Russische Angriffswelle auf Kiew fordert mindestens zehn Tote vor NATO-Gipfel
Kiew, 06. Juli 2026
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Kurzfassung
Bei einer großangelegten russischen Angriffswelle auf die Ukraine sind in der Nacht zum Montag in Kiew mindestens zehn Menschen getötet und Dutzende verletzt worden. Präsident Wolodymyr Selenskyj warnt vor weiteren Attacken kurz vor dem NATO-Gipfel in Ankara, bei dem er US-Präsident Donald Trump persönlich treffen will.
In der Nacht zum Montag hat Russland die Ukraine mit Dutzenden Marschflugkörpern, ballistischen Raketen und Drohnen angegriffen, wobei in der Hauptstadt Kiew mindestens zehn Menschen getötet und dutzende weitere verletzt wurden – darunter auch Kinder.
Warnung des Präsidenten
Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte bereits am Vorabend in einer Videobotschaft vor massiven russischen Angriffen gewarnt und dabei auf Erkenntnisse des ukrainischen Geheimdienstes verwiesen. „Das entspricht ganz Putins Art: Unmittelbar nach dem amerikanischen Unabhängigkeitstag (am 4. Juli) und vor dem NATO-Gipfel in Ankara wolle er noch mehr Unheil anrichten und Menschen töten“, sagte Selenskyj. Die Warnung wurde in der Nacht grausame Realität, als kurz nach Mitternacht in fast allen Regionen der Ukraine Luftalarm ausgelöst wurde und heftige Explosionen die Hauptstadt erschütterten.
Nach Angaben des Leiters der Kiewer Militärverwaltung, Tymur Tkatschenko, der sich über den Messenger-Dienst Telegram äußerte, starben in Kiew mindestens neun Menschen, 46 weitere wurden verletzt – darunter fünf Kinder. Später wurde zudem ein zehntes Todesopfer in der Hauptstadt gemeldet. Eine weitere Person kam laut Berichten in Butscha nordwestlich von Kiew ums Leben.
Ausmaß der Angriffswelle
Die Angriffe waren nach Einschätzung von ZDF-Reporter Carsten Thurau „mit beinahe allen verfügbaren Mitteln“ geführt worden. „Berichten zufolge, soll Russland bei den Angriffen in der Nacht auch Marschflugkörper und Raketen eingesetzt haben“, berichtete die Deutsche Presse-Agentur. Die ukrainische Luftabwehr erzielt zwar gegen Drohnen und Marschflugkörper eine relativ hohe Trefferquote, gegen die mit hoher Geschwindigkeit ankommenden ballistischen Raketen ist sie jedoch weitgehend machtlos.
Besonders schwer traf es in Kiew einen Plattenbau, der teilweise einstürzte und ein riesiges Loch mitten im Wohnblock hinterließ, durch das man auf die andere Seite des Gebäudes blicken konnte. Die „Wohnhäuser seien teilweise eingestürzt“, hieß es in Berichten. Es wird befürchtet, dass noch Menschen unter den Trümmern eingeschlossen sind. Tausende Menschen flohen demnach laut der Kyiv Independent in U-Bahn-Stationen, um sich vor den Angriffen in Sicherheit zu bringen.
Geplante Begegnung in Ankara
Die Angriffswelle trifft die Ukraine in einer Phase erhöhter internationaler Aufmerksamkeit: Am Mittwoch soll in der türkischen Hauptstadt Ankara ein NATO-Gipfel stattfinden, an dem auch US-Präsident Donald Trump teilnehmen wird. „Beim Nato-Gipfel in Ankara wird Selenskyj die Gelegenheit erhalten, sich mit einer Bitte um weitere Patriots direkt an US-Präsident Donald Trump zu wenden“, hieß es aus ukrainischen Regierungskreisen. „Die beiden Staatschefs treffen am Mittwoch in Ankara zusammen“, bestätigten Quellen.
Selenskyj nutzte seine Ansprache zudem, um erneut an die westlichen Verbündeten zu appellieren, die Ukraine konsequenter zu unterstützen. „Jede Verzögerung bei der Lieferung von Raketen für unsere Flugabwehr und für die ‚Patriot'-Systeme kostet Menschenleben und ermutigt Russland, den Krieg fortzusetzen“, erklärte er. „Die Patriot-Systeme sind für die Ukraine das einzige wirksame Mittel gegen Russlands Raketen“, heißt es dazu aus Kiew. Bereits im Frühjahr hatte Selenskyj beklagt, dass sein Land kaum noch Munition dafür habe.
Selenskyj brachte zudem die Möglichkeit ins Gesprache, Patriot-Systeme künftig in der Ukraine selbst oder mit europäischer Unterstützung dort zu produzieren. „Und das sind natürlich in erster Linie die Entscheidungen der USA, die Entscheidungen der Mächtigen in Europa und in der Welt“, sagte er mit Blick auf die Lieferungen. Zugleich wird aus Kiew berichtet, dass es einen Streit mit Polen über Patriot-Lieferungen für die Ukraine gibt.
