Stichwahl in Kolumbien: De la Espriella und Cepeda treten am 21. Juni gegeneinander an
Bogotá, 01. Juni 2026
Red+ Noticias / Wikimedia Commons / CC BY 4.0
Kurzfassung
Bei der Präsidentenwahl in Kolumbien hat keiner der 14 Kandidaten die_absolute_Mehrheit erreicht. Der Rechtsaußen Abelardo De La Espriella lag nach Auszählung von rund 99,5 Prozent der Stimmen mit 43,7 Prozent vorn, der Linkspolitiker Iván Cepeda kam auf etwa 41 Prozent. Die Stichwahl ist für den 21. Juni 2026 angesetzt.
Bogotá, 01. Juni 2026
Nach der ersten Runde der Präsidentschaftswahl in Kolumbien ziehen der rechte Jurist Abelardo De La Espriella und der linksgerichtete Senator Iván Cepeda in die Stichwahl am 21. Juni 2026 ein, ohne dass einer der 14 Bewerber die absolute Mehrheit erreichte.
Bei der Präsidentenwahl in Kolumbien am Sonntag, dem 31. Mai 2026, ist keiner der 14 Kandidaten an der Hürde der absoluten Mehrheit gescheitert – beziehungsweise an dieser gescheitert. Nach Auszählung von rund 99,5 Prozent der Stimmen lag der Rechtspolitiker Abelardo De La Espriella laut Wahlbehörde mit 43,7 Prozent vorn, der linksgerichtete Senator Iván Cepeda erreichte etwa 41 Prozent. Damit kommt es am 21. Juni 2026 zu einer Stichwahl zwischen den beiden Spitzenkandidaten, wie die nationale Wahlbehörde mitteilte.
Ungefähr 41 Millionen Bürgerinnen und Bürger waren aufgerufen, einen Nachfolger für Amtsinhaber Gustavo Petro zu bestimmen, der nach vier Jahren an der Spitze des Staates verfassungsgemäß nicht erneut antreten durfte. Die Wahlbeteiligung lag nach ersten Angaben knapp über 50 Prozent und damit nur leicht über der Hälfte der Wahlberechtigten. Beobachter werten dies als Indiz dafür, dass beide Lager in den kommenden drei Wochen noch unentschiedene Wählerinnen und Wähler mobilisieren können.
Die konservative Senatorin Paloma Valencia, die als moderate Kandidatin aus dem Umfeld des früheren Präsidenten Álvaro Uribe angetreten war, landete mit etwa sieben Prozent deutlich abgeschlagen auf dem dritten Platz. Sergio Fajardo, einst eine Hoffnungsträgerin der Grünen, kam auf vier Prozent; die ehemalige Bürgermeisterin Bogotás, Claudia López, schnitt ebenfalls weit dahinter ab. Valencia kündigte noch in der Wahlnacht ihre Unterstützung für De La Espriella an.
Ergebnis der ersten Runde
Amtsinhaber Petro erkannte die vorläufigen Schnellauszählungen, die von einem privaten Unternehmen der Brüder Bautista stammen, zunächst nicht an. Er schrieb auf der Online-Plattform X von „Unregelmäßigkeiten" im Zusammenhang mit der Auswertungssoftware und dem Wählerregister, legte jedoch keine Belege vor. Auch Cepeda kündigte an, sein Wahlkampfteam prüfe Berichte über eine noch nicht abschließend bestimmte Zahl von Wahllokalen mit angeblich auffälligen Ergebnissen, und wollte sich erst nach Abschluss der Arbeit der offiziellen Auszählungskommissionen äußern. Erfahrungsgemäß weichen die in der Wahlnacht veröffentlichten vorläufigen Ergebnisse in Kolumbien jedoch nur geringfügig vom amtlichen Endergebnis ab.
