Nach dem Verschwinden von Arbeitern in nepalesischen Wasserkraft-Stollen suchen Einsatzkräfte und Behörden unter Hochdruck nach Vermissten und sichern Spuren, während die Identifizierung der Opfer zunehmend erschwert wird.

In Nepal hat die Suche nach vermissten Arbeitern in unterirdischen Stollen von Wasserkraftprojekten einen kritischen Punkt erreicht. Polizei, Rettungskräfte und Projektbetreiber arbeiten nach Angaben nepalesischer Medien seit Tagen unter Hochdruck daran, Vermisste zu finden und die Umstände des Vorfalls aufzuklären. Die betroffenen Tunnelanlagen liegen in mehreren Distrikten des Landes, darunter in der Region Chitwan.

Extreme Bedingungen in den Stollen

Die Bedingungen in den Stollen gelten als extrem: Enge Profile, hohe Luftfeuchtigkeit, teils instabile Gesteinsschichten und eingeschränkte Sauerstoffzufuhr erschweren die Bergungsarbeiten. Rettungsteams müssen abschnittsweise vorgehen und können nicht alle Bereiche gleichzeitig erreichen. Mit fortschreitender Zeit steigt nach Angaben von Beteiligten das Risiko, dass Spuren verloren gehen und Opfer nicht mehr lebend geborgen werden können.

Ein Polizeisprecher erklärte gegenüber der Kathmandu Post: „Unsere oberste Priorität ist die Rückführung aller Opfer zu ihren Familien. Wo eine visuelle Identifizierung jedoch unmöglich ist und die sterblichen Überreste schnell zu verwesen beginnen, müssen wir DNA-Profile sichern und eine würdevolle Bestattung durchführen." Die Aussage unterstreicht, dass die Behörden zunehmend davon ausgehen, dass manche Bergungen nur noch als Leichenbergungen möglich sein werden.

Forensische Standards bei der Identifizierung

Vor jeder Bestattung werden den Angaben zufolge DNA-Proben entnommen, Fotos angefertigt und weitere Daten gesichert, damit Angehörige ihre Familienmitglieder später identifizieren können. Auch die genauen Grabkoordinaten werden dokumentiert. Dieses Vorgehen folgt internationalen Standards forensischer Katastrophenhilfe und soll verhindern, dass Verstorbene anonym bleiben.

Die betroffenen Wasserkraftprojekte sind Teil des Ausbaus der nepalesischen Energieinfrastruktur, an dem auch chinesische und indische Unternehmen beteiligt sind. In den vergangenen Jahren hat Nepal mehrere große Staudämme und Tunnelanlagen im Himalaya-Vorland errichtet, um den wachsenden Energiebedarf im Land zu decken und Strom in die Nachbarländer zu exportieren. Sicherheitsstandards und Arbeitsbedingungen in der Branche stehen jedoch seit langem in der Kritik.

Kritik an Sicherheitsstandards

Arbeitsrechtler und Gewerkschaften weisen darauf hin, dass viele Wanderarbeiter aus armen Regionen unter prekären Verträgen beschäftigt werden. Schutzkleidung, Notfallpläne und medizinische Versorgung seien nicht überall auf dem Niveau, das für Tunnelarbeiten in schwierigem Terrain erforderlich wäre. Die laufende Suche dürfte diese Debatte erneut verschärfen.

Für die Familien der Vermissten hat die Ungewissheit zwischenzeitlich schwerwiegende Folgen. Verwandte haben sich nach Medienberichten an den Eingängen der Baustellen versammelt, warten auf Nachrichten und hoffen auf eine baldige Klärung. Lokale Behörden haben Hotlines eingerichtet und koordinieren die Kommunikation mit den Angehörigen über die Polizei und die Projektbetreiber.

Politische und internationale Reaktionen

Die Regierung in Kathmandu hat nach Angaben der Kathmandu Post eine Untersuchung des Vorfalls angekündigt. Geprüft werden sollen unter anderem die Einhaltung von Sicherheitsvorschriften, die Rolle der Auftragnehmer und mögliche strukturelle Mängel der Anlagen. Ergebnisse werden frühestens in mehreren Wochen erwartet.

Internationale Partner, darunter Fachorganisationen für Bergung und forensische Identifizierung, haben Nepal Unterstützung angeboten. Auch Nachbarländer wie Indien und China, die eigene Staatsbürger unter den Beschäftigten haben könnten, stehen mit den nepalesischen Behörden in Kontakt. Der Vorfall verdeutlicht die Risiken beim raschen Ausbau der Wasserkraft im Himalaya-Staat.