Selenskyj fordert Putin in offenem Brief zu direkten Friedensgesprächen auf
Kiew, 05. Juni 2026
Пресс-служба Президента России / Wikimedia Commons / CC BY 4.0
Kurzfassung
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat in einem am 5. Juni 2026 veröffentlichten offenen Brief direkte Verhandlungen mit Wladimir Putin vorgeschlagen. Russland reagierte zurückhaltend, signalisierte aber grundsätzliche Gesprächsbereitschaft.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat den russischen Präsidenten Wladimir Putin in einem am 5. Juni 2026 veröffentlichten offenen Brief zu direkten Friedensgesprächen aufgefordert und dafür konkrete Modalitäten vorgeschlagen.
Inhalt des Briefes
Selenskyj veröffentlichte das Schreiben auf der Website der ukrainischen Präsidentschaft sowie auf der Plattform X. Darin schrieb er wörtlich: "Die Ukraine schlägt vor, diesen Krieg durch einen direkten Austausch zwischen Ihnen und uns zu beenden. Ich schlage ein Treffen vor". Die direkte persönliche Ansprache an Putin ist eine der seltenen persönlichen Appelle dieser Art seit Beginn der russischen Invasion im Februar 2022.
Die Ukraine sei bereit, für die Dauer solcher Verhandlungen eine vollständige Waffenruhe einzuhalten, erklärte Selenskyj. Als mögliche Gastländer für ein neutrales Treffen schlug er die Schweiz, die Türkei oder arabische Staaten vor. Vertreter Europas und der USA könnten demnach als Garanten an den Gesprächen teilnehmen.
Selenskyjs politische Botschaft an Moskau
Inhaltlich skizzierte Selenskyj ein ganzes Paket möglicher Vereinbarungen: einen Waffenstillstand entlang der aktuellen Frontlinie unter US-Aufsicht, einen Gefangenenaustausch "aller gegen aller" sowie die Rückkehr von Zivilisten und "während des Krieges verschleppten" Kindern. Diese Punkte sind seit Langem zentrale Forderungen Kiews in den festgefahrenen Vermittlungsgesprächen.
Der Brief enthält zugleich eine scharfe politische Botschaft. Den Krieg bezeichnete Selenskyj als "persönliche Entscheidung" Putins: "Dieser Krieg ist Ihre persönliche Entscheidung - ein Krieg ohne wirklichen Grund. So wird ihn die Geschichte in Erinnerung behalten." Mit Blick auf die russische Bevölkerung schrieb er: "Aber wir in der Ukraine wollen keinen dauerhaften Krieg. Ich bin überzeugt, dass die Mehrheit der Russen darauf ebenfalls positiv reagieren würde - und das wissen Sie."
Selenskyj verwies in dem Schreiben zudem auf die wirtschaftliche und militärische Belastung der russischen Gesellschaft. Die Mehrheit der Russen sei der ukrainischen Raketen- und Drohnenangriffe, der Inflation und der Treibstoffknappheit überdrüssig und bereit für den Frieden. Eine historische Warnung fügte er hinzu: "Es ist eine Tatsache in der russischen Geschichte, die Sie gut kennen: Wenn Russland müde wird, steht ein Wandel bevor."
Reaktion aus dem Kreml
Kremlsprecher Dmitri Peskow reagierte zurückhaltend, wies die Initiative aber nicht grundsätzlich zurück. "Präsident Putin hat gesagt, dass Selenskyj nach Moskau kommen könne, wenn er reden möchte", sagte Peskov. Zugleich erklärte er, der Brief sei Putin bislang noch nicht offiziell übermittelt worden. Als Vermittler kämen aber nur neutrale "Leute" infrage, denen man vertrauen könne.
Putin selbst äußerte sich beim St. Petersburger Internationalen Wirtschaftsforum zu dem Krieg. Er bekräftigte grundsätzliche Gesprächsbereitschaft und sagte nach Angaben der Nachrichtenagenturen: Russland sei "zweifellos" dazu bereit, mit der Ukraine eine Vereinbarung zu treffen, "auf den Grundlagen, über die Präsident Trump und ich in Anchorage sprachen". Was genau die beiden im August 2025 in Alaska besprochen haben, wurde allerdings nicht öffentlich bekannt.
Putins Bedingungen und Lageeinschätzung
Gleichzeitig stellte Putin Bedingungen. Als Grundlage für eine Vereinbarung nannte er die im Vorjahr mit dem US-Präsidenten in Alaska getroffenen Vereinbarungen. Moskau hält unverändert an der Forderung fest, die volle Kontrolle über die ostukrainischen Regionen Donezk und Luhansk zu erhalten. Zudem verteidigte Putin seinen Vorschlag, den früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder als Vermittler einzubeziehen. Deutschland und andere europäische Staaten seien wegen ihrer Waffenlieferungen an die Ukraine keine neutralen Akteure, sagte er.
Putin behauptete zudem, Russland habe zuletzt 2.440 Quadratkilometer Territorium erobert. Pro-ukrainische Militärbeobachter beziffern die russischen Geländegewinne seit Jahresbeginn auf knapp 700 Quadratkilometer. Unabhängig lassen sich beide Angaben nicht vollständig überprüfen. Fest steht, dass sich das Tempo des russischen Vormarschs seit Ende 2025 verlangsamt hat.
