Schweiz wirft Kolumbien im Elfmeterkrimi aus dem Turnier und steht erstmals seit 1954 im WM-Viertelfinale
Vancouver, 08. Juli 2026
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Kurzfassung
Die Schweiz hat im Achtelfinale der WM 2026 Kolumbien mit 4:3 im Elfmeterschiessen besiegt und steht damit erstmals seit der Heim-WM 1954 wieder in einem WM-Viertelfinal. Ruben Vargas verwandelte den entscheidenden fünften Penalty, nachdem Torhüter Gregor Kobel Cucho Hernández' Versuch gehalten hatte. Am Sonntag wartet Titelverteidiger Argentinien mit Lionel Messi in Kansas City.
Die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft hat im Achtelfinal der WM 2026 Kolumbien nach 0:0 nach 120 Minuten mit 4:3 im Penaltyschiessen bezwungen und zum ersten Mal seit 72 Jahren wieder ein WM-Viertelfinal erreicht.
Erstmals in der Fussball-Neuzeit steht die Schweiz in einem WM-Viertelfinal. Nach 1934, 1938 und 1954 ist es insgesamt das vierte Mal, dass eine Nati unter den letzten Acht einer Weltmeisterschaft steht. Das 4:3 (0:0, 0:0) im Elfmeterschiessen beschert dem Team um Kapitän Granit Xhaka das heiss ersehnte Duell mit Lionel Messi und dessen Argentiniern. Die Schweizer Nati steht nach einem 4:3 nach Penaltyschiessen (0:0 nach 90 und 120 Minuten) über Kolumbien im WM-Viertelfinal.
Vancouver als Schauplatz eines historischen Abends
Gespielt wurde am Dienstagabend im BC-Place-Stadion in Vancouver vor 52 497 Zuschauern – darunter auch der designierte deutsche Bundestrainer Jürgen Klopp. Die Partie in Vancouver war die letzte von insgesamt 26 dieses Turniers, die ausserhalb der USA stattfand. Referee Iván Barton aus El Salvador leitete die Begegnung, zwei Teams, die ihre jeweiligen Vorrundengruppen souverän gewonnen und bislang unbesiegt durch das XXL-Turnier in den USA, Mexiko und Kanada gekommen waren. Die Zuschauer im Stadion waren laut Mario Eggimann, Geschäftsführer Sport beim Karlsruher SC, der das Spiel aus seinem Hotelzimmer verfolgte, mehrheitlich auf Seite der Kolumbianer: «auch wenn die Zuschauer eher auf Seite der Kolumbier waren». Eggimann, der zwischen 2007 und 2020 zehn Länderspiele für die Schweiz bestritten hatte und 2010 in Südafrika dabei war, sagte: «Meine Zimmernachbarn sind wahrscheinlich aufgewacht.»
Der Torreichtum blieb zunächst aus. In einer intensiven, von Zweikämpfen geprägten Partie neutralisierten sich beide Mannschaften über weite Strecken. Die Schweizer, die auf den verletzten Jungstar Johan Manzambi verzichten mussten, kamen seltener in die gefährlichen Zonen. Der für Manzambi in die erste Elf gerückte Fabian Rieder zirkelte mit links (53.) einen Freistoss ans Aussennetz. Zuvor hatte Dan Ndoye in der 32. Minute sein Glück versucht, ehe Rieder in der 29. Minute einen Schuss vom kolumbianischen Torhüter Camilo Vargas pariert sah. Auf der anderen Seite parierte Kobel Gustavo Puertas Schlenzer (21.) sicher und lenkte den Ball mit einer starken Reaktion ab. Auch BVB-Schlussmann Gregor Kobel, 28 Jahre alt und von Eggimann als einer der besten Torhüter eingestuft, musste in der Folge weitere Male eingreifen. Nach 66 Minuten war für Routinier James Rodríguez bereits Schluss. Der 34 Jahre alte Offensivspieler konnte Kolumbians Spiel trotz zentraler Rolle im System von Trainer Néstor Lorenzo nie so prägen wie in früheren Jahren.
Spielverlauf: Torchancen Mangelware
ORF-Experte Helge Payer kommentierte trocken: «Das ist eher ein Achterlfinale statt ein Achtelfinale.» Sein Kollege Herbert Prohaska ergänzte: «Es geht zwar auf und ab, aber es fehlen eben die Strafraumszenen.» Erst mit der Hereinnahme von Djibril Sow zur Pause bekam das Yakin-Team mehr Zugriff auf das Spiel. Und dieser Sow war es auch, der wenig später die wohl vielversprechendste Chance vergab, als er nach einer Ndoye-Hereingabe in aussichtsreicher Position ausglitt. Auch Ruben Vargas konnte wegen muskulärer Probleme nicht von Anfang an beginnen und sass zunächst auf der Bank, obschon er zwei Tage vor der Partie im Mediencenter des kanadischen National Soccer Development Center angekündigt hatte: «Wenn ich zu diesem Zeitpunkt noch auf dem Platz stehe, werde ich hingehen und den Elfmeter schiessen.»
