Stichwahl in Kolumbien: De la Espriella und Cepeda kämpfen um Petros Nachfolge
Bogotá, 20. Juni 2026
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Kurzfassung
Rund 41 Millionen Kolumbianerinnen und Kolumbianer sind aufgerufen, in einer Stichwahl zwischen dem rechtsgerichteten Anwalt Abelardo de la Espriella und dem linken Senator Iván Cepeda über die Nachfolge von Präsident Gustavo Petro zu entscheiden. Die Wahl gilt als Richtungswahl zwischen einem harten Sicherheitskurs und einer Fortsetzung der Verhandlungs- und Reformpolitik.
Bogotá, 20. Juni 2026
Rund 41 Millionen Kolumbianerinnen und Kolumbianer haben am Sonntag in einer Stichwahl zwischen dem weit rechts stehenden Anwalt Abelardo de la Espriella und dem linken Senator Iván Cepeda über die Nachfolge des scheidenden Präsidenten Gustavo Petro entschieden.
Eine Richtungswahl mit offenem Ausgang
Der Urnengang gilt als eine der wichtigsten Wahlen der jüngeren kolumbianischen Geschichte. Die Präsidentin des Hamburger GIGA-Instituts, Prof. Dr. Sabine Kurtenbach, sprach von einer "Richtungswahl". "Wer von beiden am Sonntag die Stichwahl gewinnt, ist laut den Experten völlig offen", hieß es im Vorfeld. Erste vorläufige Ergebnisse wurden in der Nacht zum Montag erwartet.
De la Espriella, der von seinen Anhängern auch "der Tiger" genannt wird, hatte im ersten Durchgang Ende Mai überraschend vorn gelegen, auch in Umfragen führte er zuletzt leicht. Der 47-jährige Anwalt und Unternehmer hatte vor Beginn des Wahlkampfs kaum jemand auf dem Zettel. Inzwischen führt er die Umfragen an.
De la Espriellas Programm: Härte und Sicherheit
Der Rechtsaußen wirbt für einen harten Kurs gegen Guerilla und organisierte Kriminalität sowie für wirtschaftsliberale Reformen. Er fordert harte Strafen für Kriminelle, die Errichtung von Mega-Gefängnissen und die radikale Vernichtung von Koka-Plantagen. Seine politischen Vorbilder sind nach eigener Darstellung der salvadorianische Präsident Nayib Bukele und der argentinische Staatschef Javier Milei.
De la Espriella kündigte an, die Gespräche mit Guerillagruppen zu beenden und sich stärker an den "Sicherheitsmodellen" Bukeles in El Salvador zu orientieren. "Der Tiger ist erwacht, und er ist unbesiegbar", rief er Anhängern bei einer Wahlkampfveranstaltung zu. Bei einem Auftritt wurde er von einem Vorredner mit den Worten "Abelardo hat die Eier, den Terrorismus zu besiegen" angekündigt.
Sein Markenzeichen ist das militärische Salutieren, obwohl er selbst nie Militärdienst geleistet hat. Als Wahlspruch nutzt er "Standhaft für das Vaterland". Im Wahlkampf trat er am ersten Wahlabend im Trikot der kolumbianischen Nationalmannschaft auf; die kolumbianische Justiz untersagte ihm die weitere Verwendung des Nationaltrikots im Wahlkampf.
De la Espriella war 1978 als Sohn eines Richters am Verwaltungsgericht der karibischen Küstenprovinz Córdoba geboren worden. Er besitzt drei Staatsbürgerschaften: kolumbianisch, italienisch und US-amerikanisch. Er lebte längere Zeit in Florida, wo er mehrere Firmen besitzt, sowie in Florenz in Italien.
Als Strafverteidiger vertrat de la Espriella in seiner Karriere Mafiosi, Paramilitärs und Drogenhändler sowie den Venezolaner Alex Saab, ein mutmaßlicher Strohmann des früheren venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro. Die kolumbianische Staatsanwaltschaft und das US-Justizministerium ermittelten gegen Saab wegen Geldwäsche und Korruption; Saab wurde im Mai aus Venezuelas Interimsregierung an die USA ausgeliefert.
Cepeda will Petros Reformkurs fortsetzen
Cepeda wirft seinem Kontrahenten vor, als Anwalt Drogenhändler, Paramilitärs und Betrüger vertreten zu haben. Die Unterstützung durch US-Präsident Donald Trump, der wiederholt öffentlich für de la Espriella warb, sorgt in Kolumbien für zusätzliche Aufmerksamkeit. Trump schrieb auf Truth Social, "'Der Tiger' wird die wunderbaren Menschen in Kolumbien nicht im Stich lassen!" und sagte "totale Unterstützung" zu.
