Moskau, 17 Juli 2026
Der russische Blogger Ilja Remeslo ist in seiner Heimat festgenommen worden, nachdem er im März im Internet ein Manifest veröffentlicht hatte, in dem er Präsident Wladimir Putin zum Rücktritt aufforderte und den Krieg in der Ukraine scharf kritisierte.
Die staatliche Nachrichtenagentur Tass meldete die Festnahme unter Berufung auf Ermittler. Demnach wird Remeslo beschuldigt, falsche Informationen über die russische Armee verbreitet zu haben. Bei einer Verurteilung drohen ihm bis zu zehn Jahre Haft. Sein Anwalt Sergej Badamschin erklärte, sein Mandant werde von seinem Wohnort St. Petersburg in die Hauptstadt Moskau überstellt.
In seinem Manifest hatte Remeslo den Krieg in der Ukraine scharf verurteilt. In dem Schreiben erklärte er, der Krieg habe Millionen Menschen das Leben gekostet und die russische Wirtschaft ruiniert. Putin bezeichnete er im März als Dieb, Kriegsverbrecher und illegitimen Präsidenten. Zudem beklagte er eine politische und wirtschaftliche Sackgasse, in die Putin das Land mit dem Ukraine-Krieg geführt habe. Mit Blick auf die für den 20. September angesetzte Parlamentswahl sagte Remeslo, Putins politisches Ende stehe bevor und neue Zeiten brächen für das Land an.
Vom Kreml-Unterstützer zum Regimekritiker
Bemerkenswert ist der biografische Hintergrund des Bloggers. Vor der Veröffentlichung des Manifests galt Remeslo als Unterstützer Putins. Er hatte sich zuvor vor allem als Propagandist der Kremlpolitik und als Denunziant russischer Oppositioneller einen Namen gemacht. Die Kehrtwende sorgte in russischen Medien für Aufsehen.
Nach seiner Kritik wurde Remeslo nach eigenen Angaben unerwartet in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Nach seiner Entlassung aus der Klinik setzte er seine Kritik an Putin und den Verhältnissen in Russland fort. Russische Medien veröffentlichten ein Video, das den Blogger nur mit Unterwäsche bekleidet am Boden liegend zeigen soll. Die Umstände der Festnahme werfen Fragen zur Behandlung politischer Kritiker in Russland auf.
Sinkende Zustimmungswerte vor der Parlamentswahl
Die Festnahme fällt in eine Phase wachsender Unzufriedenheit in der russischen Bevölkerung. Einer Umfrage des staatlichen Meinungsforschungsinstituts FOM zufolge bewerteten noch 66 Prozent der Befragten die Arbeit des Präsidenten als gut. Russische Medien berichteten jedoch, Putins Zustimmungswerte seien innerhalb einer Woche um fünf Prozentpunkte gefallen – dem stärksten wöchentlichen Rückgang seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine vor mehr als vier Jahren.
Zusätzlich zum politischen Unmut sorgen wirtschaftliche Einschränkungen für Verstimmung. Viele Russinnen und Russen ärgern sich demnach über eine Benzinknappheit, die auf ukrainische Drohnenangriffe auf Ölraffinerien zurückgeführt wird. Zudem klagen viele über die Sperrung sozialer Netzwerke und Internetseiten. Vor dem Hintergrund der bevorstehenden Wahl zur Staatsduma, die von der Kremlpartei Geeintes Russland dominiert wird, gilt die Stimmung im Land als angespannt.
Politischer Kontext und mögliche Folgen
Die Nachricht von der Festnahme wurde am 17. Juli 2026 im Deutschlandfunk ausgestrahlt. Der Fall Remeslo steht beispielhaft für den Umgang mit regimekritischen Stimmen in Russland. Während die Behörden den Blogger wegen angeblich falscher Informationen über die Armee verfolgen, sehen Beobachter in dem Vorgehen einen Versuch, abweichende Meinungen bereits im Vorfeld der Parlamentswahl zu unterdrücken.
Der Ausgang des Verfahrens gegen Remeslo ist offen. Sein Anwalt Badamschin kündigte an, seinen Mandanten in Moskau zu vertreten. Beobachter erwarten, dass der Prozess international Aufmerksamkeit erregen wird, zumal Remeslo einst selbst zur Propagandamaschinerie des Kremls gehörte und sich nun gegen seinen früheren Verbündeten stellt. Die Festnahme sendet nach Einschätzung von Bürgerrechtlern ein Signal an andere Kritiker, ihre Stimme vor der Wahl nicht zu erheben.