Murat Yakin musste in der Stammformation neben Michel Aebischer und Luca Jaquez kurzfristig auch auf Johan Manzambi verzichten, der sich im Abschlusstraining eine Knieprellung zugezogen hatte. Der WM-Shootingstar hatte zuvor drei Tore und zwei Assists in diesem Turnier beigesteuert. Manzambi und Vargas hatten fünf der neun Schweizer Turniertore erzielt. Yakin nominierte Ardon Jashari für Manzambi, der später zur Pause ausgewechselt wurde. Vor dem Spiel sagte Yakin: «Grosse Spiele werden von grossen Spielern entschieden.» Nach dem Sieg sprach er vom Ende eines langen Fluchs: «Es hat einen unglaublichen Fight gebraucht, auch Cleverness und Geduld. Endlich haben wir im Penaltyschiessen den Fluch abgelegt.» Zuvor hatte die Schweiz von sechs Penaltyschiessen an grossen Turnieren nur eines gewonnen.
Verlängerung mit Aluminiumglück und vergebenen Chancen
In der Verlängerung verpassten beide Teams die Entscheidung. In der 99. Minute köpfelte Jhon Lucumí nach einer Ecke wuchtig an die Latte. Das galt auch für seinen Kollegen Lucumí. Jaminton Campaz, eingewechselt für J. Arias (66.), prüfte Kobel mit einem Distanzschuss in der 101. Minute. In der 104. Minute scheiterte der unmittelbar zuvor eingewechselte Zeki Amdouni an Torhüter Camilo Vargas. Der eingewechselte Davinson Sánchez hätte in der 93. Minute nach einem Freistoss zum Helden der Cafeteros werden können, verzog aber. In der 115. Minute leistete sich Schweizer Captain Granit Xhaka einen Ballverlust, den Jaminton Campaz nicht nutzte – sein Schuss ging über das Tor. Auch Rubén Vargas konnte wegen muskulärer Probleme nicht von Anfang an beginnen. Kolumbien hatte zudem mit einer Grippewelle im Kader zu kämpfen und war mit dem Bayern-Star Luis Díaz, Renato Lerma sowie dem zwölftplatzierten Luis Suárez angetreten.
Das Penaltyschiessen wurde dann zum драматиschen Endpunkt. Zuvor hatte schon Davinson Sanchez den zweiten Versuch an die Latte gehämmert. Manuel Akanji aber – wie schon im EM-Viertelfinal 2024 gegen England und 2021 gegen Spanien – auch verschossen und den Vorteil wieder aus der Hand gegeben. Zwar verschoss der Schweizer Manuel Akanji, doch die Kolumbianer verfehlten gleich zweimal. Nachdem Gregor Kobel den vierten Versuch von Cucho Hernandez stark parieren konnte, machte Ruben Vargas als fünfter Schütze den Sack zu. Der Sevilla-Stürmer stürzte die Kolumbianer ins Tal der Tränen. Juan Fernando Quinteiro hatte das Tor verfehlt und auch Davinson Sánchez traf nur die Latte. Am Ende stand ein 4:3 für die Schweiz, die damit erstmals seit der Heim-WM 1954 wieder ein WM-Viertelfinale erreichte.
Penaltyschiessen: Kobel pariert, Vargas verwertet
Kobel zeigte sich nach dem Spiel emotional: «Das war ein sehr schwieriges Spiel, aber auch ein geiles Spiel, wir sind alle sehr happy. Ich brauche jetzt ein paar Minuten, um wieder zu mir zu kommen.» Vargas, der zuvor zwei Tore und eine Vorlage im Turnier beigesteuert hatte, sagte nach seinem entscheidenden Elfmeter: «Ich realisiere es noch nicht ganz... Gott sei gedankt für diesen Moment. Ich bin dankbar und glücklich, der Mannschaft geholfen zu haben. Jetzt haben wir Geschichte geschrieben, das ist geil.» Ergänzend sagte der Matchwinner: «Wir haben über 120 Minuten alles gegeben und gekämpft. Jetzt haben wir Geschichte geschrieben. Ich habe vor meinem Elfmeter positive Energie gespürt.» Yakin sprach nach dem Spiel zudem von einer peniblen Vorbereitung: «Wir haben uns mit allen möglichen taktischen Varianten beschäftigt, jeden Gegenspieler einzeln studiert, einen Penalty-Workshop durchgeführt.»
Yakin had substituted Cedric Itten for Breel Embolo and Silvan Widmer for Denis Zakaria before extra time began. Auf der Schweizer Bank sass mit Zeki Amdouni, Djibril Sow und Vargas noch geballte Offensivkraft. Vargas wurde in der Nachspielzeit der regulären Spielzeit (90.+1) für Ndoye eingewechselt. Der Ex-Gladbacher Denis Zakaria und der aktuelle Gladbacher Nico Elvedi schränkten wirkungsvoll die Kreise von Bayerns Stürmerstar Díaz ein. Die Schweizer Defensive um Captain Xhaka, den designierten Nachfolger von Müller im Schweizer Mittelfeld, hielt dem Druck über 120 Minuten stand. Die Mannschaft von Néstor Lorenzo, die in der Weltrangliste auf Platz elf stand und zuvor erst ein Gegentor im Turnier kassiert hatte, blieb am Ende ohne eigenen Treffer.
