Russland fliegt massivste Angriffswelle seit Kriegsbeginn auf ukrainische Städte
Kyiv, 02 Juli 2026
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Kurzfassung
Russland hat die Ukraine in der Nacht zum Donnerstag mit nahezu 500 Drohnen sowie Dutzenden Marschflugkörpern und Raketen angegriffen. Nach ukrainischen Angaben starben allein in Kiew mindestens 13 Menschen, mehr als 90 weitere wurden verletzt.
Kyiv, 02 Juli 2026
In der Nacht zum Donnerstag hat Russland die Ukraine mit nahezu 500 Kampfdrohnen sowie Dutzenden Marschflugkörpern und Raketen angegriffen und damit eine der heftigsten Angriffswellen seit Kriegsbeginn ausgelöst.
Angriff auf Kiew
Die ukrainische Hauptstadt Kiew stand im Zentrum des Schlages. Laut Behörden gab es an mehr als dreißig Orten der Stadt Einschläge. Mehrstöckige Wohngebäude wurden getroffen, einige komplett zerstört. Zudem ging ein Hotel im Stadtzentrum am zentralen Shevchenko-Boulevard in Flammen auf, wie Bürgermeister Vitali Klitschko mitteilte. Der Kyiv Independent berichtete von "unglaublich lauten Explosionen", die selbst in tief unter der Erde gelegenen Luftschutzbunkern deutlich zu hören gewesen seien.
Nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj kamen bei den Angriffen in Kiew mindestens 13 Menschen ums Leben, mehr als 90 weitere wurden verletzt. Der Militärgouverneur Kiews, Tymur Tkatschenko, sprach von mindestens 56 Geschädigten, darunter zwei Kinder. Die Opferzahlen wurden im Verlauf des Morgens mehrfach nach oben korrigiert und könnten weiter steigen. Rettungshelfer suchten weiter nach Toten und Verletzten unter den Trümmern.
Zahl der Opfer steigt
Klitschko hatte bereits in der Nacht auf Telegram erklärt, „die ganze Stadt" werde angegriffen, und die Bewohner aufgerufen, Schutzräume aufzusuchen und dort zu bleiben. Viele Kiewer flohen daraufhin in U-Bahn-Stationen. Berichten zufolge schlugen einige von ihnen dort Zelte auf, um die Nacht vor Luftangriffen geschützt unter der Erde zu verbringen.
Neben Kiew wurden auch die Städte Charkiw im Nordosten, Saporischschja und Pawlohrad im Südosten sowie Sumy im Nordosten der Ukraine getroffen. In Charkiw, der vor dem Krieg zweitgrößten Stadt des Landes, und in Odessa gab es ebenfalls Tote. In Saporischschja berichtete Gouverneur Iwan Fedorow von drei Verletzten. Der Kyiv Independent bezeichnete die Angriffe als eine der heftigsten Angriffswellen seit Kriegsbeginn.
Weitere Städte betroffen
Nach ukrainischen Angaben flogen die russischen Drohnen aus mehreren Richtungen auf Kiew zu, um die Flugabwehr zu überlasten. Auffallend war dabei, dass die von Norden kommenden Fluggeräte das weißrussische Territorium umflogen. Selensky hatte in der Vorwoche ein Ultimatum an Minsk gestellt und mit der Zerstörung von Anlagen auf belarussischem Gebiet gedroht, die Funksignale an russische Drohnen übermitteln. Die belarussische Führung um Präsident Alexander Lukaschenko nahm die Sender daraufhin tatsächlich vom Netz.
Den größten Schaden richteten Raketen und Marschflugkörper an. Neben Flugkörpern, die von Bombern abgefeuert wurden, kamen auch Modelle des Typs Zircon zum Einsatz. Dabei handelt es sich um eine mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit fliegende Lenkwaffe, die vor allem von Schiffen abgefeuert wird. Während es der Ukraine jeweils gelingt, einen Großteil der Drohnen abzuschießen, ist die Quote bei Raketen und Marschflugkörpern geringer. Für die Abwehr dieser Waffen ist die Ukraine weiterhin stark auf ausländische Systeme angewiesen, die nur in beschränkter Zahl zur Verfügung stehen.
