Prozess Härnösand: Urteil im Zwangsprostitutions-Fall | nachrichten360
Schweden: 61-Jähriger nach Zwangsprostitution seiner Ehefrau zu mehr als vier Jahren Haft verurteilt
Härnösand, 16. Juni 2026
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Kurzfassung
Ein Gericht im schwedischen Härnösand hat einen 61-jährigen Mann zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt, weil er seine drogenabhängige Ehefrau jahrelang im Internet für bezahlten Sex angeboten haben soll. 28 von 120 identifizierten Freiern wurden bereits rechtskräftig verurteilt, die Ehefrau fordert rund 100.000 Euro Schadenersatz.
Ein Gericht in Härnösand hat am Dienstag einen 61-jährigen Schweden wegen schwerer Zuhälterei, versuchter Vergewaltigung, Körperverletzung, Bedrohung und eines Drogendelikts zu vier Jahren und fünf Monaten Haft verurteilt, nachdem er seine Ehefrau zwischen 2022 und 2025 zu bezahltem Sex mit mindestens 120 Männern gezwungen haben soll.
Ausmaß und Dauer der Taten
Nach Überzeugung des Gerichts handelte es sich um ein System, das der Angeklagte über Jahre hinweg aufgebaut und gesteuert hatte. Die Ehefrau, die laut Staatsanwaltschaft abhängig von Drogen und Alkohol war, wurde über das Internet für sexuelle Dienstleistungen angeboten. Dabei soll der Mann nach Angaben der Ermittler zwischen 2022 und 2025 mehr als 500.000 schwedische Kronen – umgerechnet rund 46.000 Euro – eingenommen haben.
Das Urteil wurde am Dienstag in Härnösand verkündet, nachdem die ursprünglich für die Vorwoche geplante Urteilsverkündung wegen des Ausmaßes des Verfahrens um einige Tage verschoben worden war. Wegen des Ausmaßes des Falls war die ursprünglich für vergangenen Mittwoch geplante Urteilsverkündung um ein paar Tage verschoben worden. Das Gericht wertete die Taten als schweren Fall des Menschenhandels zum Zweck sexueller Ausbeutung.
Freispruch von den Vergewaltigungsvorwürfen
Im Zentrum des Verfahrens stand die Frage, inwieweit die Frau den sexuellen Kontakten zugestimmt hatte. In acht Anklagepunkten wegen Vergewaltigung sprach das Gericht den Mann frei, da in sieben Fällen unklar blieb, ob die Frau in den jeweiligen Situationen einverstanden gewesen war, und im achten Fall unklar war, welche sexuellen Handlungen stattgefunden hatten.
Die Staatsanwaltschaft hatte eine Freiheitsstrafe von zehn Jahren gefordert und die Ehefrau als „schutzbedürftig“ beschrieben. Die von der Staatsanwaltschaft als „schutzbedürftig“ beschriebene Ehefrau hat eine Entschädigung von umgerechnet rund 100.000 Euro gefordert. Die Ehefrau, die laut Anklage unter massiver Abhängigkeit und Angst stand, sagte aus, ihr Mann habe gedroht, „das Monster freigelassen“, sollte sie ihn verärgern.
Aussagen der Ehefrau und Drohungen
Richter Johan Ahlberg führte in der Urteilsbegründung aus, der Angeklagte habe „den Einstieg der Frau in die Prostitution“ in die Wege geleitet und auch den „Großteil der Organisation“ übernommen. Das Gericht befand, der Mann habe seine Frau über Jahre „rücksichtslos ausgenutzt“.
Staatsanwältin Ida Annerstedt hatte zu Prozessbeginn im April erklärt, die Frau habe „große Angst“ vor ihrem Ehemann gehabt. Ermittler gehen davon aus, dass der Mann seine Frau mit Drohungen sowie durch die Abhängigkeit von Drogen und Alkohol gefügig machte. Um seine Frau gefügig zu machen, bedrohte der Angeklagte sie laut Anklage und machte sie von Drogen und Alkohol abhängig.