Ausblick: Argentinien wartet in Kansas City
In der Vorrunde hatte die Schweiz zum Auftakt 1:1 gegen Katar gespielt, anschliessend Bosnien besiegt. In den vergangenen 20 Jahren hatte die Schweiz jede WM erreicht und stets die Gruppenphase überstanden – in den Achtelfinals 1994, 2006, 2014, 2018 und 2022 war allerdings jeweils Endstation gewesen. 2010 hatte die Nati immerhin sensationell Europameister Spanien 1:0 in der Vorrunde bezwungen. Nun also der historische Erfolg im kanadischen Vancouver. Die Schweiz geht mit nur einer Niederlage aus den letzten 18 Länderspielen (elf Siege, sechs Unentschieden) in die nächste Runde.
Im Viertelfinal am 12. Juli um 03:00 Uhr MESZ heisst der Gegner Argentinien, das sich gegen Ägypten durchsetzen konnte. Messi und Co. hatten zuvor ein 0:2 gegen Ägypten aufgeholt und mit 3:2 gewonnen. Argentinien war im Achtelfinal überraschend in Rückstand geraten, ehe die Mannschaft das Spiel drehte. Ab dem Viertelfinal Marokko gegen Frankreich an diesem Donnerstag wird das restliche Turnier nur noch in den USA ausgetragen. Der Weltmeister wird am 19. Juli in East Rutherford nahe New York gekrönt. Die Schweiz könnte dort erstmals in ihrer Geschichte in einem WM-Halbfinal stehen – bei der Heim-WM hatte sie sich durch das Überstehen einer abgespeckten Vorrunde und nach einem Entscheidungsspiel für das Viertelfinal qualifiziert. Nun soll erstmals überhaupt der Einzug in ein Halbfinal gelingen.
Am Rande des Spiels sorgte FIFA-Präsident Gianni Infantino, der wegen des Skandals um die erlassene Sperre für US-Profi Folarin Balogun schwer in der Kritik steht, mit einem Foto auf der Tribüne für Aufsehen: Er posierte grinsend mit einer Ägypten-Fahne, die ihm zuvor gereicht worden war. Sportlich richtete sich der Blick aber schnell wieder auf den Platz. Kolumbiens Vorrunde war von defensiver Stabilität geprägt gewesen – die Gegner hatten vor dem Achtelfinal im Schnitt nur 1,3 Schüsse aufs Tor pro Spiel zugelassen, die zweitbeste Marke hinter Spanien (0,75). Nur 39 Prozent der gegnerischen Schüsse hatten den Strafraum erreicht – der niedrigste Wert aller Teams vor dem Achtelfinal.
Kommentar und Hintergründe
Eggimann sieht die Schweizer Chancen gegen Argentinien realistisch: «Argentinien ist natürlich der Favorit.» Dennoch rechnet er sich für Vargas und Ndoye als Flügelstürmer Qualität aus: Beide seien starke Flügelspieler. Für Manzambi, den er vor zwei Jahren noch im U-23-Kader gesehen und nicht überzeugt war, prognostiziert Eggimann eine brillante Entwicklung, die er so nicht erwartet hätte. Manzambi könnte schon bald der teuerste Schweizer Spieler werden. Der designierte deutsche Bundestrainer Jürgen Klopp war ebenfalls im Stadion und beobachtete, wie die Schweizer Defensive die kolumbianischen Offensivkräfte um Luis Suárez und Luis Díaz über weite Strecken neutralisierte.
Yakin had nominated Ardon Jashari to replace Manzambi; Jashari was later substituted at halftime by Djibril Sow. Eggimann sieht die Lage nüchtern: Argentinien habe in Messi den grössten Trumpf. Aber nach 72 Jahren dürfe die Schweiz erstmals wieder auf den ganz grossen Wurf hoffen.
Fragen & Antworten
Wie hat die Schweiz das Achtelfinal gegen Kolumbien entschieden?
Die Schweiz gewann das Penaltyschiessen mit 4:3, nachdem es nach 90 und 120 Minuten 0:0 gestanden hatte. Ruben Vargas verwandelte den fünften und entscheidenden Penalty, nachdem Gregor Kobel Cucho Hernández' vierten Versuch gehalten hatte.
Wann und wo findet das Viertelfinal der Schweiz statt?
Das Viertelfinal der Schweiz gegen Argentinien findet am 12. Juli um 03:00 Uhr MESZ (Sonntag 3:00 Uhr) in Kansas City statt, live übertragen von ServusTV.
Warum ist das Viertelfinal für die Schweiz historisch?
Es ist das erste WM-Viertelfinal der Schweiz im modernen Fussball seit der Heim-WM 1954 und insgesamt das vierte Mal, dass eine Schweizer Nati die letzte Acht einer WM erreicht – nach 1934, 1938 und 1954.
Schweiz im WM-Viertelfinale 2026: 4:3 gegen Kolumbien | nachrichten360