Der 47-jährige De La Espriella ist Rechtsanwalt, Unternehmer und Multimillionär und war bislang nicht politisch tätig. Er wurde 1978 in Bogotá geboren und wuchs überwiegend in Montería nahe der Karibikküste auf, einer Hochburg rechtsextremer Paramilitärs wie der Autodefensas Unidas de Colombia (AUC). Seine Mutter stammt aus einer einflussreichen Viehzüchterfamilie; sein Vater, ebenfalls Jurist und Richter, gilt als enger Vertrauter des früheren rechten Präsidenten Álvaro Uribe. Mit 24 Jahren gründete De La Espriella seine eigene Kanzlei, die schnell sehr erfolgreich wurde. Als Anwalt vertrat er Paramilitärs, den Drahtzieher eines betrügerischen Schneeballsystems, das Hunderttausende Kleinanleger um ihre Ersparnisse brachte, sowie den kolumbianisch-venezolanischen Geschäftsmann Alex Saab, der als Mittelsmann des gestürzten venezolanischen Machthabers Nicolás Maduro gilt und in dessen Auftrag Millionen Dollar gewaschen haben soll.
Profil: Abelardo De La Espriella
Im November 2025 stieg De La Espriella in die Politik ein und startete seine Kampagne vor 15 000 Anhängern in einer Konzerthalle in Bogotá mit dem Projekt „Defensores de la Patria" (Verteidiger des Vaterlandes). Er nennt den früheren US-Präsidenten Ronald Reagan und die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher als politische Vorbilder und sieht sich selbst als „El Tigre", den Tiger. Er besitzt nach eigenen Angaben einen Rolls-Royce Phantom im Wert von mehreren Hunderttausend Schweizer Franken sowie eine Immobilie in Miami. Er plant, den kolumbianischen Staatsapparat drastisch zu verkleinern, das Wirtschaftswachstum durch Steuersenkungen anzukurbeln und sich dabei am marktradikalen Modell des argentinischen Präsidenten Javier Milei zu orientieren. In der Sicherheitspolitik will er sich am salvadorianischen Präsidenten Nayib Bukele orientieren und Dutzende neue Hochsicherheitsgefängnisse bauen, um den Drogenhandel zu bekämpfen.
Auch plant er Luftangriffe auf Kokaplantagen und Drogenlager, selbst wenn diese in anderen Ländern liegen, und kündigte im Wahlkampf an, als Präsident mit US-Unterstützung Luftschläge gegen bewaffnete Gruppen fliegen zu wollen. Er unterstützt den traditionellen Wirtschaftsadel, das Militär und die christliche Rechte. Hatte er sich früher selbst als Atheist bezeichnet, so sagt er heute, er habe einige Jahre zuvor auf der Beerdigung seiner geliebten Tante zu Gott gefunden. Konservativen Katholiken und evangelikalen Gruppen versprach er, gegen die sogenannte „Gender-Ideologie" zu kämpfen und den Religionsunterricht an Schulen zu stärken. In Interviews sagte er: „Unser Land hat die Wahl zwischen Freiheit und Tyrannei, zwischen Ordnung und Chaos." Dem „Financial Times" erklärte er: „Ich habe gute Leute verteidigt und auch schlechte. Das ist nun einmal der Job eines Anwalts." Bei seinem Kampagnenauftakt rief er: „Der Tiger ist erwacht!"
Sein politischer Stil wird häufig mit dem von US-Präsident Donald Trump verglichen, der De La Espriella allerdings bislang trotz wiederholter Verstimmungen mit dem amtierenden kolumbianischen Präsidenten Petro nicht öffentlich unterstützte. De La Espriella präsentiert sich als Außenseiter, der die Interessen des Volkes gegen eine korrupte politische Kaste vertritt. In einer TV-Interviewsendung vor Jahren hatte er zudem eingeräumt, als Kind Katzen Knallkörper an den Schwanz gebunden und diese explodieren lassen zu haben: „Es war schrecklich, aber ich habe mich amüsiert." Auf Wahlkampfveranstaltungen tritt er hinter zentimeterdickem kugelsicherem Glas auf; zwei enge Unterstützer De La Espriellas waren wenige Wochen vor der Wahl erschossen worden. Nach der ersten Runde sagte er: „Ich werde mich für Kolumbien umbringen, falls es nötig ist." Die Stichwahl am 21. Juni bezeichnete er als den „finalen Kampf um das Vaterland".