De la Espriella wird außerdem von US-Republikanern unterstützt: US-Republikanerin María Elvira Salazar nannte ihn einen "engen persönlichen Freund". Nach Angaben aus dem Wahlkampf spendete de la Espriella 95 Millionen US-Dollar an die US-Republikaner, der Großteil davon direkt an Salazar. Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni führte nach Espriellas Angaben Anfang Juni ein "fruchtbares und herzliches Telefonat" mit ihm.
Iván Cepeda ist der 63-jährige linke Senator und Menschenrechtler, der als Favorit in die erste Runde gegangen war und 40,9 Prozent der Stimmen erhielt. Cepeda ist Sohn des Senators Manuel Cepeda Vargas, der 1994 als Aktiver der kommunistischen Unión Patriótica von einem rechten Todesschwadron ermordet wurde.
Die Forscherin Dr. Viviana García Pinzón vom Arnold-Bergstraesser-Institut in Freiburg beschrieb Cepeda als Politiker, der "immer in institutionellen und legalen Räumen" agiert habe, mit einem "sehr starken Engagement für Menschenrechte". Cepeda gilt zugleich als seriöser, aber kühler Politiker, der die Menschen nicht mitzureißen vermag.
Cepeda will die Reformpolitik von Präsident Petro fortsetzen. Dazu gehören der Ausbau des Sozialstaats, die Fortführung der Friedensverhandlungen mit bewaffneten Gruppen und eine sozio-ökologische Transformation mit Abkehr von fossilen Energieträgern. Er wendet sich gegen Öl- und Gasförderung durch Fracking.
Sein Programm umfasst eine Strategie des "integral peace" ("paz integral"), die selektive Verhandlungen mit bewaffneten Gruppen mit sozialen Reformen verbindet. Bei einem Sieg Cepedas wird eine Stärkung der Zusammenarbeit mit den linken Regierungen Brasiliens und Mexikos erwartet.
Die Bilanz der Regierung Petro
Mit Gustavo Petro gewann 2022 erstmals ein linker Kandidat die kolumbianische Präsidentschaft. Er versprach soziale Reformen, eine stärkere Teilhabe benachteiligter Gruppen, die Umsetzung des Friedensabkommens mit der FARC-Guerilla und eine neue Strategie im Umgang mit bewaffneten Gruppen unter dem Schlagwort "paz total".
Die Bilanz der Regierung Petro fällt gemischt aus. García Pinzón sagte gegenüber der DW, Petro habe bei der Armutsbekämpfung, Landrückgabe und sozialen Inklusion Fortschritte erzielt, zentrale Reformen seien jedoch gescheitert oder nur teilweise umgesetzt worden. Der Mindestlohn stieg während seiner Amtszeit um 75 Prozent, die Arbeitslosigkeit sank.
Petros "Strategie des 'totalen Friedens' habe ihre Ziele nicht erreicht und die Gewalt gegen die Zivilbevölkerung nicht entscheidend reduziert", erklärte García Pinzón. Kurtenbach kritisierte, Petros Friedenspolitik habe es an Strategie und Umsetzung gemangelt und bei vielen Unterstützern "Wut und Enttäuschung" erzeugt. Petro habe "viel versprochen, aber wenig davon umgesetzt".
Tatsächlich hat sich die Sicherheitslage in Kolumbien während der Amtszeit Petros deutlich verschlechtert. "Trotz Verhandlungen der Regierung mit Guerillaorganisationen und paramilitärischen Gruppen hatte sich die Sicherheitslage im Land deutlich verschlechtert", heißt es in der Berichterstattung. Die Zahl der Morde stieg erneut, neue bewaffnete Gruppen füllten die Machtvakuuen, die die Entwaffnung der FARC hinterließ.
Sicherheitslage und Gewalt im Wahlkampf
Die Vereinten Nationen warnten bereits, bewaffnete Gruppen könnten die Abstimmung beeinflussen. Menschenrechtsorganisationen berichteten, Zehntausende Kolumbianerinnen und Kolumbianer seien vor Kämpfen rivalisierender bewaffneter Gruppen geflohen; im Jahr 2025 überschritt die Zahl der Vertriebenen 200.000 und erreichte den höchsten Stand seit zehn Jahren. "Anschläge, Vertreibungen und Zwangsrekrutierungen haben wieder deutlich zugenommen".
Bewaffnete Gruppen kontrollieren weiter Koka-Regionen, illegale Minen und Schmuggelrouten für Migranten. Im Wahlkampf kam es zu mehreren Anschlägen, bei denen Zivilisten, Soldaten und Polizisten getötet oder verletzt wurden. Die größte verbliebene Rebellengruppe ist die marxistische National Liberation Army (ELN).
Die Wahl wird international aufmerksam beobachtet, besonders in Washington. García Pinzón verglich de la Espriellas politisches Profil mit dem von Donald Trump, Nayib Bukele und Javier Milei. De la Espriella vertrete "eine Rechte, die Kolumbien so noch nicht gekannt hat". Kurtenbach sagte, "Abelardo de la Espriella ist ja klar auf Trump-Kurs".