Anflug aus mehreren Richtungen
Viele der russischen Geran-Drohnen, die in der Nacht zum Donnerstag zum Einsatz kamen, verfügten laut Berichten über einen Düsenantrieb. Diese Fluggeräte erreichen eine deutlich höhere Geschwindigkeit als Drohnen mit einem gewöhnlichen Motor und sind deshalb schwieriger abzufangen. Geran ist die Typen-Bezeichnung für die russische Weiterentwicklung der iranischen Shahed-Drohne.
Das russische Verteidigungsministerium sprach von einem Vergeltungsschlag für ukrainische Angriffe auf die zivile Infrastruktur in Russland. Die russischen Streitkräfte hätten Präzisionsschläge gegen militärische Anlagen und die Energieinfrastruktur in Kiew sowie mehreren anderen Provinzen durchgeführt. Zuvor hatte die Ukraine am frühen Mittwochmorgen russische Rüstungsbetriebe und eine Raffinerie weit im Landesinneren ins Visier genommen. Nach Angaben des ukrainischen Militärs wurde auch die russische Ölraffinerie in Kstowo getroffen, die zu den größten Anlagen des Landes zählt.
Wegen der erhöhten Gefahr gab das Energieunternehmen Western Oil Group bekannt, ab Donnerstag in Kiew sowie allen frontnahen Provinzen alle Tankstellen zwischen 21 und 7 Uhr zu schließen. Allein im Großraum Charkiw wurde in den vergangenen Tagen mindestens ein halbes Dutzend Tankstellen zerstört. Das ukrainische Militär erklärte, nach ersten Einschlägen am Abend sei auch in den frühen Morgenstunden wieder Luftalarm ausgelöst worden; knapp ein Dutzend russischer Bomber seien in der Luft gewesen.
Gegenangriffe auf russisches Gebiet
Parallel zu den Angriffen auf ukrainische Städte setzte die ukrainische Luftwaffe ihre Drohnenangriffe auf russisches Territorium fort. Am Donnerstag wurde bei einem ukrainischen Drohnenangriff auf die zentralrussische Region Nischni Nowgorod offiziellen Angaben zufolge ein Mensch getötet, vier weitere seien verletzt worden. Regionalgouverneur Gleb Nikitin sprach von Schäden an einer Industrieanlage. Zudem wurde ein Drohneneinschlag in Belgorod gemeldet, bei dem ein Mensch ums Leben kam.
Der ukrainische Präsident hatte bereits am Mittwoch an einer Pressekonferenz in Dublin mit Verweis auf Geheimdiensterkenntnisse vor einem unmittelbar bevorstehenden Angriff gewarnt. „Alle ein, zwei Wochen gebe es heftige Attacken mit Hunderten Drohnen und Dutzenden Raketen, und „heute gibt es die unangenehme Information über die nächste Vorbereitung eines solchen massiven russischen Angriffs", sagte Selensky. Anlass des Besuchs war der Beginn der irischen EU-Ratspräsidentschaft. Selensky reiste danach früher als geplant aus Irland ab, um in die Ukraine zurückzukehren, und forderte seine Landsleute auf, bei Flugalarm Schutz zu suchen.
Warnung aus Dublin
Unterdessen veröffentlichte die in Washington ansässige Denkfabrik Center for Strategic and International Studies (CSIS) einen neuen Lagebericht zu den Verlusten beider Seiten. Insgesamt seien seit Kriegsbeginn im Februar 2022 rund zwei Millionen Soldaten getötet, verletzt oder vermisst gemeldet worden, heißt es in dem Bericht – allein 1,4 Millionen davon auf russischer Seite. Die Gesamtzahl der russischen Gefallenen gab CSIS mit 400.000 bis 450.000 an, auf ukrainischer Seite seien es 125.000 bis 150.000.