Profil: Iván Cepeda
Sein Gegenkandidat Cepeda ist 63 Jahre alt, Philosoph und arbeitete lange als Menschenrechtsanwalt. Er ist ein enger Verbündeter Petros und gehört dem regierenden Linksbündnis an. Cepeda setzt sich für eine Fortsetzung der Friedensgespräche mit den illegalen bewaffneten Gruppen im Rahmen der Initiative „Paz Total" ein, die unter Petro nicht den erhofften Durchbruch brachte. Er plant umfangreiche Sozialreformen mit höheren Steuern für Gutverdiener und Landzuweisungen an Opfer des jahrzehntelangen internen Konflikts. Bei einer Abschlusskundgebung seiner Kampagne versprach er, in soziale Programme zu investieren und den Staat in den Dienst der Ausgegrenzten zu stellen. Cepeda, der als ehemaliger Kommunist gilt, sagte, er wolle den „rechtsextremen Faschisten" in drei Wochen besiegen.
Sicherheitslage und Gewalt im Wahlkampf
Die Polarisierung zwischen rechts und links prägt den Wahlkampf in Kolumbien. Während des Wahlkampfs mehrten sich gewaltsame Zwischenfälle, bei denen Zivilisten, Soldaten und Polizisten getötet oder verletzt wurden. Angriffe mit Autobomben und Drohnen wurden verübt. Bereits im Juni 2025 war der konservative Senator Miguel Uribe Turbay bei einer Wahlkampfveranstaltung in Bogotá angeschossen worden und später an den Folgen gestorben; Uribe hatte sich für eine härtere Sicherheitspolitik eingesetzt. Auch Politiker anderer Lager sind nach Angaben aus den Fakten Angriffen ausgesetzt. Kristin Wesemann, Leiterin des Kolumbien-Büros der deutschen Konrad-Adenauer-Stiftung, sagte, der Staat erlebe „eine der schwersten Gewaltwellen der letzten Jahre". Sie erklärte, „67 Prozent aller Gemeinden [...] sind den illegalen Netzwerken und Gruppen ausgesetzt" und „die staatlichen Sicherheitsstrukturen extrem geschwächt".
Laut einem Bericht des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz erlebte Kolumbien im vergangenen Jahr die schlimmsten humanitären Folgen des bewaffneten Konflikts seit einem Jahrzehnt. Mehr als 235 000 Menschen wurden im vergangenen Jahr vertrieben. Kolumbien ist seit Jahrzehnten von bewaffneten Konflikten zwischen staatlichen Sicherheitskräften, linksgerichteten Guerillagruppen, rechtsextremen Paramilitärs und Drogenkartellen betroffen; Hunderttausende wurden getötet, Millionen vertrieben.
Bilanz der Amtszeit Petro
Die Bilanz der vierjährigen Amtszeit Petros fällt gemischt aus. Befürworter verweisen auf eine spürbar gesunkene Armutsquote seit 2022, deutlich gestiegene Sozialausgaben, einen Anstieg des gesetzlichen Mindestlohns um 75 Prozent sowie rückläufige Arbeitslosigkeit, wie eine Analyse des Center for Economic and Policy Research (CEPR) zeigt. Kritiker werfen Petro hingegen vor, mit der Initiative „Paz Total" keinen entscheidenden Durchbruch gegen Guerilla- und Paramilitärgruppen erzielt zu haben. Mehrere Reformprojekte scheiterten im Kongress oder verzögerten sich; zahlreiche Kabinettsumbildungen und öffentlich ausgetragene Regierungskonflikte stießen auf Kritik. Die Beziehung zum US-Präsidenten Donald Trump gilt als angespannt, unter anderem wegen Streitigkeiten über Migration, Abschiebungen und die Drogenpolitik.
Beobachterinnen und Beobachter sehen De La Espriella in der Stichwahl leicht im Vorteil. Umfragen zufolge könnten sich die Wählerinnen und Wähler aus dem rechten und mittigen Lager hinter ihm vereinen, zumal die moderate konservative Kandidatin Valencia bereits ihre Unterstützung zugesagt hat. Cepeda hingegen war vor der ersten Runde in den Umfragen noch vorne gelegen und erreichte hohe Zustimmungswerte. In der Wahlnacht sagte er seinem Wahlkampfteam zufolge, er werde das vorläufige Ergebnis erst kommentieren, wenn die offiziellen Auszählungskommissionen ihre Arbeit abgeschlossen hätten.