Diplomatische Bemühungen
Unterdessen bereiten die 32 NATO-Mitgliedstaaten in Brüssel nach dpa-Informationen eine gemeinsame Erklärung vor, mit der „Zusagen für milliardenschwere Militärhilfen an die Ukraine erwartet“ werden. „NATO-Vertreter werden am Dienstag und Mittwoch in der türkischen Hauptstadt Ankara zusammentreffen“, berichteten übereinstimmende Quellen. Mit den Hilfen soll die ukrainische Verteidigungsfähigkeit langfristig gestärkt werden.
Parallel zu den militärischen Hilfszusagen laufen diplomatische Bemühungen um eine Beendigung des seit mehr als vier Jahren andauernden russischen Angriffskriegs. Sowohl Selenskyj als auch der Kreml-Chef Wladimir Putin hatten am Wochenende mit US-Präsident Trump telefoniert und ihre jeweiligen Positionen zum Kriegsverlauf dargelegt. „Beide Staatschefs werden am Mittwoch in Ankara zusammenkommen, um auch über Wege zu einem Ende des russischen Angriffskriegs zu sprechen“, hieß es aus Washington.
Ein hochrangiger US-Beamter sagte der Nachrichtenagentur dpa vor Journalisten, „keine der beiden Kriegsparteien mache nennenswerte militärische Fortschritte“. Der Präsident verspüre „daher ein echtes Gefühl der Dringlichkeit zu versuchen, das zu einem Ende zu bringen“. Zugleich sei er sich sicher, „dass sich Trump auch mit Kremlchef Putin in Verbindung setzen werde“. Russland habe zuletzt zwar eine Waffenruhe für den Austausch von Gefallenen angeboten, doch Kiew habe diese Offerte zurückgewiesen.
Auswirkungen des Iran-Konflikts
Die diplomatischen Bemühungen der USA werden allerdings durch einen weiteren Konfliktschwerpunkt belastet: Der andauernde US-Militäreinsatz gegen den Iran hat nach Angaben aus ukrainischen Kreisen „die weltweiten Bestände der Abwehrraketen weiter verknappt“, was die Versorgungslage für die Ukraine zusätzlich verschärft. Die USA hatten in den vergangenen Monaten zunehmend Ressourcen für andere Einsätze gebunden, weshalb die US-Vermittlung im russisch-ukrainischen Konflikt zuletzt etwas in den Hintergrund getreten war.
Angesichts der anhaltend hohen Angriffsfrequenz verstärkt die ukrainische Führung ihre Appelle an die internationale Gemeinschaft. Bereits am vergangenen Donnerstag waren bei russischen Angriffen „30 Menschen in Kiew getötet worden“, berichtete dpa. Die „russische Armee greift seit Wochen verstärkt ukrainische Städte mit Raketen und Drohnen an“, hieß es. Unter den Verletzten der jüngsten Attacke befinden sich nach Angaben Tkatischenkos fünf Kinder, was die humanitäre Dimension der Angriffe besonders deutlich macht.
Humanitäre Bilanz
Die ukrainische Marine verzeichnete nach Angaben Selenskyjs Erfolge bei der Abwehr russischer Angriffe, doch an Land bleibt die Lage vor dem NATO-Gipfel hochgradig angespannt. Auf der Krim wurde nach ukrainischen Angaben bei einem ukrainischen Angriff zudem eine Person getötet – ein Hinweis darauf, dass der Konflikt auf beiden Seiten Opfer fordert. Mit Blick auf Ankara formulierte Selenskyj die Erwartung, dass „dem ukrainischen Geheimdienst lägen Informationen vor, wonach Russland seine Angriffe auf das Nachbarland gezielt im Vorfeld des anstehenden NATO-Gipfels am Mittwoch ausweiten wolle“.
Fragen & Antworten
Wie viele Menschen sind bei der Angriffswelle in Kiew ums Leben gekommen?
Nach Angaben der Kiewer Militärverwaltung und von Medienberichten wurden in Kiew mindestens zehn Menschen getötet, darunter fünf Kinder unter den 46 Verletzten; ein weiteres Todesopfer wurde aus Butscha gemeldet.
Welche Waffen setzte Russland bei den Angriffen ein?
Einsatzkräften und Reportern zufolge kamen zahlreiche Drohnen, Dutzende Marschflugkörper und ballistische Raketen zum Einsatz, wobei Letztere wegen ihrer hohen Geschwindigkeit nur schwer abzufangen sind.
Was erwartet die Ukraine vom NATO-Gipfel in Ankara?
Zum einen werden milliardenschwere Militärhilfen aus dem Kreis der 32 NATO-Staaten erwartet, zum anderen will Präsident Selenskyj US-Präsident Trump persönlich um die Lieferung weiterer Patriot-Systeme bitten und über Wege zur Beendigung des Krieges sprechen.
Russische Angriffswelle Kiew: Tote vor NATO-Gipfel Ankara | nachrichten360