfangen. Selenskyj wies seinerseits einen Besuch in Moskau kategorisch zurück. Faktisch haben beide Seiten – die demokratische Ukraine und das autoritär geführte Russland – in dem von Moskau begonnenen Krieg ein Interesse daran, den US-Präsidenten Donald Trump durch Erfolgsmeldungen zu beeinflussen und auf ihre Seite zu ziehen.
Selenskyj sprach in einem Telefongespräch mit Bundeskanzler Friedrich Merz zudem von der „x-ten russischen Lüge". Er warf Putin eine zeitlich bewusst platzierte Falschmeldung vor, die auch an Trump gerichtet sei. So solle Trump durch die vermeintliche Eroberung von der Unausweichlichkeit eines russischen Sieges überzeugt werden. Selenskyj sagte weiter: „Die Wahrheit unterscheidet sich sehr von Putins Worten."
Innerrussischer Druck und ukrainische Drohnenangriffe
Die Bekanntgabe erfolgte zudem kurz vor den Feierlichkeiten zur amerikanischen Unabhängigkeit, mit denen 250 Jahre Unabhängigkeit der USA begangen werden. Das ISW bewertete den Zeitpunkt als Versuch, mediale Aufmerksamkeit zu erzeugen. Beobachter sehen im russischen Vorgehen den Versuch, die zunehmende Stagnation an der Front zu überdecken: Das russische Militär erzielt derzeit kaum Fortschritte an der Front.
Hintergrund ist nach ISW-Angaben auch eine durch ukrainische Drohnenangriffe ausgelöste Kraftstoffkrise in Russland, die zu erheblicher Unzufriedenheit in der russischen Bevölkerung geführt hat. Kommandeur Jewgeny Nikiforow erklärte, es sei bislang nicht gelungen, die ukrainischen Drohnenangriffe auf die russische Ölindustrie vollständig zu stoppen. Putin kündigte an, die russischen Streitkräfte müssten auf die verstärkten ukrainischen Fernangriffe reagieren, die sich vor allem gegen die russische Ölindustrie richteten.
Unterstützung für die ukrainische Sicht kam auch aus Österreich. Oberst Matthias Wasinger vom Österreichischen Bundesheer bestätigte gegenüber dem ORF-Sender Ö1, dass die Ukraine weiterhin Stellungen in Kostjantyniwka halte. Wasinger unterstrich damit die Darstellung Kiews.
Parallele zur Kupjansk-Episode
Bereits im Dezember 2025 hatte Russland die Eroberung der Stadt Kupjansk vermeldet; Selenskyj war daraufhin an den Rand der Stadt gefahren und hatte ein Video seines offenbar unbehelligten Besuchs veröffentlicht. Auch damals hatte sich die vollständige Einnahme als nicht haltbar erwiesen – ein Muster, das sich nun bei Kostjantyniwka wiederholen könnte. Ein Hintergrund des Konflikts: Sollte Kostjantyniwka fallen, würde dies den russischen Vormarsch im Donezker Becken deutlich erleichtern. Analysten erwarten weitere russische Offensiven, die jedoch langwierig und verlustreich sein dürften – vergleichbar mit den Belagerungen anderer ostukrainischer Städte wie Pokrowsk und Awdijiwka. Die Angaben im Artikel sind nach eigener Darstellung derzeit nicht unabhängig überprüfbar.
Fragen & Antworten
Was behauptet Russland zu Kostjantyniwka?
Das russische Verteidigungsministerium und Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärten, die Industriestadt Kostjantyniwka im Donbass sei vollständig unter russische Kontrolle gebracht worden.
Wie reagiert die Ukraine auf die russische Eroberungsbehauptung?
Die ukrainische Armee wies die Darstellung zurück und erklärte, Kostjantyniwka befinde sich weiter unter ukrainischer Kontrolle. Präsident Selenskyj sprach von der „x-ten russischen Lüge" und lud Putin zugleich demonstrativ zu einem Treffen in der Stadt ein.
Was sagt das ISW zur Lage in Kostjantyniwka?
Das US-Institute for the Study of War erklärte, es gebe keine Belege für die russische Einnahme der Stadt; die russische Präsenz bestehe vor allem aus kleinen Sturmgruppen zwischen ukrainischen Stellungen.