Scharia-Gericht in Aceh lässt unverheiratetes Paar nach viralem TikTok-Kuss öffentlich auspeitschen
Jakarta, 2. Juli 2026
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Kurzfassung
Ein Scharia-Gericht in der indonesischen Provinz Aceh hat ein unverheiratetes Paar nach einem viralen TikTok-Livestream zu 21 Stockhieben verurteilt. Die öffentliche Bestrafung wurde vor zahlreichen Schaulustigen in einem Park in Banda Aceh vollstreckt.
Ein Scharia-Gericht in der indonesischen Provinz Aceh hat einen 22-jährigen Mann und eine 25-jährige Frau wegen eines Kusses während eines TikTok-Livestreams zu jeweils 21 Stockhieben verurteilt; die Strafe wurde am Donnerstag vor zahlreichen Schaulustigen auf einer Bühne im Bustanussalatin-Stadtpark in der Provinzhauptstadt Banda Aceh vollstreckt.
Ausgangslage: Ein Kuss im Livestream
Die beiden Verurteilten waren nach einem Livestream vom 27. Februar festgenommen worden, der im Internet viral gegangen war. In der Übertragung, die über die Plattform TikTok erfolgte, hatten sich die beiden jungen Leute in einem Auto in Banda Aceh geküsst. Wie lokale Medien unter Berufung auf die Behörden berichteten, ging der Vorfall bei den Scharia-Behörden ein, die daraufhin eine Untersuchung einleiteten. Im April wurde das Paar festgenommen, wie aus mehreren übereinstimmenden Berichten hervorgeht.
Die Begründung für die Verurteilung lautete den Angaben zufolge, dass das Paar nicht verheiratet sei. Die Begründung: Sie seien nicht verheiratet. Ursprünglich waren jeweils 25 Stockhiebe verhängt worden. Das Strafmaß wurde jedoch reduziert, weil das Paar bereits vier Monate in Untersuchungshaft verbracht hatte. Übrig blieben damit 21 Hiebe mit einem Rattanstock für jeden der beiden.
Die Bestrafung: 21 Hiebe vor Schaulustigen
Die Bestrafung wurde auf einer Bühne im Bustanussalatin-Stadtpark in Banda Aceh vollstreckt, wie Reporter übereinstimmend berichteten. Mindestens 100 Menschen beobachteten die Szene. Die Strafe wurde demnach von einer Gruppe von Vollstreckern ausgeführt, die Roben und Kapuzen trugen. Die öffentliche Auspeitschung verlief nach offiziellen Angaben planmäßig.
Aceh ist die einzige Provinz im überwiegend muslimischen Indonesien, in der offiziell islamisches Recht zur Anwendung kommt. Die Inselprovinz liegt am nordwestlichen Zipfel der Insel Sumatra. Aceh war zu Beginn der 2000er-Jahre im Rahmen eines Friedensabkommens das Recht eingeräumt worden, die Scharia einzuführen; das Abkommen beendete einen jahrzehntelangen separatistischen Konflikt. Die zentralindonesische Regierung gewährte Aceh dieses Recht im Jahr 2006 als Teil des Friedensvertrags.
Rechtsrahmen: Scharia in Aceh
Die in Aceh geltende Scharia sieht öffentliche Auspeitschungen unter anderem für Ehebruch, Alkoholkonsum, Glücksspiel und gleichgeschlechtliche Beziehungen vor. Das Gesetz erlaubt bei Sittlichkeitsverstößen bis zu 100 Peitschenhiebe. Auch Frauen, die enge Kleidung tragen, und Männer, die das Freitagsgebet versäumen, können mit Stockhieben bestraft werden. 2015 wurde das Gesetz zudem auf Nichtmuslime ausgeweitet; diese stellen etwa ein Prozent der Bevölkerung von Aceh.
Die Generalstaatsanwaltschaft von Aceh verteidigte die Strafe als abschreckende Maßnahme. Die öffentlichen Auspeitschungen sollen dazu dienen, andere von Verstößen gegen die religiösen Vorschriften der Provinz abzuschrecken, erklärte der Leiter der Staatsanwaltschaft, Bobbi Sandri, wie das indonesische Nachrichtenportal Serambinews.com meldete. Die Behörde sieht in der Bestrafung ein Mittel zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung auf Grundlage der religiösen Vorschriften.