Internationale Einordnung und Warnungen
Bereits heute regieren mit Milei in Argentinien und Noboa in Ecuador konservative Präsidenten; auch in Honduras, Peru und Chile hatten zuletzt rechte Kandidaten Wahlen gewonnen. In Kolumbien verfügt de la Espriellas Bewegung "Defensores de la Patria" (Verteidiger des Vaterlandes) nur über wenige Sitze in den beiden Kammern des Parlaments.
Der Politologe Luis Fernando Trejos erklärte, de la Espriella nutze Venezuela als politisches Schreckgespenst. "Selbst mit Unterstützung der USA wird er nicht sechs oder sieben Kriege gleichzeitig führen können, sondern bestimmte Gebiete und bewaffnete Akteure priorisieren müssen." Die Expertin Elizabeth Dickinson von der International Crisis Group sagte, keine einzelne Strategie könne Kolumbien befrieden.
Kurtenbach warnte, ein abruptes Ende der Friedensbemühungen in Kolumbien riskiere "einen neuen Zyklus der Gewalt". "Ein neuer Zyklus der Gewalt bahnt sich an", sagte sie. Zehn Jahre nach dem Friedensabkommen mit der linken Guerilla der FARC war die prekäre Sicherheitslage das alles dominierende Thema des Wahlkampfs.
Kritiker machen die Regierung Petro für die verschlechterte Sicherheitslage verantwortlich, Petro und sein Lager verweisen auf soziale Reformen und Friedensgespräche als Errungenschaften. Die kolumbianische Justiz verbot de la Espriella die weitere Verwendung des Nationaltrikots im Wahlkampf, nachdem der kolumbianische Fußballverband gefordert hatte, die Nationalmannschaft aus politischen Debatten herauszuhalten.
Die Wahl findet vor dem Hintergrund einer über 60 Jahre andauernden Bürgerkriegsgeschichte statt, an der marxistische Rebellen, kriminelle Kartelle und konservative Regierungen samt ihrer Paramilitärs beteiligt waren. Kolumbien ist der weltweit größte Kokainproduzent, hoch verschuldet und der Sicherheitssektor ist unterfinanziert.
Trejos sagte zudem, "die Regierung Petro hat in gemäßigten Teilen der Bevölkerung Ängste ausgelöst, insbesondere durch die Drohung, die Verfassung und damit die politischen Spielregeln zu ändern". Innenminister Armando Benedetti warf Espriella vor, "er hat Silikon im Hintern"; Espriella wies das zurück und erklärte, er habe lediglich eine Haartransplantation gehabt.
De la Espriella hat zudem angekündigt, militärische Luftangriffe auf Drogenlager anzuordnen und Kriminelle "wie Schaben und Ratten auszulöschen". Politisch wirbt er für Fracking und den Ausbau der Ölförderung. Einem Wahlsieg de la Espriellas würde ein Bruch mit dem Kurs der vergangenen Jahre gleichkommen; ein Sieg Cepedas würde den von Petro eingeschlagenen Weg fortführen.
Die Wahllokale schlossen am Sonntag um 16:00 Uhr Ortszeit (23:00 Uhr MESZ). Mit ersten verlässlichen Ergebnissen wurde am Sonntagabend Ortszeit gerechnet. Diese Nachricht wurde am 21.06.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.
Fragen & Antworten
Wer ist Abelardo de la Espriella?
Abelardo de la Espriella ist ein 47-jähriger kolumbianischer Anwalt und Unternehmer, der von seinen Anhängern "der Tiger" genannt wird und noch nie ein politisches Amt ausgeübt hat. Er tritt für die rechtsgerichtete Bewegung "Defensores de la Patria" an und wird unter anderem von US-Präsident Donald Trump unterstützt.
Wer ist Iván Cepeda?
Iván Cepeda ist ein 63-jähriger linker Senator und Menschenrechtler, der im Wahlbündnis Pacto Historico antritt. Er ist der Sohn des Senators Manuel Cepeda Vargas, der 1994 von einem rechten Todesschwadron ermordet wurde, und will die Reformpolitik von Präsident Gustavo Petro fortsetzen.
Warum gilt die Stichwahl als so wichtig?
Die Stichwahl entscheidet über die Nachfolge des scheidenden linksgerichteten Präsidenten Petro und gilt als Richtungswahl zwischen einem harten Sicherheitskurs unter de la Espriella und einer Fortsetzung der Reform- und Verhandlungspolitik unter Cepeda. Sie findet vor dem Hintergrund einer deutlich verschlechterten Sicherheitslage und einer starken politischen Polarisierung statt.
Stichwahl Kolumbien 2026: De la Espriella gegen Cepeda | nachrichten360