Internationale Reaktionen und Rolle der USA
In dem Schreiben kündigte Selenskyj zugleich an, dass die Ukraine sich weiter verteidigen werde, sollte sich Putin nicht für ein Kriegsende entscheiden. "Wir erhalten Unterstützung. Sie erhalten Sanktionen", schrieb er. Aus Washington kam am Tag der Veröffentlichung eine verhalten positive Reaktion: Donald Trump begrüßte die Aussicht auf ein persönliches Treffen beider Präsidenten. "Ich bin froh, dass sie vielleicht über ein Treffen sprechen. Ich glaube, wir hatten viel damit zu tun", sagte Trump. Er fügte hinzu: "Ich denke, es wäre großartig, wenn sie sich treffen würden."
Die US-vermittelten Gespräche zwischen Russland und der Ukraine sind seit Längerem eingefroren, unter anderem weil sich die Aufmerksamkeit Washingtons zunehmend auf den Krieg im Nahen Osten verlagert hat. Vor diesem Hintergrund kommt der Initiative Selenskyjs hohe symbolische Bedeutung zu, auch wenn unklar ist, ob Moskau tatsächlich auf das Angebot eingehen wird. Das Repräsentantenhaus in Washington hatte zuletzt mit 226 zu 195 Stimmen ein Paket für weitere Ukraine-Hilfen sowie Sanktionen gegen Russland beschlossen; mehrere Republikaner stimmten ebenfalls dafür.
Offene Fragen und Ausblick
Neben den Verhandlungsbedingungen äußerte sich Putin in St. Petersburg auch zu weiteren außenpolitischen Fragen. Warnungen vor einer möglichen russischen Aggression gegen ein NATO-Mitglied nannte er "Unsinn" und eine "bewusste Provokation". Zugleich erklärte er, Russland habe keine Einwände gegen eine assoziierte EU-Mitgliedschaft der Ukraine. "Das geht uns nichts an. Wir sind nicht dagegen", sagte Putin. Eine "Militarisierung" der EU lehne Russland jedoch ab: "Wir sind dagegen, dass sich die EU in einen Militärblock verwandelt."
Die offene Frage bleibt, ob Moskau auf den von Selenskyj vorgeschlagenen Rahmen eingehen wird. Putins Hinweis auf die Anchorage-Vereinbarungen mit Trump sowie die fortbestehende Forderung nach Kontrolle über Donezk und Luhansk lassen darauf schließen, dass Moskau vor allem eigene Vorstellungen als Grundlage sehen will. Selenskyjs Brief trifft auf eine Lage, in der der Krieg seit fast vier Jahren andauert, die Front kaum Bewegung zeigt und die internationale Vermittlung weitgehend ins Stocken geraten ist.
Für die Ukraine hat der direkte Appell den Vorteil, die Verantwortung für die Fortsetzung des Krieges sichtbar an Moskau zu adressieren. Dass die Initiative international - etwa durch Trump - zumindest wohlwollend aufgenommen wurde, könnte den Druck auf den Kreml erhöhen. Eine substanzielle Reaktion Putins auf den Brief und die darin enthaltenen Vorschläge steht indes noch aus.
Im Schriftstück verbindet Selenskyj die Friedensinitiative mit einer deutlichen Warnung an die russische Führung. "Und das wird so lange so bleiben", schrieb er mit Blick auf die Unterstützung der Ukraine und die Sanktionen gegen Russland. Unabhängig davon kündigte er an: "Und das werden wir tun." Damit stellt er der Friedensoption eine Drohung mit weiterer Eskalation an die Seite.
Fragen & Antworten
Was hat Selenskyj Putin in seinem offenen Brief vorgeschlagen?
Selenskyj schlug direkte persönliche Verhandlungen mit Putin, eine Waffenruhe entlang der aktuellen Front unter US-Aufsicht sowie einen Gefangenenaustausch "aller gegen aller" und die Rückkehr verschleppter Kinder vor. Als mögliche Gastländer nannte er die Schweiz, die Türkei oder arabische Staaten.
Wie hat Russland auf den Brief reagiert?
Kremlsprecher Dmitri Peskov erklärte, Putin habe gesagt, Selenskyj könne jederzeit nach Moskau kommen; der Brief sei Putin aber noch nicht offiziell übermittelt worden. Putin selbst bezeichnete Russland als grundsätzlich verhandlungsbereit, verwies dabei auf Vereinbarungen mit US-Präsident Trump aus Alaska im August 2025.
Welche Hindernisse stehen einem Treffen entgegen?
Moskau hält an der Forderung nach voller Kontrolle über die Regionen Donezk und Luhansk fest und nennt die Anchorage-Vereinbarungen mit Trump als Grundlage. Zudem sind die US-vermittelten Gespräche seit Längerem eingefroren, unter anderem wegen der Aufmerksamkeit Washingtons für den Nahen Osten.
Selenskyj fordert Putin zu direkten Friedensgesprächen auf | nachrichten360