Lagebericht des CSIS
Während das Verhältnis zwischen russischen und ukrainischen Verlusten die meiste Zeit über bei 2:1 oder 3:1 gelegen sei, sei es im ersten Halbjahr 2026 schätzungsweise auf 8:1 gestiegen. Hauptgrund dafür sei der verstärkte und äußerst wirkungsvolle Einsatz ukrainischer Kampfdrohnen. Das CSIS stützt sich in der Berechnung der Zahlen nach eigenen Angaben auf Informationen des Militärs, der Geheimdienste und Regierungen verschiedener Länder.
Analysten deuten die anhaltenden massiven Luftangriffe auf ukrainische Städte als Zeichen dafür, dass die russische Armee an der Front nicht mehr vorankommt. So hätten die Angreifer das von ihnen kontrollierte Gebiet in der Ukraine im Frühling 2026 erstmals seit Jahren nicht mehr vergrößern können und dazu einzelne Geländegewinne der Ukrainer hinnehmen müssen. Auch seien ihre Vorstöße an der mehr als tausend Kilometer langen Front langsamer geworden. Inzwischen übersteige die monatliche Zahl der russischen Verluste auch die der Neurekrutierungen.
Während beide Kriegsparteien täglich gegnerische Verluste vermelden, legen sie höchst selten eigene Opferzahlen dar. Es gilt als sicher, dass sowohl Russlands Führung als auch die der Ukraine eigene Verluste herunterspielen und jene in den Reihen des Gegners aufbauschen. ZDF-Reporter Ehm erklärte bei ZDFheute live, die Probleme, die durch den Krieg entstehen, seien vor der Bevölkerung nicht mehr zu verbergen. Der russische Präsident müsse darauf entsprechend reagieren.
Hintergrund: Kriegsmüdigkeit und Folgen
Der Angriff vor zwei Wochen auf eine Raffinerie in Moskau, der Russlands Hauptstadt in dicke Rauchschwaden hüllte, war für den Kreml besonders demütigend gewesen. Die Ukraine greift seit mehreren Wochen gezielt Raffinerien und andere kriegswichtige Unternehmen im russischen Hinterland an, was zu Versorgungsengpässen an der Front, aber auch für die Zivilbevölkerung führt, besonders auf der besetzten Krim. Der frühere NATO-General Erhard Bühler erklärte im Podcast „Was tun, Herr General?", dass Treibstoff in 78 russischen Regionen knapp werde.
Ob das Hotel im Kiewer Stadtzentrum gezielt angegriffen oder von herabfallenden Trümmerteilen getroffen wurde, ist nicht bekannt. Das genaue Ausmaß der Schäden war zunächst nicht überschaubar. Die ganz großen russischen Luftangriffe mit Hunderten von gleichzeitig eingesetzten Drohnen, Raketen und Marschflugkörpern waren seit Mitte Juni ausgeblieben.
Fragen & Antworten
Wie viele Opfer forderte die Angriffswelle in Kiew?
Nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj kamen in Kiew mindestens 13 Menschen ums Leben, mehr als 90 weitere wurden verletzt. Die Opferzahlen wurden im Verlauf des Morgens mehrfach nach oben korrigiert.
Welche Waffen setzte Russland bei dem Angriff ein?
Russland griff nach ukrainischen Angaben mit nahezu 500 Kampfdrohnen sowie Dutzenden Marschflugkörpern und Raketen an. Neben Flugkörpern von Bombern kamen auch Modelle des Typs Zircon zum Einsatz.
Was sagt der CSIS-Bericht zu den Verlusten im Krieg?
Laut einem Bericht des Center for Strategic and International Studies wurden seit Kriegsbeginn rund zwei Millionen Soldaten getötet, verletzt oder vermisst, davon 1,4 Millionen auf russischer Seite. Das Verlustverhältnis Russland zu Ukraine stieg demnach im ersten Halbjahr 2026 auf schätzungsweise 8:1.
Russland Angriffswelle Ukraine: Hunderte Drohnen und | nachrichten360