Petro kündigte an, das gerichtlich bestätigte Endergebnis abzuwarten. In einer ersten Reaktion auf der Plattform X bezeichnete der amtierende Präsident die Schnellauszählung als nicht anerkannt, da sie aus dem Hause der Brüder Bautista stamme; Belege für die behaupteten Unregelmäßigkeiten legte er zunächst nicht vor. Cepeda sprach ebenfalls von Diskrepanzen. Petro selbst war vor vier Jahren als erster linksgerichteter Präsident in der Geschichte Kolumbiens gewählt worden und ist ehemaliger Guerillakämpfer. Die Möglichkeit der unmittelbaren Wiederwahl von Staatschefs wurde in Kolumbien 2015 abgeschafft.
Der Wahlkampf wurde zunehmend auch von christlichen Influencern aus dem rechten Lager geprägt, die in den sozialen Netzwerken eine wachsende Rolle spielen. Mit Spannung wird erwartet, wie sich die niedrige Wahlbeteiligung auf die Mobilisierungsfähigkeit beider Lager auswirkt. Der politische Diskurs in Kolumbien bleibt auch nach der ersten Runde hochpolarisiert: Linke werfen dem rechten Lager autoritäre Tendenzen vor, das rechte Lager wirft der Linken wirtschaftliche Inkompetenz und die Fortsetzung gescheiterter Reformen vor.
Ausblick auf die Stichwahl
Sollte De La Espriella die Stichwahl gewinnen, wäre er der erste nicht aus der traditionellen Politik stammende Präsident Kolumbiens seit langem und der erste mit einem offen marktradikalen Programm. Cepeda würde als erster Linkspolitiker nach Petro ins höchste Staatsamt einziehen. Beide Lager bereiten sich auf einen knappen Ausgang am 21. Juni vor, bei dem nach Einschätzung von Wahlforschenden vor allem die Mobilisierung der eigenen Anhängerinnen und Anhänger entscheidend sein dürfte.
Die Berichterstattung über die erste Runde und den Ausgang der Wahlen stützt sich unter anderem auf Meldungen der Nachrichtenagenturen dpa, afp, epd und Reuters. Mit Blick auf den 21. Juni 2026 beobachten internationale Organisationen, Wahlbeobachterinnen und Wahlbeobachter sowie ausländische Regierungen den weiteren Verlauf des kolumbianischen Wahlkampfs mit besonderer Aufmerksamkeit – auch angesichts der anhaltenden Gewalt und der Bedeutung Kolumbiens als wichtigster Verbündeter der USA in der Region.
Fragen & Antworten
Wer ist Abelardo De La Espriella?
Abelardo De La Espriella ist ein 47-jähriger kolumbianischer Rechtsanwalt, Unternehmer und Multimillionär, der bislang kein politisches Amt bekleidete. Er tritt als rechter Kandidat mit dem Spitznamen „El Tigre" an und strebt einen drastisch verkleinerten Staat sowie eine harte Sicherheitspolitik an.
Wer ist Iván Cepeda?
Iván Cepeda ist ein 63-jähriger linksgerichteter Senator, Philosoph und ehemaliger Menschenrechtsanwalt. Er ist enger Verbündeter von Amtsinhaber Gustavo Petro und will dessen Reformkurs sowie die Friedensgespräche mit bewaffneten Gruppen fortsetzen.
Warum kommt es zu einer Stichwahl am 21. Juni 2026?
Da keiner der 14 Kandidaten in der ersten Runde am 31. Mai 2026 die erforderliche_absolute_Mehrheit von mehr als 50 Prozent erreichte, treten die beiden Erstplatzierten – De La Espriella mit 43,7 Prozent und Cepeda mit etwa 41 Prozent – am 21. Juni 2026 in einer Stichwahl gegeneinander an.
Kolumbien Stichwahl 2026: De la Espriella gegen Cepeda | nachrichten360