Strafverfolgung der Freier
Im Laufe der Ermittlungen konnten 120 Männer identifiziert werden, die für Sex mit der Frau bezahlt hatten. Nach Angaben des Gerichts konnten 29 dieser Freier strafrechtlich verfolgt werden, 28 wurden rechtskräftig verurteilt. Während zwei der verurteilten Kunden Gefängnisstrafen erhielten, wurden die übrigen mit Geldstrafen oder Bewährungsstrafen belegt.
In Schweden ist der Verkauf sexueller Dienstleistungen grundsätzlich legal, während der Kauf sowie die Förderung der Prostitution und das Profitieren aus ihr unter Strafe stehen. Auf dieser Rechtsgrundlage stützte die Anklage den Vorwurf der schweren Zuhälterei.
Rechtlicher Hintergrund: Schwedisches Modell
Die schwedischen Medien hatten den Fall bereits seit Monaten intensiv begleitet. Er löste im Land Fassungslosigkeit aus und wurde wiederholt mit den Verbrechen an der Französin Gisèle Pelicot verglichen, deren Ehemann sie über Jahre hinweg mit Medikamenten betäubte und Dutzenden Männern zur Vergewaltigung anbot.
Neben der Haftstrafe muss der Verurteilte auch die zivilrechtlichen Ansprüche seiner Ehefrau bedienen. Über die Höhe der endgültigen Entschädigung wird in einem separaten Verfahren entschieden, die Forderung beläuft sich auf rund 100.000 Euro.
Vergleich mit dem Fall Pelicot
Die Verteidigung kündigte an, das Urteil zu prüfen. Ob Rechtsmittel eingelegt werden, war zunächst unklar. Ein Termin für eine mögliche Berufungsverhandlung stand bis zum Abend nicht fest.
Der Fall hat in Schweden für Fassungslosigkeit und für Vergleiche mit den Verbrechen gegen die Französin Gisèle Pelicot gesorgt. Frauenrechtsorganisationen forderten erneut eine Verschärfung der Gesetze gegen digitale Vermarktung sexueller Dienstleistungen sowie bessere Schutzmechanismen für Betroffene von Zwangsprostitution.
Auch die schnelle Verurteilung einer großen Zahl von Freiern wurde in der schwedischen Debatte als Signal gewertet. Dass 28 von 120 identifizierten Männern binnen kurzer Zeit rechtskräftig verurteilt wurden, gilt Beobachtern als Beleg für die konsequente Anwendung des seit 1999 geltenden nordischen Modells, das auf die Bestrafung der Nachfrage statt der Anbieter setzt.
Die Ermittler betonten, der Fall sei nur durch die Aussagebereitschaft der Ehefrau und die Auswertung digitaler Spuren aufgeklärt worden. Die Behörden kündigten an, vergleichbare Verfahren künftig mit spezialisierten Einheiten zu bearbeiten, um Opfer von Zwangsprostitution schneller identifizieren und schützen zu können.
Über die persönliche Situation der Ehefrau nach Prozessende machten die Behörden keine Angaben. Sie soll sich in einem Zeugenschutzprogramm befinden und psychologische Betreuung erhalten.
Fragen & Antworten
Wofür wurde der 61-jährige Schwede in Härnösand verurteilt?
Das Gericht verurteilte ihn wegen schwerer Zuhälterei, versuchter Vergewaltigung, Körperverletzung, Bedrohung und eines Drogendelikts zu vier Jahren und fünf Monaten Haft. Vom Vorwurf der Vergewaltigung in acht Fällen wurde er aus Beweisgründen freigesprochen.
Wie viele Freier wurden im Zusammenhang mit dem Fall verurteilt?
Nach Angaben des Gerichts konnten 29 der 120 identifizierten Männer strafrechtlich verfolgt werden, 28 von ihnen wurden rechtskräftig verurteilt. Zwei erhielten Gefängnisstrafen, die übrigen Geld- oder Bewährungsstrafen.
Warum wird der Fall in Schweden mit dem Fall Gisèle Pelicot verglichen?
Beide Fälle weisenParallelen auf: Die jeweiligen Ehemänner sollen über Jahre hinweg die Kontrolle über ihre Frauen ausgeübt und sie an zahlreiche Männer zur sexuellen Ausbeutung vermittelt haben. Beide Verfahren lösten in ihren Ländern Fassungslosigkeit aus und führten zu Debatten über den Schutz von Betroffenen.