Reaktionen: Behörden und Kritiker
Menschenrechtler sehen die Praxis kritisch. Amnesty International kritisiert die öffentlichen Auspeitschungen in Aceh seit Jahren als grausame, unmenschliche und erniedrigende Strafe und fordert ihre Abschaffung. Die Organisation verweist darauf, dass die Prügelstrafe internationalen menschenrechtlichen Standards widerspreche und einer freien Gesellschaft nicht angemessen sei.
Der Fall wirft ein Schlaglicht auf die Spannungen zwischen der konservativen Auslegung der Scharia in Aceh und den Grundsätzen des säkularen indonesischen Staates, der sich offiziell zu einer pluralistischen Demokratie bekennt. Beobachter weisen darauf hin, dass die Anwendung körperlicher Züchtigung in der Öffentlichkeit international zunehmend als inakzeptabel gilt. Gleichzeitig genießt Aceh als Sonderregion verfassungsrechtlich weitreichende Autonomie in religiösen Angelegenheiten, die auch von der Zentralregierung in Jakarta respektiert wird.
Während die Provinzbehörden an der Praxis festhalten, sorgt der konkrete Fall international für Aufsehen. Der Umstand, dass die Bestrafung auf einen Kuss in einem privaten Auto folgte, der durch einen Livestream öffentlich wurde, verdeutlicht die Reichweite der Scharia-Vorschriften auch im digitalen Raum. Kritiker sehen darin eine Bestrafung privaten Verhaltens, die über die Grenzen der Provinz hinaus Beachtung findet.
Größerer Kontext: Sonderautonomie und Menschenrechte
Indonesien ist mit rund 270 Millionen Einwohnern der größte muslimisch geprägte Staat der Welt. Die Frage, wie weit die Anwendung der Scharia in einer Region gehen darf, ist seit der Einführung der Sonderrechte für Aceh ein wiederkehrendes Thema in der indonesischen Gesellschaft. Befürworter verweisen auf die kulturelle und religiöse Identität der Provinz, Kritiker auf die universelle Geltung von Menschenrechten.
Die genauen Hintergründe der Festnahme, insbesondere der zeitliche Ablauf zwischen dem Livestream am 27. Februar, dem Eingang der Anzeige und der Festnahme im April, lassen sich aus den vorliegenden Quellen nicht lückenlos rekonstruieren. Auch über den Gesundheitszustand der beiden Bestraften nach der Züchtigung gibt es keine gesicherten Angaben.
Die Provinzregierung hat bisher keine Stellung zu möglichen Konsequenzen aus der internationalen Kritik abgegeben. Auch über einen etwaigen Einspruch des verurteilten Paares gegen das Urteil ist in den verfügbaren Quellen nichts bekannt. In vergleichbaren Fällen haben Betroffene in Aceh nach Berichten lokaler Medien nur selten Rechtsmittel eingelegt, da die Aussicht auf Erfolg vor örtlichen Gerichten als gering eingeschätzt wird.
Der Fall reiht sich ein in eine Reihe öffentlicher Auspeitschungen in Aceh in den vergangenen Jahren, die jeweils nach Bekanntwerden in den internationalen Medien Empörung ausgelöst hatten. Die Kritik von Menschenrechtsorganisationen hat bislang nicht zu einer Änderung der Gesetzgebung in der Provinz geführt. Die Zentralregierung in Jakarta hat sich zu den wiederkehrenden Vorwürfen in der Vergangenheit zurückhaltend geäußert und auf die Autonomierechte Acehs verwiesen.
Fragen & Antworten
Was genau ist dem Paar in Aceh vorgeworfen worden?
Den beiden wurde zur Last gelegt, sich während eines TikTok-Livestreams vom 27. Februar in einem Auto geküsst zu haben, obwohl sie nicht verheiratet waren; dies verstieß nach Einschätzung des Scharia-Gerichts gegen die religiösen Sittlichkeitsvorschriften der Provinz Aceh.
Wie kam es zu der Festnahme?
Der Livestream verbreitete sich im Internet und wurde bei den Scharia-Behörden gemeldet, die daraufhin eine Untersuchung einleiteten und das Paar im April festnahmen.
Welche Strafe wurde verhängt und wie wurde sie begründet?
Das Gericht verurteilte das Paar ursprünglich zu 25 Stockhieben, reduzierte die Strafe wegen der viermonatigen Untersuchungshaft auf 21 Hiebe; der Leiter der Staatsanwaltschaft, Bobbi Sandri, erklärte, die öffentliche Auspeitschung solle andere von Verstößen gegen die religiösen Vorschriften abschrecken.
Aceh: Auspeitschung nach TikTok-Kuss | nachrichten360